Institutio – Tag 356

IV,19,33

 

Was soll ich von den Subdiakonen sagen? Denn obwohl diese Leute in alter Zeit wirklich die Fürsorge für die Armen zu leiten hatten, weisen ihnen die Papisten ich weiß nicht was für eine possenhafte Amtsaufgabe zu, nämlich daß sie Kelch und Schale, das Krüglein mit Wasser und das Handtuch zum Altar tragen, das Wasser zum Händewaschen eingießen und so fort, was sie nun aber vom Empfangen und Herbeitragen der Opfergaben sagen, das beziehen sie auf solche Gaben, die sie als zur Weihegabe bestimmt selbst einschlucken.

 

Diesem „Amt“ entspricht aufs beste der Brauch bei der Weihe. Dieser sieht vor, daß der zu Weihende von dem Bischof Schale und Kelch empfängt, vom Archidiakonen ein Krüglein mit Wasser, ein Handtuch und ähnlichen Trödel. Sie verlangen nun, wir sollten zugeben, daß in dergleichen Albernheiten der Heilige Geist eingeschlossen sei. Welcher fromme Mensch wird sich unterstehen, das zuzugeben? Aber, um einmal ein Ende zu machen: man kann von den Subdiakonen das gleiche halten wie von den anderen; denn es ist nicht nötig, ausführlicher zu wiederholen, was oben auseinandergesetzt worden ist.

 

Das wird bescheidenen und gelehrigen Leuten – und solche zu unterweisen habe ich unternommen – genügen (um zu der Einsicht zu kommen), daß ein Sakrament Gottes nur da vorliegt, wo eine Zeremonie vor uns hintritt, die an eine Verheißung gebunden ist, oder besser: wo die Verheißung in der Zeremonie erschaut wird. Hier jedoch findet sich nicht eine einzige Silbe von irgendeiner bestimmten Verheißung; also wird man auch vergebens nach einer Zeremonie suchen, um die Verheißung zu bekräftigen. Auf der anderen Seite steht nirgendwo zu lesen, daß irgendeine unter den Zeremonien, die die Papisten anwenden, von Gott eingesetzt sei. Also kann hier auch kein Sakrament vorliegen.

 

 

 

IV,19,34

 

An letzter Stelle steht (unter den angeblichen Sakramenten) der Ehestand. Daß dieser von Gott gestiftet ist, das geben alle Leute zu, aber andererseits hat bis auf die Zeit Gregors (VII.) niemand etwas davon gesehen, daß er uns als Sakrament gegeben wäre. Welchem Menschen von gesunden Sinnen sollte das auch je in den Kopf gekommen sein? Gewiß, der Ehestand ist eine gute und heilige Ordnung Gottes; aber auch der Ackerbau, das Häuserbauen, das Schuster-

und Barbierhandwerk sind rechtmäßige Ordnungen Gottes und trotzdem keine Sakramente. Denn bei einem Sakrament wird nicht nur verlangt, daß es Gottes Werk sei, sondern daß es auch eine äußere Zeremonie ist, die Gott dazu aufgerichtet hat, eine Verheißung zu bekräftigen. Auch Kinder werden das Urteil gewinnen, daß bei dem Ehestand nichts dergleichen vorliegt.

 

