IV,19,28
Nun sind noch die drei Amtsordnungen übrig, die man die „höheren“ nennt. Unter diesen ist das Amt der „Subdiakonen“, wie sie sagen, zu der Zeit in diese Reihe aufgenommen worden, als jene Schar der „niederen“ Amtsstufen überhandzunehmen begann. Weil die Papisten nun für diese Amtsstufen ein Zeugnis aus dem Worte Gottes zu haben scheinen, so nennen sie sie, um sie zu ehren, in besonderem Sinne die „heiligen Amtsordnungen“. Aber wir müssen zusehen, wie verkehrt sie damit die Stiftungen des Herrn zu ihrem Vorwand mißbrauchen.
Wir wollen dabei den Anfang mit der Amtsordnung des „Presbyteramtes“ oder „Priesteramtes“ machen. Mit diesen beiden Bezeichnungen meinen sie nämlich eine und dieselbe Sache, und sie benennen damit diejenigen, denen nach ihrer Behauptung die Aufgabe zufällt, das Opfer des Leibes und Blutes des Herrn auf dem Altar zu bereiten, die Gebete zu halten und die Gaben Gottes zu segnen. Daher empfangen sie bei ihrer Ordination eine Schale mit Hostien, die als Merkzeichen dafür dienen sollen, daß ihnen die Vollmacht übertragen ist, Gott Sühnopfer darzubringen; außerdem werden ihnen die Hände gesalbt – ein Merkzeichen, durch das sie darüber belehrt werden, daß ihnen die Vollmacht zum Weihen gegeben ist. Aber über die Zeremonien will ich später noch sprechen. Über die Sache selber sage ich dies: sie hat nicht einen Tüttel aus dem Worte Gottes (für sich), das die Papisten als Vorwand dazu benutzen, und zwar so rein gar nicht, daß sie, die von Gott gesetzte Ordnung nicht schamloser hätten verderben können!
Zunächst muß es nun – und das haben wir bei Behandlung der päpstlichen Messe bereits ausgesprochen – als ausgemachte Sache gelten, daß alle, die sich „Priester“ nennen, um ein Sühnopfer darzubringen, Christus Unrecht tun. Er ist vom Vater mit einem Eidschwur zum Priester eingesetzt und geweiht worden, nach der Ordnung Melchisedeks, ohne Ende und ohne Nachfolger (Ps. 110,4; Hebr. 5,6; 7,3). Er hat einmal das Opfer einer ewigen Sühne und Versöhnung dargebracht, und auch jetzt, wo er in das Heiligtum des Himmels eingegangen ist, tritt er für uns ein. In ihm sind wir alle Priester, aber um Gott Lob und Dank und schließlich uns selbst und was wir haben zu opfern. Er allein hat das einzigartige Amt gehabt, mit seinem Opfer Gott zu versöhnen und die Sünden abzutun. Wenn sich das nun die Papisten anmaßen, was bleibt dann übrig, als daß ihr Priesteramt gottlos und heiligtumsschänderisch ist? Jedenfalls treiben sie es in ihrer Unverschämtheit zu weit, wenn sie es mit dem Titel eines „Sakraments“ auszuzeichnen sich erdreisten.
