Monthly Archive for Juni 2009

Institutio – Tag 182

III,11,20

 

Vielleicht könnte sich aber jemand verwundern, warum denn Paulus das Gesetz in diese Erörterung hineinzieht und sich nicht einfach damit begnügt, von den Werken schlechthin zu sprechen. Da ist nun der Grund schnell festzustellen. Denn wenn die Werke so hoch geschätzt werden, so haben sie diesen Wert vielmehr aus Gottes Anerkennung, als aus ihrer eigenen Würdigkeit. Wer würde überhaupt wagen, Gott die Gerechtigkeit der Werke anzubieten, wenn Gott solche Gerechtigkeit nicht anerkennte? Wer würde für seine Werke gewissermaßen den verdienten Lohn zu verlangen sich erkühnen, wenn Gott ihn nicht verheißen hätte? Wenn also die Werke für würdig erachtet werden, als Gerechtigkeit zu gelten und demgemäß Lohn zu erlangen, so haben sie dies – aus Gottes Wohltun! Ja, sie haben überhaupt nur in einem Sinne Bedeutung, nämlich wenn der Mensch sie aus der Absicht heraus vollbringt, Gott durch sie seinen Gehorsam zu erzeigen. An einer anderen Stelle will der Apostel beweisen, daß Abraham gar nicht aus den Werken gerechtfertigt werden konnte, und er bringt dazu die Tatsache vor, daß ja das Gesetz erst ungefähr vierhundertunddreißig Jahre nach der Bundschließung (mit Abraham) gegeben worden ist (Gal. 3,17). Unkundige Leute mochten vielleicht über solch einen Beweis lachen, weil doch auch vor der Verkündigung des Gesetzes gerechte Werke möglich gewesen wären. Aber Paulus wußte, daß den Werken ausschließlich aus Gottes Zeugnis und Hochschätzung solche Bedeutung zukommen konnte, und deshalb nahm er es als zugestanden an, daß die Werke vor dem Gesetz keine rechtfertigende Kraft gehabt hätten. Jetzt sehen wir, warum er die Werke, wenn er ihnen die Rechtfertigung absprechen will, ausdrücklich des Gesetzes Werke nennt; denn einzig und allein an ihnen konnte ein Streit entstehen!

 

Zuweilen schließt er freilich auch alle Werke ohne jeglichen Zusatz aus. So zum Beispiel, wenn er erklärt, durch Davids Zeugnis werde die Seligkeit einem solchen Menschen zugesprochen, „welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke“ (Röm. 4,6). Die Klüglinge können also mit keinerlei Sticheleien erreichen, daß wir von dem allgemeinen Ausschluß (jenlicher Werke) abgehen!

 

Vergebens ist es weiter, wenn sie in leichtsinniger Spitzfindigkeit vorwenden, wir würden „allein“ durch den Glauben gerechtfertigt, „der in der Liebe tätig ist“ (Gal. 5,6). In diesem Falle stützte sich also unsere Gerechtigkeit auf die Liebe. Wir geben zwar mit Paulus zu, daß uns kein anderer Glaube rechtfertigt als der, „der in der Liebe tätig ist“ (Gal. 5,6). Aber Paulus nimmt die rechtfertigende Kraft des Glaubens nicht aus diesem Tätigsein in der Liebe! Ja, der Glaube rechtfertigt uns nur aus einem einzigen Grunde, nämlich weil er uns an der Gerechtigkeit Christi Anteil gibt. Im anderen Falle würde alles, was Paulus mit solcher Schärfe behauptet, auseinanderbrechen. Er sagt: „Dem aber, der mit

Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubet aber an den, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“ (Röm. 4,4f.). Hätte er deutlicher sprechen können als so? Gerechtigkeit des Glaubens – das zeigt er uns – gibt es also nur da, wo keine Werke sind, die auf Lohn Anspruch haben, und der Glaube wird nur da zur Gerechtigkeit gerechnet, wo uns diese Gerechtigkeit aus unverdienter Gnade zuteil wird!

 

 

 

III,11,21

 

Wir haben nun oben in unserer Begriffsbestimmung gesagt, die Gerechtigkeit aus dem Glauben sei die Versöhnung mit Gott, die einzig und allein in der Vergebung der Sünden besteht. Jetzt wollen wir genauer zusehen, wie wahr das ist. Wir müssen dabei stets auf den Grundsatz zurückgehen, daß Gottes Zorn auf allen Menschen ruht, solange sie darin beharren, Sünder zu sein. Sehr fein hat das Jesaja deutlich gemacht: „Siehe, des Herrn Hand ist nicht zu kurz geworden, daß er nicht helfen könne, und seine Ohren sind nicht hart geworden, daß er nicht höre; sondern eure Untugenden scheiden euch und euren Gott voneinander, und eure Sünden verhüllen sein Angesicht vor euch, daß er euch nicht höre!“ (Jes. 59,1f.; Schluß nicht ganz Luthertext). Da hören wir es: die Sünde ist die Scheidung zwischen Mensch und Gott, sie wendet Gottes Blick von dem Sünder ab. Es kann auch nicht anders sein; denn es ist Gottes Gerechtigkeit fremd, mit der Sünde irgendwelche Gemeinschaft zu haben. Deshalb lehrt uns auch der Apostel, daß der Mensch Gottes Feind ist, bis er durch Christus wieder zu Gnaden kommt. Wenn also der Herr einen Menschen in seine Gemeinschaft aufnimmt, dann heißt es: er rechtfertigt ihn; denn er kann ihn nicht in Gnaden annehmen, kann auch keine Verbindung mit ihm eingehen, wenn er ihn nicht aus einem Sünder zu einem Gerechten macht. Ich setze nun hinzu: Dies geschieht durch die Vergebung der Sünden. Wollte man nämlich die Menschen, die Gott mit sich versöhnt hat, nach ihren Werken beurteilen, so würde man finden, daß sie tatsächlich noch Sünder sind, und dabei müssen sie doch von der Sünde frei und rein sein! Es steht also fest: die Menschen, welche Gott annimmt, können nur dadurch gerecht werden, daß er durch die Vergebung der Sünden alle ihre Makel tilgt und sie reinigt. Solche Gerechtigkeit kann man also mit einem Wort als Vergebung der Sünden bezeichnen!

 

 

 

III,11,22

 

Diese beiden Tatsachen (Rechtfertigung als Versöhnung und Rechtfertigung als Vergebung der Sünden) ergeben sich nun sehr klar aus den bereits angeführten Worten des Apostels: „Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2. Kor. 5, 19). Als wesentlichen Inhalt seiner Botschaft fügt er dann zu: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!“ (2. Kor. 5,21). „Gerechtigkeit“ und „Versöhnung“ verwendet er hier unterschiedslos: wir merken also, daß eines das andere wechselseitig einschließt. Zugleich zeigt er uns auch, auf welche Weise wir diese Gerechtigkeit erlangen, nämlich dadurch, daß er uns unsere Sünden nicht zurechnet. Deshalb sollst du nicht weiter zweifeln, wieso uns denn Gott rechtfertige; du hörst doch: er versöhnt uns mit sich, indem er uns unsere Sünden nicht zurechnet! So lesen wir es auch im Römerbrief (4,6-8): an dem Zeugnis des David beweist Paulus, daß dem Menschen die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke zugerechnet wird; denn David nennt den Menschen selig, „dem seine Ungerechtigkeiten vergeben sind und dem seine Sünden bedeckt sind, … welchem Gott die Sünde nicht zurechnet.“ „Seligkeit“ setzt er da zweifellos für „Gerechtigkeit“; da diese nun aber nach seiner Versicherung in der Vergebung der Sünden besteht, so ist für uns kein Grund vorhanden, sie anders zu beschreiben. Deshalb sagt auch Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, in seinem Liede, die „Erkenntnis des Heils“ bestehe „in Vergebung ihrer

Sünden“ (Luk. 1,77). Dieser Regel ist auch Paulus gefolgt, wenn er die Predigt von der Hauptsumme des Heils, die er bei den Antiochenern hielt, nach dem Bericht des Lukas mit den Worten beschließt: „… daß euch verkündigt wird Vergebung der Sünden durch diesen und von dem allem, wovon ihr nicht konntet im Gesetz Mose’s gerecht werden. Wer aber an diesen glaubt, der ist gerecht“ (Apg. 13,38f.). Da verbindet der Apostel die Vergebung der Sünden in der Weise mit der Gerechtigkeit, daß er zeigt: sie sind gänzlich ein und dasselbe! Daraus folgert er dann mit vollem Recht, daß die Gerechtigkeit, die wir aus Gottes Güte empfangen, unverdient ist.

 

Wenn wir sagen, daß die Gläubigen vor Gott nicht durch ihre Werke, sondern durch Gottes gnädige Annahme gerecht sind, so darf solche Rede nicht ungebräuchlich erscheinen; denn in der Schrift kommt sie gar oft vor, und auch die alten Kirchenväter haben mitunter so geredet. So lesen wir irgendwo bei Augustin: „Die Gerechtigkeit der Heiligen besteht in dieser Welt eher in der Vergebung der Sünden als in der Vollkommenheit der Tugenden“ (Vom Gottesstaat, XIX,27). Dem entsprechen die herrlichen Worte des Bernhard: „Nicht zu sündigen, das ist Gottes Gerechtigkeit; des Menschen Gerechtigkeit aber ist Gottes Güte“ (Predigten zum Hohen Liede,23). Zuvor hatte er noch erklärt, Christus sei für uns die Gerechtigkeit dadurch, daß er uns den Freispruch erwirke, und deshalb sei nur der gerecht, der aus Barmherzigkeit Vergebung der Sünden erlangt habe (22).

 

 

 

III,11,23

 

Daraus ergibt sich auch, daß wir allein durch das Eintreten der Gerechtigkeit Christi für uns dahin gelangen, vor Gott gerechtfertigt zu werden. Das bedeutet soviel, als wenn wir sagten: der Mensch ist nicht in sich selbst gerecht, sondern nur deshalb, weil ihm Christi Gerechtigkeit durch Zurechnung mitgeteilt wird. Das ist wert, von uns sehr genau beachtet zu werden. Denn damit zerfällt der Wahn, als ob der Glaube den Menschen deshalb rechtfertige, weil dieser durch den Glauben am Geiste Gottes teilhabe, durch den er (tatsächlich) gerecht gemacht würde; diese Ansicht steht zu der oben entwickelten Lehre in einem schlechthin unversöhnlichen Gegensatz. Denn der Mensch muß doch wohl zweifellos ohne jede eigene Gerechtigkeit dastehen, wenn er gelehrt wird, seine Gerechtigkeit außerhalb seiner selbst zu suchen! Eben dies aber behauptet der Apostel mit größter Deutlichkeit, wenn er schreibt: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zum Sühnopfer für die Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5,21; Mittelstück nicht Luthertext).

 

Da sieht man: unsere Gerechtigkeit liegt nicht in uns, sondern in Christus; uns kommt sie nur aus dem Rechtsgrunde zu, daß wir an Christus Anteil haben, wie wir ja mit ihm alle seine Reichtümer besitzen! Dem steht nicht entgegen, daß Paulus an anderer Stelle erklärt, die Sünde sei „der Sünde halben“ in Christi Fleisch verdammt worden, „auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde …“ (Röm. 8,3). Denn die „Erfüllung“, die Paulus hier meint, ist keine andere als die, welche wir durch Zurechnung erlangen! Denn der Herr Christus gibt uns an seiner Gerechtigkeit mit dem Recht Anteil, daß er dabei auf wundersame Weise – soweit es Gottes Urteil betrifft! – seine Kraft in uns übergehen läßt! Nichts anderes hat Paulus gemeint; das ergibt sich aus einer anderen, kurz vorher befindlichen Stelle mehr als deutlich: „Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder wurden, so auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte!“ (Röm. 5,19). Hier gründet also Paulus unsere Gerechtigkeit auf den Gehorsam Christi – aber was heißt das anders, als daß er behauptet: allein deshalb gelten wir als gerecht, weil Christi Gehorsam uns so zugute kommt, als ob er unser eigen wäre? Es scheint mir deshalb sehr richtig zu sein, wenn Ambrosius ein Beispiel dieser Gerechtigkeit in dem Segen findet, den Jakob erlangte. Jakob hatte ja das Erstgeburtsrecht nicht aus sich selber verdient, und doch verbarg er sich in dem Gewand seines Bruders, zog seinen Rock an,

der so sehr guten Geruch von sich gab, und schlich sich solchermaßen bei seinem Vater ein, um unter einer fremden Person zu seinem Nutzen den Segen zu empfangen. So verbergen auch wir uns – führt Ambrosius aus – unter der kostbaren Reinheit Christi als unseres erstgeborenen Bruders, um vor Gottes Angesicht das Zeugnis der Gerechtigkeit zu erwirken. Wörtlich sagt Ambrosius: „Daß Isaak ‘den Geruch der Kleider roch’ (Gen. 27,27), hat vielleicht die Bedeutung, daß wir nicht durch unsere Werke gerechtfertigt werden, sondern durch den Glauben; denn die Schwachheit des Fleisches ist ein Hemmnis für unsere Werke, die Klarheit des Glaubens aber setzt den Irrtum unserer Werke in den Schatten, und solcher Glaube verdient Vergebung der Sünden“ (Von Jakob und dem seligen Leben, II,2,9). Es verhält sich wirklich so; denn wenn wir vor Gottes Angesicht zu unserem Heil erscheinen sollen, so müssen wir notwendig nach seinem Wohlgeruch duften, und unter seiner Vollkommenheit müssen unsere Laster verdeckt und begraben werden!

