Monthly Archive for November 2009

Institutio – Tag 334

IV,12,23

 

Um als wohlgebildete Männer zu erscheinen, verbieten diese trefflichen Lehrmeister, auch nur im mindesten vom Buchstaben zu weichen. Mit mir dagegen ist es so: die Schrift nennt Gott einen „Kriegsmann“ (Ex. 15,3); weil ich nun sehe, daß dies, wofern es nicht übertragend gemeint ist, eine gar zu harte Ausdrucksweise ist, so zweifle ich nicht daran, daß es sich dabei um einen von den Menschen hergenommenen Vergleich handelt.

 

Und in der Tat: als vorzeiten die „Anthropomorphiten“ den rechtgläubigen Vätern Beschwernis bereiteten, da war der Vorwand, unter dem das geschah, kein anderer als der: sie nahmen solche Worte wie: „Die Augen des Herrn sehen“ (Deut. 11,12; 1. Kön. 8,29; Hiob 7,8), oder: „Es ist vor seine Ohren heraufgekommen“ (2. Sam. 22,7; 2. Kön. 19,28 u.ä.), oder: „Seine Hand ist ausgereckt“ (Jes. 5,25; 23,11; Jer. 1,9; 6,12 u.ä.), oder: „Die Erde ist seiner Füße Schemel“ (Jes. 66,1; Matth. 5,35; Apg. 7,49), und diese Worte rissen sie dann wild an sich und schrieen, man raube Gott den Leib, den ihm die Schrift doch beilege. Wenn man dies Gesetz gelten läßt, so wird eine ungeheuerliche Barbarei das ganze Licht des Glaubens verfinstern! Denn was für Ungetüme von Widersinnigkeiten werden schwärmerische Leute (aus der Schrift) beweisen dürfen, wenn es ihnen erlaubt wird, jeden einzelnen Buchstaben zur Bestätigung ihrer Meinungen anzuführen!

 

Unsere Widersacher machen den Einwand, es sei nicht wahrscheinlich, daß Christus, als er doch den Aposteln einen einzigartigen Trost in den Widerwärtigkeiten bereitete, sinnbildlich oder undeutlich geredet hätte. Aber das ist zu unseren Gunsten geredet! Denn wenn es den Aposteln nicht in den Sinn gekommen wäre, daß das Brot im figürlichen Sinne Christi Leib genannt wurde, weil es eben das Merkzeichen dieses Leibes war, so wären sie von einer so ungeheuerlichen Sache ohne Zweifel in Verwirrung gestürzt worden. Wie Johannes berichtet, sind sie schier im gleichen Augenblick auch in den mindesten Schwierigkeiten bestürzt hängengeblieben. Sie streiten miteinander darüber, wieso Christus

zum Vater gehen würde, sie bringen die Frage auf, wieso er aus der Welt gehen sollte, sie verstehen mit Bezug auf den himmlischen Vater nichts von den Worten, die ihnen gesagt werden, ehe denn sie ihn gesehen hätten (Joh. 14,5.8; 16,17). Wie sollten nun die nämlichen Jünger, die sich so verhalten, mit Leichtigkeit in der Lage gewesen sein, etwas zu glauben, was doch alle Vernunft verwirft, nämlich daß Christus vor ihren Blicken bei Tische säße und doch zugleich unsichtbar unter dem Brote beschlossen wäre? Nun essen sie aber das Brot ohne Bedenken und bezeugen dadurch ihre einhellige Einsicht; daraus ergibt sich also deutlich, daß sie die Worte Christi in dem nämlichen Sinne aufgefaßt haben wie wir; es kam ihnen eben in den Sinn, was bei den Geheimnissen (Sakramenten) nicht unmöglich erscheinen darf, daß der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache dem Zeichen beigelegt wird! Der Trost war also für die Jünger gewiß und deutlich, wie er es auch für uns ist, und in keinerlei Rätsel eingehüllt. Und wenn einige Leute mit unserer Auslegung nichts zu tun haben wollen, so besteht dafür keine andere Ursache, als daß sie die Verzauberung des Teufels verblendet hat, so daß sie sich nämlich die finsteren Schatten von Rätseln vormachen, wo doch die Auslegung des abgerundeten Bildes am Wege liegt.

 

Außerdem: wenn sie sich so scharf auf die Worte versteifen, so müßte Christus in verkehrter Weise von dem Brot für sich allein etwas anderes ausgesagt haben als von dem Kelch. Er nennt das Brot seinen Leib, den Wein nennt er sein Blut; das wäre dann also entweder ein wirres Gerede oder aber eine Zweiteilung, die den Leib vom Blute trennte! Ja, es wäre (dann) ebenso wahrheitsgemäß, wenn es von dem Kelch hieße: „Das ist mein Leib“, wie wenn das von dem Brot selbst gesagt wäre, und wiederum hätte ausgesagt werden können, das Brot sei das Blut! Wenn sie antworten, man müsse darauf achten, zu welchem Zweck und Gebrauch die Merkzeichen eingesetzt seien, so gebe ich das zwar zu; aber sie können sich unterdessen keineswegs daraus herauswinden, daß ihr Irrtum die widersinnige Behauptung mit sich zieht, das Brot sei das Blut Christi und der Wein sein Leib!

 

Ich weiß nun auch nicht, was es bedeuten soll, daß sie zwar zugeben, das Brot und der Leib seien verschiedene Dinge, dann aber doch behaupten, daß eines vom anderen (d.h. das Brot sei der Leib …) im eigentlichen Sinne und ohne Bild ausgesagt werde. Das ist genau so, als wenn jemand sagte, ein Gewand sei von dem Menschen verschieden und werde doch im eigentlichen Sinne als Mensch bezeichnet. Unterdessen behaupten sie, man beschuldige Christus der Lüge, wenn man nach der Auslegung seiner Worte forschte – gerade als wenn für sie der Sieg in Halsstarrigkeit und in scheltenden Vorwürfen bestünde!

 

Nun werden die Leser leicht ein Urteil darüber gewinnen können, was für eine ungerechte Schmach uns diese Silbenhascher antun, indem sie schlichten Leuten die Meinung beibringen, wir entzögen den Worten Christi den Glauben, während diese Worte doch, wie wir nachgewiesen haben, von ihnen unsinnig verdreht und durcheinandergeworfen, von uns aber getreulich und richtig ausgelegt werden.

 

 

 

IV,17,24

 

Aber der Schandfleck dieser lügenhaften Behauptung läßt sich nicht völlig austilgen, wenn nicht auch die andere Beschuldigung widerlegt wird: sie behaupten nämlich, wir seien dermaßen an die menschliche Vernunft verhaftet, daß wir der Macht Gottes nichts mehr zuschrieben, als die Ordnung der Natur ertrüge und der gesunde Menschenverstand eingäbe. Gegenüber solch ungerechten Schmähungen berufe ich mich auf die vorgetragene Lehre selbst; sie zeigt deutlich genug, daß ich dies Geheimnis durchaus nicht nach dem Maß der menschlichen Vernunft messe oder den Gesetzen der Natur unterwerfe. Ich möchte doch wissen: haben wir es etwa von den Naturforschern gelernt, daß Christus unsere Seelen vom Himmel her mit seinem Fleische ebenso nährt, wie unsere Leiber mit Brot und Wein genährt werden? Woher kommt denn dem Fleisch diese Kraft, daß

es die Seelen lebendig macht? Es werden doch alle sagen, daß das nicht auf natürliche Weise zustande kommt! Ebensowenig wird es der menschlichen Vernunft zusagen, daß Christi Fleisch zu uns dringt, um uns zur Nahrung zu dienen. Kurz, wer von unserer Lehre gekostet hat, der wird zur Bewunderung der verborgenen Macht Gottes hingerissen werden.

 

Jene trefflichen Eiferer um diese Macht Gottes aber machen sich ein Wunder zurecht, mit dessen Beseitigung Gott samt seiner Macht zunichte wird.

 

Ich möchte damit die Leser aufs neue ermahnt haben, daß sie gründlich erwägen, was unsere Lehre bedeutet: ob sie vom gesunden Menschenverstand abhängig ist – oder aber auf den Flügeln des Glaubens die Welt unter sich läßt und in den Himmel hinüberdringt! Wir sagen, daß Christus sowohl in dem äußerlichen Merkzeichen als auch in seinem Geiste zu uns herniedersteigt, um unsere Seelen mit der Substanz seines Fleisches und Blutes in Wahrheit lebendig zu machen. Wer nicht empfindet, daß in diesen wenigen Worten zahlreiche Wunder beschlossen sind, der ist mehr als fühllos. Denn es geht nichts mehr gegen die Natur, als daß die Seelen geistliches, himmlisches Leben von einem Fleisch entlehnen, das seinen Ursprung von der Erde genommen hat und dem Tode unterworfen gewesen ist; nichts ist unglaublicher, als daß Dinge, die so weit auseinanderliegen und getrennt sind wie Himmel und Erde, bei solch großem räumlichen Abstande nicht nur verbunden, sondern eins gemacht werden, so daß die Seelen aus dem Fleische Christi Nahrung empfangen! Die törichten Menschen sollen also davon ablassen, uns mit der stinkenden Schmähung verhaßt zu machen, als ob wir Gottes unermeßliche Macht irgendwie kleinlich eingrenzten. Denn es ist so, daß sie entweder gar töricht irren – oder aber unverschämt lügen.

 

Denn es geht hier nicht um die Frage, was Gott gekonnt, sondern was er gewollt hat. Wir behaupten aber, daß eben das geschehen ist, was ihm Wohlgefallen hatte. Es hat ihm aber Wohlgefallen, daß Christus „in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden“ sollte, „doch ohne Sünde“ (Hebr. 2,17; 4,15). Von welcher Art ist nun unser Fleisch? Ist es nicht so, daß es seine bestimmte Abmessung hat, räumlich umschlossen ist, berührt und gesehen wird? Sie fragen aber: Und warum sollte es Gott nicht fertigbringen, daß das nämliche Fleisch zahlreiche verschiedene Örter zugleich erfüllt, daß es von keinem Raum umschlossen wird und weder Maß noch Gestalt besitzt? Du törichter Mensch, wozu verlangst du von Gottes Macht, sie solle dahin wirken, daß dies Fleisch zugleich Fleisch und doch auch nicht Fleisch sei? Das ist ebenso, wie wenn du darauf bestündest, sie solle es zustande bringen, daß das Licht zugleich Licht und Finsternis sei! Nein, sie will, daß das Licht Licht ist, die Finsternis Finsternis und das Fleisch Fleisch! Sie wird freilich, wenn sie will, Finsternis in Licht und Licht in Finsternis verwandeln; aber wenn du verlangst, daß Licht und Finsternis ohne Unterschied sein sollen – was tust du dann anders, als daß du die Ordnung der Weisheit Gottes verkehrst? Das Fleisch muß also Fleisch sein und der Geist Geist, jedes nach dem Gesetz und mit der Bestimmung, wie es von Gott geschaffen ist. Die Bestimmung des Fleisches aber ist es, daß es einen, und zwar einen bestimmten Raum, daß es seine Abmessung und seine Gestalt hat. Unter dieser Bestimmung hat Christus das Fleisch angenommen, und er hat ihm, wie Augustin bezeugt, zwar Unverderblichkeit und Herrlichkeit verliehen, aber seine Natur und seine Wahrheit nicht weggenommen (Brief 187,3,10; an Dardanus).

Institutio – Tag 333

IV,17,20

 

Bevor wir nun weiter fortschreiten, müssen wir die Stiftung selbst behandeln, wie sie Christus vollzogen hat; vor allem, weil der beliebteste Einwurf unserer Widersacher darin besteht, wir wichen von den Worten Christi ab. Um uns nun von der falschen Nachrede, mit der sie uns belasten, freizumachen, werden wir am geschicktesten mit der Auslegung der (Einsetzungs-) Worte den Anfang machen. Nach dem Bericht von drei Evangelisten und dem des Paulus hat Christus das Brot genommen, es nach einer Danksagung gebrochen, seinen Jüngern gegeben und gesagt: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben – oder: gebrochen – wird.“ Von dem Kelch berichten Matthäus und Markus die Worte: „Dieser Kelch ist das Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ (Fassung etwas ungenau nach Matth. 26,28). Paulus und Lukas dagegen berichten: „Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut …“ (Fassung nach 1. Kor. 11,25; zum Ganzen: Matth. 26,26-28; Mark. 14,22-24; Luk. 22,17.19f.; 1. Kor. 11,24f.).

 

Die Verteidiger der Transsubstantiation sind nun der Ansicht, durch das Wörtchen „das“ sei die „Gestalt“ des Brotes angedeutet; denn (nach ihrer Ansicht) wird die „Weihe“ (Konsekration) durch den ganzen Zusammenhang der Worte vollzogen, und es ist keine „Substanz“ vorhanden, auf die sich weisen ließe. Aber wenn sie sich von der frommen Ehrerbietung gegen die Worte halten lassen, weil Christus bezeugt hat, das, was er seinen Jüngern in die Hand gab, sei sein Leib, – so hat jedenfalls ihr Hirngespinst, nach dem das, was zuvor Brot war, nun (Christi) Leib sein soll, mit dem eigentlichen Sinn dieser Worte nicht das mindeste zu tun. Was Christus in die Hand nimmt und seinen Aposteln darreicht, das ist, so erklärt er, sein Leib. Er hatte aber Brot in die Hand genommen – und wer begreift also nicht, daß es auch noch Brot war, was er ihnen zeigte, und daß es deshalb nichts Widersinnigeres gibt, als wenn man das, was von dem Brot gesagt wird, auf die „Gestalt“ überträgt?

 

Andere verstehen das Wörtlein „ist“ so, als ob es für „verwandelt werden“ gesetzt sei (also den Vorgang der Transsubstantiation andeute), und nehmen damit ihre Zuflucht zu einer noch gezwungeneren und gewaltsam verdrehten Auslegung. Sie haben also keinen Grund, um den Vorwand zu brauchen, sie ließen sich durch die Ehrfurcht vor den Worten bewegen. Denn in keinem Volk und in keiner Sprache hat man je etwas davon gehört, daß das Wörtchen „ist“ in diesem Sinne gebraucht würde, also in dem Sinne von „in etwas anderes verwandelt werden“.

 

Was nun diejenigen anbetrifft, die das Brot im Abendmahl bleiben lassen (also nicht von einer „Gestalt“ oder dergleichen reden) und dann behaupten, es sei der Leib Christi, so besteht unter ihnen eine große Vielartigkeit.

 

Einige drücken sich recht bescheiden aus; sie legen zwar scharfen Nachdruck auf den Buchstaben: „Das ist mein Leib“, lassen aber nachher doch von ihrer Schärfe

ab und sagen, diese Worte bedeuteten soviel, wie daß Christi Leib „mit dem Brot, im Brot und unter dem Brot“ sei. Über die Sache, die sie behaupten, haben wir bereits einige kurze Andeutungen gegeben, und es muß bald noch ausführlicher darüber gesprochen werden. Jetzt geht die Erörterung allein um die Worte, von denen sie nach ihrer Behauptung gezwungen werden, die Ansicht nicht zuzulassen, daß das Brot deshalb „Leib“ genannt wird, weil es das Zeichen des Leibes ist. Wenn sie nun aber jeder figürlichen Redeweise (tropus) aus dem Wege gehen, weshalb springen sie dann von dem einfachen Hinweis Christi zu ihren so wesentlich andersartigen Redeweisen über? Denn es ist etwas wesentlich anderes, ob man sagt, das Brot sei der Leib, oder: der Leib sei „mit“ dem Brot! Aber sie haben eben gesehen, wie es unmöglich ist, daß man die Aussage: „das Brot ist der Leib“ in ihrem einfachen Wortsinn aufrechterhält, und deshalb haben sie versucht, mit solchen Redeformen wie auf krummen Umwegen zu entwischen.

