Monthly Archive for August 2009

Institutio – Tag 243

Viertes Buch: Von den äußeren Mitteln oder Beihilfen, mit denen uns Gott zu der Gemeinschaft mit Christus einlädt und in ihr erhält

Erstes Kapitel: Von der wahren Kirche, mit der wir die Einheit halten müssen, weil sie die Mutter aller Frommen ist

 

 

 

IV,1,1

 

Im vorigen Buche wurde auseinandergelegt, daß durch den Glauben an das Evangelium Christus unser eigen wird und wir des von ihm erworbenen Heils und der ewigen Seligkeit teilhaftig werden. Nun sind wir aber grobsinnig und träge, zudem auch von eitlem Verstande, und deshalb haben wir äußerliche Hilfsmittel nötig, damit der Glaube durch sie in uns erzeugt und vermehrt werde und seinen Fortgang habe bis zum Ziele hin. Darum hat Gott auch diese äußeren Mittel zugefügt, um so unserer Schwachheit aufzuhelfen; und damit die Predigt des Evangeliums ihre Wirkung tut, hat er der Kirche diesen Schatz in Bewahrung gegeben. Er hat „Hirten“ und „Lehrer“ eingesetzt (Eph. 4,11), um durch ihren Mund die Seinen zu unterweisen. Dazu hat er sie auch mit Autorität ausgerüstet. Kurz, er hat nichts unterlassen, was zur heiligen Einigkeit im Glauben und zu rechter Ordnung dienlich sein konnte, vor allem hat er die Sakramente eingesetzt, die, wie wir es durch die Erfahrung merken, höchst nutzbringende Mittel sind, um den Glauben zu erhalten und zu stärken. Denn wir sind ja noch in das Knechtshaus unseres Fleisches eingeschlossen und noch nicht auf die Stufe der Engel gelangt; darum hat sich Gott unserem Fassungsvermögen angepaßt und uns in seiner wunderbaren Vorsehung eine Art und Weise vorgeschrieben, wie wir zu ihm nahen sollen, obwohl wir doch in weiter Ferne von ihm sind.

 

Die Reihenfolge der Unterweisung erfordert es daher, daß wir jetzt in die Behandlung der Kirche und ihres Regiments, ihrer Ordnungen und ihrer Gewalt, ebenso auch der Sakramente und zum Schluß auch in eine solche der bürgerlichen Ordnung eintreten. Zugleich ist es hier erforderlich, daß wir den frommen Leser von den Verderbnissen wegrufen, mit denen der Satan im Papsttum alles verfälscht hat, was Gott zu unserem Heil bestimmt hatte. Den Anfang will ich aber mit der Kirche machen: in ihrem Schoß sollen nach Gottes Willen seine Kinder versammelt werden, und zwar nicht nur, damit sie durch ihre Mühe und ihren Dienst genährt werden, solange sie Unmündige und Kinder sind, sondern auch, damit sie durch ihre mütterliche Fürsorge regiert werden, bis sie herangewachsen sind und endlich zum Ziel des Glaubens hindurchdringen. Denn was „Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mark. 10,9): wer also Gott zum Vater hat, der muß auch die Kirche zur Mutter haben, und zwar (galt das) nicht allein unter dem Gesetz, sondern (es gilt) auch nach dem Kommen Christi; so bezeugt es Paulus, der uns lehrt, daß wir die Kinder des neuen, himmlischen Jerusalem sind (Gal. 4,26).

 

 

 

IV,1,2

 

Wenn wir in den Glaubensartikeln bekennen, daß wir „die Kirche glauben“, so bezieht sich das nicht allein auf die sichtbare Kirche, von der wir jetzt reden, sondern auch auf alle Auserwählten Gottes, unter deren Zahl auch die einbegriffen werden, die bereits verstorben sind. Deshalb wird hier auch das Wörtlein „glauben“ gebraucht; denn oft läßt sich kein Unterschied zwischen den Kindern

Gottes und den Unheiligen, zwischen seiner eigenen Herde und den wilden Tieren herausmerken.

 

Manche fügen nun in das Glaubensbekenntnis das Wörtlein „an“ (in) ein („ich glaube an eine … Kirche“!); aber dafür besteht keine ersichtliche Ursache. Ich gebe allerdings zu, daß dies Verfahren recht gebräuchlich ist und auch des Beistandes der Alten Kirche nicht ermangelt. Denn auch das Nicaenische Glaubensbekenntnis fügt in der Fassung, wie es uns die Kirchengeschichte überliefert, diese Präposition zu. Doch läßt sich zugleich aus den Schriften der Alten ersehen, daß es in alter Zeit ohne Widerrede üblich war, daß man sagte: „Ich glaube eine … Kirche“, nicht aber: „Ich glaube an eine … Kirche“. Denn Augustin und der alte Schriftsteller, dessen Büchlein „Von der Auslegung des Glaubensbekenntnisses“ unter dem Namen des Cyprian umgeht – er mag nun sein, wer er will! -, reden nicht nur auf diese Weise; nein, sie bemerken auch ausdrücklich, es würde eine uneigentliche Redeweise sein, wenn man jene Präposition anfügte, auch bekräftigen sie ihre Meinung mit einer begründeten Ursache. Denn wenn wir sagen: „Ich glaube an Gott“, so geben wir solch Zeugnis darum, weil unser Herz sich auf ihn als den Wahrhaftigen stützt und weil sich unsere Zuversicht auf ihn verläßt. Das würde aber auf die Kirche nicht in gleicher Weise zutreffen, auch nicht auf die „Vergebung der Sünden“ und die „Auferstehung des Fleisches“. Obgleich ich nun also nicht über die Worte streiten will, so möchte ich doch lieber der Eigenart der Rede folgen, die besser geeignet ist, um die Sache zum Ausdruck zu bringen, statt nach Formeln zu haschen, mit denen die Sache ohne Grund verdunkelt würde.

 

Der Zweck (unserer Erörterungen) liegt aber darin, daß wir wissen: mag auch der Teufel kein Mittel unversucht lassen, um Christi Gnade zunichte zu machen, mögen auch die Feinde Gottes in wütendem Ansturm dem gleichen Ziel nachjagen, so kann sie doch nicht ausgelöscht, kann auch Christi Blut nicht unfruchtbar gemacht werden, nein, es bringt immerdar einige Frucht hervor! In diesem Sinne müssen wir unser Augenmerk auf Gottes verborgene Erwählung und innerliche Berufung richten; denn er allein weiß, wer die Seinigen sind, und er hält sie, wie Paulus sagt, unter einem Siegel verschlossen (Eph. 1,13; 2. Tim. 2,19); dazu kommt auch, daß sie seine Kennzeichen tragen, an denen sie von den Verworfenen unterschieden werden sollen. Aber da das kleine, verachtete Häuflein unter einer unmeßbaren Menge verborgen liegt und die wenigen Weizenkörner von einem Haufen von Spreu überdeckt werden, so muß man Gott allein die Erkenntnis seiner Kirche überlassen, deren Fundament ja seine verborgene Erwählung ist. Es ist aber nicht genug, daß wir solche Schar der Auserwählten bloß mit unserem Denken und unserem Herzen erfassen, sondern wir müssen dergestalt auf die Einheit der Kirche sinnen, daß wir wahrhaftig überzeugt sind, selbst in sie eingefügt zu sein. Denn wenn wir nicht mit allen übrigen Gliedern zusammen unter unserem Haupte, Christus, zu einer Einheit zusammengefügt sind, so bleibt uns keine Hoffnung auf das zukünftige Erbe. Deshalb heißt die Kirche „katholisch“ oder „allgemein“; denn man könnte nicht zwei oder drei „Kirchen“ finden, ohne daß damit Christus in Stücke gerissen würde – und das kann doch nicht geschehen! Nein, alle Auserwählten Gottes sind dergestalt in Christus miteinander verbunden, daß sie, wie sie ja an dem einen Haupte hängen, auch gleichsam zu einem Leibe zusammenwachsen, und sie leben in solcher Gefügtheit zusammen wie die Glieder des gleichen Leibes; sie sind wahrhaft eins geworden, als solche, die in einem Glauben, einer Hoffnung, einer Liebe, in dem gleichen Geiste Gottes miteinander leben und die nicht nur zum gleichen Erbe des ewigen Lebens berufen sind, sondern auch zum Teilhaben an dem einen Gott und dem einen Christus. Mag nun auch solche traurige Öde, wie sie uns von allen Seiten entgegentritt, mit lauter Stimme zu bezeugen scheinen, es sei von der Kirche nichts mehr übrig, so sollen wir doch wissen, daß Christi Tod seine Frucht trägt und daß Gott seine Kirche auf wundersame Weise gleichsam in dunkler Ver-

borgenheit bewahrt. Es ist, wie es einst zu Elia gesagt wurde: „Ich habe mir lassen übrigbleiben siebentausend Mann, die nicht ihre Knie gebeugt haben vor Baal“ (1. Kön. 18,19; nicht Luthertext).

 

 

 

IV,1,3

 

Allerdings bezieht sich dieser Artikel des Glaubensbekenntnisses in einem gewissen Sinne auch auf die äußerliche Kirche, damit sich jeder von uns in brüderlicher Einigkeit mit allen Kindern Gottes halte, der Kirche die Autorität zuerkenne, die sie verdient, sich so aufführe wie ein Schaf aus der Herde. Zu diesem Zweck wird dann auch hinzugesetzt: „die Gemeinschaft der Heiligen“. Dieser Titel der Aussage wird freilich von den Alten durchweg ausgelassen; er ist aber trotzdem nicht zu vernachlässigen, weil er die Eigenart der Kirche sehr gut zum Ausdruck bringt. Er bedeutet doch soviel, als wenn da gesagt wäre: die Heiligen werden nach der Ordnung zur Gemeinschaft mit Christus versammelt, daß sie all die Wohltaten, die ihnen Gott gewährt, gegenseitig einander mitteilen. Dadurch wird die Verschiedenheit der Gnadengaben nicht aufgehoben; denn wir wissen ja, daß die Gaben des Heiligen Geistes vielartig ausgeteilt werden. Auch wird dadurch die bürgerliche Ordnung nicht umgestürzt, nach der jeder einzelne für sich allein sein besonderes Vermögen in Besitz haben darf; denn es ist ja zur Aufrechterhaltung des Friedens unter den Menschen erforderlich, daß jeder unter ihnen sein eigenes, besonderes Eigentumsrecht an seinem Besitz hat. Nein, es wird hier jene Gemeinschaft gewahrt, wie sie uns Lukas beschreibt: „Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4,32), und wie sie Paulus im Auge hat, wenn er die Epheser ermahnt, sie sollten „ein Leib und ein Geist“ sein, wie sie ja auch zu einer Hoffnung berufen seien (Eph. 4,4). Denn wenn sie wahrhaft von der Überzeugung getragen sind, daß Gott für sie alle der gemeinsame Vater und Christus das gemeinsame Haupt ist, so kann es nicht anders zugehen, als daß auch sie, in brüderlicher Liebe miteinander verbunden, einander gegenseitig ihren Besitz mitteilen.

 

Nun liegt aber für uns sehr viel daran, daß wir wissen, welche Frucht uns daraus erwächst. Denn wenn wir „die Kirche glauben“, so geschieht das dergestalt, daß wir fest überzeugt sind, ihre Glieder zu sein. Auf diese Weise nämlich stützt sich unser Heil auf sichere und feste Grundlagen, so daß es, selbst wenn das ganze Gebäu der Welt ins Wanken geriete, doch selber nicht zusammenstürzen und ineinanderfallen kann. Zunächst: es hat ja seinen Bestand zusammen mit Gottes Erwählung, und es kann deshalb auch allein mit Gottes ewiger Vorsehung zusammen eine Änderung erfahren oder zusammenbrechen! Zum zweiten ist unser Heil gewissermaßen mit der Festigkeit Christi verbunden, und er wird ebensowenig dulden, daß seine Gläubigen von ihm losgerissen werden, wie er es zugeben wird, daß seine Glieder zerstückelt oder auseinandergezerrt werden. Dazu kommt auch dies: wir sind sicher, daß die Wahrheit für uns allezeit Bestand haben wird, solange wir im Schoße der Kirche gehalten werden. Und endlich: wir empfinden es, daß uns nun solche Verheißungen gelten wie diese: „Auf dem Berge Zion wird eine Errettung sein“ (Joel 3,5; Ob. 17), oder auch: „In Ewigkeit wird Gott inmitten Jerusalems verweilen, so daß es nie und nimmer wanken wird!“ (Ps. 46,6; nicht Luthertext). Das Teilhaben an der Kirche vermag soviel, daß es uns in der Gemeinschaft mit Gott erhält. Auch liegt bereits in dem Wort „Gemeinschaft“ sehr viel Trost: denn es steht doch fest, daß alles, was der Herr seinen und unseren Gliedern gewährt, auch uns zukommt, und so wird durch alle Güter, die sie besitzen, unsere Hoffnung bekräftigt!

 

Um übrigens in dieser Weise die Einheit der Kirche hochzuhalten, ist es, wie ich bereits sagte, durchaus nicht vonnöten, daß wir die Kirche selber mit Augen sehen oder mit unseren Händen betasten. Nein, die Kirche besteht ja vielmehr im Glauben, und dadurch werden wir daran gemahnt, daß wir sie, wenn sie unserem Begreifen entzogen ist, doch um nichts weniger mit unseren Gedanken umfassen müssen,

als wenn sie offen in die Erscheinung träte. Auch ist unser Glaube deshalb nicht von geringerem Wert, weil er die Kirche in ihrer Unbekanntheit ergreift. Denn wir erhalten hier nicht die Weisung, die Verworfenen von den Auserwählten zu unterscheiden – das ist allein Gottes Sache und nicht die unsrige! -, sondern wir sollen in unserem Herzen klar und gewiß daran festhalten, daß alle, die aus der Freundlichkeit Gottes, des Vaters, durch die Wirkungskraft des Heiligen Geistes in die Gemeinschaft mit Christus gelangt sind, nun zu Gottes Eigentum und Eigenbesitz abgesondert sind, und daß wir, wenn wir zu ihrer Zahl gehören, solcher Gnade teilhaftig sind.

 

 

 

IV,1,4

 

Aber wir haben ja jetzt die Absicht, von der sichtbaren Kirche zu sprechen, und da wollen wir schon daraus, daß sie mit dem Ehrennamen „Mutter“ bezeichnet wird, lernen, wie nützlich, ja, wie notwendig es für uns ist, sie zu kennen. Denn es gibt für uns keinen anderen Weg ins Leben hinein, als daß sie uns in ihrem Schoße empfängt, uns gebiert, an ihrer Brust nährt und schließlich unter ihrer Hut und Leitung in Schutz nimmt, bis wir das sterbliche Fleisch von uns gelegt haben und den Engeln gleich sein werden (Matth. 22,30). Denn unsere Schwachheit erträgt es auch nicht, daß wir von der Schule entlassen werden, ehe wir im ganzen Lauf unseres Lebens Schüler gewesen sind. Zudem ist außerhalb des Schoßes der Kirche keine Vergebung der Sünden zu erhoffen und kein Heil; so bezeugen es uns Jesaja (Jes. 37,32) und Joel (Joel 3,5), und Ezechiel stimmt ihnen bei, indem er erklärt, daß die, welche Gott vom himmlischen Leben ausschließt, nicht auf der Liste seines Volkes stehen sollen (Ez. 13,9). Ebenso heißt es auch auf der anderen Seite von denen, die sich zum Dienste der wahren Frömmigkeit bekehren, daß sie ihren Namen unter die Bürger Jerusalems einschreiben (Jes. 56,5; Ps. 87,6). Aus diesem Grunde heißt es auch in einem anderen Psalm: „Herr, gedenke mein nach der Gnade, die du deinem Volk verheißen hast; suche mich heim in deinem Heil, damit ich sehe die Wohlfahrt deiner Auserwählten, damit ich mich freue an der Freude deines Volkes und mich rühme mit deinem Erbteil“ (Ps. 106,4f.; zumeist nicht Luthertext). Mit diesen Worten wird Gottes väterliche Gunst und das besondere Zeugnis des geistlichen Lebens auf Gottes Herde eingeschränkt, so daß die Absonderung von der Kirche stets verderblich ist.