 

Institutio – Tag 181

III,11,15

 

Die römischen Schultheologen reden hier ein wenig ungeschliffener, indem sie ihre „Vorbereitungen“ (auf den Empfang des Heils, die der Mensch selbst leisten soll!) mit hineinmengen. Trotzdem reden auch jene oben genannten Klüglinge den schlichten und unerfahrenen Leuten eine nicht weniger schlimme Lehrsatzung ein, indem sie unter dem Vorwande des Heiligen Geistes und der Gnade die Barmherzigkeit Gottes, die allein die erschrockenen Seelen zur Ruhe bringen kann, verdecken. Wir dagegen bekennen mit Paulus, daß vor Gott die Täter des Gesetzes gerechtfertigt werden; da wir aber alle weit davon entfernt sind, das Gesetz zu halten, so schließen wir daraus, daß uns auch die Werke, die uns (eigentlich) am allermeisten zur Gerechtigkeit verhelfen sollten, doch gar nichts helfen, weil sie uns eben fehlen!

 

Was nun die gewöhnlichen Papisten oder Scholastiker anbetrifft, so sind sie hier in doppelter Hinsicht einer Täuschung verfallen: Erstens nennen sie den Glauben

die Sicherheit des Gewissens, mit der wir von Gott den Lohn für unsere Verdienste erwarten, zweitens verstehen sie unter der Gnade Gottes nicht die Zurechnung der unverdienten Gerechtigkeit, sondern den Heiligen Geist, der uns beim Trachten nach Heiligkeit seinen Beistand leiht. Sie lesen bei dem Apostel: „Wer zu Gott kommen will, der muß zuvor glauben, daß er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde“ (Hebr. 11,6). Aber sie beachten nicht, wie nun solches „Suchen“ vor sich geht. Welchen Wahnvorstellungen sie hinsichtlich des Wortes „Gnade“ huldigen, wird aus ihren Schriften ganz offenbar. So erläutert Petrus Lombardus die uns von Christus geschenkte Rechtfertigung in zwiefacher Weise. Erstens, sagt er, rechtfertigt uns der Tod Christi dadurch, daß durch ihn in unserem Herzen die Liebe erweckt wird, durch die wir gerecht gemacht werden; zweitens wird durch ihn die Sünde ausgelöscht, in deren Gefangenschaft uns der Teufel begeben hatte – so daß er also jetzt keinen Anlaß mehr hat, uns zu verdammen! (Sentenzen III,19,1). Man sieht, wie er Gottes Gnade in der Rechtfertigung vornehmlich darin erblickt, daß wir durch die Gnade des Heiligen Geistes zu guten Werken angeleitet werden. Er wollte darin natürlich der Meinung Augustins folgen; aber er folgt ihr eben aus weiter Ferne und weicht von der rechten Nachahmung (seines Vorbildes) erheblich ab: denn wenn Augustin etwas klar gesagt hat, so macht es Petrus Lombardus unklar, und was bei Augustin nicht so gar unrein ist, das verderbt er! Die Schultheologie ist dann noch stets zum Schlimmeren abgeirrt, bis sie sich schließlich in jähem Zusammenbruch in eine Art Pela-gianismus verwickelt hat. Freilich ist auch die Ansicht Augustins selber, oder wenigstens seine Ausdrucksweise, nicht in allen Stücken annehmbar. Gewiß, er nimmt in hervorragender Weise dem Menschen jeden Ruhm auf Grund irgendwelcher Gerechtigkeit und schreibt ihn ganz der Gnade Gottes zu; aber dann bezieht er trotzdem die Gnade auf die Heiligung, in der uns der Heilige Geist eine Wiedergeburt zu neuem Leben schenkt.

 

 

 

III,11,16

 

Wenn dagegen die Schrift von der Gerechtigkeit aus dem Glauben redet, so führt sie uns ganz anderswohin: nach ihrer Weisung sollen wir uns von dem Blick auf unsere eigenen Werke abwenden und allein auf Gottes Barmherzigkeit und Christi Vollkommenheit schauen. Die Ordnung der Rechtfertigung ist nämlich nach der Lehre der Schrift diese: von Anfang an läßt sich Gott aus lauter gnädiger Güte herab, den sündigen Menschen anzunehmen; er sieht dabei nichts an ihm, das ihn zur Barmherzigkeit bewegen könnte, als allein sein Elend. Er gewahrt, wie der Mensch gänzlich nackt und leer ist an guten Werken, aber dann nimmt er aus sich selbst die Ursache, ihm wohlzutun. Dann berührt er den Sünder selber mit dem Empfinden seiner Güte, damit er das Vertrauen auf seine eigenen Werke fahren läßt und sein ganzes Heil auf Gottes Barmherzigkeit gründet. Dies ist das Empfinden des Glaubens, durch den der Sünder in den Besitz seines Heils gelangt, indem er aus der Lehre des Evangeliums erkennt, daß er mit Gott versöhnt ist, da er durch das stellvertretende Eintreten der Gerechtigkeit Christi Vergebung der Sünden erlangt hat und dadurch gerechtfertigt ist, und indem er bedenkt, daß trotz seiner Wiedergeburt durch den Geist Gottes seine Gerechtigkeit immerfort nicht auf den guten Werken beruht, um die er sich müht, sondern allein auf Christi Gerechtigkeit. Wenn man diese Tatsachen alle einzeln erwogen hat, dann ergibt sich daraus eine deutliche Erläuterung unserer Auffassung. Allerdings könnten sie wohl noch besser in anderer Reihenfolge angegeben werden, als es geschehen ist. Aber es liegt wenig daran – wenn nur die einzelnen Stücke im Zusammenhang miteinander stehen, so daß wir den ganzen Tatbestand recht auseinandergelegt und zuverlässig begründet vor uns haben.

 

 

 

III,11,17

 

Hier müssen wir noch einmal an die bereits festgestellte Wechselbeziehung zwischen Glaube und Evangelium zurückdenken. Der Glaube, so heißt es, macht uns nämlich deshalb gerecht, weil er die im Evangelium uns dargebotene Gerech-

tigkeit empfängt und ergreift. Wenn es aber heißt, daß diese Gerechtigkeit durch das Evangelium uns dargeboten wird, so ist damit jede Beachtung der Werke ausgeschlossen. Das zeigt Paulus uns an vielen Stellen, besonders aber an zweien. Zunächst vergleicht er im Römerbrief Gesetz und Evangelium miteinander und erklärt: die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, richtet sich nach dem Wort: „Welcher Mensch dies tut, der wird dadurch leben!“ (Röm. 10,5). Die „Gerechtigkeit aus dem Glauben“ (Röm. 10,6) dagegen verkündet das Heil unter folgender Bedingung: „So man von Herzen glaubt …, und so man mit dem Munde bekennt Jesum, daß er der Herr sei, und daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat …“ (Röm. 10,10.9, miteinander verflochten). Da sieht man es doch ganz deutlich, wie der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium darin sich auswirkt, daß das Gesetz die Gerechtigkeit den Werken zuschreibt, das Evangelium sie dagegen aus Gnaden schenkt, ohne alle Mitwirkung von Werken! Eine gewichtige Stelle! Sie kann uns aus vielen Schwierigkeiten heraushelfen, wenn wir erkennen, daß die Gerechtigkeit, die uns durch das Evangelium geschenkt wird, von den Bedingungen des Gesetzes gelöst ist. Das ist auch der Grund, weshalb Paulus mehrfach unter offenkundiger Aufrichtung eines Gegensatzes Gesetz und Verheißung einander gegenüberstellt, so z.B.: „So das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben …“ (Gal. 3,18), dazu im gleichen Kapitel noch andere Aussagen in demselben Sinne.

 

Allerdings hat auch das Gesetz seine Verheißungen. Es muß also in den Verheißungen des Evangeliums etwas Besonderes und (vom Gesetz) Verschiedenes liegen, wenn wir nicht zugeben wollen, jene Nebeneinanderstellung sei unangebracht. Dieses Besondere der Verheißungen des Evangeliums besteht darin, daß sie aus lauter Gnade geschehen und einzig auf Gottes Erbarmen gegründet sind, während die Verheißungen des Gesetzes von einer Bedingung abhängig sind, nämlich von den Werken! Nun soll mir aber keiner dazwischenschreien, hier werde doch nur die Gerechtigkeit zurückgewiesen, die die Menschen von sich selbst aus und kraft ihres freien Willens vor Gott zu bringen sich unterstehen! Nein, Paulus lehrt uns ohne jede Einschränkung: das Gesetz erreicht mit seinem Befehlen nichts (Röm. 8,3) – denn es ist ja keiner da, der es erfüllte, weder bei dem großen Haufen, noch auch bei den Allervollkommensten! Gewiß ist die Liebe das wichtigste Hauptstück des Gesetzes; denn der Geist Gottes gestaltet uns zu ihr hin. Aber warum ist auch sie für uns nicht Ursache unserer Gerechtigkeit? Eben darum, weil sie selbst in den Heiligen schwach ist und deshalb an sich keinerlei Lohn verdient!

 

 

 

III,11,18

 

Die zweite Stelle lautet: „Daß aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn ‘der Gerechte wird seines Glaubens leben!\’ Das Gesetz aber ist nicht des Glaubens, sondern der Mensch, der es tut, der wird dadurch leben!\’” (Gal. 3,11f.). Wie sollte diese Beweisführung bestehen können, wenn es nicht feststünde, daß beim Glauben die Werke nicht zur Anrechnung kommen, sondern völlig von ihm zu trennen sind? Paulus sagt uns: das Gesetz ist etwas anderes als der Glaube. Wieso aber? Eben deshalb, weil zur Gerechtigkeit nach dem Gesetz die Werke erforderlich sind! Es ergibt sich also: zur Gerechtigkeit aus dem Glauben sind die Werke nicht erforderlich! Diese Vergleichung läßt offenbar werden, daß der, welcher durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Verdienst der Werke, ja abseits von allem Verdienst der Werke die Rechtfertigung erlangt – denn der Glaube empfängt ja die Gerechtigkeit, die das Evangelium uns zuteil werden läßt! Der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium besteht also darin, daß dieses die Gerechtigkeit nicht an Werke bindet, sondern sie allein auf Gottes Barmherzigkeit gründet. Im gleichen Sinne behauptet Paulus im Römerbrief, Abraham habe keinen Anlaß zum Rühmen, weil ihm sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet worden sei (Röm. 4,2ff.). Als Begründung führt er an, daß für die Gerechtigkeit aus dem Glauben da Raum ist, wo keine Werke sind, die auf Lohn An-

spruch hätten! Wo Werke sind, führt er aus, da wird ihnen der schuldige Lohn zugemessen; was aber dem Glauben geschenkt wird, das geschieht aus lauter Gnade! Denn die Worte, die er an dieser Stelle verwendet, führen in ihrem Sinn zu diesem Ergebnis. Einige Verse später erklärt er, wir empfingen das Erbe aus Glauben, damit wir es aus Gnaden erlangten, und daraus zieht er die Folgerung, dies Erbe sei uns aus Gnaden gegeben, da wir es ja im Glauben empfingen! (Röm. 4,16). Wieso ist das möglich? Einzig deshalb, weil der Glaube, ohne jede Unterstützung durch die Werke, ganz auf Gottes Erbarmen ruht! Im gleichen Sinne ist es auch zweifellos zu verstehen, wenn er an anderer Stelle lehrt, „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“, sei zwar „bezeugt durch das Gesetz und die Propheten“, aber sie sei doch „ohne Zutun des Gesetzes offenbart“! (Röm. 3,21). Denn indem er das Gesetz ausschließt, behauptet er, daß wir keinerlei Hilfe durch die Werke empfangen, auch die Gerechtigkeit nicht durch das Tun von Werken erlangen, sondern ganz leer kommen, um sie zu ergreifen!