 

Andere sind aber kühner, und die behaupten ohne Zögern, das Brot sei im eigentlichen Sinne der Leib – und auf diese Weise beweisen sie, daß sie wirklich dem Buchstaben gehorchen! Wenn man ihnen entgegenhält, dann sei also das Brot Christus und Gott, dann werden sie das zwar abstreiten, weil es sich in den Worten Christi nicht ausdrücklich findet. Sie werden aber mit ihrem Leugnen nichts erreichen; denn es besteht doch allgemeine Übereinstimmung darüber, daß uns im Abendmahl der ganze Christus dargeboten wird! Es ist aber eine unerträgliche Gotteslästerung, wenn man ohne Bild von einem gebrechlichen und vergänglichen Element erklärt, es sei Christus. Ich nenne zwei Aussagen, einmal: „Christus ist der Sohn Gottes“, und zum anderen: „das Brot ist der Leib Christi“ – und nun frage ich sie, ob die das gleiche bedeuten. Wenn sie zugestehen, daß sie allerdings verschiedenartig sind – und zu diesem Zugeständnis kann man sie gegen ihren Willen zwingen –, so sollen sie mir die Frage beantworten, woher solche Verschiedenheit kommt. Sie werden meines Erachtens keine andere Ursache anführen, als daß eben das Brot in der Weise des Sakraments als „Leib“ bezeichnet wird. Daraus ergibt sich dann, daß Christi Worte der allgemeinen Regel nicht unterworfen sind und nicht nach der Grammatik gerichtet werden dürfen. Und dann: Lukas und Paulus nennen den Kelch „das (Neue) Testament im Blute …“ (Luk. 22,20; 1. Kor. 11,25); nun frage ich all diese Leute, die so hart und streng auf den Buchstaben dringen, ob Lukas und Paulus mit diesen Worten nicht das nämliche zum Ausdruck bringen wie im ersten Aussageglied, wo es heißt: „Das ist mein Leib.“ Jedenfalls bestand doch bei dem einen Teil des Sakraments die gleiche heilige Ehrfurcht wie bei dem zweiten, und da nun die Kürze keinen deutlichen Sinn ergibt, so läßt die längere Rede den Sinn klar hervortreten. Allemal also, wenn sie auf Grund des einen Wortes behaupten, das Brot sei der Leib Christi, so bringe ich auf Grund einer größeren Anzahl von Worten die gut passende Auslegung vor, das Brot sei „das Testament in seinem Leibe“. Wieso kann man denn einen getreueren und gewisseren Ausleger suchen als Lukas und Paulus?

 

Ich habe nun aber nicht im Sinn, die Gemeinschaft mit dem Leibe Christi, die ich bekannt habe, irgendwie abzuschwächen; meine Absicht geht nur darauf, die törichte Halsstarrigkeit, mit der sie so feindselig über Worte streiten, abzuwehren. Mit Paulus und Lukas als Gewährsmännern verstehe ich es so, daß das Brot der Leib Christi ist, und zwar, weil es der Bund in seinem Leibe ist. Wenn sie dagegen ankämpfen, so haben sie nicht mit mir, sondern mit dem Geiste Gottes zu streiten. Und mögen sie auch gewaltig klagen, sie würden durch die Ehrerbietung vor den Worten Christi daran gehindert, das Wagnis zu unternehmen, daß sie das, was offen gesagt ist, figürlich verstünden, so ist das doch kein hinreichend gerechter Vorwand, um all die Gründe, die wir dagegen ins Feld führen, dergestalt zu verwerfen.

Indessen müssen wir, worauf ich bereits aufmerksam machte, wohl wissen, was es bedeutet, wenn es heißt, im Leibe und im Blute Christi sei das Testament (der Bund); denn der Bund, der durch das Opfer seines Todes bekräftigt worden ist, würde uns nichts nützen, wenn nicht jene verborgene Gemeinschaft dazukäme, vermöge deren wir mit Christus in eins zusammenwachsen.

 

 

 

IV,17,21

 

Es bleibt also übrig, daß wir zugeben, daß um der Ähnlichkeit willen, die die im Zeichen veranschaulichten Dinge (res signatae) mit ihren Merkzeichen haben, eben der Name der Sache auch dem Merkzeichen beigelegt worden ist; und dies ist zwar in figürlicher Weise (figurate) geschehen, jedoch nicht ohne ein höchst passendes Entsprechungsverhältnis (analogia). Sinnbildliche Deutungen und Gleichnisse lasse ich beiseite, damit niemand behauptet, ich suchte Ausflüchte oder ginge über die gegenwärtig zur Besprechung stehende Sache hinaus.

 

Ich behaupte, daß es sich hier um eine übertragende Redeweise (metonymicus sermo) handelt, die in der Schrift immer wieder gebräuchlich ist, wo es um die Geheimnisse (Sakramente) geht. Denn wenn es heißt, die Beschneidung sei der „Bund“ (Gen. 17,13), das Lamm sei das „Vorübergehen“ (Passah; Ex. 12,11), die Opfer unter dem Gesetz seien Sühnungen (Lev. 17,11; Hebr. 9,22), und schließlich der Fels, aus dem in der Wüste Wasser hervorfloß, sei Christus gewesen (Ex. 17,6; 1. Kor. 10,4), so kann man das nur dann verstehen, wenn man annimmt, daß es in übertragendem Sinne gesagt ist. Es wird aber nicht nur der Name von dem Übergeordneten auf das Untergeordnete übertragen, sondern im Gegenteil auch der Name des sichtbaren Zeichens der im Zeichen veranschaulichten Sache beigelegt; so, wenn es heißt, Gott sei dem Mose in dem Dornbusch erschienen (Ex. 3,2), oder wenn die Bundeslade „Gott“ oder „Gottes Angesicht“ (Ps. 84,8; 42,3) oder die Taube der Heilige Geist genannt wird (Matth. 3,16). Denn das Merkzeichen ist allerdings seinem Wesen nach von der im Zeichen veranschaulichten Sache verschieden, weil diese ja geistlich und himmlisch ist, das Zeichen dagegen leiblich und sichtbar; jedoch bildet es die Sache, zu deren Vergegenwärtigung es geheiligt ist, nicht nur wie ein nacktes und leeres Zeichen ab, sondern es bietet sie auch in Wahrheit dar – und weshalb soll ihm dann der Name dieser Sache nicht mit Recht zukommen? Wenn doch die von Menschen erdachten Merkzeichen, die eher Bilder von abwesenden Dingen als Zeichen von gegenwärtigen sind und dazu auch solche Dinge sehr häufig fälschlich andeuten, trotzdem zuweilen mit dem Namen dieser Dinge geziert werden, so entlehnen die von Gott eingesetzten Zeichen mit viel kräftigerer Begründung die Namen der Dinge, deren gewisse und schlechthin untrügliche Bedeutung sie allezeit an sich tragen und deren Wahrheit sie in fester Verbundenheit bei sich haben, die Ähnlichkeit und Verwandtschaft des einen mit dem anderen ist also so groß, daß sie leicht wechselseitig ineinander übergehen.

 

Daher sollen unsere Widersacher davon ablassen, törichte Sticheleien gegen uns aufzuhäufen, indem sie uns „Tropisten“ (Anhänger der figürlichen Deutung) nennen, wenn wir die bei den Sakramenten angewandte Redeweise nach dem allgemeinen (Sprach-) Gebrauch der Schrift auslegen. Denn wie die Sakramente in vielen Dingen miteinander übereinstimmen, so besteht auch in dieser übertragenden Redeweise (metonymia) etwas Gemeinsames zwischen ihnen. Wie also der Apostel lehrt, daß der Fels, aus dem den Israeliten ein geistlicher Trank hervorsprudelte, Christus gewesen ist (1. Kor. 10,4), und zwar, weil er ein sichtbares Merkzeichen sein sollte, unter dem jener geistliche Trank zwar in Wahrheit, aber nicht augenfällig empfangen wurde – so wird auch heute das Brot als der Leib Christi bezeichnet, weil es ein Merkzeichen ist, in dem uns der Herr den wahren Genuß seines Leibes darbietet.

 

Anders hat auch Augustin nicht geurteilt und nicht gesprochen – damit niemand diese Ansicht als eine neuerdachte Sache verachtet! „Wenn die Sakramente“, so sagt er, „nicht einige Ähnlichkeit mit den Dingen besäßen, deren Sakramente (Zeichen) sie sind, so wären sie eben keine Sakramente. Auf Grund dieser Ähnlichkeit empfangen sie vor allem auch die Namen der Dinge selbst. Wie also in gewisser Weise das Sakrament des Leibes Christi der Leib Christi und das Sakrament des Blutes Christi das Blut Christi ist, so ist das Sakrament des Glaubens der Glaube“ (Brief 98; an Bonifacius). Es gibt bei ihm noch viele ähnliche Stellen; aber es wäre überflüssig, sie aufzuzählen, da jene eine genügt; einzig muß ich den Leser darauf aufmerksam machen, daß der heilige Mann die nämliche Lehre in seinem Brief an Evodius vertritt (Brief 169,2.9).

 

Eine leichtfertige Ausflucht aber ist die Behauptung: wenn Augustin lehre, daß die übertragende Redeweise bei den Geheimnissen (Sakramenten) häufig und üblich sei, so erwähnte er das Abendmahl nicht. Wenn man diese Meinung nämlich gelten lassen wollte, so dürfte man auch nicht vom Allgemeinen auf das Besondere schließen, und es würde damit die Schlußfolgerung ungültig: alle Tiere haben die Fähigkeit, sich zu bewegen, also haben auch Ochse und Pferd die Fähigkeit, sich zu bewegen! Jedoch wird ein längerer Streit durch anderwärts stehende Worte des gleichen heiligen Mannes überflüssig gemacht: er behauptet nämlich gegen den Manichäer Adimantus, als Christus das Zeichen seines Leibes ausgeteilt hätte, da hätte er es ohne Bedenken seinen Leib genannt (Gegen Adimantus 12,3). Und wiederum an anderer Stelle, nämlich in der Erklärung zum dritten Psalm, sagt er: „Wunderbarlich ist die Langmut Christi, daß er den Judas zu dem Mahl hinzuzog, in dem er das Bild (figura) seines Leibes und Blutes den Jüngern anbefohlen und gegeben hat“ (zu Psalm 3,1).

 

 

 

IV,17,22

 

Wenn sich nun trotzdem ein eigensinniger Mensch, blind für alles andere, nur auf dies eine Wörtchen versteift: „Das ist …“, als ob durch dieses Wort das Abendmahl von allen anderen Geheimnissen (Sakramenten) geschieden würde, so ist ihm leicht zu antworten. Man sagt, das auf die Substanz weisende Wort („ist“) sei so scharf betont, daß es keinerlei bildliche Erklärung zulasse. Wenn wir das nun den Vertretern dieser Ansicht zugeben, so steht doch in den Worten des Paulus ebenfalls dieses die Substanz ausdrückende Wörtlein zu lesen, nämlich, wo er das Brot „die Gemeinschaft des Leibes Christi“ nennt (1. Kor. 10,16). Die „Gemeinschaft“ ist nun aber etwas anderes als der Leib selbst.

 

Ja, fast überall, wo von den Sakramenten die Rede ist, begegnet uns das nämliche Tätigkeitswort. „Das wird für euch der Bund mit mir sein“, heißt es (Gen. 17,13; nicht Luthertext). Oder: „Dies Lamm wird für euch das Passah sein“ (Ex. 12,11; nicht Luthertext). Und, um nicht mehr Stellen zu nennen: wenn Paulus sagt, der Fels sei Christus gewesen – weshalb finden dann jene Leute an dieser Stelle das substanzausdrückende Wörtlein („ist gewesen“) weniger stark betont als in den Worten Christi? Sie sollen mir auch antworten, was denn das substanzausdrückende Tätigkeitswort in den Worten des Johannes bedeutet: „Der Heilige Geist war noch nicht (da), denn Jesus war noch nicht verklärt“ (Joh. 7,39). wenn sie sich nämlich hier immerfort an ihre Regel klammern, so muß die ewige Wesenheit des Heiligen Geistes zunichte gemacht werden, als ob der Geist seinen Anfang erst mit der Himmelfahrt Christi genommen hätte! Und schließlich sollen sie mir antworten, was das Wort des Paulus bedeutet, nach welchem die Taufe „das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung“ ist (Tit. 3,5), während es doch feststeht, daß sie für viele ohne Nutzen ist!

 

Es gibt aber nichts Kräftigeres zu ihrer Widerlegung als das Wort des Paulus, die Kirche sei Christus (1. Kor. 12,12). Er führt da nämlich das Gleichnis des

menschlichen Leibes an und fährt dann fort: „Also auch Christus“, und da meint er nicht den eingeborenen Sohn Gottes in sich selber, sondern in seinen Gliedern.

 

Mit diesen Ausführungen hoffe ich bereits erreicht zu haben, daß bei Menschen von gesunden Sinnen und lauterem Wesen die Lästerungen unserer Feinde stinkend sind, wenn sie die Behauptung ausstreuen, wir weigerten den Worten Christi den Glauben – während wir sie doch nicht weniger gehorsam annehmen als sie selbst und sie mit größerer Ehrfurcht erwägen. Ja, ihre bequeme Sicherheit ist ein Beweis dafür, daß sie sich nicht sehr darum kümmern, was Christus gewollt hat – wenn es ihnen nur einen Schutzschild für ihre Halsstarrigkeit bietet! Und ebenso muß unsere gründliche Untersuchung Zeuge dafür sein, wie hoch uns Christi Autorität steht.

 

Sie behaupten gehässig, das menschliche Empfinden stehe uns im Wege, so daß wir nicht glaubten, was Christus mit seinem heiligen Munde ausgesprochen hat; aber wie unverschämt es ist, daß sie uns diese Schmach aufbrennen, das habe ich zum großen Teil bereits deutlich gemacht, und es wird hernach noch klarer zum Vorschein kommen. Nichts hindert uns also, Christus in seinen Worten zu glauben und, sobald er das eine oder andere zu verstehen gegeben hat, uns darauf zu verlassen. Es geht nur darum, ob es denn ein Frevel ist, nach dem ursprünglichen Sinn (seiner Worte) zu forschen.

Institutio – Tag 332

IV,17,17

 

Um nun solchen Irrtum, den sie einmal unüberlegt aufgebracht haben, halsstarrig zu verteidigen, tragen einige von ihnen keine Bedenken, die Behauptung aufzustellen, daß Christi Fleisch niemals andere Maße gehabt habe, als so weit und breit sich Himmel und Erde erstrecken. Daß er aber als Kind aus dem Schoß seiner Mutter geboren, daß er gewachsen, am Kreuze ausgestreckt und im Grabe verschlossen worden ist, das ist nach ihrer Meinung vermöge einer Art von austeilender Ordnung (dispensatio) geschehen, damit er die Aufgabe erfüllte, geboren zu werden, zu sterben und andere menschliche Pflichten auf sich zu nehmen. Daß er nach seiner Auferstehung in der gewohnten leiblichen Gestalt gesehen worden, in den Himmel aufgenommen und schließlich nach seiner Himmelfahrt dem Stephanus und dem Paulus erschienen ist (Apg. 1,3.9; 7,55; 9,3), das geht, so behaupten sie weiter, auf die nämliche austeilende Ordnung zurück, damit es dem Anblick der Menschen zugänglich würde, daß er als König im Himmel eingesetzt sei. Was heißt das nun anders als den Marcion aus der Hölle hervorziehen? Denn es kann doch niemand bezweifeln, daß Christi Leib, wenn er in solchem Zustande war, ein Scheingebild oder ein Scheinleib gewesen ist!

 

Manche ziehen sich auch etwas spitzfindiger aus der Sache heraus: sie sagen, dieser Leib, der im Sakrament gegeben wird, sei ein verherrlichter und unsterblicher Leib, und es liege daher keinerlei Widersinn darin, wenn er an vielen Orten, ohne jeden Ort (ohne jede räumliche Gebundenheit) und ohne jede Gestalt, unter dem Sakrament enthalten sei.

 

Ich frage aber: In welcher Gestalt gab Christus seinen Leib denn den Jüngern an dem Tage, bevor er leiden sollte? Lauten nicht die Worte so, daß er ihnen eben jenen sterblichen Leib dargereicht hat, der kurz nachher dahingegeben werden sollte? Aber, so sagen sie, er hatte doch schon vorher drei Jüngern auf dem Berge (der Verklärung) seine Herrlichkeit zu schauen gegeben (Matth. 17,2)! Das ist allerdings wahr; aber mit dieser verklärten Herrlichkeit wollte er ihnen für eine Stunde einen Geschmack der Unsterblichkeit gewähren. Sie werden jedoch dabei nicht einen zwiefachen Leib finden, sondern eben den einen, den Christus trug, mit neuer Herrlichkeit geziert! Als er aber in dem ersten Abendmahl seinen Leib austeilte, da stand bereits die Stunde bevor, in der er von Gott „geschlagen“ und gedemütigt, ohne Zier und mit Aussatz behaftet daliegen sollte (Jes. 53,4). So wenig kann davon die Rede sein, daß er in diesem Mahl die Herrlichkeit der Auferstehung hätte an den Tag bringen wollen. Zudem: was für ein großes Fenster tut man dem Marcion auf, wenn Christi Leib an der einen Stelle sterblich und niedrig erschaut, an der anderen dagegen unsterblich und herrlich gehalten wurde! Wiewohl das, wenn die Meinung dieser Leute gelten soll, Tag für Tag in der gleichen Weise geschieht, weil sie ja notgedrungen zugeben müssen, daß der Leib Christi, der an und für sich sichtbar ist, unter dem Merkzeichen des Brotes unsichtbar verborgen liege. Und trotzdem schämen sich die Leute, die solche Ungeheuerlichkeiten von sich geben, ihrer Schande so rein gar nicht, daß sie uns von selbst mit wilden Schmähungen berennen, weil wir ihre Meinung nicht unterschreiben.