Institutio – Tag 242

III,25,11

 

Wie nun aber alle Frommen dies einmütig annehmen werden, weil es durch Gottes Wort genugsam bezeugt ist, so werden sie auf der anderen Seite alle spitzfindigen Fragen fahren lassen, weil sie wissen, daß sie ihnen bloß Hemmnisse bereiten, und sie werden die ihnen vorgezeichneten Grenzen nicht überspringen. Was mich betrifft, so halte ich mich nicht nur für mich allein von allem überflüssigen Forschen nach unnützen Dingen zurück, sondern meine, mich auch hüten zu sollen, daß ich nicht durch Antwortgeben die Leichtfertigkeit anderer noch fordere! Menschen, die nach eitlem Wissen hungern, möchten gern in Erfahrung bringen, wie groß einst der Abstand zwischen Propheten und Aposteln oder wiederum zwischen Aposteln und Märtyrern sein werde, wieviel Stufen die Jungfrauen über den verheirateten stehen würden, kurz, sie lassen keine Ecke im Himmel mit ihrer Fragerei unangetastet! Dann kommt ihnen auch die Frage in den Sinn, was eigentlich die Erneuerung der Welt für einen Zweck haben solle, wo doch Gottes Kinder aus solcher großen und unvergleichlichen Fülle nicht ein einziges Ding nötig haben, sondern den Engeln ähnlich sein sollen, die doch gerade als Sinnbild ihrer ewigen Seligkeit nicht essen? Ich aber antworte: Auch in dem bloßen Anschauen wird soviel Ergötzlichkeit stecken, im bloßen Erkennen wird auch ohne Genuß soviel Süßigkeit liegen, daß diese Glückseligkeit über alle Mittel, die uns jetzt zu Hilfe kommen, weit hinausgeht! Stellen wir uns doch vor, wir würden in das reichste Gefilde der Welt versetzt, in dem uns kein Vergnügen abginge: wen würden da nicht seine Gebrechen zuweilen am Gebrauch solcher Wohltaten Gottes hindern und davon abhalten? Wessen Lauf wird nicht oft genug von seiner Unmäßigkeit gestört? Daraus ergibt sich, daß die höchste Glückseligkeit im lauteren und von allen Gebrechen reinen Genießen besteht, selbst wenn kein Gebrauch dieses vergänglichen Lebens dabei stattfindet! – Andere schwingen sich noch „weiter hinauf“, und fragen, ob nicht Gußschaum und andere Schäden an den Metallen weit von jeder Erneuerung entfernt sind und zu ihr im Gegensatz stehen. Das lasse ich zwar einigermaßen gelten, aber ich erwarte mit Paulus eine Behebung der Mängel, die ihren Ursprung von der Sünde her haben; danach „seufzt“ ja die ganze Kreatur, darauf hin leidet sie ja „Geburtswehen“! (Röm. 8,22; wörtlich). Aber sie gehen dann noch weiter und fragen, wieso denn das Menschengeschlecht in einen besseren Stand kommen sollte, wo doch die Segnung der Nachkommenschaft dann ein Ende nehmen würde. Auch dieser Knoten ist leicht aufzulösen. Daß die Schrift diesen Segen so herrlich rühmt, das bezieht sich auf das Wachstum, mit dem Gott die Ordnung der Natur beständig weiterführt, bis zu ihrem Ziele hin; es ist aber doch bekannt, daß es bei der Vollendung anders zugehen wird! Aber weil unvorsichtige Leute gleich von Täuschungen ergriffen werden und der Irrgarten sie dann immer tiefer zieht, und weil schließlich, wo jeder sich in seinen besonderen Meinungen gefällt, des

Disputierens kein Ende mehr ist, darum sollen wir es kurz und gut für unseren Weg halten, uns an dem „Spiegel und dunklen Wort“ genügen zu lassen, bis wir „sehen von Angesicht zu Angesicht!“ (1. Kor. 13,12). Denn unter der großen Menge findet man nur wenige, die sich darum sorgen, auf welchem Wege man zum Himmel wandern soll; dagegen begehren alle vor der Zeit zu wissen, was dort geschehe! Fast alle sind zu faul und träge, um Kämpfe durchzufechten; aber erträumte Triumphe malen sie sich schon an die Wand!

 

 

 

III,25,12

 

Weil nun weiter keine Beschreibung der Schwere göttlicher Rache gegen die verworfenen gleichzukommen vermag, darum werden uns ihre Leiden und Qualen unter dem Bilde leiblicher Dinge abgebildet, wie Finsternis, Heulen und Zähneklappern (Matth. 8,12; 22,13), unauslöschliches Feuer (Matth. 3,12; Mark. 9,43), oder auch unter dem Bilde eines Wurms, der ohne Ende am Herzen nagt (Jes. 66,24). Denn sicherlich hat der Heilige Geist durch solche Redeformen alle Sinne mit Schrecken erschüttern wollen; so, wenn es heißt, seit Ewigkeit sei eine tiefe Höllengrube bereitet, ihre Nahrung sei Feuer und viel Holz, und der „Odem des Herrn“ werde sie „anzünden wie ein Schwefelstrom“ (Jes. 30,33). Solche Worte sollen uns gewiß dazu helfen, das elende Los der Gottlosen einigermaßen zu verstehen; aber wir müssen dabei unsere Erwägung vor alledem darauf richten, was für eine Not es ist, von der Gemeinschaft mit Gott abgeschnitten zu sein, ja, nicht nur dies, sondern auch zu fühlen, wie Gottes Majestät gegen einen steht, so daß man ihrem lastenden Druck nicht entfliehen kann! Denn erstlich ist sein Zorn wie ein wütendes Feuer, durch dessen Berührung alles verschlungen und verzehrt wird. Dann aber dienen ihm zum Vollzug seines Gerichts auch alle Kreaturen, so daß die Gottlosen erfahren müssen, wie Himmel und Erde und Meer, wie alle Tiere und alles, was da ist, gleichsam in heftigem Zorn gegen sie entflammt und zu ihrem Verderben gerüstet sind: denn durch all das macht ihnen der Herr seinen Zorn offenbar. Deshalb hat der Apostel nichts Alltägliches kundgemacht, wenn er sagt, die Gottlosen müßten in ihrem Verderben ewige „Pein leiden“ „von dem Angesicht des Herrn und von seiner herrlichen Macht“ (2. Thess. 1,9). Und sooft die Propheten uns mit leiblichen Bildern Angst einjagen, sprechen sie zwar angesichts unserer Schwerfälligkeit nichts Unbegreifliches aus, aber sie mischen unter ihre Worte doch Vorspiele des künftigen Gerichts, die an Sonne und Mond und am ganzen Gebäu der Welt offenbar werden! Deshalb finden die unseligen Gewissen keine Ruhe, sondern sie werden von furchtbarem Wirbelwind gequält und umgetrieben, sie erfahren, wie der erzürnte Gott sie foltert, sie werden von todbringenden Pfeilen durchbohrt und zerfleischt, erschrecken vor Gottes Blitzstrahl und werden unter der Last seiner Hand erdrückt, so daß es leichter wäre, in irgendeinem Abgrund oder Schlund unterzutauchen, als auch nur einen Augenblick in solchen Schrecknissen zu stehen! Was ist das doch für eine furchtbare Sache, von Gottes ewiger und nie endender Drangsal bedrückt zu werden! Hierüber enthält der neunzigste Psalm eine beherzigenswerte Lehre: obgleich Gott allein durch seinen Anblick alle Sterblichen verstört und zunichte macht, so drängt er doch seine Verehrer, je furchtsamer sie in dieser Welt sind, nur um so mehr, um sie, mit dem Kreuze beladen, zur Eile anzufeuern, bis er selbst alles in allen ist! (Ps. 90,7ff.; 1. Kor. 15,28).                  

Institutio – Tag 241

III,25,9

 

Aber hier entsteht eine schwierigere Frage, nämlich die, mit welchem Recht die Auferstehung, die doch eine besondere Wohltat Christi ist, auch den Gottlosen und von Gott Verdammten gemein ist. Wir wissen, daß in Adam alle zum Tode verurteilt worden sind; da ist nun Christus als „die Auferstehung und das Leben“ gekommen (Joh. 11,25); etwa dazu, daß er ohne Unterschied das ganze Menschengeschlecht lebendig macht? Aber was will sich weniger reimen, als daß die Gottlosen in ihrer halsstarrigen Blindheit erlangen sollten, was doch Gottes fromme Verehrer allein durch den Glauben erhalten? Und trotzdem soll fest bestehen bleiben, daß die eine Auferstehung eine Auferstehung zum Gericht, die andere eine Auferstehung zum Leben ist (Joh. 5,29), und daß Christus kommen wird, um die Schafe von den Böcken zu sondern! (Matth. 25,32). Ich entgegne: das soll uns nicht so ungewohnt vorkommen, da wir doch Ähnliches in tagtäglicher Erfahrung zu sehen bekommen! Wir wissen doch, daß wir in Adam der Erbschaft an der ganzen Welt verlustig gegangen sind, und daß wir aus ebenso gerechter Ursache von unserer gewöhnlichen Nahrung ferngehalten werden könnten, wie von dem Genuß am Baume des Lebens. Wie kommt es nun aber, daß Gott nicht nur „seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten“ (Matth. 5,45), sondern daß seine unermeßliche Freigebigkeit auch, was den Gebrauch des gegenwärtigen Lebens betrifft, immerfort reichliche Güter aus sich hervorfließen läßt? Hieraus sehen wir doch unzweifelhaft, wie das, was Christus und seinen Gliedern eigen ist, doch auch zu den Gottlosen überströmt, und zwar nicht, damit sie es rechtmäßig besitzen, sondern damit sie um so mehr unentschuldbar werden! So erfahren die Gottlosen häufig Gottes Wohltätigkeit, und zwar nicht bloß in gewöhnlichen Erweisungen, sondern gar in solchen, die alle Segnungen, die den Frommen widerfahren, bisweilen in den Schatten stellen; – und doch gereichen sie ihnen nur zu größerer Verdammnis! Nun könnte jemand einwenden, die Auferstehung könne man doch nicht passenderweise mit diesen gebrechlichen, irdischen Wohltaten vergleichen. Darauf antworte ich nun auch: Sobald sie von Gott, der Quelle des Lebens, sich entfremdet haben, haben sie allerdings das Verderben des Teufels verdient, sie haben es also verdient, gänzlich vertilgt zu werden; und doch ist aus Gottes wunderbarem Rat ein Mittelzustand gefunden worden, daß sie außerhalb des Lebens, im Tode – leben! Ebensowenig widersinnig ist es, wenn auch den Gottlosen als etwas zu ihrem Wesen Hinzukommendes die Auferstehung zuteil wird, die sie gegen ihren Willen vor den Richterstuhl des Christus ziehen soll, den sie jetzt als Meister und Lehrer nicht hören wollen! Denn es wäre ja eine leichte Strafe, wenn sie bloß vom Tode verzehrt werden sollten, ohne vor den Richter gestellt zu werden, um dort für ihre Widerspenstigkeit Strafe zu leiden, – vor den Richter, dessen Rache sie ohne Ziel und Maß gegen sich hervorgerufen haben! So müssen wir also freilich an dem festhalten, was wir ausgeführt haben, und was jenes berühmte Bekenntnis des Paulus vor Felix enthält: „Und habe die Hoffnung zu Gott, daß zukünftig sei die Auferstehung der Toten, der Gerechten und Ungerechten!“ (Apg. 24,15). Trotzdem stellt die Schrift mehrfach die Auferstehung zusammen mit der himmlischen Herrlichkeit allein den Gläubigen vor Augen; denn eigentlich ist ja Christus nicht zum Verderben, sondern zum Heil der Welt gekommen. So wird auch im Glaubensbekenntnis allein das selige Leben erwähnt.

 

III,25,10

 

Die Weissagung, daß „der Tod soll verschlungen werden in den Sieg“ (Hos. 13,14; 1. Kor. 15,54f.), wird sich aber erst dann gänzlich erfüllen. Deshalb sollen wir allezeit der ewigen Seligkeit gedenken, die das Ziel der Auferstehung ist; wenn man von ihrer Herrlichkeit alles gesagt hätte, was aller Menschen Zungen zu sagen vermögen, so hätte man doch kaum den kleinsten Teil von ihr auch nur flüchtig berührt! Denn obwohl wir in Wahrheit hören, das Reich Gottes werde voll Glanz und Freude, voll Seligkeit und Herrlichkeit sein, so bleibt doch das alles, was man nennen mag, unserem Empfinden ganz fern und gleichsam in Rätsel eingehüllt, bis jener Tag gekommen ist, an dem er uns selber seine Herrlichkeit enthüllen und sie uns von Angesicht zu Angesicht schauen lassen wird. „Wir wissen nun“, sagt Johannes, „daß wir Gottes Kinder sind, aber es ist noch nicht erschienen … Wenn wir ihm aber gleich sein werden, dann werden wir ihn sehen, wie er ist!“ (1. Joh. 3,2; nicht Luthertext). Deshalb haben die Propheten diese geistliche Seligkeit gemeinhin unter leiblichen Dingen abgebildet, da sie sie an sich selbst mit keinerlei Worten auszudrücken vermochten. Weil aber auf der anderen Seite das heiße Verlangen durch irgendeinen Geschmack von der Süße dieser Seligkeit in uns entzündet werden soll, darum wollen wir dabei bleiben, vor allem dies zu bedenken: Wenn Gott wie eine unerschöpfliche Quelle die Fülle aller Güter in sich trägt, so sollen die, welche das höchste Gut und die vollkommene Seligkeit erstreben, nichts über ihn hinaus begehren. So lehren es uns sehr viele Stellen. So das Wort: „Abraham, ich bin … dein sehr großer Lohn!“ (Gen. 15,1). Diesem Wort stimmt David bei: „Der Herr ist mein Teil … Das Los ist mir gefallen aufs Liebliche!“ (Ps. 16,5.6). Oder an anderer Stelle: „Ich will satt werden … an deinem Anblick!“ (Ps. 17,15; nicht Luthertext). Petrus aber tut kund, daß die Gläubigen dazu berufen sind, „der göttlichen Natur teilhaftig zu werden“ (2. Petr. 1,4). Und warum das? Weil er „herrlich erscheinen wird in seinen Heiligen und wunderbar sein wird in denen, die da geglaubt haben!“ (2. Thess. 1,10; nicht Luthertext). Wenn der Herr seine Herrlichkeit, Kraft und Gerechtigkeit mit den Auserwählten teilen, ja wenn er sich ihnen selber zum Genuß geben und, was noch herrlicher ist, mit ihnen gewissermaßen in Eins zusammenwachsen wird, – dann sollen wir daran denken, daß in dieser Wohltat jederlei Seligkeit beschlossen liegt! Und wenn wir in dieser Betrachtung weit fortgeschritten sind, so wollen wir doch erkennen, daß wir noch bei den ersten Anfängen stecken, wenn wir das Begreifen unseres Verstandes mit der Erhabenheit dieses Geheimnisses vergleichen! Um so mehr müssen wir in diesem Stück auf Bescheidenheit halten, damit wir nicht unser Maß vergessen und uns der Glanz der himmlischen Herrlichkeit nicht übermannt, je kühnlicher wir unseren Flug in die Höhe lenken! Denn wir fühlen es auch, wie uns solche maßlose Gier, mehr zu wissen, als uns gebührt, immerfort kitzelt; daraus sprudeln dann zuweilen leichtfertige, schädliche Fragen hervor. Leichtfertige Fragen nenne ich solche, aus denen sich keinerlei Nutzen ziehen läßt. Aber schlimmer noch ist das zweite: Menschen, die sich in solchen Fragen gefallen, verwickeln sich in gefährliche Gedankenspielereien; deshalb nenne ich solche Fragen „schädlich“.

 

Was die Schrift uns lehrt, das soll bei uns jeder Erörterung entzogen sein, nämlich: wie Gott bei der Austeilung seiner Gaben an die Heiligen in dieser Welt verschiedenartig vorgeht und sie seine Strahlen ungleich verspüren läßt, so wird auch im Himmel, wo Gott seine Gaben krönen wird, das Maß der Herrlichkeit nicht gleich sein. Denn es läßt sich nicht unterschiedslos auf alle anwenden, wenn Paulus sagt: „Ihr seid mein Ruhm und meine Krone am Tage Christi!“ (1. Thess. 2,19; nicht Luthertext). Ebensowenig das Wort Christi an seine Apostel: „Ihr werdet sitzen … und richten die zwölf Geschlechter Israels!“ (Matth. 19,28). Aber Paulus wußte, daß Gott nach dem Maß, wie er seine Heiligen auf Erden mit geistlichen Gütern reich macht, sie auch im Himmel mit Herrlichkeit ziert, und deshalb zweifelte er nicht, daß für ihn auch nach dem Maß seiner

Mühen eine besondere Krone bereitliege. Christus aber will den Aposteln die Würde des Amtes preisen, das ihnen übergeben ist, und deshalb erinnert er sie daran, daß dessen Frucht im Himmel verborgen ist. So finden wir es auch bei Daniel: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich!“ (Dan. 12,3). Und wenn jemand aufmerksam auf die Schrift achtet, so wird er finden, daß diese den Gläubigen nicht allein das ewige Leben verheißt, sondern auch jedem einzelnen seinen besonderen Lohn. Daher auch das Wort des Paulus: „Der Herr wolle es ihm vergelten an jenem Tage …“ (2. Tim. 1,18; ungenau). Das wird auch durch Christi Verheißung bestätigt: „Ihr werdet’s hundertfältig empfangen im ewigen Leben“ (Matth. 19,29; nicht Luthertext). Kurz, wie Christus in der Welt die Herrlichkeit seines Leibes mit einer vielfältigen Verschiedenartigkeit von Gaben anfangen läßt und sie stufenweise vermehrt, so wird er sie auch im Himmel vollkommen machen!

