Institutio – Tag 358

IV,20,4

 

Der Herr hat nicht nur bezeugt, daß er das Amt der Obrigkeiten billigt und daß es ihm wohlgefällig ist, sondern er hat obendrein auch seine Würde mit den ehrenvollsten Auszeichnungen versehen und sie uns dadurch wunderbar angepriesen. Wenn alle, die ein obrigkeitliches Amt tragen, als „Götter“ bezeichnet werden (Ex. 22,8; Ps. 82,1. 6), so soll niemand meinen, dieser Bezeichnung wohne nur geringe Bedeutung inne; denn durch sie wird doch angedeutet, daß diese Menschen einen Auftrag von Gott haben, mit göttlicher Autorität ausgestattet sind und überhaupt für Gottes Person eintreten, dessen Statthalterschaft sie gewissermaßen ausüben. Das habe ich mir nicht etwa selbst ausgedacht, sondern es ist Christi Auslegung. „Wenn die Schrift“, so sagt er, „die Götter nennt, zu welchen das Wort Gottes geschah …“ (Joh. 10,35; nicht ganz Luthertext). Was heißt das anders, als daß ihnen von Gott ein Auftrag zuteil geworden ist, so daß sie in ihrem Amte ihm dienen und, wie es Mose und Josaphat zu ihren damaligen Richtern sagten, die sie in den einzelnen Städten Judas einsetzten, „das Gericht nicht den Menschen, sondern Gott“ halten sollen (2. Chron. 19,6; Deut. 1,16f.)? In die gleiche Richtung gehört es auch, daß die Weisheit Gottes durch den Mund Salomos versichert, es sei ihr Werk, daß die Könige regieren und die Ratsherren das Recht bestimmen, daß die Fürsten ihre Herrschaft führen und alle Richter auf Erden gute Taten tun (Spr. 8,14-16). Denn das bedeutet genau soviel, wie wenn es hieße: es geschieht nicht aus menschlicher Verkehrtheit, daß auf Erden das Urteil über alle Dinge bei den Königen und anderen Oberen liegt, sondern aus Gottes Vorsehung und heiliger Anordnung heraus; ihr hat es

gefallen, daß die Angelegenheiten der Menschen auf diese Weise geleitet werden; denn sie steht ihnen zur Seite und geht ihnen auch leitend voran, wenn sie Gesetze geben und die Billigkeit der Urteile handhaben. Das lehrt auch Paulus offen und klar, indem er (Röm. 12,8) die Ämter der Leitung unter Gottes Gaben zählt, die, nach der Verschiedenheit der Gnade verschieden verteilt, von Christi Knechten zur Auferbauung der Kirche angewendet werden sollen. Allerdings redet er an dieser Stelle im eigentlichen Sinne von dem Rate ernster Männer, die in der ursprünglichen Kirche eingesetzt wurden, um die öffentliche Zuchtübung zu leiten, ein Amt, das er im (ersten) Briefe an die Korinther mit dem Ausdruck „Regierungen“ bezeichnet (1. Kor. 12,28). Aber wir sehen doch, daß das Ziel der bürgerlichen Gewalt in der gleichen Richtung liegt, und darum ist nicht daran zu zweifeln, daß er uns an jener Stelle jegliches gerechte Amt der Leitung preist. Viel klarer aber redet er an der Stelle, an der er eine gründliche Erörterung über diesen Punkt anstellt. Denn da lehrt er, daß die Gewalt eine Ordnung Gottes ist und daß es keine Gewalten gibt als die, die von Gott geordnet sind (Röm. 13,1). Ferner lehrt er da, daß die Fürsten selbst Gottes Diener sind, denen, die da gut handeln zum Lobe gesetzt, den Bösen aber als Rächer zum Zorn (Röm. 13,3f.).

 

Dazu kommen dann auch Beispiele heiliger Männer: manche von ihnen haben Königreiche verwaltet, so David, Josia und Hiskia, andere wieder Statthalterschaften, wie Joseph und Daniel, wieder andere sind bürgerliche Vorsteher in einem freien Volke gewesen, so Mose, Josua und die Richter, und der Herr hat erklärt, daß ihre Ämter ihm wohlgefielen.

 

Daher darf es niemandem mehr zweifelhaft sein, daß die bürgerliche Gewalt ein Beruf ist, der nicht nur vor Gott heilig und rechtmäßig, sondern auch im höchsten Maße geweiht und im ganzen Leben der Sterblichen von allen bei weitem der ehrenvollste ist.

