IV,12,23
Um als wohlgebildete Männer zu erscheinen, verbieten diese trefflichen Lehrmeister, auch nur im mindesten vom Buchstaben zu weichen. Mit mir dagegen ist es so: die Schrift nennt Gott einen „Kriegsmann“ (Ex. 15,3); weil ich nun sehe, daß dies, wofern es nicht übertragend gemeint ist, eine gar zu harte Ausdrucksweise ist, so zweifle ich nicht daran, daß es sich dabei um einen von den Menschen hergenommenen Vergleich handelt.
Und in der Tat: als vorzeiten die „Anthropomorphiten“ den rechtgläubigen Vätern Beschwernis bereiteten, da war der Vorwand, unter dem das geschah, kein anderer als der: sie nahmen solche Worte wie: „Die Augen des Herrn sehen“ (Deut. 11,12; 1. Kön. 8,29; Hiob 7,8), oder: „Es ist vor seine Ohren heraufgekommen“ (2. Sam. 22,7; 2. Kön. 19,28 u.ä.), oder: „Seine Hand ist ausgereckt“ (Jes. 5,25; 23,11; Jer. 1,9; 6,12 u.ä.), oder: „Die Erde ist seiner Füße Schemel“ (Jes. 66,1; Matth. 5,35; Apg. 7,49), und diese Worte rissen sie dann wild an sich und schrieen, man raube Gott den Leib, den ihm die Schrift doch beilege. Wenn man dies Gesetz gelten läßt, so wird eine ungeheuerliche Barbarei das ganze Licht des Glaubens verfinstern! Denn was für Ungetüme von Widersinnigkeiten werden schwärmerische Leute (aus der Schrift) beweisen dürfen, wenn es ihnen erlaubt wird, jeden einzelnen Buchstaben zur Bestätigung ihrer Meinungen anzuführen!
Unsere Widersacher machen den Einwand, es sei nicht wahrscheinlich, daß Christus, als er doch den Aposteln einen einzigartigen Trost in den Widerwärtigkeiten bereitete, sinnbildlich oder undeutlich geredet hätte. Aber das ist zu unseren Gunsten geredet! Denn wenn es den Aposteln nicht in den Sinn gekommen wäre, daß das Brot im figürlichen Sinne Christi Leib genannt wurde, weil es eben das Merkzeichen dieses Leibes war, so wären sie von einer so ungeheuerlichen Sache ohne Zweifel in Verwirrung gestürzt worden. Wie Johannes berichtet, sind sie schier im gleichen Augenblick auch in den mindesten Schwierigkeiten bestürzt hängengeblieben. Sie streiten miteinander darüber, wieso Christus
zum Vater gehen würde, sie bringen die Frage auf, wieso er aus der Welt gehen sollte, sie verstehen mit Bezug auf den himmlischen Vater nichts von den Worten, die ihnen gesagt werden, ehe denn sie ihn gesehen hätten (Joh. 14,5.8; 16,17). Wie sollten nun die nämlichen Jünger, die sich so verhalten, mit Leichtigkeit in der Lage gewesen sein, etwas zu glauben, was doch alle Vernunft verwirft, nämlich daß Christus vor ihren Blicken bei Tische säße und doch zugleich unsichtbar unter dem Brote beschlossen wäre? Nun essen sie aber das Brot ohne Bedenken und bezeugen dadurch ihre einhellige Einsicht; daraus ergibt sich also deutlich, daß sie die Worte Christi in dem nämlichen Sinne aufgefaßt haben wie wir; es kam ihnen eben in den Sinn, was bei den Geheimnissen (Sakramenten) nicht unmöglich erscheinen darf, daß der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache dem Zeichen beigelegt wird! Der Trost war also für die Jünger gewiß und deutlich, wie er es auch für uns ist, und in keinerlei Rätsel eingehüllt. Und wenn einige Leute mit unserer Auslegung nichts zu tun haben wollen, so besteht dafür keine andere Ursache, als daß sie die Verzauberung des Teufels verblendet hat, so daß sie sich nämlich die finsteren Schatten von Rätseln vormachen, wo doch die Auslegung des abgerundeten Bildes am Wege liegt.
Außerdem: wenn sie sich so scharf auf die Worte versteifen, so müßte Christus in verkehrter Weise von dem Brot für sich allein etwas anderes ausgesagt haben als von dem Kelch. Er nennt das Brot seinen Leib, den Wein nennt er sein Blut; das wäre dann also entweder ein wirres Gerede oder aber eine Zweiteilung, die den Leib vom Blute trennte! Ja, es wäre (dann) ebenso wahrheitsgemäß, wenn es von dem Kelch hieße: „Das ist mein Leib“, wie wenn das von dem Brot selbst gesagt wäre, und wiederum hätte ausgesagt werden können, das Brot sei das Blut! Wenn sie antworten, man müsse darauf achten, zu welchem Zweck und Gebrauch die Merkzeichen eingesetzt seien, so gebe ich das zwar zu; aber sie können sich unterdessen keineswegs daraus herauswinden, daß ihr Irrtum die widersinnige Behauptung mit sich zieht, das Brot sei das Blut Christi und der Wein sein Leib!
Ich weiß nun auch nicht, was es bedeuten soll, daß sie zwar zugeben, das Brot und der Leib seien verschiedene Dinge, dann aber doch behaupten, daß eines vom anderen (d.h. das Brot sei der Leib …) im eigentlichen Sinne und ohne Bild ausgesagt werde. Das ist genau so, als wenn jemand sagte, ein Gewand sei von dem Menschen verschieden und werde doch im eigentlichen Sinne als Mensch bezeichnet. Unterdessen behaupten sie, man beschuldige Christus der Lüge, wenn man nach der Auslegung seiner Worte forschte – gerade als wenn für sie der Sieg in Halsstarrigkeit und in scheltenden Vorwürfen bestünde!