Aber, so sagen die Papisten, er ist doch das Zeichen einer heiligen „Sache“, nämlich der geistlichen Verbindung Christi mit der Kirche! Wenn sie nun unter dem Wort „Zeichen“ ein Merkzeichen verstehen, das uns von Gott dazu vorgelegt ist, um die Gewißheit unseres Glaubens aufzurichten, dann irren sie (mit ihrer obigen Behauptung) weit von dem gegebenen Richtpunkt ab; wenn sie aber den Begriff „Zeichen“ in seinem einfachen Sinne auffassen und darunter schlechtweg das verstehen, was als Gleichnis angeführt, so will ich nachweisen, wie „scharfsinnig“ sie ihre Folgerung ziehen. Paulus sagt: „Wie sich ein Stern an Klarheit von dem anderen unterscheidet, also auch die Auferstehung der Toten“ (1. Kor. 15,41f.; Anfang ungenau). Da haben wir also das eine Sakrament. Christus spricht: „Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn“ (Matth. 13,31). Da hätten wir das zweite Sakrament! Und wiederum spricht er: „Das Himmelreich ist einem Sauerteig gleich“ (Matth. 13,33). Das wäre also das dritte! Jesaja sagt: „Der Herr wird seine Herde weiden wie ein Hirte“ (Jes. 40,11). Das vierte Sakrament! An anderer Stelle spricht er: „Der Herr wird ausziehen wie ein Riese“ (Jes. 42,13). Das fünfte! Und wo soll nun hier Ziel und Maß sein? In diesem Sinne wird alles ein Sakrament sein: soviel Gleichnisse und Vergleiche es in der Schrift gibt, soviel Sakramente werden wir dann haben! Ja, selbst der Diebstahl wird dann ein Sakrament sein; denn es steht geschrieben: „Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb …“ (1. Thess. 5,2). Wer wird diese Klüglinge ertragen können, wie sie so närrisch schwatzen?

 

Ich gebe zwar zu: allemal, wenn uns ein Weinstock vor Augen tritt, so ist es sehr gut, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, was Christus gesagt hat: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; mein Vater ist der Weingärtner“ (Joh. 15,1.5). Jedesmal, wenn uns ein Hirte mit seiner Herde begegnet, so ist es, das gebe ich zu, wohl gut, wenn uns auch das Wort in den Sinn kommt: „Ich bin der gute Hirte; meine Schafe hören meine Stimme“ (Joh. 10,12.27). Aber wenn jemand derartige Gleichnisse zu den Sakramenten zählte, sollte man ihn nach Anticyra schicken (wo die Nießwurz wächst, mit der man den Wahnsinn heilt)!

 

 

 

IV,19,35

 

Aber sie halten uns nun ungestüm die Worte des Paulus vor, in denen nach ihrer Behauptung dem Ehestande der Name „Sakrament“ beigelegt wird: „Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat je sein eigen Fleisch gehaßt, sondern er nährt es und pflegt sein, gleichwie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. Um deswillen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter und seinem Weibe anhangen, und werden die zwei ein Fleisch sein. Das Geheimnis (sacramentum!) ist groß. Ich sage aber: in Christus und der Kirche“ (Eph. 5,28-32; nicht immer Luthertext). Aber wenn man die Schrift so behandelt (wie es die Papisten mit ihrer Deutung tun), so bedeutet da, die Erde mit dem Himmel zu vermischen. Paulus will doch den Männern zeigen, mit welch einzigartiger Liebe sie ihren Frauen begegnen sollen, und deshalb stellt er ihnen Christus als Vorbild vor Augen. Denn wie Christus seine innigste Liebe auf die Kirche ausgegossen hat, die er sich angelobt hatte, so soll nach dem Willen des Apostels jedermann gegen seine eigene Frau gesinnt sein. Dann folgt: „Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst … gleichwie Christus die Kirche geliebt hat“ (Vers 28 und Schluß von 29; ungenau). Um nun zu lehren, wieso denn Christus die Kirche ebenso geliebt hat wie sich selbst, ja, wieso er sich mit seiner Braut, der Kirche, eins gemacht hat, bezieht er

auf ihn die Worte, die Adam nach dem Bericht des Mose von sich gesprochen hat. Denn als ihm Eva, die, wie er wußte, aus seiner Rippe gebildet war, vor die Augen geführt wurde, da sagte er: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen. 2,23). Von dem allem bezeugt nun Paulus, daß es in Christus und in uns geistlich erfüllt ist, indem er nämlich sagt, daß wir „Glieder seines Leibes“, „von seinem Fleisch und von seinem Gebein“ sind und daher „ein Fleisch“ mit ihm. Dann fügt er den abschließenden Ausruf an: „Das Geheimnis (mysterium) ist groß“, und, damit niemand durch den zwiespältigen Ausdruck getäuscht wird, erklärt er, daß er nicht von der fleischlichen Vereinigung von Mann und Frau redet, sondern von dem geistlichen Ehebund Christi und der Kirche. Und fürwahr, es ist wirklich ein großes Geheimnis, daß sich Christus eine Rippe hat nehmen lassen, damit wir daraus gebildet würden, das heißt, daß er, obwohl er stark war, hat schwach sein wollen, damit wir durch seine Kraft stark gemacht würden, so daß wir nun nicht mehr selber leben, sondern er in uns lebt (Gal. 2,20).

