III,20,23
Nun möchten sie aber den Eindruck hervorrufen, diese Fürbitte der Heiligen stütze sich auf die Autorität der Heiligen Schrift; aber alles, was sie zu diesem Zweck unternehmen, ist vergebliche Mühe.
(a) Sie behaupten: man liest doch öfters von Gebeten der Engel, und nicht nur dies: es heißt auch, daß die Gebete der Gläubigen durch ihre Hand vor Gottes Angesicht gebracht werden! Das gebe ich zu. Aber wenn man die Heiligen, die aus diesem gegenwärtigen Leben geschieden sind, mit den Engeln vergleichen will, dann muß man beweisen, daß auch sie dienstbare Geister sind, denen der Dienst aufgetragen ist, für unser Heil zu sorgen (Hebr. 1,14), denen die Aufgabe zuerteilt ist, uns zu behüten auf allen unseren Wegen (Ps. 91,11), die uns umgeben sollen (Ps. 34, 8), uns ermahnen und trösten, für uns auf der Wacht stehen sollen! Das alles wird den Engeln zugeschrieben, den Heiligen aber nicht! Wie falsch es ist, die verstorbenen Heiligen mit den Engeln durcheinanderzubringen, das geht doch mehr als deutlich aus soviel verschiedenen Ämtern hervor, an denen die Schrift sie voneinander unterscheidet. Das Amt eines Anwalts wird vor dem irdischen Richter nur der auszuüben wagen, der zugelassen ist; – woher nehmen aber dann jene Würmlein die Freiheit, Gott solche Fürsprecher aufzudrängen, von denen man nicht liest, daß ihnen dieses Amt aufgetragen sei? Gott hat nach seinem Willen die Engel dazu eingesetzt, für unser Heil zu sorgen; deshalb besuchen sie auch die heiligen Versammlungen, und die Kirche ist für sie ein Schauhaus, in dem sie die vielgestaltige und „mannigfaltige Weisheit Gottes“ bewundern (Eph. 3,10). Das ist ihnen eigen, und wer es auf andere überträgt, der verwirrt und verkehrt sicherlich die von Gott gesetzte Ordnung, die doch unverletzlich sein sollte!
(b) Mit der gleichen „Gewandtheit“ verfahren sie bei der Heranziehung weiterer Schriftzeugnisse. So sprach Gott zu Jeremia: „Und wenngleich Mose und Samuel vor mir stünden, so habe ich doch kein Herz zu diesem Volk …“ (Jer. 15,1). Wie hätte er, sagen sie, solchermaßen von Verstorbenen reden können, wenn er nicht wüßte, daß sie für die Lebenden Fürbitte tun? Ich dagegen schließe genau umgekehrt, es wird ja hier gerade offenbar, daß weder Mose noch Samuel für das Volk Israel eingetreten sind, und deshalb hat es also zu jener Zeit gerade keine Fürbitte der Verstorbenen gegeben! Von welchem Heiligen sollte man denn glauben, er bemühe sich um das Heil des Volkes, wenn Mose es unterläßt, der doch zu Lebzeiten in diesem Stück weit über alle anderen hinausragte? Wenn also unsere Widersacher solche spitzfindigen Fündlein vorbringen und sagen: Die Toten treten für die Lebenden ein; denn der Herr sagt: wenn sie auch Fürbitte täten …, – so will ich einen noch heller glänzenden Beweis führen und sprechen: Mose hat in der ärgsten Not des Volkes keine Fürbitte getan; denn es heißt: wenn er auch Fürsprache übte …; also ist anzunehmen, daß auch kein anderer solche Fürbitte tut; denn von der Freundlichkeit, Güte und väterlichen Sorge des Mose sind sie ja alle weit entfernt! Mit ihrem Geschwätz erreichen sie nämlich doch nur dies, daß sie eben mit den Waffen verwundet werden, mit denen sie sich sicher gewappnet glaubten!
Es ist aber auch reichlich lächerlich, daß sie eine so einfache Aussage dermaßen verdrehen; der Herr tut doch hier nur kund, daß er das Volk in seinen Missetaten nicht verschonen wolle, selbst wenn es Männer wie Mose oder Samuel zu Fürsprechern hätte, deren Gebeten gegenüber er sich so nachsichtig erzeigt hatte! Daß dies der Sinn ist, geht aus einer ähnlichen Stelle bei Ezechiel hell und klar hervor; da spricht der Herr: „Und wenn dann gleich diese drei Männer Noah, Daniel und Hiob in der Stadt wären, so würden sie doch mit ihrer Gerechtigkeit nicht ihre Söhne und
Töchter retten, sondern allein ihre eigene Seele!“ (Ez. 14,14; nicht Luthertext; auslegend erweitert). Es ist kein Zweifel, daß er hier sagen will: selbst wenn zwei von ihnen wieder lebendig werden sollten … Denn der dritte, nämlich Daniel, lebte ja zu dieser Zeit noch; er stand zweifellos erst in der ersten Blüte seiner Jugend und legte darin einen unvergleichlichen Beweis seiner Frömmigkeit an den Tag. Wir wollen also die ruhen lassen, die nach der klaren Kundmachung der Schrift ihren Lauf schon vollendet haben! Deshalb lehrt auch Paulus, wenn er von David redet, nicht etwa, er stehe seiner Nachkommenschaft mit seinen Gebeten bei, sondern nur: er habe seiner Zeit gedient! (Apg. 13,36).