 

 

 

III,11,19

 

Der Leser bemerkt nun, mit was für Fug und Recht heutzutage die Klüglinge unsere Lehre schmähen, weil wir sagen, der Mensch werde „allein“ durch den Glauben gerechtfertigt. Daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, das wagen sie nicht zu bestreiten, weil es ja so oft in der Schrift ausgesprochen wird. Da sich aber das „allein“ nirgendwo ausdrücklich findet, so wollen sie es nicht leiden, daß wir es hinzusetzen! Wirklich? Was wollen sie aber dann auf die Ausführungen des Paulus antworten, der doch behauptet, die Gerechtigkeit komme nur dann aus dem Glauben, wenn sie uns aus reiner Gnade zuteil werde? (Röm. 4,2ff.). Wie soll sich aber dies „aus reiner Gnade“ mit den Werken reimen? Mit was für Schmähungen wollen sie auch den Worten ausweichen, die er an anderer Stelle ausspricht, wenn er sagt, im Evangelium werde uns „geoffenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“? (Röm. 1,17). Wird die Gerechtigkeit im Evangelium offenbart, so ist sie darin nicht zerfetzt oder halb, sondern ganz und vollkommen beschlossen. Das Gesetz hat also in ihr keinen Raum. Es ist aber eine nicht bloß verkehrte, sondern geradezu lächerliche Ausflucht, wenn sie sich so sehr gegen das Wörtlein „allein“ versteifen. Wenn einer den Werken alles wegnimmt – mißt er es nicht damit voll und ganz dem Glauben allein zu? Lieber Leser, was sollen denn eigentlich solche Sätze bedeuten wie: „Die Gerechtigkeit ist ohne Zutun des Gesetzes offenbart“ (Röm. 3,21) oder „der Mensch wird aus Gnaden gerecht“ (Röm. 3,24; ungenau), und zwar „ohne des Gesetzes Werke“ (Röm. 3,28);

 

Aber hier haben die Klüglinge eine ganz schlaue Ausflucht. Sie haben sie freilich nicht selber ausgedacht, sondern aus Origenes und einigen anderen von den alten Kirchenvätern entnommen. Aber sie ist trotzdem völlig unangebracht. Sie schwatzen nämlich, in derartigen Schriftworten würden nur die in Zeremonien geschehenden Gesetzeswerke ausgeschlossen, nicht aber die „sittlichen“. So erreichen sie mit ihrem fortwährenden Gezänk, daß sie nicht einmal die Grundbegriffe der Denkkunst erfassen! Der Apostel zieht doch zur Begründung seiner Lehre die Stellen heran: „Welcher Mensch das tut, der wird dadurch leben“ (Röm. 10,5; Gal. 3,12; Lev. 18,5) und: „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue!“ (Gal. 3,10; Deut. 27,26). Meinen denn nun jene Leute, der Apostel sei von Sinnen, wenn er diese Schriftworte heranzieht? Wenn sie nicht verrückt sind, so werden sie doch nicht behaupten, hier werde denen das Leben verheißen, die die Zeremonien beobachten, oder denen der Fluch gesprochen, die sie nicht recht halten! Wenn aber diese Stellen auf das sittliche Gesetz bezogen werden müssen, so ist es außer Zweifel, daß auch den sittlichen Werken das Vermögen zur Rechtfertigung abgesprochen wird! In der gleichen Richtung gehen auch solche Schlußfolgerungen, wie sie Paulus anstellt: „Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ – also wird durch das Gesetz „kein Fleisch

gerecht!“ (Röm. 3,20). Oder: „Das Gesetz richtet Zorn an“ – also wirkt es nicht die Gerechtigkeit! (Röm. 4,15, im Zusammenhang mit Vers 16). (Ähnlich:) Weil das Gesetz unser Gewissen nicht sicher machen kann, darum taugt es auch nicht dazu, uns Gerechtigkeit zu verschaffen. Weil der „Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“ wird (Röm. 4,5), darum ist die Gerechtigkeit keine Belohnung für unsere Werke, sondern sie wird uns unverdientermaßen geschenkt! Weil wir die Gerechtigkeit aus dem Glauben erlangen, darum ist der Ruhm „ausgeschlossen“ (Röm. 3,27). „Wenn ein Gesetz gegeben wäre, das da könnte lebendigmachen, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz. Aber Gott hat alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung … werde gegeben denen, die da glauben!“ (Gal. 3,21f.; nicht ganz Luthertext). Nun sollen jene Klüglinge, wenn sie es wagen, ruhig schwatzen, diese Worte bezögen sich auf die Zeremonien und nicht auf die Sitten – es werden doch selbst Kinder eine solche Schamlosigkeit zuschanden machen! Wir wollen also daran festhalten: wenn dem Gesetze das vermögen abgesprochen wird, uns zu rechtfertigen, dann beziehen sich solche Aussagen auf das ganze Gesetz!

 

Institutio – Tag 180

III,11,12

 

Jedoch sind die Leser zu ermahnen, auf das „Geheimnis“, das Osiander ihnen angeblich nicht verheimlichen will, mit Eifer ihre Augen zu richten. Er hält sich nämlich zunächst lange und ausführlich mit der Behauptung auf, wir erlangten Gnade vor Gott nicht allein durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, denn es sei Gott unmöglich, Menschen für gerecht gelten zu lassen, die es nicht sind – ich benutze seine eigenen Worte! Dann kommt er endlich zu dem Schluß, Christus sei uns nicht nach seiner menschlichen, sondern nach seiner göttlichen Natur zur Gerech-

tigkeit gegeben, und obgleich diese nur in der Person des Mittlers zu finden sei, so sei sie doch nicht eines Menschen Gerechtigkeit, sondern Gottes! Hier windet er nun nicht sein Stricklein aus den zweierlei Gerechtigkeiten, sondern nimmt der menschlichen Natur Christi das Amt der Rechtfertigung stracks fort. Es ist dabei aber der Mühe wert, den Grund festzuhalten, den er anführt. Er erklärt, an der gleichen Stelle (an der Christus als unsere Gerechtigkeit erscheint, nämlich 1. Kor. 1,30) heiße es auch, Christus sei uns „gemacht … zur Weisheit“ – und das komme doch nur dem ewigen Wort zu! Also sei Christus als Mensch auch nicht unsere Gerechtigkeit! Ich erwidere: gewiß ist der eingeborene Sohn Gottes auch Gottes ewige Weisheit gewesen; bei Paulus aber (nämlich eben 1. Kor. 1,30) wird ihm diese Bezeichnung („Weisheit“) in anderem Sinne zugeschrieben, nämlich weil in ihm „verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis!“ (Kol. 2,3). Er hat uns also das, was er bei dem Vater besaß, offenbart; und so bezieht sich das Wort des Paulus nicht auf das Wesen des Sohnes Gottes, sondern auf unsere Erfahrung an ihm; es kommt also wirklich der menschlichen Natur Christi zu! Denn er leuchtete wohl als das Licht in der Finsternis, bevor er Fleisch annahm; aber es war doch ein verborgenes Licht, bis derselbe Christus in der Natur eines Menschen als die Sonne der Gerechtigkeit hervortrat! Deshalb nennt er sich ja das „Licht der Welt“! (Joh. 8,12).

 

Es ist auch ein törichter Einwand, wenn Osiander behauptet, die Kraft zur Rechtfertigung gehe über das Vermögen der Engel wie erst recht der Menschen weit hinaus. Dies hängt doch nicht von der Würdigkeit irgendeiner Kreatur, sondern von Gottes Anordnung ab! Wenn es den Engeln gefallen sollte, Gott Genugtuung zu leisten, so würden sie damit nichts ausrichten, weil sie eben nicht dazu bestimmt sind. Diese Aufgabe war eben dem Menschen Christus eigentümlich, der „unter das Gesetz getan“ wurde, um uns von dem „Fluch des Gesetzes“ zu erlösen! (Gal. 3,13; 4,4).

 

Eine gar zu bösartige Schmähung ist es auch, wenn Osiander denen, die da bestreiten, daß Christus nach seiner göttlichen Natur unsere Gerechtigkeit sei, den Vorwurf macht, sie ließen von Christus bloß ein Stück übrig, ja, was noch schlimmer ist, sie machten zwei Götter, weil sie zwar zugäben, daß Gott in uns wohne, aber doch behaupteten, wir seien nicht durch Gottes Gerechtigkeit gerecht. (Ich antworte darauf:) Wenn wir Christus den Urheber des Lebens nennen, sofern er den Tod erlitt und so „die Macht nahm dem, der des Todes Gewalt hatte“ (Hebr. 2,14) – so rauben wir doch damit dem ganzen Christus, der da „Gott ist, geoffenbaret im Fleisch“, diese Ehre nicht! Wir halten mit dieser Unterscheidung bloß fest, wieso denn Gottes Gerechtigkeit zu uns kommt, damit wir sie genießen. Hier hat also Osiander einen schlimmen Fall getan! Wir leugnen auch nicht, daß das, was uns in Christus offen dargeboten ist, aus Gottes verborgener Gnade und Kraft herkommt; auch streiten wir nicht darüber, daß die Gerechtigkeit, die uns Christus zuteil werden läßt, Gottes Gerechtigkeit ist, die von ihm ausgeht. Und doch halten wir unentwegt daran fest, daß unsere Gerechtigkeit und unser Leben im Tode und in der Auferstehung Christi bestehen! Ich übergehe hier die beschämende Fülle von Schriftstellen, mit denen Osiander ohne verständige Auswahl, ja, ohne gesunden Menschenverstand die Leser belastet hat (und ihnen die Behauptung aufdringen will), überall, wo die Schrift von der Gerechtigkeit spricht, sei darunter die „wesenhafte Gerechtigkeit“ zu verstehen! Es gibt z.B. wohl hundert Stellen, an denen David Gottes Gerechtigkeit um Hilfe anruft – und Osiander schämt sich nicht, sie alle (in seinem Sinne) zu verfälschen!

 

Ebensowenig stichhaltig ist sein weiterer Einwurf, im eigentlichen und rechten Sinne heiße Gerechtigkeit das, was uns zum rechten Handeln treibe, Gott allein aber „wirke in uns das Wollen und das Vollbringen“: (Phil. 2,13). Auch wir bestreiten ja gar nicht, daß uns Gott durch seinen Geist zur Heiligkeit und

Gerechtigkeit des Lebens erneuert. Aber man muß doch dabei zusehen, ob er das unmittelbar und von sich aus tut – oder aber durch die Hand seines Sohnes, dem er die ganze Fülle des Heiligen Geistes anvertraut hat, damit er aus seinem Überfluß seinen Gliedern in ihrem Mangel Hilfe leiste. Und weiter: allerdings kommt die Gerechtigkeit aus dem verborgenen Brunnquell der Gottheit zu uns; aber daraus folgt noch nicht, daß Christus, der sich doch im Fleische für uns geheiligt hat (Joh. 17,19), nach seiner göttlichen Natur unsere Gerechtigkeit sei.

 

Nicht weniger leichtfertig ist es, wenn Osiander bemerkt, Christus sei selbst durch die göttliche Gerechtigkeit gerecht gewesen, weil er auch selber dem ihm auferlegten Amte nicht Genüge getan hätte, wenn der Wille des Vaters ihn nicht getrieben hätte. Obwohl ich an anderer Stelle ausgeführt habe, daß alle Verdienste, die Christus selbst erworben hat, aus Gottes reinem Wohlgefallen herfließen, so ergibt sich daraus doch keine Berechtigung für das Gespinst, mit dem Osiander seine eigenen Augen und diejenigen schlichter Leute verblendet. Wer sollte denn den Schluß erlaubt finden: weil Gott die Quelle und der Ursprung unserer Gerechtigkeit sei, darum seien wir wesenhaft gerecht und wohne das Wesen der Gerechtigkeit Gottes in uns? Gewiß, um seine Kirche zu erlösen, zieht Gott nach den Worten des Jesaja seine „Gerechtigkeit an wie einen Panzer“ (Jes. 59,17) – aber tut er das, um Christus der Waffen zu berauben, die er ihm gegeben hat, und um ihn so zu einem unvollkommenen Erlöser zu machen? Dabei will aber doch der Prophet bloß darlegen, daß Gott von außen nichts entlehnt und daß er zu unserer Erlösung keinerlei fremde Hilfe gebraucht hat. Das hat Paulus kurz mit anderen Worten ausgesprochen: Gott habe uns das Heil geschenkt, „damit er seine Gerechtigkeit aufweise …“ (Röm. 3,25; nicht Luthertext). Damit ist aber doch in keiner Weise umgestoßen, was er an anderer Stelle lehrt, nämlich daß wir „durch eines Gehorsam“ gerecht sind! (Röm. 5,19). Kurz, wer eine zwiefache Gerechtigkeit ineinander verwickelt, damit die armen Seelen nicht rein und einzig in Gottes Erbarmen Ruhe finden, der krönt Christus zum Spott mit zusammengeflochtenen Dornen!