 

 

 

IV,19,36

 

Was die Römischen betrogen hat, ist das Wort „Sakrament“. Aber war es denn billig, daß die ganze Kirche für die Unwissenheit der Papisten Strafe zahlte? Paulus hatte „Mysterium“ gesagt, und der Übersetzer hätte diesen Ausdruck stehenlassen können, da er für lateinische Ohren nichts Ungewohntes darstellte, oder er hätte ihn mit „arcanum“ (Verborgenheit) wiedergeben können; er wollte aber lieber „Sakrament“ sagen, jedoch nicht in einem anderen Sinne, als in dem Paulus auf Griechisch das Wort „Mysterium“ gebraucht hatte. So, nun mögen sie hingehen und mit lautem Geschrei die Sprachkundigkeit beschimpfen – in der sie so unwissend waren, daß sie in einer leichten und jedermann zugänglichen Angelegenheit so lange schmählich in der Irre gegangen sind! Aber weshalb legen sie an dieser einen Stelle auf das Wörtlein „Sakrament“ so großes Gewicht, während sie es doch sonst so oft unbeachtet übergehen? Denn das Wort wird von dem allgemeinen Übersetzer (d.h. von der „Vulgata“) auch im ersten Timotheusbrief (1. Tim. 3,9) und ebenfalls allenthalben in dem nämlichen Brief an die Epheser für „Mysterium“ gesetzt (Eph. 1,9; 3,3.9). Jedoch könnte man ihnen diesen Fehlgriff verzeihen – nur hätten diese Lügner ein gutes Gedächtnis haben sollen!

 

Aber was für ein sinnverwirrter Leichtsinn ist es, daß sie hernach den Ehestand, der doch (nach ihrer Lehre) mit dem Titel eines Sakraments gepriesen ist, „Unreinheit“, „Befleckung“ und „fleischlichen Schmutz“ nennen? Wie widersinnig ist es, daß sie die Priester von einem Sakrament fernhalten! Wenn sie behaupten, sie hielten sie nicht von dem Sakrament fern, sondern nur von der Lust des fleischlichen Umgangs, so können sie mir auf die Weise nicht entwischen. Denn sie lehren, daß auch der fleischliche Umgang ein Teil des Sakraments ist und daß erst durch ihn die Einheit zur Darstellung kommt, die wir in Gleichartigkeit der Natur mit Christus haben, und zwar, weil Mann und Frau allein durch die fleischliche Verbindung ein Fleisch werden (Petrus Lombardus, Sentenzen IV,26,6; Decretum Gratiani II,27,2,17f.). Allerdings haben einige von ihnen hier zwei Sakramente gefunden, das eine soll dann Gott und die Seele abbilden und in dem Verhältnis von Bräutigam und Braut bestehen, das andere Christi Verbindung mit der Gemeinde bezeichnen und in der Verbundenheit von Mann und Weib seinen Ausdruck finden. Wie dem aber auch sei, so ist doch der fleischliche Umgang ein Sakrament, und es war ein Frevel, irgendeinen Christenmenschen von ihm auszuschließen. Sonst müßte es wohl schon so sein, daß die Sakramente der Christen so schlecht zusammenpaßten, daß sie nicht miteinander bestehen könnten. Es liegt auch noch eine zweite Widersinnigkeit in den Lehren der Papisten. Sie behaupten, im Sakrament werde die Gnade des Heiligen Geistes geschenkt; und nun lehren sie, daß der fleischliche Umgang ein Sakrament sei,

leugnen aber, daß im fleischlichen Umgang je der Heilige Geist gegenwärtig sei (Petrus Lombardus, Sentenzen IV,26,6; Decretum Gratiani II,32,2,4)!

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