 

Institutio – Tag 240

III,25,7

 

Ebenso ungeheuerlich ist auch der Irrtum derer, die sich einbilden, die Seelen würden einst nicht die Leiber erhalten, mit denen sie jetzt angetan sind, sondern mit neuen und anderen ausgerüstet werden. Und zwar haben die Manichäer die ganz und gar inhaltslose Begründung vorgebracht, es sei keineswegs angemessen, daß das Fleisch, das doch unrein sei, auferstehen sollte. Als ob an den Seelen gar keine Unreinigkeit wäre! Und sie haben doch diese deshalb nicht von der Hoffnung auf das himmlische Leben ferngehalten! Es war also genau so, als ob sie gesagt hätten, was vom Schmutz der Sünde angesteckt sei, das könne von Gott nicht gereinigt werden; denn jene Schwärmerei, das Fleisch sei von Natur unrein, weil es vom Teufel geschaffen sei, übergehe ich jetzt. Ich weise nur darauf hin, daß alles, was jetzt an uns des Himmels unwürdig ist, der Auferstehung nicht entgegensteht. Zunächst gebietet doch Paulus den Gläubigen, sich „von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes“ zu reinigen (2. Kor. 7,1). Daraus ergibt sich das Urteil, das er an anderer Stelle verkündet, nämlich es solle jeder empfangen, „nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse“! (2. Kor. 5,10). Dem entspricht auch, was er an die Korinther schreibt: „Auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleische“ (2. Kor. 4,11). Aus diesem Grunde betet er anderwärts, Gott möge die Leiber unversehrt erhalten auf den Tag Christi; dieses Gebet betrifft den Leib genau so wie „Seele“ und „Geist“ (1. Thess. 5,23). Das ist kein Wunder; denn es wäre höchst widersinnig, wenn unsere Leiber, die sich doch Gott zu Tempeln geweiht hat (1. Kor. 3,16), ohne Hoffnung auf Auferstehung in Verwesung verfielen! Was will man dazu sagen, daß doch auch sie „Glieder Christi“ sind? (1. Kor. 6,15). Oder daß Gott gebietet, ihm ihre einzelnen Teile zu heiligen? Oder daß er will, daß unsere Zungen seinen Namen verherrlichen und daß wir reine Hände zu ihm erheben (1. Tim. 2,8) und ihm damit Opfer darbringen? Wenn also der himmlische Richter einen Teil des Menschen solch hervorragender Ehre würdigt, was ist es dann für ein Wahnwitz, wenn ihn ein sterblicher Mensch zu Staub werden läßt ohne jede Hoffnung auf Wiederherstellung? Ebenso ermahnt uns Paulus, Gott mit unserem Leibe wie mit unserer Seele zu preisen, weil beide ihm gehören! (1. Kor. 6,20). Da leidet er es sicher nicht, daß man das, was er Gott gewissermaßen als etwas Heiliges vorbehält, der ewigen Verwesung überantwortet!

 

Es ist aber auch über keine Frage eine klarere Bestimmung der Schrift zur Hand als über die Auferstehung des Fleisches, das wir an uns tragen. „Dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit“, sagt Paulus (1. Kor. 15,53). Wo bliebe diese Veränderung des Zustandes, wenn Gott neue Leiber bildete? Wenn es hieße, wir müßten erneuert werden, so wäre das eine doppeldeutige Redeweise, die allenfalls solchem Geschwätz eine Gelegenheit böte. Nun weist aber der Apostel mit dem Finger eben auf die Leiber, mit denen wir jetzt angetan sind, und verheißt ihnen die Unverweslichkeit; damit bestreitet er offen, daß etwa neue Leiber gebildet würden! Ja, er hätte, wie Tertullian sagt, gar nicht ausdrücklicher reden können, es sei denn, daß er seine eigene Haut in der Hand gehalten hätte! Mit keiner Ausflucht werden die Schwärmer auch der Tatsache entrinnen, daß Paulus an anderer Stelle erklärt, Christus werde der Richter der Welt sein, und daß er dabei das Zeugnis des Jesaja heranzieht: „So wahr als ich lebe, spricht der Herr, mir sollen alle Knie gebeugt werden!“ (Röm. 14,11; Jes. 45,23). Denn Paulus verkündigt ja offen eben denen, an die er seine Worte richtet, sie seien schuldig, einst von ihrem Leben Rechenschaft zu geben! Das würde aber nicht passen, wenn vor Gottes Richterstuhl neue Leiber gestellt würden. Keinerlei Unklarheit enthalten auch die Worte des Daniel: „Viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger

Schmach und Schande“ (Dan. 12,2). Denn Gott ruft hier nicht neuen Stoff aus den vier Elementen, um etwa daraus einen neuen Menschen zu machen, sondern er ruft die Toten aus ihren Gräbern hervor: Das diktiert uns auch die klare Vernunft. Wenn nämlich der Tod, der seinen Ursprung vom Fall des Menschen her hat, etwas (zum eigentlichen Wesen des Menschen) Hinzukommendes darstellt, so bezieht sich die Erneuerung, die Christus gebracht hat, eben auf diesen Leib, der einst anfing, sterblich zu sein. Auch wenn die Athener darüber lachen, daß Paulus die Auferstehung behauptet, dann läßt sich doch gerade daraus entnehmen, wie seine Verkündigung beschaffen war; und dieses Lachen dient durchaus nicht wenig zur Kräftigung unseres Glaubens! Der Beachtung wert ist auch der Spruch Christi: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle!“ (Matth. 10,28). Denn es wäre doch gar kein Anlaß zur Furcht vorhanden, wenn nicht eben der Leib, den wir an uns tragen, der Strafe unterworfen wäre! Ebenso deutlich ist ein anderes Wort Christi: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichts“ (Joh. 5,28f.). Sollen wir etwa sagen, in den Gräbern ruhten Seelen, um von dort her Christus zu hören? Müssen wir nicht vielmehr sagen, daß auf seinen Befehl hin die Leiber zu der Kraft zurückkehren, die sie verloren haben?

 

Ferner: wenn wir mit neuen Leibern begabt werden sollen, wo bleibt dann die Gleichgestaltigkeit zwischen Haupt und Gliedern? Christus ist auferstanden; – etwa dadurch, daß er sich einen neuen Leib bildete? Nein, gewiß nicht; es geschah, wie er vorhergesagt hatte: „Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage werde ich ihn aufrichten!“ (Joh. 2,19). Eben den sterblichen Leib, den er zuvor an sich getragen hatte, den bekam er wieder; und es würde uns auch nicht viel eintragen, wenn er einen neuen Leib erhalten hätte und damit jener Leib abgetan wäre, der zum Sühnopfer dargebracht worden war! Wir müssen auch jene Gemeinsamkeit festhalten, die der Apostel Predigt: Wir erlangen Auferstehung, weil Christus auferstanden ist (1. Kor. 15,12ff.). Denn es ist nichts weniger wahrscheinlich, als daß unser Fleisch, an dem wir das Sterben Christi mit uns herumtragen (2. Kor. 4,10f.), der Auferstehung Christi beraube werden sollte! Das ist auch durch einen herrlichen Beweis offenkundig geworden, indem bei Christi Auferstehung viele Leiber von Heiligen aus ihren Gräbern hervorgingen (Matth. 27,52). Denn es läßt sich nun auch nicht leugnen, daß dies Geschehen ein Vorspiel, ja besser ein Unterpfand der letzten Auferstehung gewesen ist, auf die wir hoffen. Gleiches war ja zuvor bereits an Henoch und Elia zutage getreten; Tertullian nennt diese beiden deshalb „Besitzanwärter“ (candidati) der Auferstehung, weil sie nach Leib und Seele der Verderbnis entnommen und in Gottes Hut aufgenommen worden sind.

 

 

 

III,25,8

 

Ich schäme mich, in einer so klaren Angelegenheit soviel Worte zu verlieren; aber diesen Verdruß mögen die Leser geduldig mit mir in sich hineinfressen, damit verderbten und verwegenen Geistern keine Ausflucht mehr offensteht, um Einfältige zu täuschen! Die Schwarmgeister, mit denen ich hier zu streiten habe, bringen das Gespinst ihres eigenen Hirns vor und behaupten, in der Auferstehung werde eine Erschaffung neuer Leiber geschehen. Welche Ursache treibt sie eigentlich zu dieser Ansicht? Keine andere, als daß es ihnen unglaublich erscheint, daß ein Leichnam, der von so langer Verwesung verzehrt ist, noch einmal in seinen vorigen Zustand zurückkehren könnte! Einzig die Ungläubigkeit ist also bei ihnen die Mutter dieser Meinung! Uns dagegen ermahnt der Geist Gottes in der Schrift immer wieder zur Hoffnung auf die Auferstehung unseres Fleisches. In diesem Sinne ist uns die

Taufe nach dem Zeugnis des Paulus ein Siegel der zukünftigen Auferstehung (Kol. 2,12). Ebenso sehr lädt uns das Heilige Abendmahl zur Zuversicht auf diese Auferstehung ein, indem wir die Merkzeichen der geistlichen Gnade mit unserem Munde empfangen! Auch wäre die ganze Mahnung des Paulus, wir sollten unsere Glieder als Waffen in den Dienst der Gerechtigkeit stellen (Röm. 6,13.19), doch ganz sicher ohne Gehalt, wenn nicht das hinzukäme, was er nachher anfügt: „Derselbe, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen …“ (Röm. 8,11). Was würde es denn helfen, unsere Füße, Hände, Augen und Zungen in den Gehorsam Gottes zu begeben, wenn diese nicht auch an der Frucht und dem Lohn teilhätten? Das bestätigt Paulus ganz klar mit seinen eigenen Worten: „Der Leib nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe! Der aber Christum auferweckt hat, der wird auch uns auferwecken durch seine Kraft!“ (1. Kor. 6,13f.; nicht ganz Luthertext). Noch klarer sind die folgenden Worte, nach denen unsere Leiber „Glieder Christi“ (Vers 15) und „Tempel des Heiligen Geistes“ sind (Vers 19). Indessen sehen wir, daß er die Auferstehung mit Keuschheit und Heiligkeit verbindet, wie er denn kurz nachher den Preis der Erlösung auch auf den Leib ausdehnt. Es wäre nun der Vernunft nicht entsprechend, wenn der Leib des Paulus, an dem er die „Malzeichen“ Christi trug (Gal. 6,17) und an dem er Christus großartig verherrlichte, ohne den Ehrenpreis, die Krone bleiben sollte. Daher kommt auch jener rühmende Ausruf: „Wir warten des Heilandes vom Himmel, welcher unseren nichtigen Leib … ähnlich machen wird seinem verklärten Leibe …“ (Phil. 3,20f.; nicht ganz Luthertext). Ist es aber wahr, daß wir „durch viel Trübsale müssen in das Reich Gottes eingehen“ (Apg. 14,22), so ist es auf keinerlei Weise möglich, unseren Leibern solchen Eingang zu versperren, welche doch Gott unter dem Fähnlein seines Kreuzes übt und mit dem Lobpreis des Sieges ziert!

 

Deshalb ist unter den Heiligen nie ein Zweifel in dieser Sache entstanden, sondern sie haben gehofft, Christi Mitgenossen zu sein; denn er nimmt alle Trübsale, mit denen wir geprüft werden, auf seine Person, um uns zu lehren, daß sie lebendigmachend sind: Ja, Gott hat auch die heiligen Väter unter dem Gesetz durch eine äußere Zeremonie in diesem Glauben geübt. Wozu diente – so sahen wir bereits! – die Sitte des Begrabens der Toten anders als dazu, daß sie wissen sollten, daß den begrabenen Leibern ein neues Leben bereitet sei? Auch die wohlriechenden Kräuter und andere Sinnbilder der Unsterblichkeit hatten diesen Zweck; mit ihnen wurde unter dem Gesetz, genau wie auch durch die Opfer, der Dunkelheit der Lehre abgeholfen. Auch ist diese Sitte nicht vom Aberglauben aufgebracht worden; denn wir sehen, wie der Heilige Geist auf die Schilderung von Begräbnissen nicht weniger eifrig Gewicht legt, als auf die vornehmsten Geheimnisse unseres Glaubens. Auch Christus lobt solchen Dienst als etwas ganz Besonderes (Matth. 26,10), und das sicherlich nur aus einem einzigen Grunde: weil er nämlich die Augen der Menschen vom Anblick des Grabes, welches alles verzehrt und vertilgt, weglenkt und sie zu dem Schaubild der Erneuerung emporhebt! Außerdem beweist die eifrige Beobachtung dieser Zeremonie, die an den Vätern gelobt wird, zur Genüge, daß ihnen diese ein außerordentliches und köstliches Hilfsmittel des Glaubens gewesen ist. Denn Abraham hätte sich nicht mit solcher Sorgfalt um das Grab seines Weibes gekümmert (Gen. 23,4.19), wenn ihm dabei nicht die Religion vor Augen gestanden hätte und der Nutzen, der köstlicher ist als alle Welt: daß er nämlich dadurch, daß er den Leib seines Weibes mit den Zeichen der Auferstehung zierte, seinen und seines Hauses Glauben bekräftigte! Noch klarer leuchtet der Beweis hierfür an dem Beispiel des Jakob hervor, der seinen Nachfahren gebietet, seine Gebeine in das verheißene Land zu überführen, um ihnen zu bezeugen, daß die Hoffnung auf dieses Land auch im Tode nicht aus seinem Herzen gewichen ist (Gen. 47,30). Ich frage den Leser: wenn Jakob mit einem

neuen Leib angetan werden sollte, wäre dann sein Auftrag nicht lächerlich, weil er sich ja auf Staub bezöge, der der völligen Vernichtung entgegenging? Wenn also die Autorität der Schrift bei uns irgendwie in Kraft steht, so gibt es keine Lehre, für die wir einen klareren und gewisseren Beweis verlangen konnten!

 

Schon die Worte „Auferstehung“ und „Auferwecken“ machen den gleichen Sachverhalt selbst Kindern lebendig; denn von etwas, das eben erst geschaffen wird, sagen wir doch nicht, es erstünde auf. Auch würde sonst das Wort Christi keinen Bestand haben: „Daß ich nichts verliere von allem, was mir mein Vater gegeben hat, sondern daß ich’s auferwecke am jüngsten Tage“ (Joh. 6,39). In der gleichen Richtung geht auch das Wort „Schlafen“, das nur auf Leiber zu beziehen ist. Daher hat man auch die Begräbnisstätten als „Schlafstätten“ (coemeteria) bezeichnet.

 

Jetzt muß ich über die Art der Auferstehung noch einiges kurz ausführen. Ich sage: „kurz ausführen“; denn Paulus spricht hier von einem „Geheimnis“ (1. Kor. 15,51), und er ermahnt uns damit zur Bescheidenheit und zügelt die ausschweifende Neigung, gar zu frei und scharfsinnig zu philosophieren. Zunächst ist da festzuhalten, was wir bereits dargelegt haben: Was die Substanz betrifft, so werden wir in dem gleichen Fleische auferstehen, das wir jetzt an uns tragen. Die Beschaffenheit (qualitas) wird dagegen anders sein. So wurde ja auch das gleiche Fleisch Christi, das zum Opfer dargebracht worden war, auferweckt, und doch zeichnete es sich durch andere Gaben aus, so daß es so war, als ob es ein anderes Fleisch geworden wäre: Das hat Paulus durch wohlbekannte Beispiele verdeutlicht (1. Kor. 15,39). Denn wie das Fleisch von Mensch und Tier das gleiche Grundwesen, aber nicht die gleiche Beschaffenheit besitzt, wie alle Sterne aus dem gleichen Stoff bestehen, aber doch nicht gleich hell scheinen, so lehrt Paulus, daß wir zwar das Grundwesen unseres Leibes behalten, aber dabei eine Veränderung eintritt, so daß sein Stand viel herrlicher wird. Der verwesliche Leib geht also, damit wir auferstehen, nicht etwa zugrunde, er zergeht auch nicht, sondern er legt die Verweslichkeit ab und nimmt die Unverweslichkeit an! Da aber Gott alle Elemente auf seinen Wink hin zur Hand hat, so besteht für ihn gar keine Schwierigkeit, die ihn etwa hinderte, der Erde und dem Wasser und dem Feuer zu gebieten, daß sie zurückgeben, was von ihnen verzehrt zu sein scheint. Das bezeugt auch Jesaja, freilich nicht ohne Bild: „Denn siehe, der Herr wird ausgehen von seinem Ort, heimzusuchen die Bosheit der Einwohner des Landes über sie, daß das Land wird offenbaren ihr Blut und nicht weiter verhehlen, die darin erwürgt sind!“ (Jes. 26,21).

 

Es ist aber hier ein Unterschied zu beachten zwischen denen, die dann bereits verstorben sind, und denen, die dieser Tag noch am Leben finden wird. Denn – wie Paulus bezeugt – „wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden“ (1. Kor. 15,51). Das bedeutet: es ist nicht notwendig, daß zwischen den Tod und den Beginn des neuen Lebens ein zeitlicher Abstand tritt; denn „plötzlich“ und „in einem Augenblick“ wird der Klang der Posaune ertönen und „die Toten“ auferwecken „unverweslich“, die Lebenden aber in plötzlicher Verwandlung zu gleicher Herrlichkeit umgestalten! (1. Kor. 15,52). So werden auch an anderer Stelle die Gläubigen, die den Tod erleiden müssen, damit getröstet, daß auch die, welche dann noch da sein werden, den Verstorbenen „nicht zuvorkommen“ sollen, sondern daß vielmehr die zuerst auferstehen, die „in Christo entschlafen“ sind! (1. Thess. 4,15f.).

 

Wenn sich nun jemand dagegen auf das Wort des Apostels beruft, nach welchem es allen Menschen „gesetzt ist, einmal zu sterben“ (Hebr. 9,27), so ist die Lösung schnell zur Hand: wo der Zustand der Natur eine Verwandlung durchmacht, da ist das eine Art von Tod und wird auch durchaus zutreffend so bezeichnet;

es paßt also gut zusammen, daß einerseits alle durch den Tod erneuert werden sollen, indem sie ihren sterblichen Leib von sich ablegen, und daß doch andererseits eine Trennung von Leib und Seele nicht notwendig sein wird, wenn jene plötzliche Verwandlung eintritt.