 

 

 

III,11,13

 

Viele Menschen träumen nun von einer Gerechtigkeit, die aus Glauben und Werken zusammengesetzt sein soll. Ich muß also auch das noch erweisen, daß die Gerechtigkeit aus dem Glauben und die Werkgerechtigkeit in solchem Gegensatz zueinander stehen, daß, wo die eine besteht, notwendig die andere umgestoßen wird! Der Apostel sagt: „Ich achte es alles für Kot, auf daß ich Christum gewinne und in ihm erfunden werde, daß ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird“ (Phil. 3,8f.). Man sieht, wie Paulus hier entgegengesetzte Dinge miteinander vergleicht und wie er zeigt, daß der, welcher Christi Gerechtigkeit erlangen will, seine eigene Gerechtigkeit fahren lassen muß. Deshalb führt er den Untergang der Juden an anderer Stelle auf die Ursache zurück, daß sie „ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten“ trachteten und deshalb „der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht Untertan“ waren (Röm. 10,3). Wenn wir aber durch Aufrichtung unserer eigenen Gerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes zunichte machen, so ergibt sich daraus deutlich, daß jene voll und ganz abgetan werden muß, damit wir diese erlangen! Das gleiche zeigt Paulus auch, wenn er erklärt, nicht durch das Gesetz werde unser eigener Ruhm ausgeschlossen, sondern durch den Glauben (Röm. 3,27). Daraus folgt: solange eine noch so geringe Gerechtigkeit aus den Werken bleibt, behalten wir auch noch einigen Anlaß zum Rühmen. Nun schließt aber der Glaube alles Rühmen aus, und deshalb kann die Gerechtigkeit aus den Werken unter keinen Umständen mit der Gerechtigkeit aus dem Glauben zusammen bestehen. In diesem Sinne redet Paulus im vierten Kapitel des Römerbriefs mit solcher Klarheit, daß er für keinerlei Sophisterei oder Ausflüchte mehr Raum läßt. Er erklärt: „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm.“ Aber er setzt gleich hinzu: „Aber nicht vor Gott!“ (Röm. 4,2). Die Schlußfolgerung lautet

also: Abraham ist nicht durch die Werke gerechtfertigt worden. Er gibt uns dann noch einen zweiten Beweis, und zwar auf Grund der Unmöglichkeit des Gegenteils: Wenn für die Werke ein Lohn entrichtet wird, so geschieht das „aus Pflicht“ und „nicht aus Gnade“ (Röm. 4,4). Dem Glauben dagegen wird die Gerechtigkeit aus Gnade zugerechnet! Also geschieht es nicht aus dem Verdienst der Werke heraus. Darum fort mit dem Traum solcher Leute, die sich eine aus Glauben und Werken zusammengesetzte Gerechtigkeit erdichten!

 

 

 

III,11,14

 

Aber die Klüglinge, die sich aus der Verfälschung der Schrift und aus inhaltlosem Geschwätz ein Spiel und ein Vergnügen machen, meinen nun eine scharfsinnige Ausflucht zu haben: sie beziehen die Aussagen des Paulus auf solche Werke, welche noch nicht wiedergeborene Menschen bloß dem Buchstaben nach und durch Anstrengung ihres freien Willens, abseits von der Gnade Christi vollbringen; da-gegen leugnen sie, daß sich diese Worte auf die geistlichen Werke beziehen. So wird also der Mensch nach ihrer Meinung einerseits durch den Glauben, andererseits durch die Werke gerechtfertigt – nur soll es sich dabei nicht um seine eigenen Werke handeln, sondern um Gaben Christi und um Früchte der Wiedergeburt. Paulus hat danach also solche Worte nur deshalb gebraucht, weil er die Juden, die sich auf ihre eigenen Kräfte verließen, davon überführen wollte, daß sie sich törichterweise die Gerechtigkeit anmaßten, wo uns doch einzig und allein Christi Geist solche Gerechtigkeit zuteil werden lasse und nicht etwa der Eifer, der aus der eigenen Regung der Natur herstammt! Aber die Klüglinge ziehen nicht in Betracht, daß Paulus bei der Gegenüberstellung der Gerechtigkeit aus dem Gesetz und der Gerechtigkeit aus dem Evangelium, die er uns an anderer Stelle gibt, jegliche Werke ausschließt, mit was für einem Titel sie auch geschmückt sein mögen! (Gal 3,11f.). Denn nach seiner Lehre besteht die Gerechtigkeit aus dem Gesetz darin, daß der das Heil erlangt, der erfüllt, was das Gesetz gebietet. Die Gerechtigkeit aus dem Glauben aber besteht darin, daß wir glauben, daß Christus gestorben und auferstanden ist. Zudem werden wir am gegebenen Ort noch sehen, daß Heiligung und Gerechtigkeit verschiedene Wohltaten Christi sind. Daraus folgt: wo die Kraft, uns zu rechtfertigen, dem Glauben zugeschrieben wird, da kommen auch die geistlichen Werke nicht in Betracht! Wenn Paulus – was ich oben bereits angeführt habe – von Abraham erklärt, er habe keinerlei Grund, sich vor Gott zu rühmen (Röm. 4,2), weil er ja nicht durch Werke gerecht sei, so darf man das nicht auf den im Buchstaben begründeten, äußerlichen Schein von Tugenden beschränken, auch nicht auf die Anstrengung des freien Willens; nein, (Paulus will sagen): so geistlich und schier engelgleich das Leben des Erzvaters auch gewesen sein mag, so reichten die Verdienste der Werke doch nicht hin, um ihm vor Gott Gerechtigkeit zu verschaffen.

Institutio – Tag 179

III,11,10

 

Damit nun aber Osiander mit seiner Sophisterei die Unerfahrenen nicht täusche, so gebe ich zu, daß wir dieses unvergleichlichen Schatzes beraubt sind, ehe Christus unser eigen wird. Bei uns steht also jene Verbindung des Hauptes mit den Gliedern, jene Einwohnung Christi in unseren Herzen, kurz, jene verborgene Einung (mystica unio) an höchster Stelle, daß also Christus unser eigen wird und uns der Güter, die er selber inne hat, teilhaftig macht! Wir schauen ihn also nicht außer uns, von ferne an, damit uns seine Gerechtigkeit zugerechnet werde; nein, weil wir ihn angezogen haben und in seinen Leib eingefügt sind, kurz, weil er sich herabgelassen hat, uns mit sich eins zu machen, darum rühmen wir uns, daß wir Gemeinschaft der Gerechtigkeit mit ihm haben. So widerlegt sich der Vorwurf des Osiander, wir hielten den Glauben für Gerechtigkeit. Gewiß, wir sagen, daß wir im Glauben leer zu ihm kommen, damit wir seiner Gnade Raum geben und er ganz allein uns mit ihr erfülle – aber es ist doch nicht so, als ob wir dadurch Christus seines Rechtes beraubten! Osiander dagegen verachtet diese geistliche Verbundenheit (mit Christus) und will eine grobe Vermischung Christi mit den Gläubigen haben. Wer nun diesen fanatischen Irrtum von der wesenhaften Gerechtigkeit nicht unterschreiben will, den beschimpft er als „Zwinglianer“, weil er nicht der Meinung sei, daß wir im Abendmahl Christus fleischlich genössen! Ich sehe es aber als den höchsten Ruhm an, wenn ich von seiten dieses hoffärtigen und seinen Gaukeleien ergebenen Menschen solch eine Schmähung zu hören bekomme. Freilich trifft er damit nicht allein mich, sondern auch der ganzen Welt wohlbekannte Schriftsteller, die er eigentlich bescheiden verehren sollte. Mir aber macht es nichts aus, weil ich nicht meine eigene Sache betreibe; so kann ich denn in dieser Sache um so lauterer vorgehen, da ich von jeder bösen Absicht frei bin.

 

Daß also Osiander so unangemessen auf die wesenhafte Gerechtigkeit und die wesenhafte Einwohnung Christi in uns drängt, hat folgenden Sinn: Erstens soll sich Gott in grober Vermischung in uns überfließen lassen – wie Osiander auch beim Abendmahl von einem fleischlichen Genießen träumt! -, zweitens soll uns Gott seine Gerechtigkeit einhauchen, durch die wir mit ihm wesenhaft gerecht werden sollen – wie denn nach Osiander diese Gerechtigkeit einerseits Gott selber ist, anderseits aber zugleich Gottes Rechtschaffenheit, Heiligkeit und Reinheit.

 

Die Schriftzeugnisse, die Osiander anführt und die vom himmlischen Leben handeln, verdreht er alle und bezieht sie so auf den gegenwärtigen Zustand. Ich will mir mit ihrer Zurückweisung nicht sehr viel Arbeit machen. So sagt Petrus: durch Christus sind uns „die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt, nämlich daß wir dadurch teilhaftig werden der göttlichen Natur“ (2. Petr. 1,4; Anfang und Schluß ungenau zitiert). Diese Stelle zieht Osiander heran – als ob wir schon jetzt in dem Zustand wären, den wir nach der Verheißung des Evangeliums bei Christi endlichem Kommen erlangen sollen! Dann werden wir allerdings, wie Johannes uns sagt, Gott sehen, wie er ist, weil wir ihm dann gleich sein werden! (1. Joh. 3,2; nicht genau zitiert). Ich wollte den Lesern nur einen entfernten Geschmack geben und damit zeigen, daß ich mich nun absichtlich von diesem Geschwätz abwende, nicht weil es schwer wäre, es zu widerlegen, sondern weil ich mich nicht mit unnützer Arbeit abmühen will!

 

 

 

III,11,11

 

Mehr Gift ist indessen noch in dem zweiten Gliede (der obigen Behauptung) enthalten, also in Osianders Lehre, wir seien mit Gott zusammen gerecht (vgl. oben). Aber selbst wenn diese Lehre nicht so verderbenbringend wäre, so ist sie – das meine ich bereits zureichend bewiesen zu haben! – doch kalt und inhaltlos, ja sie zerfließt über ihrer Eitelkeit, und deshalb muß sie vernünftigen und frommen Lesern mit Recht abgeschmackt vorkommen! Unter keinen Umständen aber ist das gottlose Unterfangen zu dulden, unter dem Vorwand einer „zwiefachen Gerechtigkeit“ die Heilszuversicht ins Wanken zu bringen und uns über die Wolken emporzuheben, da-

mit wir die Gnade der Versöhnung nicht im Glauben erfassen und Gott nicht mit fröhlichem Herzen anrufen sollen! Osiander lacht die Leute aus, die die Lehre vertreten, „Rechtfertigen“ sei ein vom gerichtlichen Brauch hergenommenes Wort (verbum forense); denn nach seiner Ansicht müssen wir ja tatsächlich gerecht sein! Er verwirft auch nichts mehr als die Behauptung, wir würden durch gnädige Zurechnung (der Gerechtigkeit Christi) gerechtfertigt. Nun, wenn uns Gott nicht durch Freisprechung und Verzeihung rechtfertigt – dann weiß ich nicht, was das Wort des Paulus bedeuten soll: „Denn Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu … Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt!“ (2. Kor. 5,19. 21). Hier wird mir zunächst bestätigt, daß die für gerecht erklärt werden, die mit Gott versöhnt werden. Dann wird zwischendurch auch die Art und Weise dargetan: Gott rechtfertigt uns durch Verzeihung! Im gleichen Sinne wird auch an anderer Stelle (Röm. 8,33) die Rechtfertigung in einen Gegensatz zur Beschuldigung gestellt, eine Gegenüberstellung, die uns klar zeigt, daß die Redeweise vom gerichtlichen Brauch hergenommen ist. Auch wer nur einigermaßen in der hebräischen Sprache bewandert ist, der weiß – wenn er nur ein ruhiges Hirn hat! – sehr wohl, daß der Ausdruck daher (vom richterlichen Brauch) kommt, er weiß auch, was für einen Sinn und was für eine Bedeutung er hat. Ich erinnere ferner an die Behauptung des Paulus, nach welcher David die Gerechtigkeit ohne Werke mit den Worten beschreibt: „Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind …“ (Röm. 4,7; Ps. 32,1). Da soll mir nun Osiander antworten, ob die Rechtfertigung damit vollständig beschrieben ist oder nur halb! Paulus führt den Propheten doch gewiß nicht als Zeugen an, als ob er lehrte, die Vergebung der Sünden sei bloß ein Teil der Gerechtigkeit oder sie leiste zur Rechtfertigung des Menschen bloß einen Beitrag! Nein, er faßt unter der Vergebung aus Gnaden die ganze Gerechtigkeit zusammen, wenn er sagt: „Selig ist der Mann, dem die Sünden bedeckt sind, dem Gott die Übertretungen vergeben hat, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet!“ (Ps. 32,1f.; in lockerer Wiedergabe). Nach der Meinung und dem Urteil des Propheten kommt so die Seligkeit solchen Mannes nicht daher, daß er tatsächlich gerecht ist, sondern durch Zurechnung!