Nun werden die Leser leicht ein Urteil darüber gewinnen können, was für eine ungerechte Schmach uns diese Silbenhascher antun, indem sie schlichten Leuten die Meinung beibringen, wir entzögen den Worten Christi den Glauben, während diese Worte doch, wie wir nachgewiesen haben, von ihnen unsinnig verdreht und durcheinandergeworfen, von uns aber getreulich und richtig ausgelegt werden.
IV,17,24
Aber der Schandfleck dieser lügenhaften Behauptung läßt sich nicht völlig austilgen, wenn nicht auch die andere Beschuldigung widerlegt wird: sie behaupten nämlich, wir seien dermaßen an die menschliche Vernunft verhaftet, daß wir der Macht Gottes nichts mehr zuschrieben, als die Ordnung der Natur ertrüge und der gesunde Menschenverstand eingäbe. Gegenüber solch ungerechten Schmähungen berufe ich mich auf die vorgetragene Lehre selbst; sie zeigt deutlich genug, daß ich dies Geheimnis durchaus nicht nach dem Maß der menschlichen Vernunft messe oder den Gesetzen der Natur unterwerfe. Ich möchte doch wissen: haben wir es etwa von den Naturforschern gelernt, daß Christus unsere Seelen vom Himmel her mit seinem Fleische ebenso nährt, wie unsere Leiber mit Brot und Wein genährt werden? Woher kommt denn dem Fleisch diese Kraft, daß
es die Seelen lebendig macht? Es werden doch alle sagen, daß das nicht auf natürliche Weise zustande kommt! Ebensowenig wird es der menschlichen Vernunft zusagen, daß Christi Fleisch zu uns dringt, um uns zur Nahrung zu dienen. Kurz, wer von unserer Lehre gekostet hat, der wird zur Bewunderung der verborgenen Macht Gottes hingerissen werden.
Jene trefflichen Eiferer um diese Macht Gottes aber machen sich ein Wunder zurecht, mit dessen Beseitigung Gott samt seiner Macht zunichte wird.
Ich möchte damit die Leser aufs neue ermahnt haben, daß sie gründlich erwägen, was unsere Lehre bedeutet: ob sie vom gesunden Menschenverstand abhängig ist – oder aber auf den Flügeln des Glaubens die Welt unter sich läßt und in den Himmel hinüberdringt! Wir sagen, daß Christus sowohl in dem äußerlichen Merkzeichen als auch in seinem Geiste zu uns herniedersteigt, um unsere Seelen mit der Substanz seines Fleisches und Blutes in Wahrheit lebendig zu machen. Wer nicht empfindet, daß in diesen wenigen Worten zahlreiche Wunder beschlossen sind, der ist mehr als fühllos. Denn es geht nichts mehr gegen die Natur, als daß die Seelen geistliches, himmlisches Leben von einem Fleisch entlehnen, das seinen Ursprung von der Erde genommen hat und dem Tode unterworfen gewesen ist; nichts ist unglaublicher, als daß Dinge, die so weit auseinanderliegen und getrennt sind wie Himmel und Erde, bei solch großem räumlichen Abstande nicht nur verbunden, sondern eins gemacht werden, so daß die Seelen aus dem Fleische Christi Nahrung empfangen! Die törichten Menschen sollen also davon ablassen, uns mit der stinkenden Schmähung verhaßt zu machen, als ob wir Gottes unermeßliche Macht irgendwie kleinlich eingrenzten. Denn es ist so, daß sie entweder gar töricht irren – oder aber unverschämt lügen.
Denn es geht hier nicht um die Frage, was Gott gekonnt, sondern was er gewollt hat. Wir behaupten aber, daß eben das geschehen ist, was ihm Wohlgefallen hatte. Es hat ihm aber Wohlgefallen, daß Christus „in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden“ sollte, „doch ohne Sünde“ (Hebr. 2,17; 4,15). Von welcher Art ist nun unser Fleisch? Ist es nicht so, daß es seine bestimmte Abmessung hat, räumlich umschlossen ist, berührt und gesehen wird? Sie fragen aber: Und warum sollte es Gott nicht fertigbringen, daß das nämliche Fleisch zahlreiche verschiedene Örter zugleich erfüllt, daß es von keinem Raum umschlossen wird und weder Maß noch Gestalt besitzt? Du törichter Mensch, wozu verlangst du von Gottes Macht, sie solle dahin wirken, daß dies Fleisch zugleich Fleisch und doch auch nicht Fleisch sei? Das ist ebenso, wie wenn du darauf bestündest, sie solle es zustande bringen, daß das Licht zugleich Licht und Finsternis sei! Nein, sie will, daß das Licht Licht ist, die Finsternis Finsternis und das Fleisch Fleisch! Sie wird freilich, wenn sie will, Finsternis in Licht und Licht in Finsternis verwandeln; aber wenn du verlangst, daß Licht und Finsternis ohne Unterschied sein sollen – was tust du dann anders, als daß du die Ordnung der Weisheit Gottes verkehrst? Das Fleisch muß also Fleisch sein und der Geist Geist, jedes nach dem Gesetz und mit der Bestimmung, wie es von Gott geschaffen ist. Die Bestimmung des Fleisches aber ist es, daß es einen, und zwar einen bestimmten Raum, daß es seine Abmessung und seine Gestalt hat. Unter dieser Bestimmung hat Christus das Fleisch angenommen, und er hat ihm, wie Augustin bezeugt, zwar Unverderblichkeit und Herrlichkeit verliehen, aber seine Natur und seine Wahrheit nicht weggenommen (Brief 187,3,10; an Dardanus).

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