Institutio – Tag 239

III,25,4

 

Wir sagten dann, wir müßten beim Beweis für die Auferstehung unsere Sinne auch auf Gottes unermeßliche Macht richten. Das lehrt uns Paulus in Kürze: „Welcher unseren nichtigen Leib … ähnlich machen wird seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, mit der er kann auch alle Dinge sich untertänig machen“ (Phil. 3,21). Deshalb gibt es nichts Unpassenderes, als wenn man hier danach sieht, was natürlicherweise geschehen könnte, wo uns doch ein unausdenkliches Wunder vor Augen gestellt wird, das in seiner Größe unsere Sinne versinken läßt! Trotzdem bringt Paulus auch einen Beweis aus der Natur vor, um die Unverständlichkeit derer zu widerlegen, welche die Auferstehung leugnen. „Du Narr“, sagt er, „was du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn …“ (1. Kor. 15,36). Er sagt also, daß man an dem Samen ein Bild der Auferstehung wahrnehmen kann, weil die junge Saat aus der Verwesung erwächst! Diese Tatsache wäre aber auch gar nicht so schwer zu glauben, wenn wir den Wundern, die sich allenthalben in der Welt unseren Augen darbieten, die gebührende Beachtung schenkten.

 

Wir wollen weiter daran denken, daß niemand wirklich von der künftigen Auferstehung überzeugt ist, der nicht voller Bewunderung Gottes Kraft die gebührende Ehre gibt. Diese Zuversicht reißt den Jesaja zu dem Ausruf hin: „Deine Toten werden leben; mein Leichnam wird auferstehen! Wachet auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde!“ (Jes. 26,19; nicht ganz Luthertext). In verzweifelter Lage erhebt er sich zu Gott, dem Geber des Lebens, in dessen Hand die Errettung aus dem Tode liegt, wie es im Psalm heißt (Ps. 68,21). Auch Hiob, der einem Leichnam ähnlicher ist als einem Menschen, vertraut auf Gottes Macht und hebt sich, als ob er noch voll bei Kräften wäre, ohne Zögern zu jenem Tage empor: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt; und am letzten Tage wird er über dem Staube sich erheben“ – nämlich um da seine Macht auszuüben! -, „und ich werde danach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen; selber werde ich ihn sehen und kein anderer!“ (Hiob 19,25-27; annähernd der ursprüngliche Luthertext). Freilich werden diese Stellen von einigen Leuten gar zu spitzfindig verdreht, als ob man sie nicht als Zeugnisse der Auferstehung auslegen dürfte; aber tatsächlich beweisen sie doch, was jene Menschen so gern umstoßen möchten; denn die heiligen Männer suchen ihren Trost einzig und allein aus dem Gleichnis der Auferstehung. Das kann man noch besser aus einer Stelle bei Ezechiel erkennen: Die Juden verwarfen die Verheißung von ihrer Rückkehr und brachten dagegen vor: daß ihnen ein Weg geöffnet würde, das sei nicht wahrscheinlicher, als daß Tote aus ihren Gräbern hervorgingen; da wurde denn dem Propheten ein Gesicht zuteil, bei dem er ein Feld voll dürrer Gebeine vor sich sah, – und denen gebietet nun Gott, wieder Fleisch und Sehnen an sich zu nehmen! (Ez. 37,1ff.). Allerdings ermuntert er unter diesem Bilde das Volk zur Hoffnung auf seine Rückkehr; aber die Ursache zu solcher Hoffnung nimmt er aus der Auferstehung, wie diese ja auch für uns das herrlichste Bild für alle Errettungen ist, die die Gläubigen in dieser Welt erfahren! So sehen wir es auch bei Christus: er lehrt zunächst, daß die Verkündigung des Evangeliums lebendig macht;

weil die Juden das aber nicht annehmen, darum fügt er gleich hinzu: „Verwundert euch des nicht. Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden hören die Stimme des Sohnes Gottes, und werden hervorgehen …“ (Joh. 5,28f.).

 

Deshalb wollen wir nach dem Vorbild des Paulus bereits mitten in allen Kämpfen fröhlich triumphieren, weil der, der uns das zukünftige Leben verheißen hat, auch mächtig ist, uns zu bewahren, was uns beigelegt ist! (2. Tim. 1,12). Und so wollen wir uns rühmen, daß uns „die Krone der Gerechtigkeit beigelegt“ ist, die uns „der gerechte Richter geben wird“! (2. Tim. 4,8). So wird es geschehen, daß alle Widerwärtigkeiten, die wir zu erdulden haben, uns ein Anzeichen des zukünftigen Lebens sind, weil es dem Wesen Gottes geziemt, den Gottlosen, „die uns Trübsal antun“, „Trübsal zu vergelten“, uns aber, die wir zu Unrecht „Trübsal leiden, Ruhe, … wenn nun Christus wird offenbart werden … samt den Engeln seiner Kraft und mit Feuerflammen …“ (2. Thess. 1,6-8). Aber wir müssen auch festhalten, was Paulus kurz danach ausführt, nämlich daß Christus kommen wird, um herrlich zu erscheinen in seinen Heiligen und wunderbar zu sein in allen, die an ihn glauben, weil das Evangelium bei ihnen Glauben gefunden hat! (2. Thess. 1,10).

 

                       

 

III,25,5

 

Obgleich nun aber die Sinne der Menschen eifrig auf solche Betrachtung gerichtet sein sollten, so haben sie doch, als wollten sie mit festem Vorsatz jede Erinnerung an die Auferstehung auslöschen, den Tod als letzte Grenze aller Dinge und als den Untergang des Menschen bezeichnet! Denn Salomo hat unzweifelhaft diese allgemeine und überall angenommene Ansicht im Auge, wenn er sagt: „Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe!“ (Pred. 9,4), oder wenn er an anderer Stelle ausspricht: „Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre?“ (Pred. 3,21). Dieser grobe Stumpfsinn hat aber zu allen Zeiten um sich gegriffen und ist gar in die Kirche eingebrochen; haben doch die Sadduzäer offen zu bekennen gewagt, es gäbe keine Auferstehung (Mark. 12,18; Luk. 20,27; Apg. 23,8), ja, die Seelen seien sterblich!

 

Aber damit solche grobe Unwissenheit niemanden entschuldige, haben die Ungläubigen bereits aus natürlichem Trieb heraus stets ein Bild der Auferstehung vor Augen gehabt. Denn wozu dient die geheiligte und unverletzliche Sitte, die Toten zu begraben? Soll sie etwas anderes sein als Unterpfand eines neuen Lebens? Man darf auch nicht einwenden, das sei aus Irrtum geschehen; denn einmal war die Heilighaltung des Begräbnisses auch bei den heiligen Vätern stets in Kraft, und zum anderen hat Gott gewollt, daß selbst bei den Heiden die gleiche Sitte bestehen bliebe, damit ihnen damit ein Bild der Auferstehung vorgehalten werde und sie dadurch aus ihrer Schwerfälligkeit aufgeweckt würden! Mag diese Zeremonie auch noch so sehr ohne Frucht geblieben sein, so ist sie für uns doch von Nutzen, wenn wir weislich auf die dabei waltende Absicht achten; denn es ist keine geringe Widerlegung des Unglaubens, daß alle miteinander äußerlich bekannt haben, was doch keiner glaubte!

 

Aber der Satan hat die Sinne der Menschen nicht nur in der Weise abgestumpft, daß sie mit ihren Leibern zusammen auch die Erinnerung an die Auferstehung der Toten begruben, sondern er hat sich auch bemüht, dies Stück der Lehre durch verschiedenerlei Wahngebilde zu verderben, damit es schließlich gar unterginge. Ich sehe hier davon ab, daß er schon zur Zeit des Paulus anfing, es zu untergraben. Es sind aber dann kurz danach die „Chiliasten“ gefolgt, die Christi Reich auf tausend Jahre festgelegt und beschränkt haben. Nun ist zwar ihre Phantasterei zu kindisch, als daß sie einer Widerlegung bedürfte oder auch wert wäre. Auch die Offenbarung des Johannes, aus der sie sicherlich die Deckfarbe zu ihrem

Irrtum genommen haben, leistet ihnen keinen Beistand; denn wenn diese von einer Zahl von tausend Jahren redet (Apk. 20,4), so handelt es sich dabei nicht um die ewige Seligkeit der Kirche, sondern bloß um verschiedenartige Erschütterungen, die der noch auf Erden streitenden Kirche warteten. Im übrigen erklärt die ganze Schrift mit lauter Stimme, daß weder die Seligkeit der Auserwählten, noch auch die Strafe der Verworfenen je ein Ende finden wird. Bei allen Dingen aber, die sich unserem Anblick entziehen und weit über das Begreifen unseres Verstandes hinausgehen, müssen wir entweder aus Gottes klaren Offenbarungsworten Gewißheit zu erlangen suchen oder aber solche Gewißheit völlig verwerfen. Wer den Kindern Gottes zum Genuß der Erbschaft des künftigen Lebens nur tausend Jahre anweist, der bemerkt gar nicht, was für einen Schandfleck er damit Christus und auch seinem Reiche aufbrennt. Denn wenn die Gläubigen nicht mit Unsterblichkeit angetan werden, dann ist auch Christus selbst, in dessen Herrlichkeit sie umgestaltet werden sollen, nicht in unsterbliche Herrlichkeit aufgenommen worden; hat die Seligkeit der Gläubigen einmal ein Ende, so ist auch Christi Reich, auf dessen Beständigkeit sich jene Seligkeit stützt, zeitlich! Kurz, diese Leute sind entweder in allen göttlichen Dingen gänzlich unerfahren, oder aber sie bemühen sich in versteckter Bosheit, Gottes Gnade und Christi Kraft zu erschüttern, die allerdings nur dann ihre sichere Erfüllung finden, wenn die Sünde getilgt, der Tod verschlungen ist und dann das ewige Leben voll und ganz aufgerichtet wird!

 

Was für einen törichten Unfug man aber treibt, wenn man Gott gar zu große Härte beizumessen fürchtet, sofern die Verworfenen ewigen Strafen überantwortet werden, – das ist auch für Blinde durchsichtig! Danach wäre also der Herr im Unrecht, wenn er solche Menschen von seinem Reiche ausschließt, die sich dieses Reiches in Undankbarkeit unwürdig gemacht haben! Aber ihre Sünden – so wendet man ein – sind doch zeitlich! Das gebe ich zu. Aber Gottes Majestät, auch seine Gerechtigkeit, die sie mit ihrem Sündigen verletzt haben, die ist ewig! Das Gedächtnis an ihre Ungerechtigkeit geht also verdientermaßen nie zu Ende. Aber dann – so wendet man weiter ein – geht ja die Strafe über das Maß der Übeltat hinaus! Das ist nun aber eine unerträgliche Gotteslästerung, indem man Gottes Majestät so gering einschätzt und ihre Verachtung nicht höher gelten läßt, als den Untergang einer einzigen Seele! Aber wir wollen nun diese Schwätzer fahren lassen, damit wir nicht – im Gegensatz zu unseren Ausführungen am Anfang! – den Anschein erwecken, als achteten wir ihre Wahngebilde doch einer Widerlegung für wert!

 

 

 

III,25,6

 

Außer dieser Schwärmerei haben Menschen, die von falscher Neugierde erfüllt sind, noch zwei weitere erdacht. Die einen vertraten die Meinung, als ob der ganze Mensch umkäme und die Seelen also samt den Leibern auferstehen würden. Andere geben zu, daß die Seelen unsterblich sind, meinen aber, sie würden einst mit neuen Leibern angetan: damit leugnen sie die Auferstehung des Fleisches!

 

Die erste Schwärmerei habe ich bereits berührt, als ich von der Erschaffung des Menschen sprach; es wird mir also genügen, die Leser noch einmal darauf aufmerksam zu machen, was das doch für ein viehischer Irrtum ist, wenn man aus dem Geist, der nach Gottes Ebenbild gestaltet ist, einen flüchtigen Hauch macht, der bloß in diesem gebrechlichen Leben den Leib erhält, – wenn man den Tempel des Heiligen Geistes zunichte macht, kurz, wenn man das Stück von uns, in dem die Gottheit am stärksten hervorleuchtet und an dem so herrliche Kennzeichen der Unsterblichkeit sich finden, solcher Gabe beraubt, so daß sich also der Leib in besserer und glänzenderer Stellung befindet als die Seele!

Ganz anders lehrt die Schrift. Sie vergleicht den Leib (2. Kor. 5,1) mit einer Hütte, und sie sagt uns, daß wir aus dieser Hütte auswandern, wenn wir sterben; denn sie beurteilt uns nach dem Teil (unseres Wesens), der uns von den unverständigen Tieren unterscheidet! So sagt Petrus, als er dem Tode nahe ist, die Zeit sei gekommen, wo er seine „Hütte“ ablegen müsse (2. Petr. 1,14). Und Paulus redet von den Gläubigen und sagt zunächst von ihnen: „Wir wissen aber, so unser irdisch Haus … zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben … im Himmel“ (2. Kor. 5,1). Dann fährt er fort: „Dieweil wir im Leibe wallen, so wallen wir ferne vom Herrn (…). Wir haben aber vielmehr Lust, außer dem Leibe zu sein und daheim zu sein bei dem Herrn“ (2. Kor. 5,6.8). Wenn unsere Seelen den Leib nicht überdauern, – so möchte ich wissen, was denn eigentlich das sein soll, das Gottes Gegenwart genießt und doch vom Leibe abgeschieden ist! Den Zweifel behebt aber der Apostel, indem er lehrt, wir seien „gekommen … zu den Geistern der … Gerechten“ (Hebr. 12,23). Denn mit diesen Worten meint er, daß wir den heiligen Vätern zugesellt werden, welche auch nach ihrem Sterben mit uns der gleichen Frömmigkeit ergeben sind, so daß wir also nicht Christi Glieder sein können, ohne mit ihnen zu verwachsen! Wenn die Seelen, nachdem sie den Leib von sich gelegt haben, nicht ihr Eigenwesen behielten und der seligen Herrlichkeit teilhaftig werden könnten, so hätte auch Christus nicht zu dem Schächer gesagt: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ (Luk. 23,43). Auf solch klare Zeugnisse wollen wir uns verlassen und nach Christi Vorbild im Sterben ohne Scheu unsere Seelen Gott anbefehlen (Luk. 23,46) oder sie auch nach dem Beispiel des Stephanus in Christi Obhut geben (Apg. 7,58); denn er heißt nicht von ungefähr der treue „Hirte und Bischof unserer Seelen“ (1. Petr. 2,25).

 

Vorwitzige Fragen nach dem Zwischenzustand unserer Seele zu stellen, ist nun aber weder erlaubt noch förderlich, viele mühen sich gewaltig mit Erörterungen darüber, an welchen Ort sich die Seelen begäben und ob sie schon die himmlische Herrlichkeit genössen oder nicht. Aber es ist töricht und vermessen, über unbekannte Dinge tiefere Nachforschungen anzustellen, als es uns Gott zu wissen verstattet hat. Die Schrift sagt uns, daß Christus ihnen gegenwärtig ist und sie in das Paradies aufnimmt (Joh. 12,32), damit sie ihren Trost empfangen, daß die Seelen der Verworfenen aber die Qualen erleiden, die sie verdient haben. Das sagt sie, aber weiter geht sie nicht. Welcher Lehrer oder Meister will uns nun aber offenbaren, was Gott verhüllt hat? Die Frage nach dem Ort der Seelen ist nicht weniger unangebracht und unbedacht; denn wir wissen doch, daß die Seele nicht solche Abmessungen hat wie der Leib! Wenn diese selige Versammlung heiliger Geister der „Schoß Abrahams“ heißt (Luk. 16,22), so ist es uns vollauf genug, daß wir nach dieser Pilgrimschaft von dem gemeinsamen Vater der Gläubigen aufgenommen werden, damit er uns an der Frucht seines Glaubens Anteil gebe! Indessen gebietet uns aber die Schrift allenthalben, an der Erwartung des Kommens Christi zu hängen, und sie behält die Krone der Herrlichkeit bis dahin auf; darum wollen wir uns an den Grenzen genügen lassen, die Gott uns vorgezeichnet hat: wenn die Seelen der Frommen die Mühsal des Kriegsdienstes hinter sich gebracht haben, dann gelangen sie zu seliger Ruhe, wo sie mit glückseliger Freude den Genuß der verheißenen Herrlichkeit erwarten; so bleibt also alles in der Schwebe, bis Christus als der Erlöser erscheint! Die Verworfenen aber werden unzweifelhaft das Los haben, das Judas den Teufeln zumißt: sie werden in Ketten gebunden gehalten, bis sie zu der Strafe gezogen werden, zu der sie verurteilt sind (Judas 6).

Institutio – Tag 238

III,25,2

 

Über die höchste Vollendung alles Guten haben die Philosophen einst peinlich genaue Erörterungen angestellt und auch miteinander gestritten. Trotzdem hat keiner von ihnen außer Platon erkannt, daß das höchste Gut des Menschen seine Vereinigung mit Gott ist. Wie diese aber beschaffen ist, davon vermochte auch Platon nicht einmal eine dunkle Ahnung zu empfinden. Das ist auch nicht verwunderlich, weil er von dem heiligen Band solcher Gottesgemeinschaft nichts vernommen hatte. Diese einige, vollkommene Seligkeit ist uns auch bei unserer irdischen Pilgrimschaft bekannt, aber so, daß sie durch das Verlangen, das wir nach ihr tragen, unsere Herzen tagtäglich mehr und mehr entzündet, bis ihr völliger Genuß uns sättigen wird! Deshalb habe ich gesagt, daß nur der aus Christi Wohltaten eine Frucht ziehen kann, der sein Herz auf die Auferstehung emporrichtet. So stellt auch Paulus den Gläubigen dies Ziel vor Augen, nach dem er sich, wie er selbst sagt, ausstreckt und um dessentwillen er alles vergißt, bis er zu ihm hindringt! (Phil. 3,8). Um so wackerer sollen auch wir diesem Ziel zustreben, damit uns nicht diese Welt in Besitz nimmt und wir deswegen unsere Lässigkeit bitter büßen müssen. Deshalb macht Paulus an anderer Stelle die Gläubigen mit dem Merkzeichen kenntlich, daß ihr „Wandel“ „im Himmel ist“, „von wannen“ sie auch ihren „Heiland“ „erwarten“ (Phil. 3,20).