 

Osiander macht da den Einwand, es bringe Gott Schande und sei seiner Natur zuwider, wenn er Menschen rechtfertige, die tatsächlich gottlos blieben. Da müssen wir aber im Gedächtnis behalten, was ich oben ausgeführt habe: die Gnade, kraft deren wir gerechtfertigt werden, kann von der Wiedergeburt nicht abgetrennt werden, obwohl es zwei verschiedene Dinge sind! Aber es ist uns doch aus der Erfahrung mehr als hinreichend bekannt, daß in den Gerechten stets Überbleibsel der Sünde bleiben, und deshalb muß die Rechtfertigung ganz anders erfolgen, als die Umgestaltung zu neuem Leben. Denn dies zweite fängt Gott in seinen Auserwählten an, er führt es auch während ihres ganzen Lebenslaufs allmählich, zuweilen auch langsam, weiter – aber stets so, daß sie vor seinem Richterstuhl des Todesurteils schuldig sind! Die Rechtfertigung aber geschieht nicht teilweise, sondern vielmehr so, daß die Gläubigen, gleichsam mit Christi Reinheit bekleidet, freien Herzens im Himmel erscheinen! Ein Stück Gerechtigkeit würde auch die Gewissen nicht beruhigen, ehe es feststünde, daß wir Gott wohlgefällig sind, weil wir ohne Einschränkung vor ihm gerecht sind! Die Lehre von der Rechtfertigung wird also verdreht und von Grund auf umgestoßen, wenn Zweifel ins Herz hineindringt, wenn die Heilszuversicht erschüttert wird und die freie, unerschrockene Anrufung (Gottes) Verzug erleidet, ja, wo nicht Ruhe und Friede samt geistlicher Freude fest aufgerichtet werden. Darum schließt auch Paulus aus der Unrichtigkeit des Entgegengesetzten, „das Erbe“ werde nicht „durch das Gesetz erworben“ (Gal. 3, 18); denn dann wäre der Glaube nichts (Röm. 4,14); er müßte ja ins Wanken geraten,

wenn er auf die Werke achtete, weil da auch unter den Heiligsten niemand etwas findet, worauf er sein Vertrauen setzen könnte!

 

Zwischen Rechtfertigung und Wiedergeburt, die Osiander durcheinanderwirft und dann zusammen als „zwiefache Gerechtigkeit“ bezeichnet, besteht also ein Unterschied. Den drückt Paulus sehr treffend aus. Spricht er von seiner wirklichen (realen) Gerechtigkeit oder von der ihm geschenkten Reinheit – also von dem, was Osiander mit dem Titel „wesenhafte Gerechtigkeit“ bezeichnet! – so ruft er wehklagend aus: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes!“ (Röm. 7,24). Nimmt er aber seine Zuflucht zu der Gerechtigkeit, die allein in Gottes Barmherzigkeit gegründet ist, so trotzt er hochgemut gegen Leben und Tod, gegen Schmach und Hunger, gegen Schwert und alle Widrigkeit: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht! … Denn ich bin gewiß, daß nichts mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist …“ (Röm. 8,33. 38f.; zusammenfassend). Er verkündet uns deutlich, daß er eine Gerechtigkeit besitzt, die allein und vollkömmlich vor Gott zum Heil genügt, so daß jene jämmerliche Knechtschaft, deren er sich bewußt ist und angesichts deren er zuvor sein Los beweint hat, doch der Zuversicht des Rühmens nichts abbricht und kein Hindernis bereitet! Diese Zwiefältigkeit ist allen Heiligen wohlbekannt, ja gewohnt: sie seufzen unter der Last ihrer Ungerechtigkeiten, und doch tauchen sie in sieghafter Zuversicht unterdessen über alle Ängste empor!

 

Wenn aber Osiander einwendet, das sei der Natur Gottes zuwider, so fällt der Einwand auf ihn selbst zurück. Denn obgleich er die Heiligen mit seiner „zwiefachen Gerechtigkeit“ wie mit einem Pelzrock kleidet, muß er doch notgedrungen zugeben, ohne die Vergebung der Sünden sei niemand Gott wohlgefällig. Ist das aber wahr, so soll er doch schließlich auch zugeben, daß wir – wie man sagt – hinsichtlich des Teils, der uns zugerechnet wird, für gerecht erklärt werden, ohne es tatsächlich zu sein! Wieweit soll der Sünder dann aber von dieser gnädigen Annahme Gebrauch machen, die an die Stelle der (fehlenden!) Gerechtigkeit treten soll? Zu elf Zwölfteln oder nur zu einem Zwölftel? Da wird er sicherlich unsicher und unstet hin- und herschwanken: denn soviel Gerechtigkeit, wie er braucht, um zuversichtlich zu sein, darf er sich (dann!) doch nicht nehmen! Es ist aber gut, daß in dieser Sache nicht der Richter ist, der Gott hier ein Gesetz vorschreiben will! Indessen wird es schon bestehen bleiben: „daß du recht behaltest in deinen Worten und rein bleibest, wenn du gerichtet wirst!“ (Ps. 51,6). Was ist das doch für eine Vermessenheit, den höchsten Richter zu verdammen, wenn er aus Gnaden den Sünder losspricht, – und dabei jene Antwort außer Kraft setzen zu wollen: „Wes ich mich erbarme, des erbarme ich mich!“ (Ex. 33,19). Und dabei hatte doch Moses Fürbitte, die Gott mit dieser Antwort zum Schweigen brachte, nicht den Sinn, daß Gott keinen verschonen möge, sondern den umgekehrten: daß er aller Schuld gleichermaßen abtun und sie, so sehr sie auch schuldig waren, doch alle freisprechen möge! Wir sagen nun zwar, daß Gott die Sünden der verlorenen Menschen deshalb begräbt und diese Menschen vor ihm gerecht sein läßt, weil er ja die Sünde haßt und deshalb nur die lieben kann, die er rechtfertigt! Aber das ist eine wundersame Art von Rechtfertigung: unter Christi Gerechtigkeit gedeckt, erschrecken die Gläubigen nicht vor dem Gericht, dessen sie schuldig sind, und wenn sie sich selber mit Recht verdammen, so gelten sie doch außer sich selber für gerecht!

Institutio – Tag 178

III,11,6

 

Behauptete nun Osiander bloß, wenn Christus uns rechtfertige, so würde er durch wesenhafte Verbindung der unsere, und er sei unser Haupt nicht allein, sofern er Mensch sei, sondern lasse auch das Wesen seiner göttlichen Natur in uns überfließen – dann könnte er sich mit geringerem Schaden an seiner Liebhaberei weiden, dann brauchte man vielleicht auch wegen eines solchen Wahngebildes nicht einen so großen Streit zu erheben. Aber tatsächlich ist dieser Grundsatz wie ein Tintenfisch, der durch Ausscheidung schwarzen, durcheinanderwirbelnden Blutes seine vielen Fangarme verbirgt. Wenn wir also nicht mit Wissen und Wollen ertragen möchten, daß uns jene Gerechtigkeit entrissen wird, die uns allein die Zuversicht verleiht, uns unseres Heils zu rühmen, dann müssen wir hier hart widerstehen. Denn in dieser ganzen Erörterung verwendet er das Dingwort „Gerechtigkeit“ und das Tätigkeitswort „rechtfertigen“ in doppeltem Sinne: Rechtfertigen bedeutet danach nicht allein, daß wir durch gnädige Vergebung mit Gott versöhnt werden, sondern zugleich auch, daß wir gerecht gemacht werden; dementsprechend ist Gerechtigkeit nicht gnädige Zurechnung, sondern Heiligkeit und Reinheit, wie sie uns Gottes Wesen, das in uns seinen Sitz hat, einflößt! Er behauptet dann auch weiter mit Nachdruck, Christus sei nicht insofern unsere Gerechtigkeit, als er unsere Sünden als Priester sühnte und den Vater so mit uns versöhnte, sondern vielmehr, insofern er ewiger Gott und das Leben ist!

 

Um den ersteren Satz zu beweisen, nämlich um zu zeigen, daß uns Gott nicht bloß durch seine Vergebung, sondern durch die Wiedergeburt rechtfertige, stellt er die Frage, ob denn Gott die Menschen, die er rechtfertige, nun lasse, wie sie von Natur wären, ohne an ihren Lastern etwas zu verändern. Darauf ist aber sehr leicht eine Antwort zu geben: wie nämlich Christus nicht in Stücke zerrissen werden kann, so sind auch diese zwei, die wir miteinander und in fester Verbundenheit in ihm empfangen, nämlich Gerechtigkeit und Heiligung voneinander untrennbar! Wenn also Gott einen Menschen in Gnaden annimmt, dann beschenkt er ihn auch mit dem Geiste der Kindschaft und erneuert ihn durch dessen Kraft zu seinem Ebenbilde. Man kann auch die Helligkeit der Sonne nicht von ihrer Wärme abtrennen – aber sollen wir deswegen behaupten, die Erde werde durch das Licht der Sonne erwärmt und durch ihre Wärme erhellt? Gibt es etwas passenderes für unsere Sache hier als diesen Vergleich? Die Sonne gibt der Erde durch ihre Wärme Leben und Fruchtbarkeit, mit ihren Strahlen erleuchtet und erhellt sie sie; hier liegt eine wechselseitige und untrennbare Verbundenheit vor – aber schon die Vernunft verbietet es uns, das, was dem einen eigen ist, auf das andere zu übertragen! Eine ähnliche Sinnwidrigkeit liegt aber in der Vermischung der zwiefachen Gnade, die Osiander so nachdrücklich vollzieht, weil Gott nämlich tatsächlich die, welche er aus Gnaden für gerecht erklärt, auch zum Dienste der Gerechtigkeit erneuert, vermischt Osiander dieses Geschenk der Wiedergeburt mit jener gnädigen Annahme und behauptet, das sei beides ein und dasselbe! Die Schrift dagegen verbindet diese beiden Gaben auch, zählt sie aber trotzdem getrennt auf, damit uns Gottes vielfältige Gnade noch deutlicher entgegentrete. Es ist nämlich nicht überflüssig, wenn Paulus sagt, Christus sei uns gegeben zur „Gerechtigkeit und zur Heiligung …“ (1. Kor. 1,30). Wie oft folgert er auf Grund des uns zugekommenen Heils, auf Grund der väterlichen Liebe Gottes, auf Grund der Gnade Christi, daß wir nun auch zu Heiligkeit und Reinheit gerufen sind! Wenn er das aber tut, so zeigt er damit ganz deutlich, daß es zwei verschiedene Dinge sind, ob wir der Rechtfertigung teilhaftig werden oder ob wir neue Kreaturen werden!

Was nun aber die Schrift angeht, so verfälscht Osiander genau alle Stellen, die er heranzieht. Wenn Paulus sagt: „Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“ (Röm. 4,5, nicht ganz Luthertext) – so legt das Osiander so aus, als ob Paulus vom Gerecht machen spräche. Mit der gleichen Leichtfertigkeit verdreht er das ganze vierte Kapitel des Römerbriefs. Ja, er schämt sich auch nicht, die oben von mir angeführte Stelle in diese falsche Beleuchtung zu rücken: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht!“ (Röm. 8,33). Und dabei ist es doch sonnenklar, daß hier einfach von Schuld und Freispruch die Rede ist und daß die Meinung des Apostels auf der Gegenüberstellung beruht. So läßt sich Osiander sowohl bei jener Beweisführung als auch bei seiner Heranziehung der Schriftzeugnisse bei übler Unzuverlässigkeit ertappen!

 

Ebensowenig richtig ist auch seine Darstellung über das Wort „Gerechtigkeit“: er behauptet, dem Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet worden, nachdem er Christus – der Gottes Gerechtigkeit und Gott selber sei – angenommen und dadurch kraft herrlicher Tugenden eine hervorragende Stellung gewonnen habe. Wir merken daraus deutlich, wie er aus zwei unverdorbenen Dingen in verkehrter Weise ein einziges verdorbenes macht. Denn die Gerechtigkeit, von der hier die Rede ist, bezieht sich nicht etwa auf den ganzen Gang der Berufung des Abraham; nein, der Geist bezeugt uns, daß Abrahams Tugenden zwar herrlich und hervorragend waren und er sie in langer Beharrlichkeit immer größer gemacht hat – daß er aber Gottes Wohlgefallen einzig und allein erlangt hat, weil er die ihm in der Verheißung angebotene Gnade im Glauben annahm. Daraus folgt, daß bei der Rechtfertigung, wie es Paulus so trefflich behauptet, keinerlei Raum für die Werke übrig bleibt.

 

 

 

III,11,7

 

Hier macht nun Osiander die Einrede, die rechtfertigende Kraft komme dem Glauben nicht etwa an sich selbst zu, sondern nur insofern, als er Christus annimmt. Das gebe ich gern zu. Denn wenn der Glaube aus sich selbst heraus oder, wie man sagt, zufolge der ihm innewohnenden Kraft rechtfertigte, so würde er das bloß teilweise fertig bekommen, da er ja stets schwach und unvollkommen ist; unsere Gerechtigkeit wäre dann verstümmelt, und sie würde uns deshalb auch bloß ein Stücklein vom Heil verschaffen. Wir aber verfallen nun auch in keiner Weise in solcherlei Einbildungen, sondern behaupten, daß im eigentlichen Sinne Gott einzig und allein uns rechtfertigt. Dann übertragen wir eben dies auf Christus, weil er uns ja zur Gerechtigkeit gegeben worden ist; den Glauben dagegen vergleichen wir gewissermaßen mit einem Gefäß; denn wir können Christi nur dann teilhaftig werden, wenn wir selber gar ausgeleert sind und mit dem offenen Munde unserer Seele herzutreten, um Christi Gnade zu begehren. Daraus ergibt sich: wenn wir behaupten, daß man Christus selbst im Glauben eher empfängt als seine Gerechtigkeit, so nehmen wir ihm damit die Kraft, uns zu rechtfertigen, durchaus nicht weg.