 

 

 

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Nun machen die Leute, die die Anarchie einzuführen trachten, einen Einwand: vorzeiten hätten wohl über das ungeschlachte Volk Könige und Richter geherrscht, heute aber wolle sich mit der Vollkommenheit, die Christus mit seinem Evangelium gebracht hat, doch jene knechtische Art von Regierung durchaus nicht mehr reimen. Damit legen sie nicht nur ihre Unwissenheit, sondern auch ihre teuflische Aufgeblasenheit an den Tag, indem sie sich stolz eine Vollkommenheit anmaßen, von der man nicht den hundertsten Teil an ihnen zu sehen bekommt. Aber sie mögen nun geartet sein, wie sie wollen, jedenfalls ist die Widerlegung leicht zu geben. David fordert an einer Stelle (Ps. 2,12) alle Könige und Oberen auf, Gottes Sohn zu „küssen“; da gebietet er ihnen aber nicht, sie sollten ihre Herrschaft beiseite legen und sich in ein amtloses Leben zurückziehen, sondern vielmehr, sie sollten Christus die Macht unterwerfen, mit der sie ausgestattet sind, damit er allein über allen stehe. Auch wenn Jesaja verheißt: „Könige sollen deine Pfleger und … Fürstinnen deine Säugammen sein“ (Jes. 49,23), so spricht er ihnen damit ihre Würde nicht ab, sondern er setzt sie vielmehr in ehrenvoller Auszeichnung zu Schutzherren für Gottes fromme Verehrer ein; denn diese Weissagung bezieht sich auf Christi Kommen. Mit Überlegung lasse ich sehr viele Zeugnisse aus, die uns immer wieder begegnen, vor allem in den Psalmen, in denen allen Oberen ihr Recht zugesprochen wird. Am herrlichsten von allen ist aber eine Stelle bei Paulus; da ermahnt er den Timotheus, man sollte in der öffentlichen Versammlung für die Könige Gebete sprechen, und dann fügt er alsbald die Ursache hinzu: „Auf daß wir unter ihnen ein stilles Leben führen mögen in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit“ (1. Tim. 2,2; nicht ganz Luthertext). Mit diesen Worten befiehlt er den Wohlstand der Kirche ihrem Schutz und Schirm.

IV,20,6

 

Diese Erwägung sollte sich die Obrigkeit selbst ständig angelegen sein lassen, weil sie ihr einen mächtigen Ansporn geben kann, um sie zu ihrer Pflicht zu ermuntern, und ihr zugleich einen einzigartigen Trost zu bringen vermag, um die Schwierigkeiten ihres Amtes, die sicherlich viele und ernste sind, zu lindern.

 

Denn wieviel Trachten nach Lauterkeit und Vorsicht, Milde, Mäßigkeit und Unschuld müssen die von sich verlangen, die darum wissen, daß sie zu Dienern der göttlichen Gerechtigkeit eingesetzt sind! Woher sollen sie die Zuversicht nehmen, um die Unbilligkeit auf ihren Richterstuhl zu lassen, von dem sie doch hören, daß er der Thron des lebendigen Gottes ist? Wie sollen sie die Verwegenheit gewinnen, um einen ungerechten Spruch zu tun – mit dem Munde, von dem sie doch wissen, daß er zu einem Werkzeug der göttlichen Wahrheit bestimmt ist? Wie können sie es mit ihrem Gewissen verantworten, gottlose Beschlüsse zu unterschreiben – mit der Hand, die doch, wie sie wissen, dazu bestellt ist, Gottes Entscheide zu schreiben? Kurzum, wenn sie daran denken, daß sie Gottes Statthalter sind, dann müssen sie auch mit allem Eifer, aller Gründlichkeit und allem Fleiß darüber wachen, daß sie den Menschen an ihrer Person gewissermaßen ein Bild (imago) der göttlichen Vorsehung und Wacht, Güte, Freundlichkeit und Gerechtigkeit vor Augen stellen. Und immerfort sollen sie sich dies vorhalten: wenn schon alle verflucht werden, die das Werk der Rache Gottes betrüglich verrichten (Jer. 48,10), dann verfallen diejenigen noch viel ernsterem Fluche, die sich in einem gerechten Beruf unaufrichtig verhalten. Als deshalb Mose und Josaphat ihre Richter ermahnen wollten, ihre Pflicht zu tun, da hatten sie, um ihre Herzen zu bewegen, nichts Wirksameres als das eben bereits angeführte Wort: „Sehet zu, was ihr tut! Denn ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn, und er ist mit euch im Gericht. Darum laßt die Furcht des Herrn über euch sein. Sehet zu und tut’s; denn es ist keine Verkehrtheit bei dem Herrn, unserm Gott“ (2. Chron. 19,6f.; zum Teil nicht Luthertext; Deut. 1,16). Und an einer anderen Stelle heißt es, Gott habe in der Versammlung der „Götter“ gestanden und wirke als Richter inmitten der „Götter“ (Ps. 82,1). Dadurch sollen sie (die Träger eines obrigkeitlichen Amtes) zu ihrer Pflicht ermuntert werden, indem sie ja hören, daß sie Gottes Abgesandte sind und daß sie ihm einst über das von ihnen verwaltete Gebiet werden Rechenschaft ablegen müssen. Und diese Mahnung muß berechtigterweise bei ihnen besonders viel bedeuten; denn wenn sie sich in einer Sache vergehen, so tun sie damit nicht allein Menschen Unrecht, die sie schändlich quälen, sondern sie schmähen auch Gott selber, dessen heilige Gerichte sie besudeln (Jes. 3,14). Auf der anderen Seite aber haben sie auch Anlaß, sich herrlich zu trösten, indem sie bei sich bedenken, daß sie sich nicht mit unheiligen und einem Knechte Gottes fremden Tätigkeiten abgeben, sondern mit einem sehr heiligen Amte, da sie ja Gottes Auftrag ausrichten.