 

 

 

IV,17,18

 

Wohlan, wenn man Leib und Blut des Herrn an Brot und Wein festbinden will, so muß man sie notwendig voneinander losreißen. Denn wie das Brot vom Kelche gesondert gereicht wird, so muß auch der Leib, der mit dem Brot dargereicht wird, notwendig von dem Blute getrennt sein, das ja in den Kelch eingeschlossen ist. Wenn sie nämlich behaupten, der Leib Christi sei im Brote und sein Blut im Kelch, und wenn weiterhin Brot und Wein durch einen räum-

lichen Abstand voneinander getrennt sind, so können sie mit keiner Ausflucht der Folgerung entgehen, daß dann also auch der Leib Christi von seinem Blute getrennt werden muß.

 

Sie machen hier allerdings gewöhnlich einen Vorwand: vermöge des „wechselseitigen Beieinanderseins“ (concomitantia), wie sie es erdichten, sei das Blut im Leibe und der Leib wiederum im Blute. Aber das ist nun wahrhaftig eine gar zu leichtfertige Sache, da ja die Merkzeichen, in welche Leib und Blut eingeschlossen werden, in dieser Weise unterschieden sind.

 

Wenn wir dagegen mit unseren Augen und Herzen in den Himmel emporgeführt werden, um Christus dort in der Herrlichkeit seines Reiches zu suchen, dann wird es geschehen, daß wir, wie uns die Merkzeichen zu ihm in seiner Ganzheit einladen, in der gleichen Weise auch unter dem Merkzeichen des Brotes von seinem Leibe gespeist und unter dem Merkzeichen des Weines für sich besonders von seinem Blute getränkt werden, um ihn endlich selbst ganz zu genießen. Denn obwohl er sein Fleisch von uns weggenommen hat und mit seinem Leibe gen Himmel gefahren ist, sitzt er nun doch zur Rechten des Vaters, das heißt: er regiert in der Macht, Majestät und Herrlichkeit des Vaters. Dies sein Reich ist von keinerlei räumlichen Weiten begrenzt, von keinerlei Maßen umschlossen; nein, Christus läßt seine Kraft, wo es ihm gefällt, im Himmel und auf Erden wirken, er macht sich in Gewalt und Kraft als der Gegenwärtige kund, er sieht den Seinen immerfort zur Seite, haucht ihnen sein Leben ein, lebt in ihnen, stützt sie, stärkt sie, belebt sie und erhält sie unversehrt, nicht anders, als wenn er mit seinem Leibe gegenwärtig wäre, er speist sie endlich mit seinem eigenen Leibe, dessen Gemeinschaft er durch die Kraft seines Geistes auf sie übergehen läßt. In diesem Sinne wird uns im Sakrament Leib und Blut Christi dargereicht.

 

 

 

IV,17,19

 

Wir müssen dagegen eine solche Gegenwart Christi im Abendmahl feststellen, die ihn weder an das Element des Brotes bindet noch in das Brot einschließt, noch ihn (auf Erden) auf irgendeine Weise räumlich eingrenzt – denn es liegt auf der Hand, daß all dies seiner himmlischen Herrlichkeit Abbruch tut. Die Gegenwart Christi im Abendmahl dürfen wir uns ferner nicht so vorstellen, daß sie ihm seine Größe wegnimmt oder ihn an vielen Orten zugleich sein läßt oder ihm eine unermeßliche Weite andichtet, die sich über Himmel und Erde verstreut – denn dies steht im klaren Gegensatz zu der Echtheit seiner menschlichen Natur. Es bestehen hier also zwei einschränkende Forderungen, die wir uns nie und nimmer wegnehmen lassen wollen. Einerseits darf der himmlischen Herrlichkeit Christi kein Eintrag getan werden, wie es geschieht, wenn man ihn wieder unter die vergänglichen Elemente dieser Welt bringt oder ihn an irgendwelche irdischen Kreaturen bindet. Andererseits darf seinem Leibe nichts angedichtet werden, was der menschlichen Natur nicht entspricht: das geschieht, wenn man behauptet, er sei unbegrenzt, oder wenn man ihn an vielen Orten zugleich sein läßt.

 

Im übrigen nehme ich nach Behebung dieser Widersinnigkeiten alles bereitwillig an, was dazu dienen kann, das wahre und wesenhafte Teilhaben an dem Leibe und Blute des Herrn zum Ausdruck zu bringen, die unter den heiligen Merkzeichen des Abendmahls den Gläubigen dargeboten werden. Und das soll dergestalt geschehen, daß man es nicht so versteht, als ob die Gläubigen Christi Leib und Blut bloß in der Einbildung oder mit dem Begreifen ihres Verstandes erfaßten, sondern vielmehr so, daß sie diese tatsächlich als Speise zum ewigen Leben genießen.

 

Daß diese (meine) Meinung der Welt so verhaßt ist und daß ihre Verteidigung durch die unbilligen Urteile vieler Leute von vornherein unmöglich gemacht

wird, das hat seine Ursache nur darin, daß der Satan die Sinne solcher Menschen mit furchtbarer Zauberei betört hat. Auf jeden Fall stimmt das, was wir lehren, in allen Stücken aufs beste mit der Schrift überein, es enthält nichts Widersinniges nichts Dunkles und nichts Zweideutiges, es steht nicht im Gegensatz zu wahrer Frömmigkeit und wohlgegründeter Erbauung, und es trägt endlich auch nichts Ärgernis, erregendes in sich – nur ist eben einige Jahrhunderte lang, da in der Kirche die Unwissenheit und Unbildung der Klüglinge das Regiment führte, solch klares Licht und solche auf der Hand liegende Wahrheit jämmerlich unterdrückt worden. Da sich aber der Satan auch heute bemüht, diese Wahrheit durch unruhsüchtige Geister mit allen möglichen Schmähungen und Vorwürfen zu besudeln, und da er auf nichts anderes mit größerer Anstrengung versessen ist, so ist es angebracht, sie nachdrücklicher zu schützen und zu verteidigen.

 

Institutio – Tag 331

IV,17,15

 

Sie wären nun aber von den Gaukeleien des Satans nie und nimmer so jämmerlich angeführt worden, wenn sie nicht schon (zuvor) von jenem Irrtum bezaubert gewesen wären, der Leib Christi sei in das Brot eingeschlossen und werde dann mit dem leiblichen Munde in den Leib befördert. Die Ursache für diese grobe Einbildung bestand darin, daß die Weihe (Konsekration) bei ihnen ebensoviel bedeutete wie eine Zauberbeschwörung. Dabei war ihnen aber der Grundsatz verborgen, daß das Brot nur für solche Menschen ein Sakrament ist, an die sich das Wort richtet, wie sich auch das Wasser der Taufe nicht in sich verändert, sondern, sobald sich die Verheißung mit ihm verbindet, für uns etwas zu sein anfängt, was es zuvor nicht war.

 

Ich will ein ähnliches Sakrament als Beispiel nehmen; dann wird die Sache deutlicher werden. Das Wasser, das in der Wüste aus dem Felsen hervorfloß (Ex. 17,6), war für die Väter das Erkennungsmerkmal und Zeichen für die nämliche Sache, die uns der Wein im Abendmahl veranschaulicht. Denn Paulus lehrt, sie hätten (mit uns) „einerlei geistlichen Trank getrunken“ (1. Kor. 10,4). Dieses Wasser haben nun aber zusammen mit dem Volke auch seine Lasttiere und sein Vieh genossen. Daraus ergibt sich mit Leichtigkeit, daß bei den irdischen

Elementen, wenn sie zu geistlichem Gebrauch angewendet werden, keine andere Verwandlung stattfindet als mit Bezug auf die Menschen, insofern diese Elemente für sie ja Siegel der Verheißungen sind.

 

Und zudem: wenn es, wie ich nun zu mehreren Malen einschärfe, Gottes Absicht ist, uns mit geeigneten Mitteln zu sich emporzuheben, so machen das die Leute, die uns zwar zu Christus rufen, aber zu dem, der unsichtbar unter dem Brot verborgen liegen soll, mit ihrer Halsstarrigkeit gottlos zunichte. Es kann doch nicht geschehen (so meinten sie), daß sich der Geist des Menschen von dem unermeßlichen räumlichen Abstand freimacht und über die Himmel hinaus bis zu Christus dringt. Und was ihnen die Natur versagte, das haben sie dann mit einer noch schädlicheren Arznei zu bessern gesucht, damit wir auf Erden bleiben und dabei (doch) nicht die Nähe des himmlischen Christus entbehren. Man sehe: das ist also die Notwendigkeit, die sie dazu gezwungen hat, den Leib Christi in seiner Substanz sich verwandeln zu lassen!

 

Zur Zeit des Bernhard hatte sich zwar schon eine recht harte Redeweise durchgesetzt; aber die Transsubstantiation war noch nicht anerkannt. Und in allen Jahrhunderten zuvor war das Gleichnis in aller Munde, in diesem Sakrament sei die geistliche Sache mit Brot und Wein verbunden.

 

Was die Worte (Brot und Wein) betrifft (die doch gegen solche Verwandlung sprechen), so geben sie zwar nach ihrer Meinung scharfsinnige Antworten; aber sie bringen dabei nichts vor, was zu der Sache, die hier zur Verhandlung steht, paßte. So sagen sie: der Stab des Mose, der in eine Schlange verwandelt wurde, bekommt zwar den Namen „Schlange“, aber er behält trotzdem den früheren Namen bei und wird als „Stab“ bezeichnet (Ex. 4,3; 7,10). So ist es nach ihrer Meinung im gleichen Maße anzuerkennen, wenn das Brot, obwohl es in eine neue Substanz übergeht, doch im uneigentlichen Sinne, aber doch nicht ohne Sinn als das bezeichnet wird, was es vor Augen und dem Anschein nach ist (nämlich eben als Brot). Aber was für eine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft finden sie zwischen jenem Wunder, das doch bekannt ist, und ihrer ersonnenen Betrügerei, für die kein einziges Auge auf Erden Zeuge ist? (Die Sache war vielmehr so:) Die Zauberer trieben mit Gaukeleien ihr Spiel, um den Ägyptern die Überzeugung beizubringen, sie feien mit göttlicher Kraft ausgerüstet, um über die Ordnung der Natur hinaus die Kreaturen zu verwandeln. Da trat Mose auf, machte alle ihre Betrügereien zunichte und zeigte damit, daß die unüberwindliche Kraft Gottes auf seiner Seite stand, weil ja sein Stab allein alle übrigen verschlang (Ex. 7,12). Aber weil diese Verwandlung mit Augen sichtbar war, so hat sie, wie gesagt, mit unserer Sache hier nichts zu tun, auch kehrte der Stab kurze Zeit nachher in sichtbarer Weise wieder zu seiner Gestalt zurück (Ex. 7,15). Dazu kommt, daß man nicht weiß, ob jene zeitlich vorübergehende Verwandlung auch eine solche der Substanz gewesen ist. Auch muß man beachten, daß Mose (durch die Beibehaltung des Namens „Stab“) auf die Stäbe der Zauberer anspielt; denn der Prophet wollte diese Stäbe nicht als „Schlangen“ bezeichnen, um nicht den Eindruck zu erwecken, als deutete er eine Verwandlung an, die keine war; denn diese Gaukler hatten ja nichts anderes getan als die Augen der Zuschauer in Finsternis versetzt. Was besteht nun für eine Ähnlichkeit zwischen diesem Vorgang und den Worten über das Abendmahl? Ich nenne etwa: „Das Brot, das wir brechen …“ (1. Kor. 10,16), oder: „Sooft ihr von diesem Brot esset …“ (1. Kor. 11,26), oder: „Sie hatten Gemeinschaft im Brotbrechen …“ (Apg. 2,42; ungenau) – oder ähnliche Worte. Es ist doch sicher, daß durch die Beschwörung der Zauberer bloß die Augen betrogen worden sind. Was Mose betrifft, so ist die Sache nicht so deutlich: es war eben für Gott genau so leicht, durch seine Hand aus dem Stab eine Schlange und wiederum aus der Schlange einen Stab zu machen, als den Engeln fleischliche Leiber anzulegen und sie ihnen wieder auszu-

ziehen. Wenn es mit diesem Sakrament gleich oder ähnlich bestellt wäre, so hätte die Lösung dieser Leute einigen Schein für sich. (Das ist aber nicht der Fall.) Es muß also fest stehenbleiben: im Abendmahl wird uns nur dann in Wahrheit und sachentsprechend die Verheißung gegeben, daß Christi Fleisch (uns) wahrhaft zur Speise wird, wenn dieser Verheißung die wirkliche Substanz des äußeren Merkzeichens entspricht.

 

Aber es entsteht ja immer ein Irrtum aus dem anderen, und so hat man auch eine Stelle bei Jeremia dermaßen unsinnig verdreht, um die Transsubstantiation zu beweisen, daß es mich verdrießt, davon zu berichten. Der Prophet klagt, daß man in sein Brot Holz gelegt hat (Jer. 11,19; nach der lateinischen Übersetzung, der Vulgata), und damit deutet er an, daß durch das Wüten seiner Feinde sein Brot voll Bitternis geworden ist. Das ist so, wie auch David unter Benutzung des gleichen Bildes klagt, man habe ihm seine Speise mit Galle und sein Getränk mit Essig verdorben (Ps. 69,22). Unsere Widersacher aber geben der Stelle (bei Jeremia) eine sinnbildliche Deutung in der Weise, daß hier gesagt wäre, Christi Leib sei an das Holz des Kreuzes geheftet (und dann nach dieser Stelle in das Brot gelegt) worden. Aber, so entgegnen sie wohl, so haben doch auch einige von den Alten gedacht! Als ob es nicht besser wäre, ihnen ihre Unwissenheit zugute zu halten und ihre Schande zuzudecken, als noch eine Unverschämtheit zuzufügen, so daß die Alten nun gezwungen werden, mit dem ursprünglichen Sinn des Prophetenworts feindselig aneinanderzugeraten.

 

 

 

IV,17,16

 

Es gibt andere, die sehen, daß man das Entsprechungsverhältnis von Zeichen und bezeichneter Sache nicht zerstören kann, ohne daß damit die Wahrheit des Sakraments zusammenbricht, und die deshalb zugeben, daß das Brot im Abendmahl in Wahrheit die Substanz eines irdischen und vergänglichen Elements ist und keinerlei Verwandlung an sich erfährt, aber (und das ist der entscheidende Punkt) den Leib Christi „unter“ (in) sich eingeschlossen hat.

 

Es könnte nun sein, daß sie ihre Meinung so auslegten: wenn das Brot im Sakrament dargereicht wird, so ist damit die Darbietung des Leibes Christi unmittelbar verbunden, weil das Zeichen die in ihm dargestellte Wahrheit unabtrennbar bei sich hat. Wäre es so, dann würde ich keinen wesentlichen Streit erheben.

 

Tatsächlich aber denken sie den Leib selber im Brote räumlich anwesend und dichten ihm dabei eine Allgegenwärtigkeit an, die mit seiner Natur im Widerspruch steht, auch fügen sie die Wörtlein „Unter dem Brote“ hinzu und wollen damit zeigen, der Leib liege unter dem Brote verborgen. Weil es so steht, darum ist es vonnöten, solche Verschlagenheiten ein wenig aus ihren Schlupfwinkeln hervorzuziehen. Ich habe nun hier noch nicht im Sinne, diese ganze Angelegenheit als eigentliches Thema zu behandeln, sondern ich möchte nur zu der Auseinandersetzung, die bald an dem für sie vorgesehenen Orte folgen wird, die Fundamente legen. Sie wollen also, daß der Leib Christi unsichtbar und unermeßlich (d.h. unräumlich) sei, damit er unter dem Brote verborgen liege; denn sie glauben nicht anders mit ihm Gemeinschaft haben zu können, als wenn er in das Brot herniedersteigt. Die Art solchen Herniedersteigens aber, vermöge deren er uns zu sich in die Höhe hebt, begreifen sie nicht. Sie benutzen alle möglichen Scheinfarben als Vorwand; aber wenn sie alles ausgesprochen haben, so wird genugsam augenscheinlich, daß sie auf einer räumlichen Gegenwart Christi bestehen. Woher kommt das nun? Sie können sich eben kein anderes Teilhaben an seinem Fleisch und Blut vorstellen als ein solches, das in räumlicher Verbindung und Berührung oder

in irgendeiner groben Einschließung (des Leibes Christi in das Brot) besteht.