 

Indessen kann ich die gewundenen Vergleiche dieses Klüglings nicht anerkennen. So sagt er z.B., der Glaube sei Christus – als ob ein irdener Topf ein Schatz wäre, weil in ihm Gold verborgen liegt! Daß unser Glaube, obwohl ihm an und für sich keinerlei Würde noch Wert zukommt, uns doch dadurch rechtfertigt, daß er eben Christus zu uns bringt – das ist ganz genau so, wie dies, daß ein mit Geld gefüllter Topf einen Menschen reich macht. Ich behaupte also, daß es töricht ist, wenn man den Glauben, der doch bloß ein Werkzeug ist, durch das wir die Gerechtigkeit erlangen, mit Christus vermischt, der die tatsächliche (materiale) Ursache, ja, der der Geber und zugleich der Diener dieser Wohltat ist! Damit ist auch schon der Knoten aufgelöst, wie man das Wort „Glaube“ im Zusammenhang mit der Rechtfertigung zu verstehen habe.

III,11,8

 

Noch mehr übersteigt sich Osiander dann bei der Behandlung der Frage, auf welche Weise wir Christus annehmen. Er erklärt nämlich, durch den Dienst des äußeren Wortes nähmen wir das innere an, (und das sagt er,) um uns von dem hohepriesterlichen Amt Christi und von der Person des Mittlers auf Christi ewige Gottheit zu führen. Wir aber teilen Christus nicht, sondern wir bekennen, daß eben der, der uns in seinem Fleische mit dem Vater versöhnte und uns dadurch die Gerechtigkeit schenkte, auch das ewige Wort Gottes ist; zugleich aber bekennen wir, daß er das Amt des Mittlers nicht hätte erfüllen und uns die Gerechtigkeit nicht hätte erwerben können, wenn er nicht ewiger Gott wäre. Das Fündlein des Osiander besagt demgegenüber: da Christus Gott und Mensch ist, so ist er uns nicht im Hinblick auf seine menschliche Natur, sondern im Blick auf die göttliche zur Gerechtigkeit gemacht worden. Bezieht sich dies aber im eigentlichen Sinn auf Christi Gottheit, so kommt es ihm folgerichtig nicht in besonderer Weise (ausschließlich) zu, sondern er hat es mit dem Vater und dem Heiligen Geiste gemeinsam; denn der eine hat keine andere Gerechtigkeit als der andere. Zudem wäre es unangemessen, wenn wir sagten, er sei uns zugut zu etwas gemacht worden, was er doch von Natur seit aller Ewigkeit gewesen ist! Aber selbst wenn ich zugebe, Gott sei uns zur Gerechtigkeit gemacht worden – wie reimt sich dann der dazwischengesetzte Ausdruck, nämlich: er sei „von Gott gemacht …?“ (1. Kor. 1,30). Nein, wir haben es hier ganz gewiß mit einer besonderen Eigentümlichkeit der Mittlerperson zu tun; diese faßt gewiß die göttliche Natur in sich, wird aber hier mit einem eigenen Titel benannt, durch den sie sich vom Vater und vom Heiligen Geiste unterscheidet.

 

Es ist aber lächerlich, wie Osiander dabei triumphierend auf das eine Wort des Jeremia verweist, der uns verheißt, der Herr werde unsere Gerechtigkeit sein (Jer. 51,10). Es ergibt sich doch aus dieser Stelle nur dies, daß Christus, der unsere Gerechtigkeit ist, Gott ist, geoffenbaret im Fleisch (Anklang an 1. Tim. 3,16). Wir haben an anderer Stelle aus einer Rede des Paulus das Wort herangezogen, Gott habe sich die Gemeinde „durch sein eigen Blut erworben“ (Apg. 20, 28). Wenn nun einer daraus schließen wollte, das Blut, mit dem unsere Sünden getilgt wurden, sei göttliches Blut gewesen und göttlicher Natur – wer sollte einen solch abscheulichen Irrwahn ertragen? Trotzdem meint Osiander, mit solch kindischer Spitzfindigkeit alles erreicht zu haben, und nun ist er gewaltig stolz, jubiliert und stopft viele Seiten voll mit seinem Wortschwall! Und dabei ist die Lösung ganz einfach und leicht zu erlangen: es soll allerdings heißen, der Herr werde, wenn er zu Davids Sproß geworden sei, unsere Gerechtigkeit sein; aber Jesaja lehrt uns, in welchem Sinne das gemeint ist: „Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen“ (Jes. 53,11). Wir bemerken: hier redet der Vater; er teilt dem Sohne das Amt der Rechtfertigung zu; er fügt auch die Ursache bei: der Sohn ist gerecht -, und er gibt auch die Art und Weise oder, wie man sagt, das Mittel an, nämlich die Lehre, durch die Christus erkannt wird. Es ist nämlich angebrachter, den Ausdruck „daath“ passiv zu verstehen (also: die Erkenntnis, die man von ihm hat, nicht die er selber besitzt). Daraus ziehe ich nun die Folgerung, daß uns Christus zur Gerechtigkeit gemacht wurde, als er Knechtsgestalt annahm, zweitens, daß er uns rechtfertigte, sofern er dem Vater Gehorsam leistete, und daß er uns also solche Gerechtigkeit nicht nach seiner göttlichen Natur zuteil werden läßt, sondern auf Grund der Amtsaufgabe, die ihm aufgetragen war. Denn Gott ist zwar allein die Quelle der Gerechtigkeit, und wir sind nur durch Teilhaben an ihm gerecht; aber wir haben uns in unglückseligem Abfall von seiner Gerechtigkeit entfremdet, und deshalb müssen wir trotzdem auf das untergeordnete Heilmittel (inferior remedium) zurückgehen, daß uns Christus durch die Kraft seines Sterbens und Auferstehens rechtfertigt.

III,11,9

 

Er mag nun aber den Einwand erheben, dies Werk gehe in seiner Herrlichkeit über die Natur des Menschen hinaus, und deshalb könne es nur der göttlichen Natur zugeschrieben werden. Da gebe ich das erste zu, dagegen behaupte ich, daß er bei dem zweiten in törichte Wahnvorstellungen verfällt. Gewiß hätte Christus nämlich unsere Seelen nicht mit seinem Blut reinigen, gewiß hätte er den Vater nicht mit seinem Opfer versöhnen und uns von der Schuld losmachen können, auch das Priesteramt hätte er überhaupt nicht zu führen vermocht – wenn er nicht wahrer Gott gewesen wäre; denn das Vermögen des Fleisches vermag solche Last nicht zu tragen. Aber doch ist es sicher, daß er all dies nach seiner menschlichen Natur vollbracht hat! Fragt man, wie wir gerechtfertigt worden sind, so antwortet Paulus: Durch Christi Gehorsam! (Röm. 5,19). Leistete er aber solchen Gehorsam anders als durch Annahme der Knechtsgestalt? Daraus folgern wir, daß uns seine Gerechtigkeit im Fleische entgegentritt. Dementsprechend hat Paulus auch in anderen Worten die Quelle der Gerechtigkeit nirgendwo anders gesehen als im Fleische Christi – ich wundere mich nur sehr, wieso Osiander sich nicht schämt, eben diese Worte mehrmals anzuführen. „Er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit Gottes“ (2. Kor. 5,21; Schluß nicht Luthertext). Den Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ rühmt Osiander mit vollen Backen, und er erhebt schon seinen Siegesgesang, als ob er erwiesen hätte, daß es sich dabei um sein Hirngespinst, nämlich die „wesenhafte Gerechtigkeit“ handle! Und dabei lauten die Worte doch ganz anders, sie sagen uns, daß wir um der durch Christus geschehenen Versöhnung willen gerecht sind! Daß man unter der „Gerechtigkeit Gottes“ die „Gerechtigkeit“ verstehen muß, „die vor Gott gilt“ (wie es Luther übersetzt!) – das sollte selbst Anfängern bekannt sein. In der gleichen Weise wird doch bei Johannes die „Ehre bei Gott“ der „Ehre bei den Menschen“ gegen- übergestellt (Joh. 12,43). Ich weiß wohl, daß unter der Gerechtigkeit Gottes zuweilen auch die Gerechtigkeit verstanden wird, deren Geber er selber ist und mit der er uns beschenkt. Daß aber an dieser Stelle nichts anderes gemeint ist, als daß wir, auf das Sühnopfer des Todes Christi gegründet, vor Gottes Richterstuhl bestehen – das begreifen vernünftige Leser auch, wenn ich schweige.

 

Indessen ist an dem Ausdruck nicht viel gelegen; wenn doch Osiander nur darin mit uns einig wäre, daß wir in Christus gerechtfertigt werden, insofern er für uns zum Sühnopfer gemacht worden ist – was allerdings zu seiner göttlichen Natur durchaus nicht paßt! In diesem Sinne stellt uns auch Christus, wenn er uns die Gerechtigkeit und das Heil versiegeln will, die er uns hat zuteil werden lassen, in seinem Fleische ein sicheres Unterpfand dafür vor Augen. Er nennt sich zwar das „lebendige Brot“ (Joh. 6,51), aber er fügt doch zu näherer Erläuterung hinzu: „Mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank“ (Joh. 6,55). Diese Lehrweise wird bei den Sakramenten anschaulich: diese richten zwar unseren Glauben auf den ganzen, ungeteilten Christus, aber sie zeigen uns zugleich, daß die wesentliche Ursache unserer Gerechtigkeit und unseres Heils in seinem Fleische ruht. Nicht als ob ein bloßer Mensch aus sich selbst heraus rechtfertigte oder lebendig machte – sondern weil es Gott gefallen hat, das, was an und für sich verborgen und unbegreiflich war, in dem Mittler offenbar zu machen! Deshalb pflege ich zu sagen: Christus ist uns gewissermaßen eine offengelegte Quelle, aus der wir schöpfen können, was sonst ohne Frucht in jenem verborgenen, tiefen Brunnquell versteckt bliebe, der uns in der Person des Mittlers aufquillt! Auf diese Weise und in diesem Sinne leugne ich nicht, daß uns Christus als Gott und Mensch rechtfertigt, daß dieses Werk zugleich auch dem Vater und dem Heiligen Geiste mit zukommt, ja, daß überhaupt die Gerechtigkeit, deren uns Christus teilhaftig macht, des ewigen Gottes ewige Gerechtigkeit ist – Osiander muß nur den sicheren und klaren Beweisgründen Raum geben, die ich angeführt habe!

Institutio – Tag 177

III,11,3

 

Das läßt sich mit vielen klaren Schriftzeugnissen bestätigen. Zunächst läßt sich nicht abstreiten, daß die oben gegebene Erklärung des Wortes „Rechtfertigung“ den eigentlichen Sinn trifft und die gebräuchlichste ist. Es würde aber zu weit führen, hier all die einschlägigen Schriftstellen aufzuzählen und untereinander zu vergleichen; es mag daher genügen, wenn ich den Leser darauf aufmerksam gemacht habe; er wird dann ganz von selbst leicht die entsprechenden Beobachtungen machen. Ich will nur einige wenige Stellen anführen, in denen ausdrücklich von der Rechtfertigung, von der hier ja die Rede ist, gesprochen wird.

 

Wenn uns da zunächst Lukas berichtet, das Volk habe nach dem Anhören der Rede Christi „Gott gerechtfertigt“ (Luther: „recht gegeben“, Luk. 7,29), oder wenn uns Christus sagt, die Weisheit müsse „sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern“ (Luk. 7,35), so bedeutet das an der ersten Stelle nicht, daß der Mensch Gott Gerechtigkeit verschaffe; denn die bleibt unangetastet Gottes Eigentum, mag sich die ganze Welt auch mühen, sie ihm streitig zu machen; es bedeutet bei dem zweiten Wort auch nicht, daß der Mensch die Lehre des Heils erst gerecht mache – denn das ist sie ohnehin. Beide Worte bedeuten vielmehr das gleiche: Gott und seine Lehre bekommen das Lob zugemessen, das sie tatsächlich verdienen. Wenn Christus auf der anderen Seite den Pharisäern vorhält, sie rechtfertigten sich selbst (Luk. 16,15), so versteht er das nicht so, als ob sie wirklich mit rechtem Tun Gerechtigkeit erwürben, sondern er will sagen, sie maßten sich ehrgeizig den Ruf einer Gerechtigkeit an, die sie gar nicht besäßen! Was hier gemeint ist, kann der besser verstehen, der des Hebräischen kundig ist: da heißen nämlich nicht nur die Menschen „Übeltäter“, die sich einer Übeltat bewußt sind, sondern (alle) die, welche unter dem Verdammungsurteil stehen. Wenn z.B. Bathseba sagt: „Ich und mein Sohn Salomo müssen Sünder sein …“ (1. Kön. 1,21), so erkennt sie damit keine Übeltat an, sondern beklagt sich, daß sie mitsamt ihrem Sohne dem Vorwurf ausgesetzt und zu den Verworfenen und Verdammten gerechnet werden würde. Der Zusammenhang macht dabei aber leicht deutlich, daß dies Wort auch im Lateinischen ausschließlich ein über einen Menschen oder eine Sache ergehendes Urteil bedeutet, nicht aber irgendeine Eigenschaft dieser Sache selber bezeichnet.