III,20,24
(c) Unsere Widersacher stellen nun eine Gegenfrage: ob wir denn den Heiligen, die im ganzen Lauf ihres Lebens nichts als Frömmigkeit und Barmherzigkeit bewiesen haben, (jetzt) jedes fromme Gebet absprechen wollten. Ich will nun freilich nicht vorwitzig untersuchen, was die Heiligen tun und denken; es ist aber auch keineswegs wahrscheinlich, daß sie sich von vielfältigen, einzelne Dinge betreffenden Wünschen hin und her treiben lassen, sondern sie sehnen sich festen und unbeweglichen Willens nach Gottes Reich, das nicht weniger im Untergang der Gottlosen als in der Seligkeit der Gläubigen besteht! Ist das aber richtig, so ist ohne Zweifel auch ihre Liebe in die Gemeinschaft des Leibes Christi eingeschlossen, und sie geht nicht weiter, als es das Wesen dieser Gemeinschaft zuläßt. Wenn ich also auch schon zugebe, daß sie auf solche Weise für uns beten, so entfernen sie sich doch nicht dermaßen aus ihrer Ruhe, daß sie sich in irdische Sorgen verwickeln lassen; noch viel weniger sollen wir sie noch gar darum anrufen!
(d) Daß man dies trotzdem tun solle, läßt sich auch nicht aus der Tatsache folgern, daß die Menschen, die auf Erden leben, sich gegenseitig ihrer Fürbitte empfehlen können (1. Tim. 2,1f.; Jak. 5,15f.). Wenn sie nämlich in dieser Weise ihre Nöte gewissermaßen untereinander teilen und einander tragen helfen, so ist solcher Dienst dem Wachstum der Liebe in ihnen förderlich. Und zwar tun sie das aus Gottes Vorschrift heraus, und es fehlt ihnen auch nicht an einer Verheißung; diese beiden Stücke aber stehen beim Gebet stets an erster Stelle! Für die Verstorbenen dagegen fehlt es an allen solchen Ursachen; denn der Herr hat sie aus unserer Gemeinschaft weggenommen und hat uns keinen Umgang mit ihnen mehr gelassen (Pred. 9,5f.), aber auch ihnen keinen mehr mit uns, wie man aus der genannten Stelle vermutungsweise entnehmen kann.
(e) Nun möchte vielleicht jemand einwenden, es könne doch nicht sein, daß die Verstorbenen nicht die gleiche Liebe gegen uns bewahrten, wo sie doch mit uns in einem Glauben verbunden seien. Wer aber hat denn kundgetan, daß ihre Ohren weit genug reichen, um auch unsere Stimme zu vernehmen? Woher weiß man, daß ihre Augen tief genug dringen, um auch unsere Nöte zu erspähen? Die Papisten schwatzen zwar in ihren Schulen wer weiß was von dem Glanz des göttlichen Anblicks, der sie anstrahlen soll und in dem sie wie in einem Spiegel das Ergehen der Menschen aus der Höhe herab anschauen könnten. Aber wenn jemand dies behauptet, zumal noch gar mit der Zuversicht, mit der sie es wagen, – was bedeutet das anders, als daß man vermittels der trunkenen Träume unseres Hirns in Gottes verborgene Ratschlüsse ohne sein Wort eindringen und einbrechen und die Schrift mit Füßen treten will? Denn die Schrift erklärt doch so oft, daß die Klugheit unseres Fleisches Feindschaft wider Gottes Weisheit ist (Röm. 8,6f.), sie verdammt insgemein die Eitelkeit unseres Sinnes, wirft alle unsere Vernunft zu Boden und will, daß wir unseren Blick allein auf Gottes Willen richten!