Institutio – Tag 330

IV,17,11

 

Ich behaupte also – und so hat man es in der Kirche allezeit angenommen, ebenso lehren es auch heute alle, die der rechten Meinung sind –, daß das heilige Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls aus zwei Dingen besteht: aus leiblichen Zeichen, die uns vor Augen gestellt werden und uns unsichtbare Dinge nach dem

Auffassungsvermögen unserer Schwachheit veranschaulichen, und der geistlichen Wahrheit, die durch die Merkzeichen selbst zugleich abgebildet und dargeboten wird.

 

Wenn ich nun auf leichtfaßliche Weise zeigen will, von welcher Art diese Wahrheit ist, so pflege ich dreierlei aufzustellen: die Bedeutung (significatio), die zugrunde liegende Ursache (materia), die davon abhängt, und die Kraft oder Wirkung, die sich aus beiden ergibt. Die „Bedeutung“ liegt in den Verheißungen, die gewissermaßen in das Zeichen eingehüllt sind. Als zugrundeliegende Ursache oder „Substanz“ bezeichne ich Christus mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Unter der Wirkung aber verstehe ich die Erlösung, die Gerechtigkeit, die Heiligung, das ewige Leben und all die anderen Wohltaten, die uns Christus schafft.

 

Und weiter: all dies bezieht sich allerdings auf den Glauben; aber trotzdem gebe ich der Lästerung keinen Raum, als ob ich mit dem Satz, daß Christus im Glauben ergriffen wird, etwa meinte, er würde bloß mit dem Verstand oder der Einbildung erfaßt. Wenn ihn nämlich die Verheißungen anbieten, so geschieht das nicht, damit wir beim Anschauen oder bei einer bloßen Erkenntnis hängenbleiben, sondern damit wir des wahren Anteilhabens an ihm genießen. Und ich sehe wirklich nicht, wieso jemand die Zuversicht haben will, in Christi Kreuz die Erlösung und Gerechtigkeit und in seinem Tode das Leben zu haben, ohne vor allem auf die wahre Gemeinschaft mit Christus selbst sein Vertrauen zu setzen. Denn alle diese Güter kämen nicht zu uns hin, wenn sich uns Christus nicht zuvor zu eigen gäbe.

 

Ich behaupte also, daß uns im Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls durch die Merkzeichen Brot und Wein Christus in Wahrheit dargeboten wird und damit auch sein Leib und Blut, in welchen er allen Gehorsam erfüllt hat, um uns die Gerechtigkeit zu erwerben. Und das geschieht, damit wir erstens mit ihm zu einem Leibe zusammenwachsen und zweitens, seiner Substanz teilhaftig geworden, auch seine Kraft erfahren, indem wir an allen seinen Gütern teilhaben.

 

 

 

IV,17,12

 

Jetzt gehe ich zu den übertriebenen Vermengungen über, die der Aberglaube aufgebracht hat. Denn hier hat der Satan in erstaunlicher Arglist sein Spiel getrieben, um den Geist der Menschen vom Himmel wegzuziehen und sie mit dem verdrehten Irrtum zu erfüllen, als ob Christus an das Element des Brotes gebunden sei.

 

Zunächst dürfen wir uns nun die Gegenwart Christi im Sakrament in keiner Weise so zusammenträumen, wie sie sich die Kunstmeister des römischen Hofes erdacht haben, als ob Christi Leib in räumlicher Gegenwärtigkeit hingestellt würde, damit wir ihn mit unseren Händen betasteten, mit unseren Zähnen zerdrückten und mit unserem Munde verschluckten. Denn das ist der Inhalt der Widerrufsformel, die der Papst Nikolaus (II.) dem Berengar (von Tours) diktierte, damit sie als Zeuge seiner Bußfertigkeit diente; und das geschah mit derart ungeheuerlichen Worten, daß der Verfasser der Randbemerkungen (zum Decretum Gratiani) ausruft, es bestehe die Gefahr, daß die Leser, wenn sie nicht vorsichtig auf ihrer Hut seien, daraus eine schlimmere Ketzerei entnähmen, als es die des Berengar gewesen sei (Decretum Gratiani III,2,42; Glosse zum Decretum Gratiani zur nämlichen Stelle). Und Petrus Lombardus gibt sich zwar große Mühe, diesen Widersinn zu beschönigen, neigt aber trotzdem mehr zu einer abweichenden Ansicht.

 

Denn wir sind nun einerseits fest überzeugt, daß der Leib Christi nach der ständigen Art des menschlichen Leibes begrenzt ist und vom Himmel umschlossen wird (vgl. Apg. 3,21), in den er einmal aufgenommen ist, bis er wiederkommt, um Gericht zu halten; und deshalb halten wir es andererseits für völlig unstatthaft, ihn

wieder unter diese vergänglichen Elemente herabzuziehen oder sich einzubilden, er sei allenthalben gegenwärtig.

 

Das ist aber auch in der Tat nicht notwendig, damit wir des Anteilhabens an ihm genießen können: denn der Herr gewährt uns durch seinen Geist die Wohltat, daß wir nach Leib, Geist und Seele mit ihm eins werden. Das Band dieser Verbindung ist also der Geist Christi: er ist die Verknüpfung, durch die wir mit ihm verbunden werden, und er ist gleichsam ein Kanal, durch den alles, was Christus selber ist und hat, zu uns geleitet wird (Chrysostomus in einer Predigt über den Heiligen Geist). Wenn wir nämlich sehen, wie die Sonne mit ihren Strahlen auf die Erde scheint und gewissermaßen, um ihre Sprößlinge zu zeugen, zu nähren und zu beleben, ihre Substanz auf sie übergehen läßt – weshalb sollten dann die Strahlen des Geistes Christi von geringerem Vermögen sein, um uns die Gemeinschaft mit seinem Fleisch und Blut zuzutragen? Daher kommt es, daß die Schrift, wo sie von unserem Teilhaben an Christus redet, dessen gesamte Kraft auf den Heiligen Geist zurückführt. Statt vieler Stellen mag es genügen, eine einzige zu nennen. Paulus spricht nämlich im achten Kapitel seines Briefes an die Römer davon, daß Christus nicht anders als durch seinen Geist in uns wohnt (Röm. 8,9); aber damit hebt er doch jene Gemeinschaft mit Fleisch und Blut Christi, von der hier die Rede ist, nicht etwa auf, sondern er lehrt, daß es durch den Geist allein dazu kommt, daß wir den ganzen Christus besitzen und als den haben, der in uns bleibt.

 

 

 

IV,17,13

 

Bescheidener äußern sich solche Schultheologen, die in der Abscheu gegen solch barbarische Gottlosigkeit befangen sind. Aber auch sie tun trotzdem nichts anderes, als daß sie mit feineren Gaukeleien ihr Spiel treiben. Sie geben zu, daß Christus nicht im räumlichen Sinne oder auf leibliche Weise im Sakrament enthalten sei; aber dann erdenken sie sich einen Gedankengang, den sie weder selbst begreifen noch anderen begreiflich machen können, und der geht dann doch darauf hinaus, daß man Christus in der Gestalt (species) des Brotes sucht, wie sie es nennen. Wieso nun? Sie behaupten, die Substanz des Brotes werde in Christus verwandelt – binden sie ihn damit nicht an die weiße Farbe, die nun nach ihrer Meinung allein (von dem Brote) übrigbleibt? Aber, so sagen sie, er ist in der Weise im Sakrament enthalten, daß er doch zugleich im Himmel verbleibt, und wir behaupten keine andere Gegenwärtigkeit als die der sinnlichen Beschaffenheit. Aber was für Wörter sie nun auch zum Vorwand nehmen mögen, um ihrer Sache einen schönen Schein zu geben, so ist doch das Ziel bei allen dies, daß etwas, was zuvor Brot war, durch die Weihe (consecratio) nun Christus wird, so daß sich Christus nun weiter unter dieser Farbe des Brotes verbirgt. Sie schämen sich auch nicht, diese Meinung ausdrücklich auszusprechen. Denn der Lombarde erklärt wörtlich, der Leib Christi, der an und für sich sichtbar sei, liege nach Vollzug der Weihe unter der Gestalt des Brotes verborgen und werde von ihr überdeckt (Sentenzen IV,10,2). So ist also das Abbild jenes Brotes nichts anderes als eine Larve, die unseren Augen den Anblick des Fleisches entziehen soll. Es sind aber auch nicht viele Vermutungen vonnöten, damit wir herausbekommen, was für trügerische Anschläge sie mit diesen Worten haben bereiten wollen; denn die Tatsachen selber reden klar und deutlich. Denn es liegt vor Augen, in was für einem großen Aberglauben schon manche Jahrhunderte lang nicht nur die große Menge der Menschen, sondern auch die führenden Männer gesteckt haben, ja, auch heute noch unter den papistischen Kirchen stecken. Denn um den wahren Glauben, durch den allein wir zu der Gemeinschaft mit Christus kommen und mit Christus verbunden

sind, haben sie sich wenig Sorge gemacht, aber unterdessen meinen sie Christus genugsam gegenwärtig zu haben, wenn sie nur seine fleischliche Gegenwart besitzen, die sie sich außerhalb des Wortes ausgeklügelt haben. Daher sehen wir wie bei dieser scharfsinnigen Spitzfindigkeit im wesentlichen soviel herausgekommen ist, daß man das Brot für Gott hält!

 

 

 

IV,17,14

 

Daraus ist dann jene erdachte „Transsubstantiation“ (Substanzwandlung) entsprungen, für die sie heutzutage heftiger streiten als für alle anderen Hauptstücke ihres Glaubens. Die ersten Baumeister der räumlichen Gegenwärtigkeit (Christi im Sakrament) konnten sich eben nicht aus der Frage herauswinden, wieso denn Christi Leib mit der Substanz des Brotes vermischt sein könnte, ohne daß sofort zahlreiche Widersinnigkeiten aufträten. Es erwies sich also als notwendig, zu der selbsterdachten Auskunft seine Zuflucht zu nehmen, es geschähe (bei dem Abendmahl) eine Verwandlung („Wandlung“) des Brotes in den Leib (Christi) – nicht, daß im eigentlichen Sinn aus dem Brot der Leib würde, sondern dergestalt, daß Christus die Gestalt des Brotes zunichte machte, um sich unter dem Bild desselben zu verbergen.

 

Es ist aber doch verwunderlich, daß sie in eine derartige Unwissenheit, ja, Stumpfheit verfallen sind, daß sie gegen den Widerspruch nicht allein der Schrift, sondern auch der einhelligen Überzeugung der Alten Kirche diese Ungeheuerlichkeit vorgebracht haben.

 

Ich gebe allerdings zu, daß einige unter den alten Kirchenlehrern den Ausdruck „Verwandlung“ zuweilen angewandt haben, und zwar nicht, weil sie die Absicht gehabt hätten, bei den äußeren Zeichen die Substanz abzuschaffen, sondern weil sie lehren wollten, wie das für das Geheimnis (Sakrament) geweihte Brot bei weitem von dem gewöhnlichen unterschieden sei und bereits etwas anderes darstelle. Alle aber erklären sie allenthalben klar und deutlich, daß das Heilige Abendmahl aus zwei Stücken besteht, einem irdischen und einem himmlischen, und unter dem irdischen verstehen sie unstreitig Brot und Wein.

 

Was die Römischen aber auch schwatzen mögen, so liegt es jedenfalls auf der Hand, daß ihnen der Beistand der Alten Kirche, den sie oftmals dem klaren Worte Gottes entgegenzustellen sich erdreisten, bei der Bekräftigung dieser Lehre abgeht. Auch ist diese Lehre ja nicht eben vor sehr langer Zeit ausgedacht worden; sie ist jedenfalls nicht nur jenen besseren Zeiten unbekannt, in denen noch eine reinere Lehre der Religion in Kraft stand, sondern auch jenen Zeiten, in denen diese Reinheit bereits einigermaßen besudelt war. Unter den alten Kirchenlehrern befindet sich keiner, der nicht mit ausdrücklichen Worten zugäbe, daß die heiligen Merkzeichen des Abendmahls Brot und Wein sind, obwohl sie sie, wie gesagt, zuweilen mit verschiedenartigen (schmückenden) Beiwörtern auszeichnen, um die Würde des Sakraments zu preisen. Denn wenn sie sagen, in der Weihe vollzöge sich eine verborgene Verwandlung, so daß nun etwas anderes da sei als Brot und Wein, so geben sie damit, wie ich bereits bemerkte, nicht etwa zu verstehen, daß diese Elemente zunichte gemacht würden, sondern vielmehr dies, daß sie nun anders angesehen werden müßten als gewöhnliche Nahrungsmittel, die bloß dazu bestimmt sind, den Leib zu speisen, und zwar darum, weil uns in ihnen ja die geistliche Speise und der geistliche Trank der Seele dargeboten werden. Das bestreiten auch wir nicht.

 

Wenn nun aber eine Verwandlung eintritt, so sagen sie, so muß eben notwendig eins aus dem anderen entstehen. Wenn sie darunter verstehen, daß es etwas wird, was es vorher nicht war, so sage ich Ja. Wollen sie es aber auf ihre Phantasterei beziehen, so sollen sie mir Antwort geben, was für eine Verwandlung denn nach ihrer Meinung bei der Taufe eintritt. Denn auch dabei stellen die Kirchenväter eine wundersame Verwandlung fest, indem sie behaupten, aus dem vergäng-

lichen Element werde das geistliche Bad der Seele, wobei jedoch keiner bestreitet, daß das Wasser Wasser bleibt. Aber, so sagen sie, bei der Taufe finden wir doch nichts von der Art wie das Wort beim Abendmahl: „Das ist mein Leib.“ Als ob es sich hier um jene Worte handelte, die einen genügend deutlichen Sinn haben, und nicht vielmehr um den Ausdruck „Verwandlung“, der beim Abendmahl keine größere Bedeutung haben darf als bei der Taufe. Sie sollen sich also mit solcher Silbenhascherei davonmachen, mit der sie nichts anderes an den Tag bringen als ihre Unkenntnis!

 

Auch würde die Bedeutung (des Zeichens) nicht passen, wofern nicht die Wahrheit, die in Brot und Wein veranschaulicht wird, in dem äußeren Zeichen einen lebendigen Ausdruck fände. Christus hat mit einem äußeren Merkzeichen bezeugen wollen, daß sein Fleisch eine Speise ist; wenn er uns nun bloß ein eitles Gespenst von Brot, nicht aber wirkliches Brot vorsetzte – wo bliebe dann jenes Entsprechungsverhältnis oder jene Ähnlichkeit, die uns von der sichtbaren Sache zur unsichtbaren führen soll? Damit nämlich alles zusammenpaßte, würde sich unter solchen Umständen die Bedeutung nicht weiter erstrecken, als daß wir durch die „Gestalt“ des Fleisches Christi gespeist würden! Ebenso steht es bei der Taufe: wenn da bloß ein Bild von Wasser wäre und unsere Augen täuschte, dann wäre die Taufe für uns kein gewisses Unterpfand unserer Reinwaschung, ja, es würde uns durch solchen trügerischen Augenschein Anlaß zum Schwanken geben. Das Wesen des Sakraments wird also zunichte gemacht, wenn nicht das irdische Zeichen in der Art der zeichenhaften Veranschaulichung der himmlischen Sache entspricht. Und daher geht also die Wahrheit dieses Geheimnisses verloren, wenn nicht das wahre Brot den wahren Leib Christi vergegenwärtigt. Ich wiederhole es noch einmal: das Abendmahl ist nichts anderes als die sichtbare Bezeugung der Verheißung, die sich im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums findet, nämlich daß Christus das Brot des Lebens ist, das vom Himmel herabgekommen ist (Joh. 6,46.51); soll also dieses geistliche Brot veranschaulicht werden, so muß notwendig sichtbares Brot dazwischentreten, wofern wir nicht wollen, daß uns alle Frucht verlorengeht, die Gott in diesem Stück zur Unterstützung unserer Schwachheit gewährt. Paulus sagt, wir alle, die wir miteinander eines Brotes teilhaftig sind, seien ein Brot und ein Leib (1. Kor. 10,17); in welcher Weise sollte er nun zu diesem Schluß kommen können, wenn uns bloß ein Gespenst von Brot bliebe und nicht vielmehr die natürliche Wirklichkeit?