 

Damit sie nun in solchem Lauf nicht innerlich ermatten, gesellt der Apostel ihnen dabei alle Kreaturen als Mitgenossen zu. Denn weil ja allenthalben nur verunstaltete Trümmer zu sehen sind, darum erklärt er, daß sich alles, was im Himmel und auf Erden ist, nach der Erneuerung sehnt (Röm. 8,19). Da nämlich Adam durch seinen Fall die unversehrte Ordnung der Natur zerstört hat, so ist auch für die Kreaturen die Knechtschaft, der sie um der Sünde des Menschen willen unterworfen sind, beschwerlich und hart; nicht weil sie mit irgendwelchem Empfinden ausgestattet wären, sondern weil sie von Natur nach dem unversehrten Zustande streben, aus dem sie herausgefallen sind! Paulus schreibt der Kreatur „Seufzen“ und „Geburtswehen“ zu (Röm. 8,22; wörtlich), damit es auch uns, „die wir haben des Geistes Erstlinge“, Scham bereite, in unserer Verderbtheit dahinzuschwinden und es nicht wenigstens den toten Elementen nachzumachen, die die Strafe für fremde Sünde leiden! Und um uns schärfer anzuspornen, nennt er Christi letztes Kommen „unsere Erlösung“! (Röm. 8,23). Es ist freilich wahr, daß unsere Auferstehung bereits vollkommen erfüllt ist; aber weil Christus einmal für die Sünden geopfert ist (Hebr. 10,12), so wird er ein anderes Mal ohne Sünde zum Heile erschaut werden (Hebr. 9,28). Was für Kümmernisse uns auch bedrücken mögen, so soll uns doch diese Erlösung bis zu ihrer (sichtbaren) Auswirkung aufrechterhalten.

 

 

 

III,25,3

 

Das Gewicht der Sache selbst wird unseren Eifer schärfen. Denn Paulus behauptet nicht umsonst, das ganze Evangelium sei eitel und falsch, wenn die Toten nicht auferstünden (1. Kor. 15,13f.). Denn dann wären wir elender daran, als andere Sterbliche (1. Kor. 15,19); sind wir doch dem Haß und den Vorwürfen vieler Menschen ausgesetzt, Stunde um Stunde in Gefahr, ja gleichsam „geachtet wie Schlachtschafe“! (Röm. 8,36). Und deshalb würde (wenn es keine Auferstehung gäbe) das Ansehen des Evangeliums nicht nur an einem Stück hinfallen, sondern in seinem ganzen wesentlichen Inhalt, der in unserer Aufnahme in die Kindschaft und dem Vollzug unseres Heils beschlossen ist. Auf dieses Stück, das also von allen das weitaus ernsteste ist, sollen wir deshalb mit Anspannung ausgerichtet sein, damit uns keine Länge der Zeit lässig macht! Aus dieser Erwägung heraus habe ich das, was hierüber kurz zu sagen sein wird, bis hierher aufbehalten, damit die Leser, nachdem sie Christus, den Geber vollkommenen Heils, angenommen haben, nun auch lernen, sich höher emporzuschwingen und zu wissen, daß er mit himmlischer Unsterblichkeit und Herrlichkeit be-

kleidet ist, damit der ganze Leib diesem Haupte gleichförmig gemacht werde! An seiner Person stellt uns ja der Heilige Geist auch immer wieder ein Beispiel der Auferstehung vor Augen.

 

Es ist schwer zu glauben, daß unsere Leiber, nachdem sie doch bereits von Fäulnis verzehrt sind, doch einst zu ihrer Zeit wieder auferstehen sollen. Deshalb haben zwar viele Philosophen behauptet, die Seelen seien unsterblich; die Auferstehung des Fleisches aber haben nur wenige anerkannt. Darin liegt nun allerdings keine Entschuldigung; aber diese Tatsache macht uns doch darauf aufmerksam, daß es sich hier um eine zu schwierige Sache handelt, als daß sie menschliche Sinne an sich zöge.

 

Damit der Glaube solch schweres Hemmnis überwindet, bietet ihm die Schrift zwei Hilfsmittel: das eine liegt in dem Vorbild Christi, das andere in Gottes Allmacht.

 

Sooft wir nun der Auferstehung gedenken, soll uns Christi Bild vor Augen treten. Christus hat ja in der Natur, die er von uns genommen hatte, den Lauf des sterblichen Lebens so vollendet, daß er nun Unsterblichkeit erlangt hat und uns ein Unterpfand der künftigen Auferstehung ist! Denn in allem Jammer, der uns umdrängt, „tragen“ wir „sein Sterben an unserem Fleische, auf daß auch sein Leben an uns offenbar werde“ (2. Kor. 4,10; summarisch). Ihn von uns zu scheiden, ist aber nun nicht erlaubt; es ist auch nicht möglich, ohne daß er zerrissen wird! Daher die Schlußfolgerung des Paulus: „Ist aber die Auferstehung der Toten nichts, so ist auch Christus nicht auferstanden!“ (1. Kor. 15,13). Er setzt hier nämlich den Grundsatz als anerkannt voraus, daß Christus nicht für sich allein dem Tode unterworfen gewesen ist, daß er auch nicht für sich allein durch seine Auferstehung den Sieg über den Tod davongetragen hat, sondern daß in dem Haupte das begonnen wurde, was sich notwendig auch in allen Gliedern erfüllen muß, freilich nach der Stufe und Ordnung des einzelnen; denn es wäre (andererseits) auch nicht billig, wenn sie ihm in allem gleichgemacht würden! In einem Psalm heißt es: „Du wirst nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe“ (Ps. 16,10; nicht ganz Luthertext; diese Form steht Apg. 2,25). Stückweise geht diese Zuversicht auch uns an, nach dem Maße der uns zuteil gewordenen Gnadengabe, die vollkommene Auswirkung aber ist allein in Christus sichtbar geworden, der von aller Verwesung frei ist und seinen Leib unversehrt wiedererhalten hat. Aber damit uns die Gemeinschaft an der seligen Auferstehung mit Christus nicht zweifelhaft ist und damit wir uns an diesem Unterpfand genügen lassen, versichert Paulus: Christus hat dazu im Himmel seinen Sitz und wird dazu am jüngsten Tage als Richter kommen, daß er unseren niedrigen und verachteten Leib „seinem verklärten Leibe ähnlich“ mache! (Phil. 3,20f.). An anderer Stelle (Kol. 3,4) lehrt er auch, daß Gott seinen Sohn nicht vom Tode erweckt hat, um damit nur ein einziges Zeugnis seiner Kraft zu geben, sondern um die gleiche Wirksamkeit seines Geistes auch an uns, den Gläubigen, zu beweisen. Diesen Geist nennt er, wenn er in uns wohnt, das Leben, und zwar darum, weil er uns zu dem Zweck gegeben ist, daß er lebendig mache, was an uns sterblich ist (vgl. Röm. 8,11). Ich berühre dies nur in kurzer Zusammenfassung; man könnte es auch weitläufiger behandeln, und es verdiente auch, glänzender ausgeschmückt zu werden; aber ich bin doch der Zuversicht, daß die Leser auch in diesen wenigen Worten genug Ursache finden werden, um ihren Glauben reichlich zu erbauen! Christus ist also auferstanden, um uns zu Mitgenossen des zukünftigen Lebens zu haben. Er ist vom Vater auferweckt worden, sofern er das Haupt der Kirche war, von der er sich auf keinerlei Weise abtrennen läßt. Er ist durch die Kraft des Heiligen Geistes auferweckt worden, an dem auch wir teilhaben, damit er an uns das Amt der Lebendigmachung ausübe. Kurz, er ist auferweckt, um „die

Auferstehung und das Leben“ zu sein! (Joh. 11,25). Wie wir aber gesagt haben, daß wir in diesem Spiegel ein lebendiges Bild der Auferstehung vor Augen haben, so soll er uns auch eine feste Grundlage sein, auf die wir unsere Herzen stützen sollen. Nur sollen wir uns durch den langen Verzug nicht traurig oder verdrießlich machen lassen; denn es ist nicht unsere Sache, nach eigenem Gutdünken die Zeiträume abzumessen, sondern wir sollen geduldig und still sein, bis Gott zu der ihm gelegenen Zeit sein Reich aufrichtet! Das ist auch der Sinn der Mahnung des Paulus: „Der Erstling Christus, danach, die Christo angehören; ein jeglicher aber in seiner Ordnung“ (1. Kor. 15,23; umgestellt).

 

Damit sich nun übrigens keine Frage hinsichtlich der Auferstehung Christi erhebt, auf die unser aller Auferstehung gegründet ist, wollen wir zusehen, auf wie viele und wie vielerlei Weisen er sie uns hat bezeugen lassen. Naseweise Leute werden die von den Evangelisten berichteten Geschichten wie ein Kindermärchen verlachen. Denn was soll auch eine Botschaft für Bedeutung haben, die erschrockene Weiber überbringen und die dann von fast verzagten Jüngern bestätigt wird? Warum hat Christus nicht lieber mitten im Tempel oder auf dem Markte die herrlichen Trophäen seines Sieges aufgerichtet? Warum trat er nicht in grausiger Erscheinung dem Pilatus entgegen? Weshalb erweist er sich nicht den Priestern und dem ganzen Jerusalem als der, der wieder zum Leben gekommen ist? Was die Zeugen aber betrifft, die er sich ausgesucht hat, so werden unfromme Menschen schwerlich zugeben, daß sie geeignet wären! – Ich entgegne darauf: Allerdings war in jenen Anfängen die Schwachheit dieser Botschaft verächtlich, und doch ist dies alles von Gottes wunderbarer Vorsehung so gelenkt worden, daß diese Menschen, die zuvor vor Angst verzagt waren, nun teils von der Liebe zu Christus und von frommem Eifer, teils auch aus Unglauben zu seinem Grabe getrieben und nicht bloß Augenzeugen dieser Tatsache wurden, sondern auch eben das, was sie sahen, von den Engeln hörten! Wie kann uns die Glaubwürdigkeit dieser Jünger zweifelhaft sein, wo sie doch das, was sie von den Weibern hörten, für eine Fabel hielten, bis sie sich selbst greifbar von der Tatsache überzeugen konnten? Daß aber das ganze Volk und auch der Landpfleger selbst, nachdem sie doch mehr als genugsam überführt waren, des Anblicks Christi und auch der anderen Merkzeichen beraubt wurden, das ist kein Wunder. Das Grab wird versiegelt, Wächter halten die Wache – und am dritten Tage findet man keinen Leichnam mehr darin! (Matth. 27,66; 28,11). Da besticht man die Kriegsknechte mit Geld, und nun verbreiten sie das Gerücht, die Jünger hätten ihn gestohlen! (Matth. 28,13.15). Als ob die Jünger das Vermögen gehabt hätten, eine Schar von Kriegsknechten zusammenzubringen, als ob ihnen Waffen zur Verfügung gestanden hätten oder als ob sie genügend gerüstet gewesen wären, um eine solche Tat zu wagen! Wenn nun aber die Soldaten nicht genug Mut gehabt haben, sie wegzutreiben, – warum haben sie sie dann nicht verfolgt, um mit Hilfe des Volkes einige von ihnen zu erhaschen? Pilatus hat also mit seinem Siegelring in Wirklichkeit Christi Auferstehung versiegelt, und die Wächter, die man an das Grab gestellt hatte, sind durch ihr Schweigen oder Lügen zu Herolden solcher Auferstehung geworden! Indessen erschallte die Stimme der Engel: „Er ist auferstanden; er ist nicht hier!“ (Luk. 24,6; umgestellt). Der himmlische Glanz zeigt klar und deutlich, daß es Engel und nicht Menschen waren. Hernach aber machte Christus selbst allem Zweifel, der noch bestehen mochte, ein Ende (Luk. 24,38). Mehr als einmal haben ihn die Jünger gesehen, auch seine Füße und Hände haben sie betastet (Luk. 24,40; vgl. Joh. 20,27), und ihr Unglaube hat nicht wenig dazu gedient, unseren Glauben zu stärken! In ihrem Kreis redete Christus von den Geheimnissen des Reiches Gottes, und schließlich ist er vor ihren Augen gen Himmel gefahren! (Apg. 1,3.9). Aber dies Schaubild wurde nicht allein den elf Aposteln vor Augen gestellt, sondern er ist auch von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal gesehen worden! (1. Kor. 15,6). Nun sandte

er ihnen den Heiligen Geist und gab dadurch nicht nur einen Beweis, daß er lebte, sondern auch, daß er die höchste Herrschgewalt innehabe! So hatte er es ihnen ja vorhergesagt: „Es ist euch gut, daß ich hingehe; denn sonst kommt der Heilige Geist nicht!“ (Joh. 16,7; ungenau). Nun ist aber auch Paulus auf seinem Wege nicht von der Kraft eines Toten zu Boden geworfen worden, sondern er erfuhr, daß der, den er verfolgte, im Besitz der höchsten Gewalt war! (Apg. 9,4). Zu einem anderen Zweck ist er dem Stephanus erschienen: durch die Gewißheit des Lebens sollte er die Furcht vor dem Tode überwinden! (Apg. 7,55). Will man so zahlreichen und so glaubwürdigen Zeugnissen den Glauben weigern, so ist das nicht allein mangelndes Vertrauen, sondern geradezu bösartige, unsinnige Halsstarrigkeit!

Institutio – Tag 237

III,24,17

 

Ja, wird man einwenden, wenn es aber so bestellt ist, dann wird den Verheißungen des Evangeliums wenig Zuverlässigkeit beizumessen sein; denn diese legen doch von Gottes Willen Zeugnis ab und behaupten nun, daß er etwas wolle, was doch seinem unverletzlichen Entschluß entgegen wäre! Nein, durchaus nicht! Denn so allgemein die Heilsverheißungen auch sein mögen, so stehen sie doch zu der Vorbestimmung der Verworfenen in keinerlei Gegensatz; wir müssen nur unser Gemerk auf ihre Wirkung richten! Wir wissen, daß die Verheißungen für uns erst dann wirksam sind, wenn wir sie im Glauben annehmen; wo dagegen der Glaube erloschen ist, da ist zugleich auch die Verheißung abgetan! Ist dies aber das Wesen der Verheißung, so wollen wir zusehen, was denn für ein Gegensatz besteht, wenn es einerseits heißt, Gott habe seit Ewigkeit festgelegt, welche Menschen er mit seiner Liebe umfassen und an welchen er seinen Zorn üben wollte, – und wenn wir andererseits hören, daß er das Heil allen ohne Unterschied verkündigt! Ich sage: das stimmt in der Tat aufs beste zusammen; denn durch solche Verheißungen wollte Gott nichts anderes sagen, als daß seine Barmherzigkeit allen dargeboten ist, die sie nur begehren und erflehen; das tun aber nur die, welche er erleuchtet hat! Er erleuchtet nun aber die, welche er zum Heil vorbestimmt hat. Für diese, sage ich, steht die Wahrheit der Verheißungen sicher und unerschüttert fest, so daß man nicht sagen kann, es bestehe irgendein Zwiespalt zwischen Gottes ewiger Erwählung und dem Zeugnis seiner Gnade, das er den Gläubigen darbietet. Aber warum nennt er alle? Doch dazu: die Gewissen der Frommen sollen um so sicherer und ruhiger sein, indem sie sehen, daß es keinen Unterschied unter den Sündern gibt, wofern nur der Glaube da ist; die Gottlosen aber sollen nicht einwenden, sie hätten ja keinen Zufluchtsort, zu dem sie sich vor der Knechtschaft der Sünde retten könnten, – weil sie eben die Zufluchtsstätte, die ihnen dargeboten wird, in ihrer Undankbarkeit verachten! Während also Gottes Barmherzigkeit durch das Evangelium beiden angeboten wird, ist es der Glaube, das heißt: Gottes Erleuchtung, wodurch zwischen Frommen und Gottlosen ein Unterschied herbeigeführt wird, so daß jene die Wirksamkeit des Evangeliums verspüren, diese aber keinerlei Frucht daraus empfangen. Auch die Erleuchtung selbst hat Gottes ewige Erwählung zur Richtschnur.

 

Man führt aber Christi Klage an: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen …, und ihr habt nicht gewollt!“ (Matth. 23,37). Aber dies Wort hilft unseren Widersachern zu nichts. Ich gebe zu, daß Christus hier nicht allein in seiner menschlichen Person redet, sondern ihnen vorwirft, daß sie zu allen Zeiten seine Gnade von sich gewiesen haben.

 

Aber man muß näher bestimmen, von was für einem Willen Gottes hier die Rede ist. Denn es ist doch wohl bekannt, wie eifrig sich Gott gemüht hat, dieses Volk festzuhalten; es ist ebenso bekannt, in welcher Halsstarrigkeit sich diese

Menschen aber vom ersten bis zum letzten ihren schwankenden Begierden ergeben und solches „Sammeln“ Gottes von sich gewiesen haben. Aber daraus folgt nicht etwa, daß Gottes Ratschluß durch die Bosheit von Menschen außer Kraft gesetzt worden sei!