Was das wahre Presbyteramt angeht, das uns durch Christi eigenes Wort anbefohlen ist, so will ich es gerne als „Sakrament“ gelten lassen. Denn da haben wir es mit einer Zeremonie zu tun, und die ist erstens aus der Schrift entnommen, und zweitens bezeugt uns Paulus, daß sie nicht leer und überflüssig ist, sondern ein zuverlässiges Merkzeichen der geistlichen Gnade darstellt (1. Tim. 4,14). Daß ich das Presbyteramt trotzdem nicht als drittes in die Zahl der Sakramente eingereiht habe, das ist deshalb geschehen, weil es nicht allen Gläubigen ordnungsmäßig zukommt und nicht allen gemein ist, sondern einen besonderen Gebrauch für eine bestimmte Amtsaufgabe darstellt. Aber wenn dem christlichen Amte solche Ehre beigelegt wird, so besteht deshalb kein Grund, daß die
papistischen Priester hoffärtig sind. Denn Christus hat geboten, daß die Männer, die sein Evangelium und seine Geheimnisse (Sakramente) austeilen, ordiniert werden, nicht aber, daß Opferpriester geweiht werden sollen. Er hat eine Weisung über die Predigt des Evangeliums und das Weiden der Herde gegeben, nicht aber über die Darbringung von Opfern (Matth. 28,19; Mark. 16,15; Joh. 21,15). Er hat die Gnadengabe des Heiligen Geistes verheißen, aber nicht, um eine Sühne für die Sünden zu vollziehen, sondern um die Leitung der Kirche nach Gebühr auszuüben und wahrzunehmen.
IV,19,29
Mit der Sache selbst befinden sich die Zeremonien in bester Übereinstimmung. Als unser Herr die Apostel zur Predigt des Evangeliums aussandte, da „blies er sie an“ (Joh. 20,22). Mit diesem Merkzeichen veranschaulichte er die Kraft des Heiligen Geistes, mit der er sie begabte. Dieses Anblasen haben diese trefflichen Männer (die Papisten) beibehalten, und als ob sie den Heiligen Geist aus ihrer Kehle hervorblasen könnten, murmeln sie über denen, die sie zu Priestern machen: „Nehmet hin den Heiligen Geist!“ So rein gar nichts lassen sie unberührt, ohne es in ihrer verkehrten Art nachzumachen – ich sage nicht: nach der Art der Schaubühnendarsteller, die ihre Gebärden nicht ohne Kunstfertigkeit und nicht ohne Bedeutung machen, sondern: genau wie die Affen, die lustig und ohne jede Auswahl alles nachahmen! Ja, sagen sie, wir wahren damit doch das Vorbild des Herrn. Nein, der Herr hat vieles getan, was nach seinem Willen kein Vorbild für uns sein sollte. Der Herr hat zu den Jüngern gesagt: „Nehmet hin den Heiligen Geist“ (Joh. 20,22). Er hat auch zu Lazarus gesagt: „Lazarus, komm heraus“ (Joh. 11,43). Er hat zu dem Gichtbrüchigen gesagt: „Steh auf … und wandle“ (Matth. 9,5; Joh. 5,8). Weshalb richten denn die Papisten nicht die gleichen Worte an alle Toten und Gichtbrüchigen? Christus hat einen Beweis seiner göttlichen Kraft gegeben, indem er seine Apostel anblies und sie dadurch mit der Gnadengabe des Heiligen Geistes erfüllte. Wenn die Papisten nun das gleiche zu bewirken versuchen, so wetteifern sie mit Gott und fordern ihn geradezu zum Streit heraus; aber sie bleiben so weit wie nur möglich davon entfernt, etwas zu erreichen, und tun mit ihrer närrischen Gebärde nichts anderes, als daß sie Christus verspotten. Es gibt manche, die so schamlos sind, daß sie zu behaupten wagen, durch sie werde der Heilige Geist geschenkt; aber wie wahr das ist, das lehrt die Erfahrung, die einem laut kundmacht, daß alle, die man zu Priestern weiht, aus Pferden zu Eseln und aus Narren zu Wahnwitzigen werden! Trotzdem mache ich ihnen nicht hieraus einen Streit; ich verdamme nur die Zeremonie selbst: sie hätte nicht als Vorbild verwendet werden dürfen, da sie ja von Christus als einzigartiges Merkzeichen eines Wunders gebraucht worden ist – so wenig kann die Rede davon sein, daß den Papisten die Entschuldigung, Christus nachzuahmen, als Schutz dienen sollte.