Institutio – Tag 329

IV,17,7

 

Weiter befriedigen mich auch die nicht, die zwar anerkennen, daß wir mit Christus einige Gemeinschaft haben, uns aber dann, wenn sie diese Gemeinschaft aufweisen wollen, nur seines Geistes teilhaftig sein lassen und dabei des Fleisches und Blutes keinerlei Erwähnung tun. Als ob es alles umsonst gesagt wäre, wenn es heißt, sein Fleisch sei in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank (Joh. 6,55), und nur der habe das Leben, der dieses Fleisch äße und dieses Blut trinke (Joh. 6,53)! Daneben stehen auch noch andere Aussagen dieser Art.

Wenn es daher feststeht, daß die vollgültige Gemeinschaft mit Christus über die Beschreibung dieser Leute, die eben viel zu eng gefaßt ist, hinausgeht, so will ich mich daranmachen, mit wenigen Worten anzudeuten, wie weit sie geht und sich ausdehnt, und dann erst will ich auf den entgegengesetzten Fehler eingehen, der darin besteht, daß man jene Beschreibung zu weit spannt. Denn ich werde eine längere Auseinandersetzung mit solchen Lehrern haben müssen, die die Dinge zu weit treiben: sie erdenken sich in ihrer Unkundigkeit eine widersinnige Art und Weise solchen Essens und Trinkens, und dadurch kommt es dann auch dazu, daß sie Christus seines Fleisches berauben und ihn in ein Gespenst verwandeln.

 

Das alles aber geht (eigentlich) nur, wenn es möglich ist, dies große Geheimnis mit irgendwelchen Worten zu erfassen – ich sehe aber, daß ich es nicht einmal mit dem Herzen genugsam begreife, und ich gebe das auch gern zu, damit nicht jemand seine Erhabenheit nach dem geringen Maß meines kindlichen Stammelns bemißt. Ja, ich fordere die Leser vielmehr auf, das Empfinden ihres Verstandes nicht in dieser gar zu engen Grenze zu halten, sondern danach zu streben, daß sie höher emporsteigen, als sie es unter meiner Anleitung vermögen. Denn es geht mir selbst so: allemal, wenn von dieser Sache die Rede ist, dann meine ich, nachdem ich alles zu sagen versucht habe, ich hätte im Vergleich zur Würde der Sache noch gar wenig gesagt. Und obgleich der Geist mit seinem Nachdenken mehr erreicht als die Zunge mit ihrem Ausdruck, so wird doch auch er von der Größe der Sache überwunden und überrannt. Daher bleibt endlich nichts anderes übrig, als daß ich in die Bewunderung dieses Geheimnisses ausbreche, das weder mein Verstand völlig zu bedenken noch meine Zunge darzulegen imstande sein kann. Dennoch will ich den Hauptinhalt meiner Meinung, so gut es immer gehen mag, auseinandersetzen; denn ich zweifle nicht daran, daß sie wahr ist, und bin deshalb auch der Zuversicht, daß sie von frommen Herzen nicht verworfen werden wird.

 

 

 

IV,17,8

 

Vor allem anderen werden wir aus der Schrift gelehrt, daß Christus seit Anbeginn das lebendigmachende Wort des Vaters (Joh. 1,1), der Brunnen und Ursprung des Lebens gewesen ist, von dem alles je und je das Leben empfangen hat. Daher kommt es, daß Johannes ihn bald „das Wort des Lebens“ nennt (1. Joh. 1,1f.), bald auch schreibt, daß „in ihm das Leben“ gewesen sei (Joh. 1,4): damit gibt er zu verstehen, daß Christus auch dazumal alle Kreaturen durchdrungen und ihnen die Kraft zum Atmen und Leben eingegeben hat.

 

Der nämliche Johannes setzt aber dann hernach hinzu, daß uns das Leben erst da offenbart worden ist, als der Sohn Gottes unser Fleisch annahm und sich von unseren Augen sehen und von unseren Händen betasten ließ (1. Joh. 1,2; Joh. 1,14). Denn er ließ freilich auch zuvor seine Kraft auf die Kreaturen überströmen; aber der Mensch war ja durch die Sünde von Gott entfremdet, er war des Anteilhabens am Leben verlustig gegangen und sah nun, wie ihm von allen Seiten der Tod drohte; damit er also die Hoffnung auf die Unsterblichkeit wiedererlangte, mußte er in die Gemeinschaft mit diesem Wort aufgenommen werden. Denn was für Zuversicht würdest du wohl daraus schöpfen, wenn du zwar vernähmest, daß Gottes Wort, von dem du aber so weit entfernt wärest wie nur möglich, die Fülle des Lebens in sich beschließt – in dir selber aber und rings um dich herum dir nichts begegnete und nichts vor die Augen träte als der Tod? Aber seitdem dieser Brunnen des Lebens in unserem Fleisch zu wohnen angefangen hat, liegt er nun nicht mehr fern für uns verborgen, sondern ist uns nahe und bietet sich uns dar, daß wir an ihm teilhaben können! Ja, er läßt auch das Fleisch, in dem er wohnt, für uns lebendigmachend sein, daß wir durch das Teilhaben an ihm zur Unsterblichkeit gespeist werden. „Ich bin“, sagt er, „das Brot des Lebens, vom Himmel gekommen … Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh. 6,51; vgl. Joh. 6,48). Mit diesen Worten lehrt er, daß er nicht nur insofern

das Leben ist, als er Gottes ewiges Wort ist, das vom Himmel zu uns herniederstieg, sondern daß er durch sein Herniederkommen jene Kraft in das Fleisch ergossen hat, das er annahm, damit uns aus ihm das Teilhaben am Leben zufließe.

 

Daraus ergibt sich dann auch dies, daß sein Fleisch in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank ist (Joh. 6,55) und die Gläubigen durch solche Nahrung zum ewigen Leben genährt werden. Ein herrlicher Trost liegt für die Frommen also darin, daß sie nun in ihrem eigenen Fleische das Leben finden. Denn damit dringen sie nicht nur in leichtem Zugang zu ihm hin, sondern es liegt frei vor ihnen und kommt ihnen entgegen. Sie brauchen nur den Busen ihres Herzens zu öffnen, um es als gegenwärtig zu empfangen, dann werden sie es erhalten!

 

 

 

IV,17,9

 

Allerdings hat Christi Fleisch nicht aus sich selbst heraus soviel Kraft, um uns lebendig zu machen; denn es war in seinem früheren Zustande der Sterblichkeit unterworfen, und jetzt, wo es mit Unsterblichkeit begabt ist, lebt es nicht aus sich selbst. Aber es wird trotzdem mit Recht als „lebendigmachend“ bezeichnet, weil es mit der Fülle des Lebens durchdrungen ist, um sie auf uns übergehen zu lassen. In diesem Sinne lege ich mit Cyrill das Wort Christi aus: „Wie der Vater das Leben hat in ihm selber, also hat er dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in ihm selber“ (Joh. 5,26). Denn an dieser Stelle geht Christus im eigentlichen Sinne auf seine Gaben ein, und zwar nicht auf die, welche er seit Anbeginn bei dem Vater besaß, sondern auf jene, mit denen er eben in dem Fleische geziert wurde, in dem er erschienen ist. Er zeigt also, daß auch in seiner menschlichen Natur die Fülle des Lebens wohnt: es soll eben jeder, der an seinem Fleisch und Blut teilhat, zugleich des Lebens teilhaftig sein.

 

In welcher Weise das geschieht, möchte ich mit einem bekannten Beispiel darlegen. Aus einem Brunnen wird das Wasser bald getrunken, bald geschöpft, bald durch Kanäle zur Bewässerung von Ackerland abgeleitet; trotzdem liegt es nicht an dem Brunnen selbst, daß er zu so vielerlei Nutzbrauch sein Wasser überströmen läßt, sondern an der Quelle, die ihm in fortwährendem Fließen immer wieder neue Ströme darreicht und zukommen läßt. Genau ebenso ist Christi Fleisch wie ein reicher, unerschöpflicher Brunnen, der das Leben, das aus der Gottheit (der „göttlichen Natur“) zu ihm hinüberquillt, zu uns überströmen läßt. Wer merkt nun noch nicht, daß die Gemeinschaft an Christi Fleisch und Blut für alle, die nach dem himmlischen Leben streben, unerläßlich ist?

 

Hierauf beziehen sich auch zahlreiche Aussagen des Apostels. So das Wort, daß die Kirche der „Leib“ Christi und seine „Fülle“ ist, er selber aber „das Haupt“ (Eph. 1,22f.), „von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke …, daß der Leib wächst“ (Eph. 4,16). Oder auch das andere, daß unsere „Leiber Christi Glieder sind“ (1. Kor. 6,15). Wir verstehen, daß dies nicht anders geschehen kann als dadurch, daß er ganz, mit Geist und Leib, mit uns verbunden ist. Aber diese unlösbar enge Gemeinschaft, in der wir mit Christi Fleisch verbunden werden, hat der Apostel noch mit einem köstlicheren Lobpreis verherrlicht, indem er sagte: „Wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein“ (Eph. 5,30). Und um schließlich zu bezeugen, daß diese Sache größer ist als alle erdenklichen Worte, beschließt er seine Rede mit dem Ausruf: „Das Geheimnis ist groß“ (Eph. 5,32). Es würde also von äußerstem Aberwitz zeugen, wenn man keine Gemeinschaft der Gläubigen mit Fleisch und Blut des Herrn anerkennen wollte, wo doch der Apostel erklärt, daß sie so groß ist, daß er sie lieber bewundern als darlegen will.

 

IV,17,10

 

Zusammenfassend sei gesagt: unsere Seelen werden mit dem Fleisch und Blut Christi nicht anders genährt, als wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten und fördern. Denn das Entsprechungsverhältnis, das bei dem Zeichen (in seiner Beziehung zur Sache) besteht, würde nicht passen, wenn die Seelen nicht ihre Speise in Christus fänden. Und das kann nicht geschehen, wenn Christus nicht in Wahrheit mit uns in eins zusammenwächst und uns durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes erquickt.

 

Es mag allerdings wohl unglaublich erscheinen, daß Christi Fleisch bei so großer räumlicher Entfernung zu uns dringen kann, um uns zur Speise zu werden; aber wir wollen bedenken, wie weit die verborgene Kraft des Heiligen Geistes über alle unsere Sinne hinausragt, und wie töricht es wäre, ihre Unermeßlichkeit nach unserem Maß messen zu wollen. Was also unser Verstand nicht begreift, das soll der Glaube erfassen: was räumlich getrennt ist, das wird vom Heiligen Geist in Wahrheit geeint.

 

Jenes heilige Teilhaben an seinem Fleisch und Blut nun, in dem Christus sein Leben auf uns überströmen läßt, wie wenn es uns in Mark und Bein dränge, – das bezeugt und versiegelt er auch im Abendmahl, und zwar nicht durch vorhalten eines eitlen und leeren Zeichens, sondern indem er die Wirkkraft seines Geistes dabei ans Licht bringt, um mit ihr das, was er verheißt, in Erfüllung gehen zu lassen. Und es ist zweifellos so, daß er die Sache, die darin als in einem Zeichen veranschaulicht wird, allen darbietet und vor Augen stellt, die sich zu jenem geistlichen Mahl niederlassen, obgleich sie allein von den Gläubigen mit Frucht empfangen wird, die solche große Freundlichkeit in wahrem Glauben und mit herzlicher Dankbarkeit annehmen.

 

In diesem Sinne hat der Apostel gesagt, „das Brot, das wir brechen“, sei „die Gemeinschaft des Leibes Christi“, und „der Kelch, welchen wir“ mit Wort und Gebet dazu „segnen“, sei „die Gemeinschaft des Blutes Christi“ (1. Kor. 10,16). Es besteht auch kein Anlaß dazu, daß irgendwer den Einwand macht, das sei hier eine bildliche Redeweise, in welcher der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache auf das Zeichen selbst übertragen würde. Ich gebe allerdings zu, daß das Brechen des Brotes ein Merkzeichen ist und nicht die Sache selbst. Aber wenn wir das feststellen, so können wir doch daraus, daß uns das Zeichen dargegeben wird, mit Recht den Schluß ziehen, daß uns auch die Sache gewährt wird. Denn wenn einer Gott nicht lügenhaft nennen will, so wird er sich nie und nimmer erdreisten, die Behauptung aufzustellen, es würde uns von ihm ein eitles Merkzeichen vorgehalten. Wenn also der Herr durch das Brechen des Brotes in Wahrheit das Teilhaben an seinem Leibe veranschaulicht, so darf es durchaus nicht in Zweifel gezogen werden, daß er uns dies auch in Wahrheit gewährt und dargibt. Und es müssen überhaupt alle Gläubigen die Regel festhalten, daß sie allemal, wenn sie die Merkzeichen sehen, die der Herr eingesetzt hat, auch gewißlich dafürhalten und überzeugt sein sollen, daß darin auch die Wahrheit der im Zeichen dargestellten Sache gegenwärtig sei. Weshalb gibt dir denn der Herr anders das Merkzeichen seines Leibes in die Hand, als um dich des wahren Teilhabens an ihm zu vergewissern? Wenn es nun wahr ist, daß uns das sichtbare Zeichen dargeboten wird, um die Schenkung der unsichtbaren Sache zu versiegeln, so sollen wir, wenn wir das Merkzeichen des Leibes Christi empfangen haben, die feste Zuversicht in uns tragen, daß uns nicht weniger auch der Leib selbst gegeben wird.

Institutio – Tag 328

IV,17,4

 

Die wichtigste Aufgabe dieses Sakraments ist also nicht, uns Christi Leib schlechtweg und ohne tiefere Erwägung darzureichen, sondern sie besteht vielmehr darin, uns jene Verheißung, in der er bezeugt, daß sein Fleisch in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank ist (Joh. 6,55), wodurch wir zum ewigen Leben gespeist werden, jene Verheißung, in der er erklärt, daß er „das Brot des Lebens“ ist (Joh. 6,48), und daß, wer von diesem Brot isset, nicht sterben wird in Ewigkeit (Joh. 6,51) – ich sage: uns jene Verheißung zu versiegeln und zu bekräftigen und uns, damit dies geschehe, zu Christi Kreuz zu führen, wo sie in Wahrheit eingelöst und in vollem Maße in Erfüllung gegangen ist. Denn nur als der Gekreuzigte kann Christus rechtmäßig und heilbringend unsere Speise sein, indem wir die Wirkkraft seines Todes mit lebendigem Empfinden erfassen. Denn wenn er sich „das Brot des Lebens“ nannte (Joh. 6,48), so entnahm er diese Selbstbezeichnung nicht dem Sakrament, wie es manche verkehrt auslegen. Nein, er hat sich so genannt, weil er uns als das Brot des Lebens vom Vater gegeben war und auch als solches sich erwiesen hat, indem er unserer menschlichen Sterblichkeit teilhaftig wurde und uns dadurch zu Mitgenossen seiner göttlichen Unsterblichkeit machte, indem er sich selbst zum Opfer darbrachte und dadurch unsere Verdammnis auf sich nahm, um uns mit seinem Segen zu durchdringen, indem er mit seinem Tod den Tod verschlang und zunichte machte, und indem er in seiner Auferstehung dies unser vergängliches Fleisch, das er angezogen hatte, zu Herrlichkeit und unvergänglichem Wesen erweckte.

 

 

 

IV,17,5

 

Nun muß dies aber auch noch alles uns angepaßt werden und dadurch zu uns dringen; das geschieht einerseits durch das Evangelium, anderseits aber noch deutlicher durch das heilige Abendmahl, in dem er sich selbst mit allen seinen Gütern darbietet und wir ihn im Glauben empfangen. Das Sakrament hat also nicht die Wirkung, daß Christus mit ihm erst anfinge, das Brot des Lebens zu sein; nein, es ruft es uns ins Gedächtnis, daß er zum Brot des Lebens geworden ist, das uns fort und fort Speise geben soll, es gewährt uns ein Kosten und Schmecken dieses Brotes, und indem es das tut, bewirkt es, daß wir die Kraft jenes Brotes erfahren. Denn es gibt uns die Verheißung, daß alles, was Christus getan oder gelitten hat, dazu geschehen ist, uns lebendig zu machen. Und weiter sagt es uns zu, daß diese Lebendigmachung, vermöge deren wir ohne Ende in solchem Leben ernährt, erhalten und bewahrt werden sollen, ewig ist. Denn wie Christus nicht das Brot des Lebens für uns gewesen wäre, wenn er nicht für uns geboren und gestorben und wenn er nicht für uns auferstanden wäre, so wäre er es anderseits jetzt durchaus nicht, wenn nicht die Wirkkraft und Frucht seiner Geburt, seines Todes und seiner Auferstehung eine ewige und unsterbliche Sache

wäre. Das alles hat Christus treffend zum Ausdruck gebracht, indem er spricht: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh. 6,51). Mit diesen Worten hat er zweifellos zu verstehen gegeben, daß sein Leib uns deshalb zum Brote für das geistliche Leben der Seele würde, weil er zu unserem Heil in den Tod gegeben werden sollte, und uns zum Essen dargereicht würde, wenn er uns seiner im Glauben teilhaftig machte. Er hat also einmal seinen Leib gegeben, daß er zum Brote würde, und zwar, als er ihn zur Erlösung der Welt an das Kreuz dahingab, und er gibt ihn (andererseits auch) Tag für Tag, indem er uns ihn, so wie er gekreuzigt worden ist, im Worte des Evangeliums darbietet, daß wir seiner teilhaftig werden, er gibt ihn, wo er solch Darbieten in dem heiligen Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls versiegelt, und er gibt ihn, indem er das, was er äußerlich im Zeichen veranschaulicht, im Inneren zur Erfüllung bringt.