 

 

 

IV,20,7

 

Die sich aber von so vielen Zeugnissen der Schrift nicht davon abbringen lassen, daß sie es noch wagen, dies heilige Amt zu beschimpfen, als ob es eine Sache wäre, die mit Religion und christlicher Frömmigkeit nichts zu tun hätte – was tun die anders, als daß sie Gott selber lästern, dem ja unvermeidlich Schmach angetan wird, wenn man sein Amt schmäht? Und wahrlich, sie verwerfen nicht die Obrigkeit, sondern stoßen Gott beiseite, damit er nicht mehr über sie regiert! Denn wenn dies (1. Sam. 8,7) Wort, das der Herr über das Volk Israel gesprochen hat, weil es die Herrschaft des Samuel verworfen hatte, die Wahrheit war, wie soll es dann heutzutage etwa weniger wahrheitsgemäß von denen gesagt werden, die es sich gestatten, über sämtliche leitenden Ämter, die doch Gott eingesetzt hat, ihre Wut auszulassen?

 

Aber, so werden sie einwenden, der Herr hat doch zu seinen Jüngern gesagt, die Könige der Völker führten ihre Herrschaft über sie, bei ihnen aber, den Jüngern,

sei es nicht so, da müßte vielmehr der, welcher der erste sei, der letzte werden (Luk. 22,25f.) – und deshalb ist es durch dieses Wort allen Christen untersagt, sich mit dem Königtum oder mit obrigkeitlichen Ämtern abzugeben. Ach, was sind das doch für geschickte Ausleger! Es war unter den Jüngern ein Streit entstanden, welcher unter ihnen höher stünde als der andere, und da gab ihnen der Herr, um diese eitle Ehrsucht zu dämpfen, die Lehre, daß ihr Amt keine Ähnlichkeit mit dem Königtum habe, bei dem ja einer unter den anderen hervorragt. Wieso soll nun, frage ich, dieser Vergleich zu einer Entehrung der königlichen Würde führen? Ja, was beweist er überhaupt anders, als daß eben das königliche Amt kein apostolischer Dienst ist?

 

Außerdem besteht unter den Obrigkeiten selbst, obwohl sie verschiedene Gestalt haben, doch in dem Stück kein Unterschied, daß sie alle von uns als Gottes Ordnungen anzuerkennen sind. Denn einerseits schließt sie Paulus alle miteinander ein, wenn er sagt, es sei keine Macht außer von Gott (Röm. 13,1). Und andererseits ist uns gerade die durch ein besonders herrliches Zeugnis in höherem Maße als die anderen angepriesen worden, die den Menschen von allen am wenigsten zusagte, nämlich die Macht eines einzelnen; denn diese bringt ja die öffentliche Knechtschaft aller mit sich – mit Ausnahme des einen, dessen Willkür sie alles unterwirft – und konnte deshalb in alter Zeit den heldenhaften und hervorragenden Geistern weniger gefallen. Die Schrift dagegen will solchen ungerechten Urteilen entgegentreten; deshalb betont sie ausdrücklich, es sei die Vorsehung göttlicher Weisheit, daß die Könige herrschen, und gebietet uns besonders, den König zu ehren (Spr. 8,15; 1. Petr. 2,17).

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