 

Man wendet dabei ein, dem Wesen Gottes sei nichts weniger gemäß, als wenn in ihm ein zwiefacher Wille bestünde. Das gebe ich den Widersachern zu. Nur müssen sie das richtig verstehen! Aber warum bedenken sie nicht die vielen Zeugnisse (der Schrift), in denen Gott menschliche Regungen annimmt und sich dabei weit unter seine Majestät herabläßt? Er sagt, er habe mit ausgebreiteten Armen sein widerspenstiges Volk gerufen, früh und spät habe er sich Mühe gegeben, es wieder zu sich zu führen (Jes. 65,2). Will man das alles Gott zumessen und das (hier angewendete) Bild außer acht lassen, dann wird allerdings viel überflüssiger Streit sich erheben, den doch diese eine Lösung klärt, daß hier eben Menschliches auf Gott übertragen wird! Freilich genügt auch die von uns an anderer Stelle vorgebrachte Lösung vollauf: Gottes Wille mag für unseren Sinn noch so vielfältig sein, so will er doch in sich selbst nicht etwa dies und das, sondern er will unsere Sinne nach seiner „mannigfaltigen Weisheit“ – wie sie Paulus nennt (Eph. 3,10) – bestürzt machen, bis es uns geschenkt wird, zu erkennen, daß er auf wundersame Weise will, was jetzt seinem Willen zuwider zu sein scheint!

 

Unsere Widersacher treiben aber auch mit Schimpfreden ihr Spiel. Sie sagen: Wenn Gott aller Vater ist, so ist es unrecht, wenn er jemanden von sich stößt, sofern dieser nicht solche Strafe mit eigener Schuld vorher verdient hat. Als ob Gottes Freundlichkeit nicht auch den Säuen und Hunden zukäme! Wenn es sich aber um das Menschengeschlecht handelt, so soll man mir doch antworten, warum Gott sich denn einem Volke verbunden hat, sein Vater zu sein, und warum er auch aus ihm noch eine kleine Schar wie eine Blume abgepflückt hat! Aber diese Lästermäuler lassen sich von ihrer Schmähsucht daran hindern, zu bedenken, daß Gott zwar „seine Sonne aufgehen läßt über die Bösen und über die Guten …“ (Matth. 5,45), aber doch so, daß das Erbe nur für wenige bereit steht, zu denen einst gesagt werden wird: „Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich …!“ (Matth. 25,34).

 

Auch wendet man ein, Gott habe doch keinen Haß gegen das, was er geschaffen hat. Obwohl ich das nun zugebe, so bleibt doch meine Lehre bestehen, daß die verworfenen Gott verhaßt sind, und das auch mit vollem Recht, weil ihnen nämlich sein Geist abgeht und sie deshalb nichts hervorzubringen vermögen, als was Ursache des Fluches ist!

 

Auch sagt man weiter, es gäbe doch keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden, und deshalb werde Gottes Gnade allen ohne Unterschied dargeboten. Ja, wenn sie nur zugeben wollten, daß Gott „nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden“ – wie es Paulus erklärt – Menschen dergestalt nach seinem Wohlgefallen beruft, daß er niemandem verpflichtet ist (Röm. 9,24). Auf diese Weise wird auch der Einwand entkräftet, den sie auf Grund einer anderen Stelle erheben: „Gott hat alle beschlossen unter die Sünde, auf daß er sich aller erbarme“ (Röm. 11,32; nicht ganz Luthertext); denn Gott will eben, daß das Heil aller, die da selig werden, seiner Barmherzigkeit zugeschrieben wird, obwohl diese Wohltat nicht allen Menschen gemeinsam zukommt.

 

Nachdem nun hin und her vieles vorgebracht worden ist, wollen wir damit den Beschluß machen, daß wir mit Paulus angesichts solcher Tiefe staunend erschaudern und uns beim Widerspruch zänkischer Zungen nicht schämen, mit ihm auszurufen: „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst?“ (Röm. 9,20). Denn es ist richtig, wenn Augustin behauptet, es sei verkehrt getan, wenn man Gottes Gerechtigkeit nach dem Maß der menschlichen messe (Pseudo-Augustin, Von der Vorbestimmung und Gnade 2).

 

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Von der letzten Auferstehung

 

 

 

III,25,1

 

Gewiß hat Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, den Tod besiegt und uns durch die Erleuchtung mit dem Evangelium das „Leben ans Licht gebracht“, wie Paulus bezeugt (2. Tim. 1,10). Deshalb heißt es auch, daß wir durch den Glauben „vom Tode zum Leben durchgedrungen“ sind (Joh. 5,24). Jetzt sind wir „nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Eph. 2,19); Gott hat uns mit dem eingeborenen Sohne „in das himmlische Wesen gesetzt“ (Eph. 2,6), so daß uns nichts mehr zu voller Seligkeit abgeht. Und doch werden wir noch unter hartem Kriegsdienst geübt, als ob es keine Frucht jenes Sieges gäbe, den Christus für uns errungen hat. Damit uns dies nun nicht beschwerlich fällt, müssen wir festhalten, was anderwärts vom Wesen der Hoffnung gesagt ist. Denn wir richten unsere Hoffnung ja auf das, „was wir nicht sehen“ (Röm. 8,25), und der Glaube ist, wie es an anderer Stelle heißt, ein Aufweis unsichtbarer Dinge (Hebr. 11,1; nicht Luthertext, vgl. III,2,41). Solange wir also in den Kerker unseres Fleisches eingesperrt sind, „wandeln wir ferne vom Herrn“ (2. Kor. 5,6). Aus diesem Grunde sagt Paulus an anderer Stelle: „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet auch ihr offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit“ (Kol. 3,3f.). Das ist also unser Stand, daß wir „züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi!“ (Tit. 2,12f.). Hier ist ungewöhnliche Geduld vonnöten, damit wir nicht ermatten und unseren Lauf rückwärts wenden oder unseren Kampfposten verlassen.

 

Alles, was also bisher über unser Heil ausgeführt wurde, das erfordert einen Sinn, der sich zum Himmel erhebt, so daß wir Christus, den wir nicht „gesehen haben“, trotzdem „lieb haben“ und im Glauben an ihn uns „freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“, bis wir „das Ende unseres Glaubens davonbringen“, wie Petrus uns mahnt (1. Petr. 1,8f.). Darum sagt auch Paulus, daß Glaube und Liebe der Heiligen auf die Hoffnung ausgerichtet sind, die uns „beigelegt ist im Himmel“ (Kol. 1,4f.). Wenn wir so unsere Augen stracks auf Christus richten und wenn wir am Himmel hängen, wenn nichts auf Erden unsere Augen daran hindern kann, uns zu der verheißenen Seligkeit emporzutragen, dann geht jenes Wort wahrhaft in Erfüllung: „Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein!“ (Matth. 6,21). Daher kommt es, daß der Glaube so selten ist in dieser Welt, weil nämlich unserer Schwerfälligkeit nichts mehr Mühe macht, als auf dem Wege zu der Palme der himmlischen Berufung unzählbare Hindernisse zu überwinden! Zu dem gewaltigen Berg von Elend, der uns fast erdrückt, kommt noch der Spott unfrommer Menschen, der unserer Einfalt zusetzt: indem wir auf die Lockungen der gegenwärtigen Güter gern Verzicht leisten, scheinen wir ja nach der Seligkeit, die uns doch verborgen ist, wie nach einem flüchtigen Schatten zu haschen! Kurz, von oben und unten, von hinten und von vorn umlagern uns heftige Versuchungen, und unsere Herzen wären bei weitem nicht fähig, sie auszuhalten, wenn sie nicht, von den Dingen dieser Erde frei gemacht, an jenes himmlische Leben gebunden wären, das freilich dem Anschein nach weit von uns weg ist! Erst der ist wahrhaft im Evangelium fortgeschritten, der an die beständige Betrachtung der seligen Auferstehung gewöhnt ist!

Institutio – Tag 236

III,24,13

 

Weshalb gewährt er denn den einen seine Gnade und geht an den anderen vorbei? Was die ersteren betrifft, so gibt Lukas die Ursache an: Sie sind „zum ewigen Leben verordnet!“ (Apg. 13,46). Was sollen wir demnach von den letzteren anders halten, als daß Gott sie übergeht, weil sie „Gefäße des Zorns“ „zu Unehren“ sind? (Röm. 9,21f.). Daher wollen wir es uns nicht verdrießen lassen, mit Augustin zu sprechen: „Gott hätte den Willen der Bösen zum Guten wenden können; denn er ist ja allmächtig. Durchaus hätte er das gekonnt. Warum tut er es denn nicht? Weil er es nicht wollte! Warum er aber nicht wollte, – das steht bei ihm!“ (Von der Genesis nach dem Wortsinn XI,10,13). Denn wir sollen nicht weiser sein, als es sich gebührt! Das ist viel besser, als wenn wir mit Chrysostomus auf die Ausflucht verfielen, Gott ziehe den, der da wolle und der ihm die Hand entgegenstrecke! (Chrysostomus, Von der Bekehrung des Paulus). Er will damit den Anschein erwecken, der Unterschied stünde nicht bei dem Urteil Gottes, sondern allein bei dem Gutdünken des Menschen. Es liegt nun aber gar nicht bei der eigenen Regung des Menschen, an Gott heranzutreten; so wenig, daß auch die Frommen und Gottesfürchtigen stets noch den besonderen Antrieb des Heiligen Geistes nötig haben. Die Purpurkrämerin Lydia fürchtete Gott, und doch mußte ihr Herz noch „aufgetan“ werden, damit sie auf die Lehre des Paulus merkte (Apg. 16,14) und in ihr Fortschritt machte. Das ist nicht allein von dieser einen Frau gesagt, sondern dazu, daß wir wissen: das Fortschreiten in der Frömmigkeit ist bei jedem einzelnen ein verborgenes Werk des Heiligen Geistes!

 

Dies kann nun aber nicht in Zweifel gezogen werden, daß der Herr sein Wort vielen sendet, deren Blindheit er nur noch tiefer machen will! Wozu gebietet er sonst, dem Pharao soviele Anordnungen zukommen zu lassen? Etwa deshalb, weil er gehofft hätte, er werde durch oft wiederholte Botschaften erweicht werden? Nein, bevor er damit begann, hatte er ja das Ergebnis bereits gewußt und vorausgesagt! „Geh hin“, sprach er zu Mose, „und lege ihm meinen Willen vor; ich aber will sein Herz verstocken, daß er nicht gehorche“ (Ex. 4, 21; sehr ungenau). So machte er es auch, als er Ezechiel erweckte: er machte ihn schon zuvor darauf aufmerksam, daß er ihn zu einem widerspenstigen und halsstarrigen Volke sende, damit er nicht erschrecken sollte, wenn er sah, daß er tauben Ohren predigte! (Ez. 2,3; 12,2). So sagte er auch dem Jeremia voraus, seine Lehre werde gleich einem Feuer sein, um das Volk wie Stoppeln zu vernichten und zu verzehren (Jer. 1,10!). Noch mehr Nachdruck aber bringt die Prophetie des Jesaja; denn er wird vom Herrn mit den Worten ausgesandt: „Gehe hin und sprich zu den Kindern Israels: Höret, und

versteht’s nicht; sehet, und merket’s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren hart sein und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen!“ (Jes. 6,9f.; Anfang nicht ganz Luthertext). Man sieht: er richtet sein Wort an sie, aber nur, damit sie sich noch mehr verhärten; er zündet ein Licht an, aber nur, damit sie noch blinder werden; er gibt ihnen die Lehre; aber nur, damit sie noch mehr abstumpfen, – er wendet eine Arznei an, von der sie aber nicht heil werden sollen! Und dieses Prophetenwort zieht Johannes heran und erklärt, die Juden hätten der Lehre Christi gar nicht glauben können, weil eben dieser Fluch Gottes auf ihnen gelastet hätte! (Joh. 12,39).

 

Auch läßt sich nicht in Frage stellen, daß Gott denen, die er nicht zur Erleuchtung kommen lassen will, seine Lehre in der Verhüllung durch dunkle Rätsel zuteil werden läßt, damit sie dadurch in keiner Weise vorankommen, sondern höchstens in tiefere Kurzsichtigkeit hineingestoßen werden. Denn Christus bezeugt, daß er die Gleichnisse, in welchen er vor der Menge geredet hatte, deshalb allein den Aposteln auslege, weil es ihnen „gegeben“ sei, „die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen“, dem Volke aber eben nicht! (Matth. 13,11). Ja, wird man fragen, was will denn der Herr damit, daß er Menschen belehrt, von denen er doch absichtlich gar nicht verstanden werden will? Man muß zusehen, woher der Fehler kommt; – dann wird man aufhören zu fragen. Denn mag im Worte noch soviel Dunkelheit stecken – es ist immer noch Licht genug darin, um das Gewissen der Gottlosen zu überführen!

 

 

 

III,24,14

 

Jetzt müssen wir noch zusehen, warum der Herr das tut, was er augenscheinlich tut. Wenn man antworten will, das geschehe eben, weil die Menschen es mit ihrer Unfrömmigkeit, Bosheit und Undankbarkeit verdient hätten, so ist dies zwar gut und richtig geredet. Aber damit ist noch nicht die Ursache zu jener Verschiedenheit klargelegt, daß die einen zum Gehorsam geneigt gemacht werden, die anderen aber in ihrer Verstockung verharren. Will man das erforschen, so muß man notwendig zu dem übergehen, was Paulus aus Mose verzeichnet hat, nämlich daß der Herr solche (Verworfenen) dazu erweckt hat, um seinen Namen auf der ganzen Erde bekanntzumachen. (Röm. 9,17). Daß also die Verworfenen dem Worte Gottes, das ihnen offenbart wird, nicht Gehorsam leisten, das fällt zwar mit Recht auf die Bosheit und Ungerechtigkeit ihres Herzens zurück; nur muß man dabei gleich zufügen: sie sind deshalb solcher Bosheit überantwortet, weil sie nach Gottes gerechtem, aber unerforschlichem Gericht dazu erweckt sind, durch ihre Verdammnis seinen Ruhm zu verherrlichen! Ähnlich wird auch von den Söhnen des Eli erzählt, daß sie auf heilsame Mahnungen nicht hörten, weil der Herr „willens war, sie zu töten“ (1. Sam. 2,25). Da wird nicht bestritten, daß ihre Halsstarrigkeit aus ihrer eigenen Bosheit erwachsen war, und doch wird zugleich angegeben, warum sie in solcher Halsstarrigkeit belassen wurden, während der Herr ihre Herzen doch hätte erweichen können: das geschah eben, weil sie kraft seines unwandelbaren Entschlusses einmal zum Verderben bestimmt waren! Hierher gehört auch das Wort des Johannes: „Obwohl er solche Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubte doch keiner an ihn, auf daß erfüllt würde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte: Herr, wer glaubt unserem Predigen?’“ (Joh. 12,37f.). Denn er befreit hier allerdings diese widerspenstigen Menschen nicht von ihrer Schuld; aber er gibt sich doch mit der Ursache zufrieden, daß Gottes Gnade den Menschen nicht „schmeckt“, bis der Heilige Geist ihnen einen „Geschmack“ daran verleiht! Auch wenn Christus die Weissagung des Jesaja anführt: „Sie werden alle von Gott gelehrt sein“ (Joh. 6,45; Jes. 54,13), so will er nichts anderes zeigen, als daß die Juden Verworfene sind und außerhalb der Kirche stehen, weil sie unbelehrbar sind; – aber als Ursache (hierfür) führt er nur dies an, daß Gottes Verheißung sie eben nicht betrifft! Das bekräftigt das Wort des Paulus, nach welchem Christus „den Juden ein Ärgernis“ und den Hei-

den „eine Torheit“ ist, den Berufenen aber die „Kraft“ und „Weisheit“ Gottes (1. Kor. 1,23f.). Er führt zunächst aus, was sich ja tatsächlich in der Regel zuträgt, sooft das Evangelium gepredigt wird: daß es nämlich die einen verhärtet und von den anderen verachtet wird; – und dann erklärt er, daß es allein bei den Berufenen in Wert steht! Zuvor hatte Paulus die Berufenen als solche bezeichnet, „die da glauben“ (1. Kor. 1,21); aber er wollte der Gnade Gottes, die dem Glauben vorausgeht, ihren Ehrenplatz nicht streitig machen, sondern fügte als Richtigstellung noch das Zweite hinzu, damit die, welche das Evangelium angenommen hatten, den Lobpreis für ihren Glauben der Berufung Gottes zusprächen! Ebenso lehrt er auch kurz nachher, sie seien von Gott „erwählt“ worden (1. Kor. 1,27f.). Wenn das die Gottlosen hören, so jammern sie, Gott treibe mit seinen armen Geschöpfen in ungeordneter Gewalt Mißbrauch und spotte ihrer in Grausamkeit. Wir aber wissen, daß alle Menschen in sovielerlei Beziehung vor Gottes Richterstuhl schuldig sind, daß sie auf tausend Richterfragen nicht eine einzige genügende Antwort vorbringen können (Hiob 9,3), und deshalb bekennen wir, daß die Verworfenen nichts erleiden, was mit Gottes unendlich gerechtem Gericht nicht in Übereinstimmung wäre! Da wir aber die Ursache nicht völlig klar erfassen, so wollen wir uns nicht weigern, etwas nicht zu wissen, wo sich Gottes Weisheit auf ihre erhabene Höhe erhebt!