IV,19,30
Von wem haben sie aber eigentlich die Salbung genommen? Sie antworten, sie hätten sie von den Söhnen Aarons empfangen, von dem auch ihr Stand sich herleite (Petrus Lombardus, Sentenzen IV,24,9; Decretum Gratiani, I,21). Sie wollen sich also fort und fort lieber mit verkehrten Beispielen verteidigen, als zuzugestehen, daß sie sich das, was sie unbesonnen anwenden, selbst ausgedacht haben. Unterdessen achten sie aber nicht darauf, daß sie, indem sie Nachfolger der Söhne Aarons zu sein bekennen, dem Priestertum Christi Unrecht zufügen; denn dies allein wird durch alle alten Priestertümer schattenhaft angedeutet und bildlich dargestellt. In ihm sind sie also alle abgeschlossen und erfüllt worden, in ihm haben sie ihr Ende gefunden, wie ich das bereits mehrfach wiederholt habe und wie es der Brief an die Hebräer auch ohne die Unterstützung durch Erläuterungen bezeugt. Wenn sie an den mosaischen Zeremonien so großes Gefallen finden – warum zerren sie dann keine Ochsen, Kälber und Lämmer zum
Opfer? Sie besitzen zwar einen guten Teil der alten Stiftshütte und des gesamten jüdischen Gottesdienstes, aber ihre Religion hat doch den „Mangel“, daß sie keine Kälber und Ochsen schlachten! Wer sieht nun nicht, daß der Brauch der Salbung, wie sie ihn üben, viel verderblicher ist als die Beschneidung (es wäre), vor allem, wo doch noch der Aberglaube und die pharisäische Wahnmeinung von der Würdigkeit des Werkes hinzukommt? Die Juden setzten alle Zuversicht auf Gerechtigkeit in die Beschneidung – die Papisten meinen, die geistlichen Gnadengaben lägen in der Salbung. Indem sie also Nacheiferer der Leviten zu sein begehren, werden sie von Christus abtrünnig und sagen sie sich von dem Amt der Hirten los!
IV,19,31
Das ist also, wenn Gott es so will, das „heilige“ Öl, das den Gesalbten ein „unauslöschliches Wesensmerkmal“ (character indelebilis) aufdrückt. Als ob man Öl nicht mit Sand und Salz oder, wenn es zäher festsitzt, mit Seife abwaschen könnte! Aber, so wenden sie ein, dieses „Wesensmerkmal“ ist doch geistlich, was hat aber dann das Öl mit der Seele zu tun? Sie leiern doch selbst aus dem Augustin den Satz daher: „wenn das Wort von dem Wasser weggezogen wird, so ist nichts mehr da als Wasser, und das Wasser hat von dem Wort her die Eigenschaft, daß es ein Sakrament ist“ (Predigten zum Johannesevangelium 80,3). Haben sie das nun vergessen? Was für ein Wort wollen sie uns denn in ihrem Fett vorweisen? Etwa dies, daß Mose die Weisung empfangen hat, die Söhne Aarons zu salben (Ex. 30,30)? Aber da ergeht doch auch ein Befehl über den Rock, den Ephod, die Mütze und die Krone der Heiligkeit, mit denen Aaron geziert werden sollte, und über die Röcke, Gürtel und Hüte, mit denen seine Söhne bekleidet werden sollten. Es ergeht doch auch die Weisung, ein Kalb zu schlachten, sein Fett als Opfer zu verbrennen, die Widder zu zerstückeln und zu verbrennen, die Ohrläppchen und Gewänder der Priester mit dem Blut des einen Widders zu heiligen – und es finden sich da noch zahllose andere Bräuche, so daß ich mich wundere, wieso sie die weglassen und allein an der Salbung mit Öl Gefallen finden. Wenn sie aber Freude daran haben, besprengt zu werden – warum lassen sie sich dann lieber mit Öl besprengen als mit Blut? Wahrhaftig, sie versuchen ein Meisterstück, nämlich aus Christentum, Judentum und Heidentum wie aus zusammengenähten Lappen eine Religion herzustellen! Daher ist ihre Salbung stinkig, weil ihr eben das Salz, nämlich das Wort Gottes fehlt.