III,20,25
(f) Was sie aber sonst noch an Zeugnissen aus der Schrift heranziehen, um diese ihre Lügen zu verteidigen, das verdrehen sie auf das Schlimmste. So sagen sie: Aber Jakob begehrt doch, daß sein Name und der seiner Vorväter Abraham und
Isaak über seiner Nachkommenschaft angerufen werden sollte! (Gen. 48,16). Wir wollen zunächst zusehen, in welcher Form denn solche „Anrufung“ unter den Israeliten geschah: die flehen nämlich da nicht ihre Väter an, ihnen Hilfe zuteil werden zu lassen, sondern sie bitten Gott, er möge sich seiner Knechte Abraham, Isaak und Jakob erinnern! Ihr Beispiel kann also denen, die das Wort an die Heiligen selbst richten, in keiner Weise Beistand gewähren. Aber weil diese Klötze in ihrer Schwachsichtigkeit weder erfassen, was es bedeutet, den Namen Jakobs „anzurufen“, noch auch verstehen, warum man ihn „anrufen“ soll, so ist es kein Wunder, wenn sie auch hinsichtlich der Form (dieser „Anrufung“) selber so kindisch stammeln! Diese Redeweise begegnet uns in der Schrift mehr als einmal. Jesaja sagt nämlich, der Name der Männer würde über den Frauen „angerufen“ (Jes. 4,1), nämlich wenn sie sie zu Ehemännern haben, unter deren Treue und Schutz sie leben. Die „Anrufung“ des Namens Abrahams über die Israeliten beruht also darin, daß sie den Ursprung ihres Geschlechts auf ihn zurückführen und ihn als ihren Ur- und Stammvater in feierlicher Erinnerung verehren! Aber Jakob tut das (Gen. 48!) nicht etwa, weil er auf die Fortpflanzung der Berühmtheit seines Namens Bedacht hätte. Nein, er wußte, daß das ganze Glück seiner Nachfahren auf dem Erbe des Bundes beruhte, den Gott mit ihm gemacht hatte; und weil er sah, daß dies für sie das höchste aller Güter sein würde, darum begehrte er, sie möchten zu seinem Geschlecht gezählt werden. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß er ihnen die Erbnachfolge an jenem Bunde überträgt! Wenn diese Nachkommen aber auf der anderen Seite die Erinnerung daran in ihr Gebet mit einflechten, dann nehmen sie damit nicht ihre Zuflucht zur Fürbitte von Verstorbenen, sondern sie halten dem Herrn die Erinnerung an seinen Bund vor Augen, kraft dessen der Vater es in seiner großen Güte auf sich genommen hat, ihnen um Abrahams, Isaaks und Jakobs willen gnädig und wohltätig zu sein! Wie gar wenig sich sonst die Heiligen auf die Verdienste der Väter gestützt haben, das bezeugt das öffentliche Bekenntnis der Kirche bei dem Propheten: „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nicht, und Israel kennt uns nicht; du aber, Herr, bist unser Vater und unser Erlöser …“ (Jes. 63,16). Und während sie gerade noch so reden, fügen sie gleich hinzu: „Kehre wieder, Herr, um deiner Knechte willen!“ (Jes. 63,17); dabei denken sie an keine Fürbitte, sondern sie richten ihren Sinn auf die Wohltat des Bundes. Nun haben wir aber doch unseren Herrn Jesus, durch dessen Hand der ewige Bund der Barmherzigkeit nicht bloß geschlossen, sondern uns auch bestätigt ist – auf wessen Namen sollen wir uns nun sonst in unseren Gebeten berufen?
Da nun aber solche guten Lehrmeister auf Grund jener Worte die Erzväter zu Fürsprechern einsetzen wollen – so möchte ich gern von ihnen erfahren, warum bei ihnen denn inmitten einer so gewaltigen Schar von Heiligen Abraham, der Vater der Kirche, noch nicht einmal den geringsten Platz einnimmt! Man weiß doch sehr wohl, aus was für einem Wirrwarr sie ihre Heiligen nehmen! Dann sollen sie mir aber doch antworten, wie es denn billig sein kann, dabei Abraham, den Gott doch allen anderen vorangestellt und den er auf die höchste Stufe der Ehre erhoben hat, auszulassen und zu unterschlagen! Tatsächlich war der Grund folgender: es war offenkundig, daß dieser Brauch (nämlich die Anrufung der Heiligen) der Alten Kirche unbekannt war, und um nun die Neuheit der Sache zu verschleiern, hielt man es für gut, von den alten Vätern zu schweigen! Als ob die Verschiedenheit von Namen eine neue und verfälschte Sitte entschuldigen könnte!
(g) Einige machen nun aber den Einwurf, man habe doch Gott gebeten, sich um Davids willen seines Volkes zu erbarmen (Ps. 132,10). Aber das vermag ihrem Irrtum keinen Beistand zu tun, ja, es gibt nichts Wirksameres, um ihn zu widerlegen! Wenn wir nämlich bedenken, was für eine Stellung David eingenommen hat, so wird er damit aus der ganzen Schar der Gläubigen abgesondert, damit Gott den Bund bestätigt, den er in seiner Hand geschlossen hat! Es geht also um den Bund
und nicht um den Menschen, und es wird hier in einem Bilde die einige Fürbitte Christi dargestellt. Denn das, was David besonders zu eigen hatte, das kommt, sofern er ja ein Bild Christi war, sicherlich nicht auch anderen zu!

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