 

Wir müssen uns nun hier vor zwei Fehlern hüten: einerseits dürfen wir nicht allzuviel Gewicht darauf legen, die Zeichen in ihrem Wert zu verkleinern, und dadurch den Eindruck erwecken, als wollten wir sie von den in ihnen veranschaulichten Geheimnissen losreißen, an die sie doch gewissermaßen angefügt sind; und andererseits dürfen wir nicht maßlos darauf bedacht sein, sie zu erheben, und uns dadurch den Anschein geben, als verdunkelten wir unterdessen auch einigermaßen die Geheimnisse selbst.

 

Es ist keiner, er sei denn voll und ganz ohne Religion, der nicht zugäbe, daß Christus das Brot des Lebens ist, mit dem die Gläubigen zur ewigen Seligkeit gespeist werden. Dagegen besteht nicht bei allen die gleiche Einmütigkeit darüber, in welcher Weise man seiner teilhaftig wird.

 

Es gibt nämlich einige, die mit einem Wort erklären, Christi Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, das sei nichts anderes, als an Christus selbst zu glauben. Mir kommt es aber so vor, als hätte Christus in jener herrlichen Predigt, in der er uns das Essen seines Fleisches anbefiehlt, etwas Kräftigeres und Erhabeneres lehren wollen, nämlich eben dies, daß wir durch wahres Teilhaben an ihm lebendig gemacht werden; und das hat er auch durch die Worte „Essen“ und „Trinken“ zu erkennen gegeben, und zwar dazu, daß niemand auf den Gedanken käme, wir erlangten das Leben, das wir von ihm empfangen, durch einfache Erkenntnis. Denn wie nicht das Anschauen, sondern das Essen des Brotes dem Leibe Nahrung gewährt, so muß die Seele in Wahrheit und durch und durch Christi teilhaftig werden, um mit seiner Kraft zu geistlichem Leben gestärkt zu werden.

 

Unterdessen aber geben wir zu, daß dies Essen kein anderes ist als das des Glaubens, wie sich denn auch kein anderes erdenken läßt. Jedoch besteht zwischen meinen Worten und denjenigen der obengenannten Leute der Unterschied, daß für sie „Essen“ einfach „Glauben“ bedeutet, während ich demgegenüber behaupte: Christi Fleisch „essen“ wir im Glauben, weil er im Glauben der unsere wird, und dies Essen ist eine Frucht und Wirkung des Glaubens. Oder, wenn man es deutlicher haben will: nach ihrer Meinung ist das Essen der Glaube, nach meiner Ansicht dagegen ergibt es sich aus dem Glauben. Das ist den Worten nach zwar ein geringer Unterschied, in der Sache aber kein unerheblicher. Denn der Apostel lehrt freilich, „Christus wohne durch den Glauben in unserem Herzen“ (Eph. 3,17); aber das wird trotzdem niemand so auslegen, als ob solch Wohnen Christi in uns (einfach) der Glaube sei, sondern es besteht allgemeine Übereinstimmung in der Ansicht, daß hier eine herrliche Auswirkung des Glaubens aufgezeigt wird,

weil ja die Gläubigen durch den Glauben die Gabe erlangen, daß sie nun Christus als den haben, der in ihnen bleibt. In diesem Sinne hat der Herr, als er sich das Brot des Lebens nannte (Joh. 6,48), nicht nur die Lehre geben wollen, daß das Heil für uns auf dem Glauben an seinen Tod und seine Auferstehung beruht, nein, er wollte auch lehren, wie es durch das wahre Teilhaben an ihm dazu kommt, daß sein Leben in uns übergeht und unser eigen wird, so wie das Brot, wenn es zur Nahrung genommen wird, dem Körper Kraft zukommen läßt.

 

 

 

IV,17,6

 

Die Vertreter der obigen Anschauung rufen nun Augustin als Gewährsmann an. Aber wenn er schreibt, wir äßen, indem wir glaubten (Predigten zum Johannesevangelium 26,1), so tut er das in keinem anderen Sinne, als um zu zeigen, daß solch Essen Sache des Glaubens und nicht des Mundes ist. Das bestreite ich auch meinerseits nicht; aber ich setze doch zugleich hinzu: wir erfassen Christus im Glauben nicht als einen, der uns von ferne erscheint, sondern als den, der sich mit uns eint, damit er unser Haupt sei und wir seine Glieder. Trotzdem ist es nicht so, daß ich jene Redeweise einfach mißbilligte; ich leugne nur, daß sie eine vollständige Auslegung darstellt, wenn man damit bestimmen will, was es heißt, Christi Fleisch zu essen. Übrigens sehe ich, daß Augustin diese Redeweise häufiger gebraucht hat. So zum Beispiel, wenn er im dritten Buche seines Werkes „Von der christlichen Unterweisung“ sagt: „Wenn es heißt: ‘Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes …’ (Joh. 6,53), so ist das ein Bild, in dem wir die Weisung empfangen, am Leiden des Herrn teilzuhaben und lieblich und nutzbringend im Gedächtnis zu behalten, daß sein Fleisch für uns gekreuzigt und verwundet ist“ (Von der christlichen Unterweisung III,16,24). Ebenso geschieht es, wenn er erklärt, die dreitausend Menschen, die durch die Predigt des Petrus bekehrt worden sind (Apg. 2,41), hätten das Blut Christi, das sie in ihrem Wüten vergossen hätten, im Glauben getrunken (Predigten zum Johannesevangelium 31,9; 40,2). Dagegen preist er an sehr vielen anderen Stellen in herrlicher Weise die Wohltat des Glaubens, daß durch ihn unsere Seelen in der Gemeinschaft mit dem Fleische Christi nicht weniger erquickt werden als unsere Leiber mit dem Brot, das sie essen. Und das ist das nämliche, was Chrysostomus an einer Stelle schreibt: Christus mache uns nicht nur im Glauben, sondern mit der Tat zu seinem Leibe (Predigt 60). Das versteht er nicht so, als ob man solches Gut anders als aus dem Glauben erlangen könnte; nein, er will nur die Möglichkeit ausschließen, daß jemand, wenn er den Glauben nennen hört, darunter eine nackte Einbildung begreift.

 

Die Leute aber, die der Meinung sind, das Abendmahl sei bloß ein Merkzeichen für das äußere Bekenntnis, übergehe ich jetzt; ihren Irrtum glaube ich nämlich zureichend widerlegt zu haben, als ich von den Sakramenten im allgemeinen sprach. Der Leser wolle nur dies beachten: wenn der Kelch als „Bund“ („Neues Testament“) in Christi „Blut“ bezeichnet wird, so kommt darin eine Verheißung zum Ausdruck, die stark genug ist, um den Glauben zu bekräftigen. Daraus ergibt sich, daß wir das Heilige Abendmahl nicht recht gebrauchen, wenn wir nicht auf Gott schauen und annehmen, was er uns darreicht.

Institutio – Tag 327

IV,16,32

 

Ich nehme an, dass es jetzt für keinen verständigen Menschen mehr zweifelhaft ist, wie vorwitzig die Kirche Christi durch solche Leute in Verwirrung gebracht wird, die wegen der Kindertaufe Zwistigkeiten und Streitereien erregen. Es ist nun aber angebracht, darauf zu achten, was der Satan eigentlich mit solch großer Verschlagenheit ins Werk setzt: er will uns eben die einzigartige Frucht der Zuversicht und der geistlichen Freude, die man aus der Kindertaufe gewinnen kann, aus der Hand reißen und auch dem Ruhm der göttlichen Güte im nämlichen Maße Abbruch tun. Denn wie lieblich ist es für die frommen Herzen, nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem, was sie mit Augen sehen dürfen, Gewißheit darüber zu gewinnen, wie sie bei ihrem himmlischen Vater so viel Gnade erlangen, dass er auch noch für ihre Nachkommenschaft sorgt! Denn hier ist es wahr zunehmen, wie er uns gegenüber die Rolle eines ganz fürsorglichen Hausvaters übernimmt, der auch nach unserem Tode die Sorge für uns nicht fahrenläßt, sondern für unsere Kinder sorgt und ihnen seine Fürsorge angedeihen läßt. Müssen wir da nicht nach Davids Beispiel von ganzem Herzen frohlocken und Danksagen, damit sein Name durch einen solchen Beweis seiner Güte geheiligt werde (Ps. 48,11)? Darum, darum ist es ohne Zweifel dem Satan zu tun, wenn er mit soviel Gewalt gegen die Kindertaufe anrennt: es soll eben diese Bezeugung der Gnade Gottes aus dem Mittel getan werden und damit auch die Verheißung, die uns durch sie vor Augen gehalten wird, schließlich nach und nach verschwinden!

 

Daraus soll dann nicht allein eine gottlose Undankbarkeit gegen Gottes Erbarmen entstehen, sondern auch eine gewisse Trägheit, die Kinder zur Frömmigkeit zu erziehen. Denn wenn wir bedenken, dass unsere Kinder schon gleich von ihrer Geburt an von ihm als Kinder behandelt und anerkannt werden, so ist das ein Ansporn, der uns nicht wenig dazu reizt, sie in der ernstlichen Furcht Gottes und im Halten des Gesetzes zu erziehen, wollen wir also nicht boshaft Gottes Wohltätigkeit verdunkeln, so wollen wir ihm unsere Kinder darbringen, denen er einen Platz unter seinen Freunden und Hausgenossen, das heißt unter den Gliedern der Kirche, zuweist!

 

Siebzehntes Kapitel: Vom Heiligen Abendmahl des Herrn – und was es uns bringt

 

 

 

IV,17,1

 

Gott hat uns einmal in seine Hausgenossenschaft aufgenommen, und zwar, um uns nicht nur als seine Knechte, sondern als seine Kinder anzusehen. Nachdem er das getan hat, will er aber auch das Amt eines sehr guten Vaters erfüllen, der für seine Kinder sorgt, und dazu nimmt er es auf sich, uns im ganzen Laufe unseres Lebens Speise zu geben. Ja, er hat sich damit nicht zufriedengegeben, sondern uns ein Unterpfand geschenkt, mit dem er uns solcher fortwährenden Freundlichkeit hat vergewissern wollen. Zu diesem Zweck hat er daher seinen Kindern durch die Hand seines eingeborenen Sohnes das zweite Sakrament gegeben, nämlich das geistliche Mahl, in welchem Christus bezeugt, daß er das lebendigmachende Brot ist, durch das unsere Seelen zur wahren, seligen Unsterblichkeit gespeist werden (Joh. 6,51).

 

Nun ist es aber von dringender Notwendigkeit, dieses große Geheimnis zu kennen, und es erfordert angesichts seiner Wichtigkeit eine eingehende Darlegung. Zudem hat der Satan die Kirche dieses unermeßlichen Schatzes berauben wollen und in dieser Absicht zunächst Nebel und dann Finsternis vor ihm aufziehen lassen, um sein Licht zu verdunkeln; auch hat er Streitigkeiten und Kämpfe erregt, um damit die Sinne einfältiger Menschen vom Genuß solcher heiligen Speise abzubringen, und auch zu unserer Zeit hat er die nämliche List versucht. Ich muß also zunächst mit Rücksicht auf das Auffassungsvermögen der Unkundigen den wesentlichen Inhalt der Sache zusammenfassen, dann aber auch jene Knoten auflösen, in welche der Satan die Welt zu verstricken versucht hat.

 

Zunächst: die Zeichen (bei diesem Sakrament) sind Brot und Wein: sie stellen uns die unsichtbare Speise dar, die wir aus Christi Fleisch und Blut empfangen. Denn wie uns Gott in der Taufe die Wiedergeburt schenkt, in die Gemeinschaft seiner Kinder einfügt und durch Aufnahme in die Kindschaft zu den Seinen macht, so erfüllt er, wie gesagt, das Amt eines fürsorglichen Hausvaters darin, daß er uns fort und fort Speise gewährt, um uns damit in dem Leben zu erhalten und zu bewahren, zu dem er uns durch sein Wort gezeugt hat.

 

Und dann: die einige Speise unserer Seele ist Christus, und deshalb lädt uns der himmlische Vater zu ihm ein, damit wir, indem wir seiner teilhaftig werden, Erquickung empfangen und dadurch immer wieder neue Kraft sammeln, bis wir zur himmlischen Unsterblichkeit gelangt sind.

 

Dies Geheimnis der verborgenen Einung Christi mit den Frommen aber ist seiner Natur nach unbegreiflich; daher läßt er eine Vergegenwärtigung oder ein Bild solchen Geheimnisses in sichtbaren Zeichen kundwerden, die unserem geringen Maß auf das beste angepaßt sind, ja, er gibt uns gleichsam Pfänder und Merkzeichen und macht es uns damit zur Gewißheit, wie wenn wir es mit Augen sähen. Denn es ist ein vertrautes Gleichnis, das auch bis in den unkundigsten Verstand dringt: unsere Seelen werden genau so mit Christus gespeist, wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten. Damit wird uns also schon deutlich, welchem Zweck diese verborgene Segnung (mystica benedictio) dient: sie soll uns die Gewißheit verschaffen, daß der Leib des Herrn dergestalt einmal für uns geopfert worden ist, daß wir ihn jetzt als Speise genießen und über solchem Genießen die Wirkkraft dieses einigen Opfers an uns erfahren, – und daß sein Blut dergestalt einmal für uns vergossen ist, daß es uns zu einem Trank wird für immerdar. So lauten denn auch die Worte der Verheißung, die dabei zugefügt ist: „Nehmet, … das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (Luk. 22,19; nicht Luther-

text; 1. Kor. 11,24; Matth. 26,26; Mark. 14,22). Wir werden also geheißen, den Leib zu „nehmen“ und zu „essen“, der einmal zu unserem Heil zum Opfer gebracht worden ist, damit wir sehen, daß wir dieses Leibes teilhaftig werden, und darüber zu der festen Gewißheit kommen, daß die Kraft seines lebendigmachenden Todes in uns wirksam sein wird. Daher nennt er auch den Kelch den „Bund“ (Luthertext: „das neue Testament“) in seinem Blut (Luk. 22,20; 1. Kor. 11,25). Denn allemal, wenn er uns jenes heilige Blut zu trinken gibt, ist es so, daß er den Bund, den er einmal mit seinem Blute bekräftigt hat, gewissermaßen erneuert oder besser ihn fortführt, soweit es zur Stärkung unseres Glaubens gereicht.

 

 

 

IV,17,2

 

Reiche Frucht der Zuversicht und Lieblichkeit können nun die frommen Seelen aus diesem Sakrament empfangen, weil sie ja das Zeugnis haben, daß wir mit Christus zu einem Leibe zusammengewachsen sind, so daß alles, was sein ist, auch unser eigen genannt werden darf. Daraus folgt, daß wir es wagen dürfen, der getrosten Zuversicht zu sein, daß uns das ewige Leben zugehört, weil er selbst sein Erbe ist, daß uns das Himmelreich, in das er bereits eingegangen ist, ebensowenig entrissen werden kann wie ihm, und daß wir auf der anderen Seite von unseren Sünden nicht verdammt werden können, weil er uns schon von der durch sie begründeten Schuld freigesprochen hat, indem er den Willen hatte, daß sie ihm zugerechnet würden, als ob sie seine eigenen wären. Das ist der wundersame Tausch, den er in seiner unermeßlichen Güte mit uns eingegangen ist: er ist mit uns zum Sohn des Menschen geworden und hat uns mit sich zusammen zu Söhnen Gottes gemacht, er ist zur Erde hinabgestiegen und hat uns dadurch den Weg zum Himmel hinauf gebahnt, er hat unser sterbliches Wesen angenommen und uns dadurch seiner Unsterblichkeit teilhaftig gemacht, er hat sich unsere Schwachheit zu eigen gemacht und uns dadurch mit seiner Kraft gestärkt, unsere Armut hat er auf sich genommen und uns damit seinen Reichtum zugetragen, die Last unserer Ungerechtigkeit, die uns drückte, hat er auf sich selbst geladen und uns dadurch mit seiner Gerechtigkeit bekleidet.