 

Was aber unseren eigentlichen Gegenstand betrifft: Paulus schreibt: „Die Schrift aber hat es zuvor gesehen, daß Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht“ (Gal. 3, 8); das kann man aber nur so verstehen, daß Gott Gerechtigkeit aus dem Glauben zurechnet. Ähnlich sagt er Röm. 3,26, Gott mache den Gottlosen gerecht, „der da ist des Glaubens an Jesum“; da kann der Sinn nur der sein, daß Gott den Sünder durch das Gnadengeschenk des Glaubens von der Verdammnis freimacht, die er mit seiner Gottlosigkeit verdient hatte. Noch deutlicher zeigt das jenes Schlußwort, wo Paulus ausruft: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher … vertritt uns!“ (Röm. 8,33f.). Das bedeutet doch das gleiche, als wenn er sagte: Wer will die verklagen, die Gott losgesprochen hat? Wer will die verdammen, die Christus mit seinem Schutz verteidigt? Rechtfertigen bedeutet also nichts anderes, als einen Men-

schen, der unter Anklage stand, gleichsam auf Grund erwiesener Unschuld von der Schuld loszusprechen. Wenn uns nun Gott auf Grund des Eintretens Christi für uns rechtfertigt, so spricht er uns nicht in Anerkennung unserer eigenen Unschuld los, sondern durch Zurechnung der Gerechtigkeit: wir werden also in Christus für gerecht gehalten, obwohl wir es in uns nicht sind. So hören wir es auch Apostelgeschichte 13 in der Rede des Paulus: „… daß euch verkündigt wird Vergebung der Sünden durch diesen und von allem, wovon ihr nicht konntet im Gesetz Mose’s gerecht werden. Wer aber an diesen glaubt, der ist gerecht“ (Apg. 13,38). Hier sieht man, daß im Anschluß an die Vergebung der Sünden die Rechtfertigung gewissermaßen als Erläuterung zugesetzt wird. Man sieht auch deutlich, daß Rechtfertigung klar den Sinn von Freisprechung hat, daß sie den Werken des Gesetzes abgesprochen wird und daß sie eine reine Gnadengabe Christi ist; man gewahrt auch, daß sie durch den Glauben ergriffen wird, und man sieht schließlich, daß da als Bedingung die Genugtuung vorausgesetzt ist: Paulus sagt, wir würden durch Christus von unseren Sünden gerechtfertigt. Wenn so (z.B.) von dem Zöllner gesagt wird: „Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus …“ (Luk. 18,14) – dann können wir doch nicht behaupten, er habe die Gerechtigkeit durch irgendein Verdienst der Werke errungen! Es heißt also: Er hat Vergebung der Sünden erlangt und ist daraufhin vor Gott für gerecht gehalten worden! Er ist also nicht durch Anerkennung seiner Werke, sondern durch den gnädigen Freispruch Gottes gerecht geworden. Es ist deshalb sehr fein, wenn Ambrosius das Bekenntnis der Sünden die rechte Rechtfertigung nennt! (Auslegung des 118. Psalms,10).

 

 

 

III,11,4

 

Nun wollen wir aber den Streit um das Wort „Rechtfertigung“ fahren lassen und die Sache selber betrachten. Schauen wir sie aber an, so wie sie uns beschrieben wird, so wird kein Zweifel mehr bleiben. Paulus sagt Epheser 1, Vers 5 (und 6). „Und er hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesum Christum, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht …“ (Eph. 1,5f.). „Angenehm gemacht“ ist gleichbedeutend mit „angenommen“. Paulus bezeichnet hier also ganz sicher die Rechtfertigung als „Annahme“. Er will nämlich hier eben das gleiche sagen, wie er es sonst gewöhnlich ausdrückt: Gott rechtfertigt uns aus lauter Gnaden (Röm. 3,24). Im vierten Kapitel des Römerbriefs aber nennt er die Rechtfertigung zunächst „Zurechnung der Gerechtigkeit“ (Röm. 4,6), und dann schließt er sie ohne Bedenken mit der Vergebung der Sünden zusammen. Er sagt: „Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott (zugute hält oder) zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: ‘Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind …’” (Röm. 4,6f.; die Klammer ist erläuternder Zusatz Calvins). Hier ist doch ganz sicher nicht von einem Teil der Rechtfertigung die Rede, sondern vom Ganzen! Paulus bezeugt dabei, daß David eine Beschreibung der Rechtfertigung gegeben hat, wenn er die selig preist, denen ihre Sünden aus Gnaden vergeben werden! Daraus wird deutlich, daß diese Gerechtigkeit, von der er redet, einfach das Gegenteil von Schuldzustand bedeutet! In dieser Beziehung ist die klarste Stelle die, wo Paulus die Botschaft des Evangeliums darin zusammenfaßt: „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ Denn Gott will uns nach diesem Wort durch Christus in Gnaden annehmen, indem er uns unsere Sünden nicht zurechnet (2. Kor. 5,18ff.). Der Leser muß da den ganzen Zusammenhang gründlich erwägen: Paulus macht gleich nachher den erläuternden Zusatz: „Denn er hat Christus, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht“ (2. Kor. 5,21, nicht ganz Luthertext); damit will er zeigen, auf welche Weise unsere Versöhnung zustande gekommen ist; der Ausdruck „Versöhnen“

bedeutet also zweifellos nichts anderes als „Rechtfertigen“. Auch der Satz, den uns Paulus an anderer Stelle ausspricht, nämlich daß wir durch Christi Gehorsam gerecht werden (Röm. 5,19), würde gewiß keinen Bestand haben, wenn wir nicht in ihm und außer uns selber vor Gott für gerecht erklärt würden!

 

 

 

III,11,5

 

Nun hat aber Osiander wer weiß was für ein Ungeheuer von „wesenhafter Gerechtigkeit“ (essentialis iustitia) aufgebracht. Er hatte gewiß nicht im Sinn, die Gerechtigkeit aus Gnaden abzutun; aber er hat sie dermaßen mit Finsternis umhüllt, daß er fromme Gemüter damit in Dunkelheit versetzt und sie des ernstlichen Empfindens der Gnade Christi verlustig gehen läßt. Ich muß also, bevor ich zu anderen Fragen übergehe, dieses Wahngebilde widerlegen.

 

Zunächst: diese Spekulation ist lauter unnützer Vorwitz. Osiander häuft zwar viele Schriftzeugnisse auf, um zu beweisen, daß Christus mit uns eins wird und wir mit ihm – was doch keines Beweises bedarf! -; aber er achtet nicht auf das Band dieser Einheit und deshalb verstrickt er sich selber. Es ist uns aber leicht, alle seine Knoten aufzulösen, da wir daran festhalten, daß unsere Einung mit Christus durch die verborgene Kraft seines Geistes erfolgt.

 

Dieser Mann hat einen Gedanken gefaßt, der den Lehren der Manichäer verwandt ist: er will nämlich Gottes Wesen in den Menschen übergehen lassen. Daraus ist ihm dann noch ein zweites Hirngespinst entsprungen: Daß Adam zum Bilde Gottes gestaltet worden ist, soll seinen Grund darin haben, daß Christus bereits vor dem Fall zum Urbild der menschlichen Natur bestimmt war. Ich will mich aber kurz fassen und deshalb bei der hier vorliegenden Frage bleiben.

 

Osiander behauptet, wir seien mit Christus eins. Das geben wir zu; dagegen bestreiten wir, daß Christi Wesen mit dem unseren vermischt werde. Weiterhin stellen wir aber fest, daß jener Ausgangspunkt (nämlich das Einssein Christi mit uns!) dann verkehrterweise so gedreht wird, daß Osiander folgendes Blendwerk herausbekommt: Christus ist unsere Gerechtigkeit, weil er ewiger Gott, weil er die Quelle der Gerechtigkeit, ja, weil er Gottes Gerechtigkeit selber ist. Nun muß der Leser verzeihen, wenn ich hier solche Dinge, die nach den Erfordernissen rechter Unterweisung auf später verschoben werden müssen, bloß berühre. Osiander entschuldigt sich freilich, er habe mit dem Ausdruck „wesenhafte Gerechtigkeit“ bloß im Sinn, dem Satz entgegenzutreten, wir würden um Christi willen (propter Christum) als gerecht angesehen. Aber er erklärt doch ganz deutlich, daß er mit der Gerechtigkeit, die uns aus Christi Gehorsam und Todesopfer zugekommen ist, nicht zufrieden ist und deshalb vorgibt, wir wären wesensmäßig in Gott gerecht, und zwar durch Eingießung seines Wesens und seiner Eigenart. Das ist nämlich der Grund, weshalb er so scharf behauptet, in uns wohne nicht allein Christus, sondern auch der Vater und der Heilige Geist! Ich gebe zwar zu, daß dies stimmt, aber ich behaupte, daß er es unsinnig verdreht. Er hätte nämlich besser überlegen sollen, in welcher Weise solche „Einwohnung“ stattfindet! Vater und Geist sind doch in Christus, und wie in ihm „wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol. 2,9), so besitzen wir in ihm Gott ganz! Was er also vom Vater und vom Heiligen Geist für sich allein vorbringt, führt nur zu dem Ziel, schlichte Leute von Christus abzuziehen.

 

Dann behauptet er eine wesensmäßige Vermischung: danach ergießt sich Gott in uns hinein und macht uns gewissermaßen zu einem Stück von ihm selber. Die Tatsache nämlich, daß es durch die Kraft des Heiligen Geistes zu solchem Zusammenwachsen mit Christus kommt, daß er dadurch unser Haupt wird und wir seine Glieder werden – die gilt ihm schier gar nichts, wenn sich nicht sein Wesen mit uns vermischt! Aber, wie gesagt, kommt seine eigentliche Meinung noch besser zum Vorschein, wenn er vom Vater und vom Heiligen Geiste redet: wir werden danach nicht einzig und allein durch die Gnade des Mittlers gerechtfertigt,

auch wird uns die Gerechtigkeit nicht schlicht und vollkommen in seiner Person dargeboten, sondern wir werden der göttlichen Gerechtigkeit teilhaftig, wenn sich Gott wesenhaft mit uns eint.

Institutio – Tag 176

III, 10,5

Die zweite Regel heißt (vgl. Sektion 4, Seite 469, Zeile 1): wenn einer in engen und kargen Verhältnissen lebt, so soll er geduldig zu entbehren wissen, um sich nicht in maßloser Begierde nach dem, was ihm fehlt, zu beunruhigen. Wer sich an diese Regel hält, der ist in der Schule des Herrn nicht wenig vorangekommen. Wer andererseits in diesem Stück nicht wenigstens einige Fortschritte gemacht hat, der wird sich schwerlich als Jünger Christi erweisen können. Denn zunächst gesellen sich zum Trachten nach irdischen Dingen vielerlei andere Laster. Und dann wird ja auch der, welcher den Mangel ohne Geduld trägt, beim Überfluß in der Regel das gegenteilige Gebrechen an den Tag legen. Das verstehe ich so: wenn einer sich in geringer Kleidung schämt, dann wird er sich in köstlichem Gewände brüsten; ist einer mit einfachem Mahl nicht zufrieden und läßt er sich von der Begierde nach einem vornehmeren beunruhigen, so wird er auch die Genüsse maßlos mißbrauchen, wenn sie ihm einmal zufallen; wenn jemand eine vor der Öffentlichkeit verborgene und niedrige Stellung einnimmt und das nur schwer und unruhigen Herzens erträgt, so wird er sich, sofern er einmal zu Ehren kommt, schwerlich von aufgeblasenem Stolz zurückhalten. Darum soll jeder, der ohne Heuchelei nach Frömmigkeit trachtet, danach streben, daß er lerne, was der Apostel uns an seinem eigenen Beispiel zeigt: „Ich bin … geschickt, beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden“ (Phil. 4,12).