 

 

 

III,24,15

 

Nun hält man uns aber gewöhnlich einige wenige Schriftstellen entgegen, in denen Gott zu bestreiten scheint, daß es aus seiner Anordnung herkomme, wenn die Ungerechten verlorengehen, es sei denn insofern, als sie sich aus eigener Entscheidung gegen seinen Widerspruch den Tod zuziehen! Diese Stellen wollen wir kurz entfalten und dabei zeigen, daß sie unserer obigen Anschauung in nichts widersprechen.

 

So bringt man eine Stelle aus Ezechiel vor, nach der Gott nicht den Tod des Sünders will, sondern „daß er sich bekehre und lebe“ (Ez. 33,11). Wenn man das auf das ganze Menschengeschlecht ausdehnen will, so ist doch zu fragen: Wie kommt es denn, daß Gott soviele Menschen nicht zur Buße reizt, deren Herzen leichter zum Gehorsam zu bewegen sind, als das Herz derer, die sich gegenüber seinen tagtäglichen Einladungen mehr und mehr verhärten? Nach Christi eigenem Zeugnis hätten die Predigt des Evangeliums und seine Wunder bei den Leuten von Ninive und Sodom mehr Frucht gebracht, als in Judäa! (Matth. 11,23). Wenn doch Gott will, daß alle selig werden, – wie kommt es dann, daß er solchen Elenden, die mehr bereit wären, seine Gnade anzunehmen, die Tür zur Buße nicht auftut? Hieraus sehen wir, daß man jene Stelle gewaltsam mißdeutet, wenn man Gottes Willen, den der Prophet erwähnt, in einen Gegensatz zu seinem ewigen Ratschluß bringt, kraft dessen er die Auserwählten von den Verworfenen unterschieden hat: Fragt man nun nach der ursprünglichen Meinung des Propheten, so will er tatsächlich nur den Bußfertigen Hoffnung auf Vergebung machen. Der Hauptinhalt der Stelle ist der: es ist kein Zweifel daran, daß Gott bereit ist zu vergeben, sobald der Sünder sich bekehrt hat. Er will also seinen Tod nicht, sofern er ja die Buße will. Die Erfahrung aber lehrt, daß er die Bekehrung derer will, die er zu sich einlädt, aber doch so, daß er nicht aller Herzen berührt! Trotzdem läßt sich nun deshalb nicht behaupten, er handle trüglich; denn das äußere Wort macht freilich die Menschen, die es hören und ihm nicht Gehorsam leisten, bloß unentschuldbar, und doch gilt es in Wirklichkeit als Zeugnis der Gnade Gottes, kraft dessen er die Menschen wieder mit sich in Gemeinschaft bringt. Wir wollen also auf die eigentliche Absicht des Propheten achten, wenn er sagt, Gott habe nicht Wohlgefallen am Tode des Sünders, sie besteht darin, daß die Frommen die Zuversicht haben sollen, bei Gott sei Vergebung bereit, sobald sie von der Buße erfaßt sind, daß die Gottlosen aber vernehmen sollen, wie ihre Schuld verdoppelt wird, weil sie solche große Freundlichkeit und Bereitwilligkeit Gottes nicht

annehmen! Der Buße wird also Gottes Erbarmen stets entgegenkommen; – aber welchen Menschen die Buße zuteil wird, das lehren alle Propheten und Apostel und auch Ezechiel selber ganz deutlich!

 

 

 

III,24,16

 

Zweitens bringt man eine Stelle aus Paulus vor, in der er lehrt, daß Gott „will, daß allen Menschen geholfen werde“ (1. Tim. 2,4). Um diese Stelle steht es zwar anders als um die eben besprochene; aber es gibt auch Gemeinsames zwischen beiden. Meine Antwort ist die: Zunächst geht aus dem Zusammenhang hervor, wieso Gott das „will“; denn Paulus verbindet hier zweierlei: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde „und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“! Wenn man nun meint, es sei in Gottes Ratschluß festgelegt, daß sie die Lehre des Heils (alle) erfassen sollten, – was bedeutet dann das Wort des Mose: „Wo ist ein so herrliches Volk, zu dem sich Gott so nahe tut, wie zu dir?“ (Deut. 4,7). Wie ist es denn gekommen, daß Gott viele Völker des Lichtes des Evangeliums beraubt hat, während andere es genossen? Wie ist es gekommen, daß eine reine Erkenntnis der Lehre der Gottseligkeit zu manchen nie gedrungen ist, und daß andere kaum dunkle Anfangsgründe von ihr geschmeckt haben? Daraus läßt sich nun sofort entnehmen, was Paulus mit jenem Wort eigentlich will. Er hatte dem Timotheus geboten, man solle in den Kirchen öffentliche Gebete „für die Könige und für alle Obrigkeit“ tun. Nun wäre es ja einigermaßen widersinnig erschienen, wenn man bei Gott Gebete ausschüttete für eine Gruppe von Menschen, die schier hoffnungslos verloren war; – denn sie standen doch nicht nur alle außerhalb des Leibes Christi, sondern mühten sich auch mit allen Kräften, sein Reich zu unterdrücken! Deshalb fährt er fort: „Denn solches ist … angenehm vor Gott“ (1. Tim. 2,3), „welcher will, daß allen Menschen geholfen werde …“ (1. Tim. 2,4)! Damit macht Gott ganz gewiß nur dies eine deutlich, daß er keiner Art von Menschen den Weg zum Heil verschlossen, sondern seine Barmherzigkeit vielmehr dergestalt ausgegossen hat, daß nach seinem Willen niemand unberührt von ihr sein soll!

 

Die anderen Stellen (die man anführt) erklären nicht, was der Herr in seinem verborgenen Urteil über alle Menschen festgesetzt hat, sondern sie verkünden allen Sündern, daß für sie Vergebung bereit ist, wenn sie nur umkehren, um sie zu suchen! Denn wenn man sich gar zu hartnäckig darauf versteift, daß es heißt, Gott wolle sich aller erbarmen, so werde ich demgegenüber darauf verweisen, daß es an anderer Stelle heißt: „Unser Gott ist im Himmel, er kann schaffen, was er will“ (Ps. 115,3). Dieses Wort (Gott wolle sich aller erbarmen: Röm. 11,32) muß also so ausgelegt werden, daß es mit dem anderen übereinkommt: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes ich mich erbarme, des erbarme ich mich“ (Ex. 33,19). Wenn er die Menschen, denen er Barmherzigkeit widerfahren lassen will, auswählt, – dann läßt er sie eben nicht allen zuteil werden! Da es aber klar am Tage ist, daß es sich hier nicht um einzelne Menschen, sondern um bestimmte Gruppen von Menschen handelt, so erübrigt sich eine längere Erörterung. Allerdings ist zugleich zu bemerken, daß Paulus nicht sagt, was Gott allezeit und allerorten und an jedem einzelnen tut, sondern es ihm frei überläßt, schließlich doch „Könige und alle Obrigkeit“ der himmlischen Lehre teilhaftig zu machen, so sehr sie auch in ihrer Blindheit gegen sie wüten mögen!

 

Besonders kräftig scheinen sie uns durch eine Stelle bei Petrus in Bedrängnis zu bringen, die sie uns vorhalten; da heißt es: „Gott will nicht, daß jemand verloren werde, sondern er will alle zur Buße annehmen!“ (2. Petr. 3,9; Schluß nicht Luthertext; sehr fragliche Übersetzung!) Aber die Lösung des Knotens bietet sich schon im zweiten Satzglied; denn wenn es heißt, Gott wolle den Menschen zur Buße annehmen, so kann dies doch nicht anders verstanden werden, als wie es sonst durch-

gängig gelehrt wird. Ganz gewiß liegt die Umkehr eines Menschen in Gottes Hand, und ob er alle bekehren will, das frage man ihn selbst, wo er doch wenigen verheißt, er werde ihnen ein fleischernes Herz geben, den anderen aber ihr steinernes beläßt (Ez. 36,26). Es ist freilich wahr: wenn er nicht bereit wäre, die Menschen anzunehmen, die ihn um seine Barmherzigkeit anflehen, dann würde das Wort seine Geltung verlieren: „Kehret euch zu mir, … so will ich mich zu euch kehren!“ (Sach. 1,3). Aber ich sage eben: es naht sich kein sterblicher Mensch zu Gott, wenn ihm Gott nicht zuvorkommt! Stünde die Buße in der Entscheidung des Menschen, so würde auch Paulus nicht sagen: „Ob ihnen Gott dermaleinst Buße gebe …“ (2. Tim. 2,25). Ja, wenn nicht derselbe Gott, der mit seiner Stimme alle zur Buße mahnt, die Auserwählten durch den geheimen Antrieb seines Geistes dazu brächte, dann würde Jeremia nicht sagen: „Bekehre mich du, Herr, so werde ich bekehrt … Da du mich bekehrtest, da tat ich Buße …“ (Jer. 31,18f.; Vers 19 nicht ganz Luthertext).

Institutio – Tag 235

III,24,10

 

In der Tat werden die Erwählten nicht gleich vom Mutterleibe an, auch nicht alle zur gleichen Zeit, sondern je nachdem, wie es Gott gut scheint, seine Gnade an sie auszuteilen, durch die Berufung in die Hürde Christi versammelt. Bevor sie aber zu diesem höchsten Hirten versammelt werden, irren sie, in der allgemeinen Wüste verstreut, umher; sie unterscheiden sich auch in nichts von den anderen – einzig darin, daß sie von besonderem Erbarmen Gottes geschützt werden, um nicht in den äußersten Abgrund des Todes hineinzurennen. Schaut man also auf sie selbst, so sieht man Adams Geschlecht, das die allgemeine Verderbtheit der ganzen Menge an sich erkennen läßt. Daß sie nun aber doch nicht bis zu äußerster, heilloser Gottlosigkeit getrieben werden, das hat seine Ursache nicht etwa in irgendeiner ihnen angeborenen Güte, sondern es kommt daher, daß zu ihrem Heil Gottes Auge auf der Wacht und seine Hand ausgereckt ist!

 

Einige träumen da nämlich, in ihr Herz sei von Geburt an wer weiß was für ein „Same der Erwählung“ eingesenkt, durch dessen Kraft sie stets zur Frömmigkeit und zur Furcht Gottes geneigt wären; aber sie haben keine Stütze an der Autorität der Schrift und werden auch durch die Erfahrung selbst widerlegt. Freilich bringen sie einige wenige Beispiele vor, um daraus zu beweisen, daß die Auserwählten auch vor ihrer Erleuchtung der Gottesverehrung nicht gar fremd gegenüberstünden. Paulus sei doch, betonen sie, in seinem Pharisäertum von untadeliger Lebensführung (Phil. 3,5), Kornelius durch Almosen und Gebete Gott wohlgefällig gewesen (Apg. 10,2), und ähnliches mehr. Was Paulus betrifft, so geben wir ihnen ihre Behauptung zu. Im Blick auf Kornelius aber sind wir der Überzeugung, daß sie sich täuschen. Denn es ist offenkundig, daß er dazumal bereits erleuchtet und wiedergeboren war, so daß ihm nichts mehr mangelte als die klare Offenbarung des Evangeliums. Aber was will man denn schließlich auch mit so gar wenigen Beispielen für ein Zugeständnis erpressen? Will man damit beweisen, daß alle Erwählten allezeit mit dem Geiste der Frömmigkeit begabt seien? Das werden sie ebensowenig erreichen, als wenn jemand auf die Lauterkeit eines Aristides, Sokrates, Xenokrates, Scipio, Curius, Camillus oder anderer zeigte und daraus folgerte, alle, die in der Blindheit der Abgötterei verkommen waren, wären Eiferer um Heiligkeit und Rechtschaffenheit gewesen!

 

Auch widerspricht die Schrift an mehr als einer Stelle den Vertretern dieser Ansicht. Der Zustand der Epheser vor ihrer Wiedergeburt, wie ihn uns Paulus schildert, zeigt nämlich nicht ein einziges Korn von diesem (angeblichen) „Samen“! „Ihr wäret tot in euren Sünden und Übertretungen“, sagt er, „in welchen ihr weiland gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen auch wir alle weiland unseren Wandel gehabt haben in den Lüsten des Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleich wie auch die anderen“ (Eph. 2,1-3). Oder ebenso: „Gedenket daran …, daß ihr … keine Hoffnung hattet und wäret ohne Gott in der Welt!“ (Eph. 2,12). Oder: „Denn ihr wäret weiland Finsternis; nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn. Wandelt wie die Kinder des Lichtes …“ (Eph. 5,8f.). Aber vielleicht wollen jene Leute diese Aussagen auf die Unkenntnis des wahren Gottes beziehen; denn sie leugnen auch nicht, daß die Erwählten vor ihrer Berufung in solcher Unkenntnis befangen sind. Nun hieße das allerdings, unverschämte Schmähungen auszusprechen, wo doch Paulus aus solchen Worten folgert, man solle jetzt nicht mehr weiter lügen (Eph. 4,25) und stehlen (Eph. 4,28)! Aber was will man nun auf andere Stellen für eine Antwort geben? Eine solche findet sich im ersten Korintherbrief; da erklärt Paulus zunächst: „Weder die Hurer noch die Abgöttischen noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder noch die Diebe noch die Geizigen … werden das Reich Gottes ererben“ (1. Kor. 6,9f.), und dann fährt er gleich fort, in die gleichen

Laster seien auch sie verstrickt gewesen, ehe sie Christus kannten; nun aber seien sie durch sein Blut abgewaschen und durch seinen Geist geheiligt (1. Kor. 6,11). Oder eine andere Stelle im Brief an die Römer: „Gleichwie ihr eure Glieder begeben habt zum Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der anderen, also begebet auch nun eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit (…). Was hattet ihr nun aus jenen Dingen für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämet!“ (Röm. 6,19.21; nicht ganz Luthertext). Dazu kommen noch andere Stellen dieser Art.

 

 

 

III,24,11

 

Was für ein „Same der Erwählung“ – das möchte ich zu gerne wissen! – keimte denn dazumal in jenen, die in ihrem ganzen Leben auf vielfältige Weise beschmutzt waren und sich gleichsam in verruchter Bosheit in dem scheußlichsten und fluchwürdigsten aller Laster wälzten? Hätte Paulus (1. Kor. 6,9-11) nach der Meinung jener Leute reden wollen (die vom „Samen der Erwählung“ sprechen), so hätte er darlegen müssen, wieviel sie der Wohltätigkeit Gottes verdankten, durch die sie davor bewahrt worden wären, in solchen Unflat hineinzufallen! So hätte auch Petrus die Seinen zur Dankbarkeit mahnen müssen, angesichts dieses „bleibenden Samens der Erwählung“. Er dagegen mahnt im Gegenteil: „Es ist genug, daß wir die vergangene Zeit des Lebens zugebracht haben nach heidnischem Willen …“ (1. Petr. 4,3). Was will man entgegnen, wenn wir nun auf Beispiele kommen? Was war denn das für ein Keim der Gerechtigkeit in der Hure Rahab, bevor sie zum Glauben kam? (Jos. 2,1). Oder in Manasse, als er Jerusalem mit dem Blute der Propheten benetzte und schier darin ersäufte? (2. Kön. 21,16). Oder in dem Schacher, der erst beim letzten Atemzug an Buße dachte? (Luk. 23,42). Deshalb fort mit solchen „Beweisen“, die sich vorwitzige Menschen unüberlegt und ohne die Schrift ausdenken! Für uns aber soll es bei dem Wort der Schrift bleiben: „Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg“, das heißt: auf das Verderben! (Jes. 53,6). Die Menschen nun, die der Herr einst aus diesem Schlund herauszureißen beschlossen hat, die spart er auf, bis seine Gelegenheit für sie gekommen ist; nur bewahrt er sie, damit sie nicht in unvergebbare Lästerung stürzen!

 

 

 

III,24,12

 

Wie nun Gott an seinen Erwählten durch die Wirksamkeit der Berufung das Heil vollbringt, zu dem er sie kraft seines ewigen Ratschlusses bestimmt hat, – so hat er gegenüber den Verworfenen seine Gerichte, in denen er seinen Ratschluß über sie verwirklicht. Denn die, welche er zur Schmach des Lebens und zum Verderben im Tode erschaffen hat, damit sie Werkzeuge seines Zorns seien und Beispiele seiner Strenge, die beraubt er, damit sie zu ihrem Ende kommen, bald der Fähigkeit, sein Wort zu hören, bald verblendet und verstockt er sie durch die Predigt nur um so mehr. Für das Erstere gibt es unzählige Beispiele; doch wollen wir eins, das vor allen anderen klar und bemerkenswert ist, auswählen. Etwa viertausend Jahre sind vor dem Kommen Christi verflossen, in denen Gott das Licht seiner heilsamen Lehre allen Heiden verborgen hat! Wenn darauf jemand erwidert, sie seien solcher Wohltat deshalb nicht teilhaftig geworden, weil Gott sie für unwürdig erachtet hätte, so antworte ich: ihre Nachkommen waren doch auch um nichts würdiger! Dafür ist außer der Erfahrung der Prophet Maleachi ein vollgenügender Zeuge: er hält harte Anklage gegen den Unglauben, der sich mit groben Lästerungen mischt, und doch verkündet er, daß ein Erlöser kommen werde! (Mal. 3,19ff.).