 

 

 

IV,17,3

 

Alle diese Dinge werden uns in diesem Sakrament so vollgültig bezeugt, daß wir mit Sicherheit dafür halten sollen, daß sie uns wahrhaftig dargeboten werden, nicht anders, als wenn Christus selbst gegenwärtig wäre, uns vor die Augen träte und von unseren Händen betastet würde. Denn dies Wort kann uns nicht belügen noch betrügen: „Nehmet hin, esset, trinket, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird, das ist mein Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Er befiehlt: „Nehmet hin“, und damit gibt er zu verstehen, daß es (er) uns gehört. Er gebietet: „Esset“, und damit zeigt er, daß es (er) mit uns zu einer Substanz wird. Er predigt von seinem Leibe, daß er für uns gegeben, und von seinem Blute, daß es für uns vergossen ist – damit lehrt er, daß beides nicht sowohl sein, als vielmehr unser eigen ist; denn beides hat er ja nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern zu unserem Heil angenommen und darangesetzt.

 

Man muß nun aber mit Fleiß darauf achten, daß die Wirkung dieses Sakraments vornehmlich, ja schier ganz auf den Worten beruht. „Der für euch gegeben wird … das für euch vergossen wird.“ Denn sonst, nämlich wenn Leib und Blut des Herrn nicht einmal zu unserer Erlösung und zu unserem Heil dahingegeben worden wären, würde es uns nicht viel nützen, daß sie jetzt ausgeteilt werden. Sie werden uns also unter Brot und Wein vergegenwärtigt, damit wir lernen, daß sie uns nicht bloß zugehören, sondern uns auch zur Speise für das geistliche Leben bestimmt sind.

 

Das ist es, worauf wir oben aufmerksam gemacht haben: von den leiblichen Dingen, die uns im Sakrament vorgelegt werden, werden wir gewissermaßen vermöge eines Entsprechungsverhältnisses (analogia) zu den geistlichen hinüber-

geführt. Wenn uns also das Brot als Merkzeichen des Leibes Christi gereicht wird so müssen wir dabei sofort das Gleichnis ins Herz fassen: wie solch Brot das Leben unseres Leibes nährt, erhält und bewahrt, so ist der Leib Christi die einige Speise, um unsere Seele zu nähren und lebendig zu machen. Sehen wir, wie der Wein als Merkzeichen des Blutes Christi vor uns hingestellt wird, so sollen wir bedenken, welcherlei Nutzen der Wein unserem Leibe bringt, um dann zu erwägen, daß uns der gleiche Nutzen geistlich durch Christi Blut zukommt; diese Wirkung besteht aber eben darin, daß wir dadurch genährt, erquickt, gestärkt und froh gemacht werden. Wenn wir nämlich genugsam überdenken, was uns die Hingabe dieses heiligen Leibes und das Vergießen dieses Blutes eingetragen hat, so werden wir deutlich wahrnehmen, daß nach jenem Entsprechungsverhältnis diese Eigenschaften des Brotes und des Weines in ihrer Wirkung an uns aufs beste zu Christi Leib und Blut passen, wenn sie uns zuteil gegeben werden.

Institutio – Tag 326

IV,16,31

 

Obgleich es mich verdrießt, den Lesern mit einer solchen Masse von Geschwätz lästig zu fallen, wird es doch angebracht sein, in aller Kürze die schönscheinenden Beweisgründe zu entkräften, die Servet, nicht der geringste unter den Wiedertäufern, ja eine große Zierde dieser Schar, vorzubringen für gut befunden hat, als er sich zum Kampfe rüstete.

 

(1) Er schützt die Behauptung vor, Christi Merkzeichen seien doch vollkommen und erforderten dementsprechend auch Menschen, die vollkommen wären oder doch zur Vollkommenheit imstande wären. Da liegt aber die Antwort schon bereit: die Vollkommenheit der Taufe erstreckt sich bis zum Tode hin, und es ist daher verkehrt, wenn man sie auf einen einzigen Zeitpunkt beschränkt. Ich füge auch noch hinzu: es ist töricht, wenn man bei einem Menschen am ersten Tage (bei seiner Taufe) eine Vollkommenheit sucht, zu der uns doch die Taufe unser ganzes Leben lang in ununterbrochener Stufenfolge einlädt.

 

(2) Servet wirft nun ein, die Merkzeichen Christi seien zu seinem Gedächtnis gestiftet, damit jeder bei sich bedenke, dass er mit Christus begraben worden sei. Ich antworte darauf: was er sich aus seinem Kopf heraus erdacht hat, das bedarf keiner Widerlegung. Ja, was er auf die Taufe bezieht, das ist dem Abendmahl eigentümlich, wie die Worte des Paulus zeigen: „Der Mensch prüfe sich selbst …“ (1. Kor. 11,28). Im Hinblick auf die Taufe findet sich dergleichen nirgendwo. Daraus entnehmen wir, dass die Taufe rechtmäßig an solche erteilt wird, die nach dem Maß ihres Alters zu solcher (Selbst-)prüfung nicht in der Lage sind.

 

(3) Zum dritten führt er die Stelle an: „Wer dem Sohn nicht glaubt, der bleibt im Tode, und der Zorn Gottes bleibt über ihm“ (Joh. 3,36; Mitte ungenau). Daraus folgert er: also verblieben auch die Kinder, die nicht zu glauben vermöchten, in ihrer Verdammnis. Darauf gebe ich die Entgegnung: Christus spricht hier nicht von der allgemeinen Schuld, in die alle Nachkommen Adams verhaftet sind, sondern er droht nur den Verächtern des Evangeliums, die die ihnen angebotene Gnade hoffärtig und halsstarrig von sich weisen. Das aber hat mit den Kindern nichts zu tun. Zugleich setze ich seiner Behauptung eine entgegengesetzte Begründung entgegen: jeder, den Christus segnet, er mag sein, wer er will, der wird dem Fluch über Adam und dem Zorn Gottes entnom-

men. Da es also bekannt ist, dass die Kinder von ihm gesegnet sind (Matth. 19,15; Mark. 10,16), so ergibt sich, dass sie aus dem Tode erlöst sind. Fälschlich führt Servet dann eine Stelle an, die man nirgendwo (in der Schrift) zu lesen bekommt: „Wer aus dem Geist geboren ist, der hört die Stimme des Geistes.“ Selbst wenn wir zugäben, dass dies geschrieben stünde, so könnte er daraus doch nichts anderes beweisen, als dass die Gläubigen in dem Maße, als der Geist in ihnen am Werke ist, zum Gehorsam gestaltet werden. Aber es ist verkehrt, ein Wort, das sich auf eine bestimmte Anzahl von Menschen bezieht, gleichermaßen auf alle anzuwenden.

 

(4) Zum vierten macht er den Einwand: weil das, was natürlich ist (dem Geistlichen) vorausgeht (1. Kor. 15,46), so muß man eine Zeit abwarten, die für die Taufe reif ist, die doch geistliche Art hat. Ich gebe nun freilich zu, dass alle Nachkommen des Adam aus dem Fleisch geboren sind und vom Mutterleibe an ihre Verdammnis mit sich herumtragen; aber ich bestreite doch, dass dies ein Hindernis bedeutete, weshalb Gott nicht sogleich ein Mittel dagegen anwenden könnte. Denn Servet wird nicht nachweisen können, dass Gott eine bestimmte Anzahl von Jahren vorgeschrieben hätte, mit denen das neue geistliche Leben beginnen könnte. Paulus ist jedenfalls Zeuge dafür, dass die Kinder, die von Gläubigen geboren werden, zwar der Natur nach verloren sein mögen, aber durch die übernatürliche Gnade heilig sind (1. Kor. 7,14).

 

(5) Alsdann bringt er eine Allegorie vor: David habe, als er den Berg Zion hinanzog, weder Blinde noch Lahme mit sich geführt, sondern wackere Soldaten (2. Sam. 5,6). Was will Servet aber sagen, wenn ich dem das Gleichnis entgegenhalte, in dem Gott die Blinden und die Lahmen zudem himmlischen Mahle einlädt (Luk. 14,21)? Wie will er sich aus diesem Knoten herauswinden? Ich frage auch: haben denn etwa vorher nicht auch Lahme und Verstümmelte mit David (zusammen) gekämpft? Es ist aber überflüssig, bei diesem Gedankengang länger stehenzubleiben; denn die Leser werden auf Grund der Heiligen Geschichte schon herausfinden, dass er aus lauter Trügerei zusammengeschmiedet ist.

 

(6) Dann folgt eine weitere Allegorie: die Apostel seien „Menschenfischer“, nicht aber Fischer von kleinen Kindern gewesen (Matth. 4,19). Ich frage nun aber, was dann das Wort Christi bedeuten soll, nach welchem in dem Netz des Evangeliums Fische von „allerlei Gattung“ gefangen werden (Matth. 13,47). Aber weil ich keine Lust habe, mit Allegorien zu spielen, so antworte ich: wenn den Aposteln das Amt der Lehrunterweisung aufgetragen worden ist, so hinderte sie das nicht daran, Kinder zu taufen. Allerdings möchte ich auch noch wissen, warum Servet, wo doch der Evangelist von „Menschen“ spricht – ein Ausdruck, der das Menschengeschlecht ohne Ausnahme umfaßt –, etwa leugnen will, dass die Kinder Menschen sind.

 

(7) Zum siebenten behauptet Servet: da Geistliches zu geistlichen Menschen gehörte (1. Kor. 2,13f.), so seien die Kinder, die nicht geistlich seien, zur Taufe ungeeignet. Aber es liegt zunächst klar auf der Hand, wie verkehrt er die Stelle bei Paulus verdreht. Es handelt sich um die Lehre, und da sich nun die Korinther in ihrem eitlen Scharfsinn mehr als billig gefielen, so zog Paulus ihre Trägheit ans Licht (und zeigte), dass sie noch in den ersten Anfangsgründen der himmlischen Lehre unterwiesen werden mußten. Wer will nun daraus die Folgerung ziehen, die Taufe müsse den Kindern verweigert werden, die doch Gott, obwohl sie vom Fleische geboren sind, gnadenweise zu Kindern annimmt und dadurch für sich weiht?

 

(8) Weiter stellt er den Satz auf, wenn die Kinder neue Menschen wären, so müßten sie mit geistlicher Speise genährt werden (was doch bei ihnen noch

nicht möglich sei). Aber hier ist die Antwort leicht zu geben, die Kinder werden durch die Taufe in Christi Herde aufgenommen, und das Merkzeichen ihrer Aufnahme in die Kindschaft genügt ihnen, bis sie herangewachsen und dadurch in der Lage sind, feste Speise zu ertragen; man muß also die Zeit der Prüfung abwarten, die Gott bei dem Heiligen Abendmahl ausdrücklich fordert.

 

(9) Danach macht er den Einwand, Christus rufe alle zum Heiligen Abendmahl, die zu den Seinigen gehören. Aber es steht doch hinreichend fest, dass er nur solche zuläßt, die schon dazu bereitet sind, das Gedächtnis seines Todes zu feiern. Daraus ergibt sich, dass die Kinder, die er gewürdigt hat, von ihm in die Arme genommen zu werden, zwar, bis sie herangewachsen sind, auf einer gesonderten und ihnen eigenen Stufe stehen, aber doch keine Fremdlinge sind. Und wenn Servet dann entgegnet, es sei doch ungeheuerlich, dass ein Mensch, nachdem er (geistlich neu) geboren ist, nicht (geistlich, d.h. im Abendmahl) essen sollte, so antworte ich: die Seelen werden anders gespeist als durch den äußerlichen Genuß des Abendmahls, und Christus ist daher nichtsdestoweniger die Speise für die Kinder, mögen sie sich auch des Merkzeichens (solcher Speise, d.h. des Abendmahls) enthalten. Mit der Taufe ist es anders bestellt, durch sie wird ihnen allein die Eingangspforte zur Kirche geöffnet.

 

(10) Wiederum wirft Servet ein, ein guter Haushalter gebe seinen Hausgenossen „zu rechter Zeit Speise“ (Matth. 24,45). Das gebe ich nun zwar gerne zu; aber mit welchem Recht will er uns die Zeit zur Taufe festsetzen, um zu beweisen, sie werde den Kindern nicht „zur rechten Zeit“ zuteil? Außerdem führt er jene Weisung Christi an seine Apostel an, sie sollten zur Ernte eilen, wenn die Felder weiß seien (Joh. 4,35). Aber Christus hat doch an dieser Stelle nur eins im Sinne: die Apostel sollten sehen, dass die Frucht ihrer Arbeit vor ihnen lag, und sich deshalb um so eifriger zum Lehren anschicken. Wer will nun daraus folgern, allein die Zeit der Ernte sei die rechte Zeit zur Taufe?

 

(11) Sein elfter Beweisgrund ist der, in der ersten Kirche seien „Christen“ und „Jünger“ dasselbe gewesen (Apg. 11,26). Aber wir haben ja schon gesehen, dass er damit törichterweise von einem Teil auf das Ganze schließt. „Jünger“ heißen Menschen von gehörigem Alter, die schon unterwiesen und in die Nachfolge Christi getreten waren, so wie die Juden unter dem Gesetz Jünger Moses sein mußten; aber daraus wird niemand mit Recht folgern dürfen, die Kinder seien Draußenstehende gewesen, wo doch Gott bezeugt hat, dass sie seine Hausgenossen sind.

 

(12) Zudem führt er auch an, alle Christen seien Brüder, und zu den Brüdern gehörten die Kinder für uns nicht, solange wir sie vom Abendmahl fernhielten. Ich komme demgegenüber auf den Grundsatz zurück: Erben des Himmelreichs sind nur die, welche Christi Glieder sind; ferner ist es ein wahrhaftiges Zeichen der Aufnahme in die Kindschaft gewesen, dass Christus die Kinder in die Arme genommen hat (Matth. 19 und Parallelen), und durch diese Aufnahme in die Kindschaft werden die Kinder mit den Erwachsenen gemeinsam umschlossen, endlich steht auch die zeitweilige Enthaltung vom Abendmahl der Tatsache nicht im Wege, dass sie zum Leib der Kirche gehören. Auch der am Kreuze bekehrte Schacher hörte doch nicht auf, ein Bruder der Frommen zu sein, obgleich er niemals zum Abendmahl gekommen ist.

 

(13) Dann fügt Servet noch zu, es würde niemand unser Bruder als durch den Geist der (Aufnahme in die) Kindschaft, den man doch nur aus dem Hören (der Predigt) des Glaubens erlangte. Ich antworte: er verfällt immer wieder in den gleichen Fehlschluß, weil er Worte, die allein von den Erwachsenen gelten, unrichtigerweise auf die Kinder bezieht. Paulus lehrt an dieser Stelle (Röm. 10,17; Gal. 3,5), wie Gott bei der Berufung gewöhnlich den Weg einschlägt, dass er seine Auserwählten zum Glauben führt, indem er ihnen treue Lehrer erweckt, durch deren Dienst und Arbeit er ihnen die Hand entgegenstreckt. Wer will sich aber er-

dreisten, ihm daraufhin ein Gesetz aufzuerlegen, dass er die Kinder nicht auf eine andere, verborgene Weise in Christus einleibt?

 

(14) Weiterhin beruft er sich darauf, dass Cornelius nach Empfang des Heiligen Geistes getauft worden ist (Apg. 10,44-48). Aber wie verkehrt es ist, dass er aus diesem einen Beispiel eine allgemeine Regel beweisen will das kommt bei dem Kämmerer und bei den Samaritanern heraus (Apg. 8,27-38; 8,12), bei denen Gott die umgekehrte Reihenfolge eintreten ließ, dass die Taufe den Gaben des Geistes vorausging.

 

(15) Sein fünfzehnter Beweisgrund ist mehr als ungereimt: er sagt, durch die Wiedergeburt würden wir zu Göttern; Götter seien aber solche, zu denen Gottes Wort geschehen sei (Joh. 10,34f.), und das könne man von unmündigen Kindern nicht behaupten. Daß er den Gläubigen göttliche Art andichtet, das ist eine von seinen Wahnvorstellungen, deren Widerlegung nicht hierher gehört; aber die (hier in Frage kommende) Psalmstelle (Ps. 82,6) in einem ihr so fremden Sinne zu verdrehen, das ist heillose Unverschämtheit. Christus erklärt, dass die Könige und Obrigkeiten von dem Propheten „Götter“ genannt werden, weil sie ein Amt tragen, das ihnen von Gott auferlegt ist. Dieser gewandte Ausleger aber bezieht ein Wort, das von dem besonderen Auftrag zur Regierung handelt und sich an bestimmte Personen richtet, auf die Lehre des Evangeliums, um die Kinder von der Kirche wegzuweisen.