Nun ist noch die Handauflegung übrig; da gebe ich zu, daß sie bei wahren und rechtmäßigen Ordinationen ein Sakrament ist, aber ich behaupte ebenso, daß sie in diesem Possenspiel keinen Platz hat, wo man weder dem Gebot Christi gehorcht noch den Zweck im Auge hat, dem uns die Verheißung zuführen soll, wenn sie nicht wollen, daß man ihnen das Zeichen versagt, so müssen sie es der Sache selbst anpassen, für die es verordnet ist.
IV,19,32
Auch im Bezug auf die Amtsordnung des Diakonats würde ich keinen Streit erheben, wenn jenes Amt, das unter den Aposteln und in der reineren Kirche bestanden hat, in seinen lauteren Zustand zurückversetzt würde. Aber was haben die Leute, die die Papisten als Diakone ausgeben, damit für Ähnlichkeit? Ich spreche nicht über die Menschen, damit sie sich nicht beklagen, ihre Lehre werde unbilligerweise nach den Verkehrtheiten von Menschen beurteilt, sondern ich behaupte, daß das Zeugnis eben für diese Leute, die sie uns in ihrer Lehre als Diakonen vorführen, in unwürdiger Weise von dem Vorbild derer hergenommen wird, die die apostolische Kirche als Diakonen eingesetzt hat. Sie sagen, ihren „Diakonen“ fiele die Aufgabe zu, daß sie den Priestern zur Seite stünden, daß sie bei allem, was im Vollzug der Sakramente verrichtet wird, Dienst leisteten, nämlich bei der Taufe, bei der Salbung, bei der Schale und beim Kelch, daß sie die Opfergaben herbeibrächten und auf den Altar legten, daß sie den Tisch des Herrn berei-
teten und deckten, das Kreuz trügen und das Evangelium und die Epistel dem Volke vorläsen und vorsängen. Findet sich hier nun auch nur ein Wort von dem wahren Amt der Diakonen?
Jetzt wollen wir auch hören, wie man die Einsetzung dieses „Diakonen“ vollzieht: „Dem Diakon, der ordiniert wird, legt allein der Bischof die Hand auf.“ Der Bischof legt ihm das „Orarium“ und die „Stola“ auf die linke Schulter, damit er begreift, daß er das leichte Joch des Herrn auf sich genommen hat, um nun alles, was zur linken Seite gehört (das Herz!), der Gottesfurcht zu unterwerfen. Er legt ihm auch den Text des Evangeliums vor, damit er sich als dessen Herold erkenne. Was hat das nun mit den Diakonen zu tun? Die Papisten tun genau so, wie wenn jemand sagte, er wolle Apostel einsetzen, und ihnen dabei doch bloß die Aufgabe zuerteilte, Weihrauch zu verbrennen, Bilder zu putzen, Kirchengebäude zu kehren, Mäuse zu fangen und Hunde wegzujagen! Wer würde es dulden, daß man eine solche Art Menschen als „Apostel“ bezeichnete und sie mit den Aposteln Christi selbst vergliche? Sie sollen also von jetzt an nicht mehr weiter die Lüge aussprechen, das wären Diakonen, die sie doch bloß zu ihren Schauspielereien einsetzen! Ja, selbst durch den Namen geben sie genugsam zu erkennen, von welcher Art dieses Amt ist. Sie nennen diese Leute nämlich „Leviten“ und wollen ihr Wesen und ihren Ursprung auf die Söhne Levis zurückgeführt wissen. Das können sie von mir aus tun, wenn sie sie nur nicht weiterhin mit fremden Federn schmücken.

Letzte Kommentare