 

Warum wird nun dieser Erlöser den einen gegeben und den anderen nicht? Vergebens wird sich abplagen, wer hier eine Ursache sucht, die höher wäre als Gottes geheimer und unerforschlicher Ratschluß! Es ist auch nicht zu befürchten, daß irgendein Jünger des Porphyrius Gottes Gerechtigkeit ungestraft antastet, – auch wenn wir kein Wort zu ihrer Verteidigung vorbringen! Denn wenn wir darauf verweisen, daß keiner unverdient verlorengeht und daß es ein Werk der unverdienten

Wohltätigkeit Gottes ist, wenn einige gerettet werden, so ist reichlich genug zur Verherrlichung ihres Ruhms gesagt, so daß sie unserer Ausflüchte durchaus nicht bedarf! Demnach bahnt der höchste Richter selbst seiner Vorbestimmung einen Weg, indem er die, welche er einmal verworfen hat, der Gemeinschaft an seinem Licht verlustig gehen und sie in Blindheit versinken läßt.

 

Für das zweite Glied (der obigen Aussage) gibt es Tag für Tag Beweise, und ebenso sind in der Schrift viele enthalten. Hält man vor Hundert Menschen schier die gleiche Predigt, so nehmen sie wohl zwanzig in bereitwilligem Gehorsam des Glaubens an, die anderen aber legen ihr gar kein Gewicht bei oder verlachen oder verspotten oder verabscheuen sie! Wollte hier jemand erwidern, diese Verschiedenheit käme eben von der Bosheit und Verkehrtheit der Menschen her, so ist das noch nicht ausreichend; denn die Natur der anderen (die das Wort annehmen) würde ja von der gleichen Bosheit in Besitz gehalten, wenn Gott nicht in seiner Güte für Besserung sorgte! Deshalb werden wir uns hier stets verwickeln, wenn uns nicht das Wort des Paulus zu Hilfe kommt: „Wer hat dich vorgezogen?“ (1. Kor. 4,7). Da macht er deutlich, daß der Vorzug des einen vor dem anderen nicht aus eigener Tugend, sondern allein aus Gottes Gnade kommt.

Institutio – Tag 234

III,24,6

 

Zur Kräftigung unserer Zuversicht kommt nun noch weiter die Beständigkeit der Erwählung hinzu, die, wie wir sagten, mit unserer Berufung verbunden ist. Denn die Menschen, welche Christus mit der Erkenntnis seines Namens erleuchtet und in den Schoß seiner Kirche aufgenommen hat, die nimmt er auch, wie es von ihm heißt, in seine Treue und in seine Hut. Und von allen, die er angenommen hat, wird gesagt, daß sie ihm vom Vater anvertraut und anbefohlen sind, um zum ewigen Leben bewahrt zu werden. Was wollen wir denn mehr? Christus ruft doch mit lauter Stimme, daß der Vater alle, die er selig machen will, ihm in seine Obhut gegeben hat! (Joh. 6,37.39; 17,6.12). Wollen wir nun wissen, ob Gott unser Heil am Herzen liegt, so müssen wir fragen, ob er es Christus anbefohlen hat; denn ihn hat er als den einigen Seligmacher all der Seinen eingesetzt! Zweifeln wir nun aber, ob wir auch von Christus in seine Treue und Hut aufgenommen sind, so tritt er selbst solchem Zweifel entgegen, indem er sich aus freien Stücken als unseren Hirten anbietet und uns kundtut, daß wir in die Zahl seiner Schafe eingereiht werden, wenn wir seine Stimme hören (Joh. 10,3). Deshalb wollen wir also Christus umfangen, der sich uns so freundlich vor Augen stellt und uns entgegenkommt; er aber wird uns zu seiner Herde zählen, von seiner Hürde umschließen und uns so bewahren!

 

Aber zuweilen kommt doch die Angst um unseren künftigen Zustand über uns! Denn wie Paulus lehrt, es würden nur die berufen, die zuvor erwählt sind (Röm. 8,30), so zeigt doch Christus, daß zwar viele berufen, aber nur wenige auserwählt sind! (Matth. 22,14). Ja, Paulus warnt auch selbst an anderer Stelle vor der Sicherheit: „Wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle!“ (1. Kor. 10,12). Oder ebenso: „Du bist in Gottes Volk eingefügte Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. Denn Gott kann auch dich wieder abschlagen, um andere einzupfropfen!“ (Röm. 11,20ff.; zusammenfassend). Und endlich lehrt uns die Erfahrung selbst genugsam, daß Berufung und Glaube wenig Wert haben, wenn nicht die Beharrung hinzukommt, die nicht allen zuteil wird.

Aber von solcher Besorgnis hat uns doch Christus frei gemacht. Denn es sind wahrhaftig Verheißungen für die Zukunft, wenn er spricht: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6,37). Oder ebenso: „Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat …, sondern daß ich es auferwecke am Jüngsten Tage“ (Joh. 6,39f.; Schluß nicht Luthertext). Oder: „Meine Schafe hören meine Stimme … und sie folgen mir. Ich kenne sie, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen“ (Joh. 10,27-29; geringe Unterschiede gegenüber dem Luthertext). Ja, auch wenn er erklärt: „Alle pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht pflanzte, die werden ausgereutet“ (Matth. 15,13), so gibt er damit auf der anderen Seite zu verstehen, daß die, welche ihre Wurzeln in Gott haben, niemals aus dem Heil herausgerissen werden können! Dem entspricht auch das Wort des Johannes: „Wo sie von uns gewesen wären, so wären sie niemals von uns weggegangen“ (1. Joh. 2,19; zweiter Teil ist Inhaltsangabe). Daher kommt auch jenes hochgemute Rühmen des Paulus gegenüber Leben und Tod, Gegenwärtigem und Zukünftigem (Röm. 8,38f.); denn solches Rühmen muß in der Gabe der Beharrung gegründet sein. Es ist aber auch kein Zweifel, daß er diesen Spruch auf alle Gläubigen anwendet. An anderer Stelle spricht der gleiche Paulus: „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden bis auf den Tag … Christi“ (Phil. 1,6). So hat sich auch David, als sein Glaube ins Wanken geriet, auf diesen Grund gestützt: „Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen“ (Ps. 138,8). Es kann aber auch kein Zweifel darüber bestehen, daß Christus, wenn er für alle Auserwählten betet, für sie das nämliche erbittet wie einst für den Petrus, nämlich daß ihr Glaube nicht aufhöre (Luk. 22,32). Daraus ergibt sich für uns, daß sie außerhalb jeder Gefahr sind, abzufallen, weil ja der Sohn Gottes um die Beständigkeit ihrer Gottesfurcht gebetet und dabei keine Abweisung erfahren hat. Was sollen wir nun daraus nach dem Willen Christi lernen? Doch dies, daß wir zuversichtlich darauf trauen sollen: wir werden ewig selig sein, weil wir einmal sein Eigentum geworden sind!

 

 

 

III,24,7

 

Man wird aber entgegnen: Es kommt doch Tag für Tag vor, daß Menschen, die Christus zu gehören schienen, wieder von ihm weichen und zu Fall kommen. Ja, eben an der Stelle, an der Christus erklärt, es sei keiner von denen verlorengegangen, die ihm von dem Vater gegeben worden waren – da nimmt er doch „das verlorene Kind“ aus! (Joh. 17,12). – Dies ist zwar wahr; aber ebenso wahr ist es auch, daß solche Menschen nie und nimmer mit jener Herzenszuversicht an Christus gehangen haben, in der uns – wie ich behaupte – die Gewißheit der Erwählung bekräftigt wird! „Sie sind von uns ausgegangen“, sagt Johannes, „aber sie waren nicht von uns. Denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben“ (1. Joh. 2,19). Ich leugne auch nicht, daß sich an ihnen gleiche Merkzeichen der Berufung wie an den Auserwählten finden; aber die unerschütterliche Festigkeit der Erwählung, welche ich die Gläubigen aus dem Wort des Evangeliums zu nehmen heiße, die gestehe ich ihnen durchaus nicht zul Deshalb sollen uns dergleichen Beispiele nie und nimmer davon abbringen, uns ruhig auf die Verheißung des Herrn zu stützen, in der er uns kundtut, daß alle, die ihn in wahrem Glauben annehmen, ihm vom Vater gegeben sind, und daß keiner von ihnen verlorengehen wird, da er doch ihr Hüter und Hirte ist (Joh. 3,16; 6,39). Von Judas wird übrigens nachher gleich die Rede sein. Paulus (1. Kor. 10,12; Röm. 11,20ff.) warnt die Christen nicht einfach vor Sicherheit schlechthin, sondern vor jener lässigen, ungebundenen Sicherheit des Fleisches, die Aufgeblasenheit, Anmaßung und Verachtung der anderen mit sich bringt, die die Demut und Ehrerbietung vor Gott aus-

löscht, und die den Menschen dazu bringt, die empfangene Gnade zu vergessen! Denn er redet (Röm. 11,20ff.) die Heiden an und lehrt sie, sie sollten die Juden nicht hoffärtig und unmenschlich schmähen, weil diese nun enterbt und sie selbst an ihrer Statt eingesetzt worden seien. Er verlangt nun auch „Furcht“ von ihnen; aber das ist nicht eine solche, die sie erschrecken und wankend machen, sondern die uns lehren soll, demütig Gottes Gnade anzuschauen, und die, wie an anderer Stelle bereits ausgeführt wurde, der Zuversicht zu ihm keinerlei Abbruch tun soll. Zudem redet er nicht einzelne an, sondern eben die Parteien im ganzen. Denn die Kirche war in zwei Parteien zerteilt, und der Wetteifer unter ihnen führte zum Zwiespalt. Da ermahnt nun Paulus die Heiden: wenn sie an die Stelle des heiligen Eigentumsvolkes aufgenommen seien, dann müsse ihnen das eine Ursache zur Furcht und zur Bescheidenheit sein. Aber unter ihnen waren viele eitle Leute, und es war von Nutzen, ihr leeres Prahlen zu dämpfen. – Übrigens haben wir anderwärts gesehen, daß unsere Hoffnung auch die Zukunft umfaßt, selbst über den Tod hinaus, und daß zu ihrem Wesen nichts so sehr im Widerspruch steht, als im Zweifel zu sein, was denn in Zukunft mit uns geschehen solle.

 

 

 

III,24,8

 

Recht verkehrt ist es, wenn man Christi Ausspruch von den vielen, die berufen, und den wenigen, die auserwählt sind, in diesem Sinne versteht. Es wird keinen Zweifel geben, wenn wir daran festhalten, was sich aus den obigen Ausführungen bereits klar ergibt, nämlich daß es eine zwiefache Art von Berufung gibt. Da ist zunächst die allgemeine Berufung, kraft deren Gott durch die äußere Predigt des Wortes alle gleichermaßen zu sich einlädt, auch die, welchen er solche Predigt als „Geruch des Todes“ und als Anlaß zu desto schwererer Verdammnis anbietet. Die andere Art der Berufung ist die besondere, deren er gemeinhin allein die Gläubigen würdigt, indem er nämlich vermittelst der innerlichen Erleuchtung durch seinen Geist bewirkt, daß das gepredigte Wort in ihrem Herzen einwurzelt. Indes macht er zuweilen auch solche dieser Berufung teilhaftig, die er bloß für eine Zeitlang erleuchtet und nachher aus Verdienst ihrer Undankbarkeit wieder fahren läßt und mit um so größerer Blindheit schlägt.

 

Nun sah der Herr, wie das Evangelium weit und breit gepredigt, aber von den meisten verachtet und nur von wenigen mit der ihm zukommenden Wertschätzung angenommen wurde. Da zeichnet er uns nun Gott unter der Person eines Königs vor Augen, der ein feierliches Gastmahl richtet und nun seine Boten allenthalben herumschickt, um eine große Schar von Gästen zu laden, aber doch nur von ganz wenigen eine Zusage erhalten kann, weil jeder einzelne für sich Hinderungsgründe vorwendet, so daß er schließlich angesichts der Weigerung dieser Geladenen genötigt wird, auf den Straßen alle herbeizuholen, die daherkommen (Matth. 22,2ff.). Jeder sieht, daß dies Gleichnis bis hierhin auf die äußere Berufung zu beziehen ist. Dann fährt er aber fort: Gott handelt nun wie ein rechter Gastgeber und geht um die Tische herum, um seine Gäste freundlich zu begrüßen. Wenn er nun einen trifft, der nicht mit einem hochzeitlichen Kleide angetan ist, so läßt er es durchaus nicht zu, daß dieser mit seinem Schmutz die Festlichkeit des Gastmahls entehrt (Matth. 22,11-13). Dieser Abschnitt muß, das bekenne ich, auf solche Leute bezogen werden, die vermittelst des Glaubensbekenntnisses in die Kirche eindringen, aber durchaus nicht mit Christi Heiligung angetan sind! Solche Schandflecke, ja gleichsam: solche Krebsschwären seiner Kirche wird Gott nicht allezeit dulden, sondern er wird sie hinauswerfen, wie es ja ihrer Verruchtheit verdientermaßen zukommt. Aus der großen Zahl der Berufenen sind also wenige auserwählt; – aber das bezieht sich nicht auf die Berufung, aus der die Gläubigen, wie wir behaupten, ihre Erwählung erkennen sollen. Denn jene (erste Art von) Berufung kommt zugleich auch den Gottlosen zu, während diese (zweite) den Geist der Wiedergeburt mit sich bringt, der das Unterpfand und Siegel des zukünftigen

Erbes ist, mit welchem unsere Herzen auf den Tag des Herrn versiegelt werden (Eph. 1,13f.). Kurzum: Die Heuchler erheben den Anspruch auf Frömmigkeit nicht anders als Gottes wahre Anbeter, und angesichts dessen tut Christus kund, daß sie schließlich von dem Platz verstoßen werden, den sie zu Unrecht innehaben (Matth. 22,13). So heißt es auch in einem Psalm: „Herr, wer wird wohnen in deiner Hütte?“ (Ps. 15,1). „Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist!“ (Ps. 24,4; vgl. Ps. 15,2ff.). Oder an anderer Stelle: „Das ist das Geschlecht derer, die nach Gott fragen, die da suchen das Angesicht des Gottes Jakobs (Ps. 24,6; nicht Luthertext). So ermahnt nun auch der Heilige Geist die Gläubigen zur Geduld, damit sie es sich nicht verdrießen lassen, daß in der Kirche auch Ismaeliter unter sie gemischt sind; – denn schließlich wird diesen doch die Maske vom Gesicht gezogen, und sie werden mit Schande hinausgeworfen!

 

 

 

III,24,9

 

Ebenso ist es um die vor kurzem angeführte Ausnahme bestellt, in der Christus erklärt, daß ihm keiner verlorengegangen ist, „als das verlorene Kind“ (Joh. 17,12). Das ist nun eine zwar uneigentliche, aber doch keineswegs dunkle Redeweise: denn Judas wurde nicht deshalb zu den Schafen Christi gezählt, weil er es etwa wirklich gewesen wäre, sondern weil er den Platz eines solchen Schafes einnahm. Wenn dann der Herr an einer anderen Stelle erklärt, er habe mit den anderen Aposteln zusammen auch ihn erwählt, so bezieht sich das nur auf das Amt; er spricht: „Habe ich nicht euch zwölf erwählt? Und euer einer ist ein Teufel!“ (Joh. 6,70). Zum Amt eines Apostels hatte er ihn ja tatsächlich erwählt. Als er dagegen von der Erwählung zum Heil redet, da hält er ihn weit von der Zahl der Erwählten fern: „Nicht sage ich von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe“ (Joh. 13,18). Wenn jemand hier den Ausdruck „Erwählen“ an beiden Stellen im gleichen Sinne versteht, dann gerät er elend in Verwirrung; wenn er dagegen eine Unterscheidung macht, dann gibt es nichts Klareres!

 

Ganz übel und gefährlich ist es daher, wenn (Papst) Gregor (I.) die Lehre vertritt, wir seien uns bloß unserer Berufung bewußt, unserer Erwählung dagegen seien wir ungewiß. Aus diesem Grunde ermahnt er alle zu Furcht und Zittern, und als Ursache führt er auch an, wir wüßten zwar, wie es heute um uns bestellt sei, nicht aber, wie wir in Zukunft daran sein würden! (Predigten II,38). Aber er erklärt an dieser Stelle auch mit aller Deutlichkeit, wieso er an diese Klippe gestoßen ist. Er machte nämlich die Erwählung von dem Verdienst der Werke abhängig, und deshalb bot sich ihm hier mehr als genug Ursache, um die Herzen niederzuschlagen; sie zu stärken vermochte er dagegen nicht, weil er sie nicht von sich selbst weg auf die Zuversicht zu Gottes Güte verwies. Hieraus gewinnen die Gläubigen einigen Geschmack von dem, was wir im Anfang feststellten, nämlich daß die Vorbestimmung, wenn sie recht bedacht wird, nicht eine Erschütterung, sondern vielmehr die beste Bekräftigung des Glaubens bringt.

 

Ich leugne aber auch nicht, daß der Heilige Geist seine Worte zuweilen dem Maß unseres Verstandes anpaßt. So z.B. wenn er spricht: „Sie sollen in der Versammlung meines Volks nicht sein und in die Zahl meiner Knechte nicht geschrieben werden …“ (Ez. 13,9; nicht ganz Luthertext). Als ob Gott anfinge, die, welche er zu der Zahl der Seinen rechnet, in das Buch des Lebens zu schreiben, wo wir doch aus Christi Zeugnis wissen, daß die Namen der Kinder Gottes seit Anbeginn in das Buch des Lebens geschrieben sind! (Luk. 10,20; Phil. 4,3). Aber in diesen Worten (bei Ezechiel) wird tatsächlich einfach die Verwerfung solcher zum Ausdruck gebracht, die unter den Auserwählten als die Allervornehmsten erschienen; so heißt es auch in einem Psalm: „Mögen sie getilgt werden aus dem Buche des Lebens und mit den Gerechten nicht angeschrieben werden!“ (Ps. 69,29; Anfang nicht Luthertext).