 

(16) Auf der anderen Seite macht er den Einwand: die Kinder könnten nicht als neue Menschen angesehen werden, weil sie nicht durch das Wort geboren würden. Ich wiederhole demgegenüber abermals, was ich schon mehrfach ausgesprochen habe: den „unvergänglichen Samen“ zu unserer Wiedergeburt (1. Petr. 1,23) stellt die Lehre dar, sofern wir in der Lage sind, sie in uns aufzunehmen; wo wir aber unseres Alters halben noch keine Belehrung empfangen können, da hat Gott seine Stufenfolge in der Hand, um uns zur Wiedergeburt zu bringen.

 

(17) Danach kommt er dann wieder auf seine Allegorien zurück und sagt, unter dem Gesetz hätte man Schaf und Ziege nicht sogleich, wenn sie aus dem Mutterleibe hervorgegangen waren, zum Opfer dargebracht, wenn ich nun Lust hätte, hier (auch meinerseits) bildliche Veranschaulichungen herbeizuziehen, so könnte ich leicht die Gegenbehauptung aufstellen: „allerlei Erstgeburt“ war, gleich, wenn sie „die Mutter brach“, Gott geheiligt (Ex. 13,2), und ferner sollte doch (bereits) ein einjähriges Lamm geschlachtet werden (Ex. 12,5). Daraus ergibt sich dann, dass man keineswegs auf die männliche Kraft warten muß, sondern dass vielmehr auch die eben erst geborenen und noch gar zarten Sprößlinge von Gott zu Opfern erwählt werden.

 

(18) Außerdem behauptet Servet, es könnten nur die zu Christus kommen, die zuerst von Johannes vorbereitet worden wären. Als ob das Amt des Johannes nicht zeitlich (und damit vorübergehend) gewesen wäre! Aber, um das beiseite zu lassen: bei den Kindern, die Christus in seine Arme genommen und gesegnet hat (Matth. 19 und Parallelen), lag jene Vorbereitung jedenfalls nicht vor. Darum wollen wir ihn mit seinem falschen Grundsatz laufen lassen!

 

(19) Schließlich nimmt er sich (die Schriften unter Berufung auf) den (Hermes) Trismegistos und die Sibyllen zu Schutzhelfern dafür, dass die heiligen Waschungen nur Erwachsenen zukämen. Da sieht man, was er für eine ehrerbietige Meinung von der Taufe Christi hat, indem er sie nach den unheiligen Gebräuchen der Heiden richtet, damit sie nicht anders verwaltet werde, als es dem (Hermes) Trismegistos gefallen hat! Für uns aber steht an höherer Stelle die Autorität Gottes, dem es gefallen hat, sich die Kinder zu heiligen und sie mit dem heiligen Merkzeichen einzuweihen, dessen Kraft sie ihres Alters wegen noch nicht verstanden, wir sind auch nicht der Meinung, dass es recht ist, aus den Sühnegebräuchen der

Heiden etwas zu entlehnen, was an unserer Taufe Gottes ewiges und unverletzliches Gesetz abändern soll, wie er es mit Bezug auf die Beschneidung festgelegt hat.

 

(20) Und am Ende stellt er die Überlegung an: wenn man Kinder taufen dürfte, ohne dass sie etwas davon verstehen, so könnte die Taufe auch von spielenden Kindern zur Nachahmung oder um Scherz ausgeübt werden. Aber darüber mag er mit Gott rechten, auf dessen Geheiß die Beschneidung den Kindern zuteil wurde, bevor sie Verstand bekommen hatten, war sie nun deshalb eine Spielerei oder eine Sache, die kindischen Albernheiten unterworfen gewesen wäre, so dass Kinder die heilige Einsetzung Gottes hätten umstoßen können? Aber es ist nicht verwunderlich, dass solche verworfenen Geister, wie wenn sie vom Wahnwitz umgetrieben würden, auch die gröbsten Widersinnigkeiten zur Verteidigung ihrer Irrtümer vorbringen; denn mit solcher schwindelnden Raserei übt Gott an ihnen gerechte Rache für ihre Aufgeblasenheit und Widerspenstigkeit. Auf jeden Fall hoffe ich deutlich gemacht zu haben, mit was für gebrechlichen Stützen Servet seinen Brüderlein, den Wiedertäufern, beigesprungen ist.

 

Institutio – Tag 325

IV,16,27

 

Aber das allerfesteste Bollwerk rühmen sie sich in der Einsetzung der Taufe selbst zu besitzen, die sie aus dem letzten Kapitel des Matthäusevangeliums entnehmen: da sendet Christus die Apostel zu allen Völkern aus und gibt ihnen dann den Befehl, erstens, sie zu unterweisen, und dann zweitens, sie zu taufen (Matth. 28,19). Alsdann verbinden sie damit auch das Wort aus dem letzten Kapitel des Markusevangeliums: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“ (Mark. 16,16). Was suchen wir mehr, sagen sie, wo doch die Worte des Herrn klar und offen so lauten, dass man zunächst lehren und dann taufen soll, und wo sie doch der Taufe den zweiten Platz, den Platz nach dem Glauben, zuweisen? Für diese Reihenfolge hat auch Jesus, der Herr, einen Beweis an seiner eigenen Person erbracht, indem er sich erst in seinem dreißigsten Lebensjahr hat taufen lassen wollen (Matth. 3,13; Luk. 3,21-23).

 

Gütiger Gott, in wie vielfältiger Weise verstricken sie sich doch hier und legen sie ihre Unwissenheit an den Tag! Denn sie kommen schon mehr als kindisch darin zu Fall, dass sie die erstmalige Einsetzung der Taufe aus den angeführten Stellen herleiten, während Christus doch seit Anbeginn seiner Predigt den Aposteln den Auftrag gegeben hat, sie zu verwalten. Es besteht also kein Grund zu ihrer Behauptung, man müsse das Gesetz und die Regel der Taufe aus diesen beiden Stellen entnehmen, als ob diese die erste Einsetzung dieses Sakraments enthielten.

Aber selbst wenn wir ihnen diesen Fehlgriff durchgehen lassen, – welche Kraft hat dann diese Beweisführung? Allerdings, wenn ich Ausflüchte suchen wollte, so eröffnete sich mir nicht nur ein Schlupfwinkel, sondern ein ganz weites Feld zum Entschlüpfen! Sie versteifen sich ja so verbissen auf die Reihenfolge der Worte, und weil es da heißt: „Gehet hin … Predigt … und taufet“ (Mark. 16,15; ungenau) und ebenso: „Wer da glaubet und getauft wird …“ (Mark. 16,16), so ziehen sie daraus die Folgerung, man müsse also erst predigen und dann taufen, und zuvor glauben, ehe man die Taufe begehre. Wenn sie das aber nun so machen – weshalb sollen nicht auch wir unsererseits die Gegenbehauptung aufstellen, man müsse taufen, ehe man das „Halten“ der Dinge „lehrt“, die Christus befohlen hat? Denn die Stelle lautet ebenso: „Taufet sie, indem ihr sie lehret halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matth. 28,19; genauer). Die gleiche Bemerkung (hier also: „Taufet“ steht vor „lehret“) haben wir zu dem wenig weiter oben angeführten Ausspruch Christi gemacht, der von der Wiedergeburt aus Wasser und Geist handelte (Joh. 3,5; vgl. Sektion 25). Denn wenn wir die Stelle so auffassen, wie es die Wiedertäufer verlangen, so ergibt sich daraus ohne Zweifel, dass die Taufe vor der geistlichen Wiedergeburt steht, weil sie nämlich an erster Stelle genannt wird. Denn Christus lehrt doch nicht, wir müßten „aus Geist und Wasser“, sondern „aus Wasser und Geist“ wiedergeboren werden.

 

 

 

IV,16,28

 

Man gewinnt den Eindruck, dass dieser „unüberwindliche“ Beweisgrund, auf den die Wiedertäufer so große Zuversicht setzen, bereits einigermaßen erschüttert ist! Da aber die Wahrheit genügenden Schutz bei der Schlichtheit findet, so will ich mich nicht mit solchen oberflächlichen Spitzfindigkeiten aus der Sache herauswinden. Sie sollen also eine wohlbegründete Antwort haben! An dieser Stelle gibt Christus vor allem den Befehl, das Evangelium zu predigen, und daran schließt er das Amt der Taufübung als Anhängsel an. Ferner ist von der Taufe nur insofern die Rede, als ihre Verwaltung zur Amtsaufgabe der Unterweisung gehört. Denn Christus sendet die Apostel aus, um das Evangelium allen Völkern der Erde kundzumachen, damit sie von allen Seiten Menschen, die zuvor verloren waren, durch die Lehre des Heils in sein Reich versammeln. Aber was sind das nun für Menschen, und von welcher Art sind sie? Es ist sicher, dass hier ausschließlich von solchen die Rede ist, die in der Lage sind, die Lehre anzunehmen. Hernach läßt er dann die Weisung folgen, derartige Leute sollten, nachdem sie unterwiesen wären, die Taufe erhalten, und er fügt die Verheißung hinzu: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“ (Mark. 16,16). Findet sich nun über die Kinder in der ganzen Rede auch nur eine einzige Silbe? Wie soll also die Form der Beweisführung aussehen, mit der unsere Widersacher hier gegen uns angehen? „Die Menschen im Erwachsenenalter sollen zuerst unterwiesen werden, damit sie glauben, und dann erst sollen sie die Taufe empfangen. Also ist es ein Frevel, auch Kindern an der Taufe Anteil zu geben!“ Aber wenn sie auch darüber bersten, so werden sie doch aus dieser Stelle nichts anderes beweisen, als dass man solchen, die zum Hören in der Lage sind, zuvor das Evangelium predigen muß, ehe man sie tauft; denn nur von ihnen ist hier die Rede. Hieraus sollen sie nun, wenn sie es fertig bekommen, den Sperrdamm bauen, um die Kinder von der Taufe fernzuhalten!

 

 

 

IV,16,29

 

Aber damit ihre Trügereien selbst für Blinde im Tasten wahrnehmbar werden, will ich sie noch mit einem recht deutlichen Gleichnis ins Licht rücken. Der Apostel sagt: „So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen“ (2. Thess. 3,10); wenn nun jemand dieses Wort zum Vorwand nähme, um zu beweisen, man müsse den Kindern (die ja nicht arbeiten) ihre Nahrung wegnehmen, wäre der nicht wert, dass er von allen Leuten verachtet würde? Und warum nun? Weil er eben ein Wort, das sich auf eine ganz bestimmte Art von Menschen und auf

ein bestimmtes Lebensalter bezog, ohne Unterschied gewaltsam auf alle anwenden will. Durchaus nicht geschickter benehmen sich nun die Wiedertäufer in der hier zur Verhandlung stehenden Sache. Denn was sich, wie jedermann sieht, ausschließlich auf das Erwachsenenalter bezieht, das wenden sie auf die Kinder, so dass auch dies Lebensalter einer Regel unterworfen wird, die nur für ältere Menschen aufgestellt war.

 

Was nun das Beispiel Christi angeht, so trägt es zur Stützung ihrer Sache rein nichts bei. Er ist, so sagen sie, nicht vor seinem dreißigsten Lebensjahr getauft worden (Matth. 3,13; Luk. 3,23). Das ist allerdings richtig; aber die Ursache liegt doch auf der Hand: er wollte eben erst damals mit seiner Predigt das feste Fundament der Taufe legen, oder besser: das Fundament festigen, das kurz zuvor von Johannes gelegt worden war. Er wollte also mit seiner Lehre die Taufe einsetzen, und um nun seiner Einsetzung größere Autorität zu verschaffen, heiligte er sie an seinem eigenen Leibe, und zwar zu der denkbar gelegensten Zeit, nämlich als er seine Predigt begann. Kurz, die Wiedertäufer können aus diesem Tatbestand nichts anderes beweisen, als dass die Taufe ihren Ursprung und Anfang bei der Predigt des Evangeliums genommen hat. Wenn sie nun aus dem dreißigsten Lebensjahr eine feste Vorschrift machen wollen, weshalb halten sie es dann nicht ein, sondern lassen jeden zur Taufe zu, wenn er nach ihrem Urteil weit genug vorangekommen ist? Ja, selbst Servet, einer von ihren Meistern, legte zwar auf die dreißig Jahre hartnäckig Nachdruck – aber er hatte trotzdem schon mit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr angefangen, sich für einen Propheten auszugeben! Das ist genau so, als wenn man einen Menschen dulden sollte, der sich in der Kirche das Lehramt anmaßt, bevor er ein Glied der Kirche selber ist!

 

 

 

IV,16,30

 

Schließlich machen die Wiedertäufer den Einwand, es bestehe kein stärkerer Grund, den Kindern an der Taufe Anteil zu geben, als am Abendmahl des Herrn, das man ihnen doch durchaus nicht gewährt. Als ob die Schrift nicht auf allerlei Weise einen weitgehenden Unterschied zwischen den beiden Sakramenten kenntlich machte! Es ist zwar in der Alten Kirche so gemacht worden (dass man den Kindern auch das Abendmahl gab), wie sich aus Cyprian und Augustin klar ergibt; aber diese Sitte ist verdientermaßen wieder abgekommen. Denn wenn wir das Wesen und die Eigenart der Taufe in Betracht ziehen, so ist sie jedenfalls gewissermaßen der Eingang oder gleichsam die Einweihung in die Kirche, wodurch wir zu Gottes Volk hinzugerechnet werden, sie ist das Zeichen unserer geistlichen Wiedergeburt, durch die wir zu Kindern Gottes neu geboren werden. Das Abendmahl dagegen ist für die Älteren bestimmt, die die zartere Kindheit hinter sich haben und schon feste Speise ertragen können.

 

Dieser Unterschied wird in der Schrift überaus deutlich aufgezeigt. Denn da läßt der Herr, soweit es die Taufe betrifft, keine Auswahl hinsichtlich des Alters eintreten. Das Abendmahl aber reicht er nicht so dar, dass alle gleichermaßen daran teilhaben sollen, sondern es können seiner nur solche teilhaftig werden, die imstande sind, Leib und Blut des Herrn zu „unterscheiden“, ihr eigenes Gewissen zu „prüfen“, „den Tod des Herrn zu verkündigen“ und seine Kraft recht zu erwägen. Wollen wir etwas Klareres haben, als was der Apostel lehrt, wenn er die Mahnung ausspricht: „Der Mensch prüfe aber sich selbst und untersuche sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch“ (1. Kor. 11,28; kleiner Zusatz)? Es muß also eine (Selbst-)prüfung vorausgehen, und die erwartet man bei Kindern vergeblich. Ebenso sagt der Apostel: „Welcher unwürdig isset …, der isset und trinket sich selber zum Gericht, darum, dass er nicht unterscheidet den Leib des Herrn“ (1. Kor. 11,29). Wenn nur die würdig am Abendmahl teilnehmen können, die die Heiligkeit des Leibes Christi nach Gebühr zu unter-

scheiden wissen, weshalb sollen wir dann unseren zarten Kindern statt der lebendigmachenden Nahrung Gift darreichen? Was soll uns denn die Weisung des Herrn bedeuten: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ (Luk. 22,19; 1. Kor. 11,25)? Und was sollen wir zu der anderen Weisung sagen, die der Apostel daraus ableitet: „Sooft ihr von diesem Brot esset …, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt“ (1. Kor. 11,26)? Ich möchte doch wissen: was für ein „Gedächtnis“ wollen wir denn von den Kindern verlangen – mit Bezug auf eine Sache, die sie mit ihrem Empfinden nie und nimmer erfaßt haben? Was für eine „Verkündigung“ des Kreuzes Christi sollen wir denn von ihnen fordern, dessen Kraft und Wohltat sie mit ihrem Verstand noch nicht begreifen? Bei der Taufe wird nichts dergleichen vorgeschrieben, und daher besteht zwischen diesen beiden Zeichen ein sehr wesentlicher Unterschied. Den nämlichen Unterschied bemerken wir auch unter dem Alten Testament zwischen den beiden ähnlichen Zeichen (Beschneidung und Passah). Die Beschneidung, welche, wie bekannt, unserer Taufe entsprach, war für die Kinder bestimmt. Das Passah dagegen, an dessen Stelle jetzt das Abendmahl getreten ist, ließ nicht ohne Unterschied alle und jegliche Tischgenossen zu, sondern es wurde nur von denen rechtmäßig gegessen, die ihrem Alter nach in der Lage waren, nach seiner Bedeutung zu fragen (Ex. 12,26). Würden die Wiedertäufer, wenn ihnen auch nur ein klein wenig gesunder Verstand übriggeblieben wäre, wohl einer Sache gegenüber blind sein, die so deutlich und so unmittelbar einleuchtend ist?