 

Außerdem hat die Schrift noch eine dritte Regel, um uns für den Gebrauch der irdischen Dinge das rechte Maß zu geben. Von ihr haben wir schon einiges gesagt, als von den Geboten der Liebe die Rede war. Wir stellten da nämlich fest: all diese irdischen Dinge sind uns dergestalt aus Gottes Freundlichkeit geschenkt und in Nutzung gegeben, daß sie gewissermaßen anvertrautes Gut darstellen, über welches wir einst Rechenschaft ablegen müssen. So sollen wir dies Gut also austeilen und uns dabei stets das Wort in den Ohren klingen lassen: „Tu Rechnung von deinem Haushalten!“ (Luk. 16,2). Zugleich sollen wir auch bedenken, wer das eigentlich ist, der auf diese Weise Rechenschaft von uns fordert: es ist doch der, der uns Enthaltsamkeit, Nüchternheit, Besonnenheit und Mäßigkeit so sehr anempfohlen hat und demgemäß Ausschweifung, Hoffart, Prahlerei und Eitelkeit verflucht. Er billigt keine andere Austeilung unserer Güter als die, bei der auch die Liebe waltet. Er hat alle Vergnügungen, die das Menschenherz von der Keuschheit und Reinheit wegführen oder unseren Sinn mit Finsternis umhüllen, bereits jetzt mit eigenem Munde verdammt.

III,10,6

 

Zum Schluß ist noch wichtig zu bemerken, daß der Herr jedem einzelnen von uns befiehlt, bei allem Tun und Lassen auf seinen Beruf zu achten. Denn er wußte ja, wieviel brennende Unrast den Menschengeist erfüllt, wieviel unstete Leichtfertigkeit ihn hin- und hertreibt und wie gierig sein Ehrgeiz ist, die verschiedensten Dinge zugleich an sich zu nehmen! Er hat also, damit nicht durch unsere Torheit und Ver-messenheit alle Dinge im Himmel und auf Erden durcheinandergeworfen würden, die verschiedenen Lebensgestalten (vitae genera) eingesetzt und jeder ihre besonderen Pflichten zugeordnet. Und damit keiner unbedacht seine Grenzen überschreite, hat er diese Lebensgestalten Berufe genannt. Für jeden einzelnen von uns ist also unsere Lebensgestalt gewissermaßen ein Wachtposten, den uns der Herr zugewiesen hat, damit wir nicht unser Leben lang umgetrieben werden. Diese Unterscheidung (der Berufe) ist von sehr großer Bedeutung; ja, nach ihr richtet sich die Beurteilung all unseres Handelns vor Gott; und zwar oft wesentlich anders, als unsere Menschenoder Philosophenvernunft urteilen würde. So gilt es z.B. auch bei den Philosophen als die herrlichste aller Taten, wenn einer sein Vaterland von der Tyrannis befreit. Das Wort des himmlischen Richters dagegen spricht gegen den, der als Privatmann die Hand gegen einen Tyrannen erhoben hat, ein klares Verdammungsurteil.

 

Ich will mich aber nicht mit der Aufzählung von Beispielen aufhalten. Die Hauptsache ist, wenn wir wissen, daß die Berufung des Herrn der Ausgangspunkt und die Grundlage für alles rechte Handeln ist; wer sich danach nicht richtet, der wird in (der Stellung zu) seinen Pflichten nie und nimmer den rechten Weg innehalten! Ein solcher Mensch mag wohl zuweilen etwas vollbringen, das dem Anschein nach löblich ist; aber wie es auch vor Menschenaugen aussehen mag: vor Gottes Thron wird es verworfen werden. Zudem wird (bei einem solchen Menschen) auch in den einzelnen Lebensgebieten selber keinerlei Gleichmaß herrschen. Darum wird unser Leben am richtigsten gestaltet werden, wenn wir es nach diesem Gesichtspunkt richten. Denn dann wird sich keiner von seiner eigenen Vermessenheit dazu treiben lassen, mehr zu unternehmen, als es sein Beruf mit sich bringt; dann wird er eben wissen, daß es uns verwehrt ist, unsere Grenzen zu überspringen. Wer ein unbeamteter Mann ist, der wird sein ohne öffentliche Aufgaben dahingehendes („privates“) Leben ohne Verdrießlichkeit führen, damit er nicht den Platz verläßt, an den ihn Gott gestellt hat. Auf der anderen Seite wird es uns in Sorgen, Mühen und Schwierigkeiten und anderen Lasten keine geringe Erleichterung bereiten, wenn jeder Einzelne weiß, daß Gott in all diesen Dingen sein Führer ist. Ist er obrigkeitliche Person, so wird er dann williger sein Amtswerk ausüben, ist er Familienvater, so wird er seine Pflicht fleißig tun – und es wird jeder in seiner Lebensgestalt Unannehmlichkeit, Sorgen, Verdruß und Ängste tragen und herunterschlucken, wenn er gewiß sein darf, daß jedem seine Last von Gott auferlegt ist. Daraus entspringt dann auch ein herrlicher Trost: denn wenn wir nur unserem Beruf gehorchen, so wird kein Werk so unansehnlich und gering sein, daß es nicht vor Gott leuchtet und für sehr köstlich gehalten wird!

 

Elftes Kapitel: Von der Rechtfertigung durch den Glauben. Was bedeutet der Ausdruck und um was handelt es sich in der Sache?

 

 

 

III,11,1

 

Ich glaube oben bereits eingehend genug auseinandergesetzt zu haben, wie für die Menschen, die vom Gesetz verflucht sind, nur ein einziges Mittel besteht, das Heil wiederzuerlangen, nämlich der Glaube. Desgleichen hoffe ich genügend gezeigt zu haben, was dieser Glaube selbst ist, welche Wohltaten Gottes er dem Menschen zuteil werden läßt und welche Früchte er in ihm wirkt. Die Hauptsache war dies: Christus ist uns durch Gottes Freundlichkeit gegeben; im Glauben erfassen und besitzen wir ihn. Durch die Gemeinschaft mit ihm empfangen wir vornehmlich eine doppelte Gnade: einerseits werden wir durch seine Unschuld mit Gott versöhnt, so daß er jetzt nicht mehr unser Richter ist, sondern wir an ihm unseren gnädigen Vater im Himmel haben, und andererseits werden wir durch seinen Geist geheiligt und trachten nun nach Unschuld und Reinheit des Lebens. Von dieser Wiedergeburt, welche die zweite Gnade darstellt, ist nun schon die Rede gewesen, soweit es mir zureichend erschien. Um was es sich bei der Rechtfertigung handelt, das wurde deshalb kürzer berührt, weil die Sache es erforderte, daß wir uns zunächst zweierlei deutlich machten: einerseits ist der Glaube, durch den allein wir die Gerechtigkeit aus Gnaden durch Gottes Barmherzigkeit erlangen, durchaus nicht etwa müßig, ohne alle guten Werke, und andererseits müssen wir auch wissen, wie denn diese guten Werke der Heiligen beschaffen sind, um die sich ja ein Teil dieser ganzen Frage dreht. Jetzt müssen wir diese Frage (nämlich die nach der Rechtfertigung) gründlich durchdenken, und dabei ist stets fest im Auge zu behalten, daß sie den hauptsächlichen Pfeiler darstellt, auf dem unsere Gottesverehrung ruht – Grund genug, hier die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt walten zu lassen! Weißt du nicht vor allen Dingen, wie es bei Gott um dich steht und was er für ein Urteil über dich spricht, so gibt es keinen Grund, auf dem dein Heil ruhen könnte und deshalb auch kein Fundament, auf dem du die Frömmigkeit gegen Gott aufrichten könntest! Wie notwendig es ist, hier Erkenntnis zu erwerben, das wird uns noch deutlicher werden, wenn wir uns dieser nun selbst zuwenden.

 

 

 

III,11,2

 

Wir müssen uns aber hüten, nicht gleich beim ersten Anfang zu straucheln – und das müßte geschehen, wenn wir in die Auseinandersetzung einträten, ohne zu wissen, um was es sich überhaupt handelt! Deshalb wollen wir zunächst untersuchen, was eigentlich gemeint ist, wenn es heißt: „Der Mensch wird vor Gott gerechtfertigt“ oder „er wird durch den Glauben“ oder „durch die Werke“ „gerechtfertigt“. Wenn von einem Menschen gesagt werden kann: „Er wird vor Gott gerechtfertigt“, so bedeutet das: er wird vor Gottes Gericht als gerecht angesehen und ist um seiner Gerechtigkeit willen Gott angenehm. Denn die Ungerechtigkeit ist Gott zuwider, und deshalb kann der Sünder vor seinen Augen keine Gnade finden, sofern er Sünder ist und als solcher angesehen wird. Wo also Sünde ist, da tritt auch Gottes Zorn und Strafvergeltung hervor. Gerechtfertigt wird aber der, der nicht als Sünder, sondern als Gerechter gilt; in dieser Eigenschaft kann er vor Gottes Gericht, vor dem alle Sünder zusammenbrechen müssen, bestehen. Wird ein unschuldiger Mann als Angeklagter vor einen gerechten Richter geführt und geschieht dort der Urteilsspruch seiner Unschuld entsprechend, so heißt es von ihm: er ist vor dem Richter gerechtfertigt worden. Genau so wird der vor Gott grechtfertigt, der aus der Schar der Sünder herausgenommen wird und in Gott den Zeugen und Verteidiger seiner Gerechtigkeit findet. Wenn es also von einem Menschen heißen soll, er sei durch seine Werke gerechtfertigt, so kann das nur dann der Fall sein, wenn sich in seinem Leben eine solche Reinheit und Heiligkeit findet, die vor Gottes Thron das Zeugnis

verdient, gerecht zu sein, oder wenn er durch die tadellose Sauberkeit seiner Werke Gottes Urteil entsprechen und Genüge leisten kann. Durch den Glauben dagegen wird der gerechtfertigt, der, von der Werkgerechtigkeit ausgeschlossen, Christi Gerechtigkeit durch den Glauben ergreift; ist er mit dieser Gerechtigkeit Christi umkleidet, so erscheint er vor Gottes Blick nicht als Sünder, sondern gleich als gerecht. Unter „Rechtfertigung“ verstehe ich also schlicht die Annahme, mit der uns Gott in Gnaden aufnimmt und als gerecht gelten läßt. Ich sage nun weiter: sie beruht auf der Vergebung der Sünden und der Zurechnung der Gerechtigkeit Christi.

Institutio – Tag 175

III,9,6

 

Es ist doch wirklich so: das ganze Volk der Gläubigen gleicht, solange es auf dieser Erde wohnt, notwendig den Schafen, die zur Schlachtbank geführt werden; denn es muß Christus, seinem Haupte, gleichgestaltet werden (Röm. 8,36). Die Gläubigen wären also die trostlosesten unter allen Menschen, wenn sie ihr Herz nicht zum Himmel erhöben und dadurch all das, was in dieser Welt ist, überwänden und die gegenwärtige Gestalt der Dinge hinter sich ließen (1. Kor. 15,19). Aber wenn sie einmal ihr Haupt über alles Irdische erhoben haben, dann sehen sie wohl, wie die Gottlosen in blühendem Reichtum und in Ehren leben, sie nehmen es wahr, wie sie ungestörten Frieden genießen, wie sie in allerlei Pracht und Überfluß stolz dahergehen und alle Vergnügungen im Überfluß haben – sie werden auch durch die Bosheit der Gottlosen bedrückt, müssen von ihrem Stolz Verachtung leiden, werden von ihrer Habgier ausgeplündert und von anderlei Willkür geplagt – aber dennoch werden sie auch in solchen Übeln leichtlich standhalten. Denn vor ihren Augen steht der Tag, an dem der Herr seine Gläubigen in die Ruhe seines Reiches aufnimmt, an dem er „alle Tränen abwischen wird von ihren Augen“, an dem er sie mit dem Kleid der Herrlichkeit und der Freude antut, sie mit der unaussprechlichen Süßigkeit seiner Freuden weidet, an dem er sie zur Gemeinschaft an seiner erhabenen Herrlichkeit erhebt und sie endlich des Teilhabens an seiner Seligkeit würdigt! (Jes. 25, 8; Off. 7,17). Jene Gottlosen aber, die auf Erden in hoher Blüte standen, wird er in die äußerste Schmach verstoßen, er wird ihre Vergnügungen in Pein, ihr Lachen, ihre Freude in Heulen und Zähneklappern verwandeln, ihren Frieden wird er durch die bittere Qual des Gewissens stören und ihre Weichheit mit unverlöschlichem Feuer strafen, die Gottesfürchtigen aber, deren Geduld sie mißbraucht haben, wird er über ihre Häupter setzen! Nach dem Zeugnis des Paulus besteht nämlich die Gerechtigkeit darin, daß Gott den Elenden und zu Unrecht Geplagten „Ruhe gibt“, den Gottlosen aber, die den Frommen „Trübsal antun“, Trübsal „vergelten wird“, „wenn nun der Herr Jesus wird offenbart werden vom Himmel …“ (2. Thess. 1,6f.). Das ist wahrlich unser einziger Trost; würde der uns genommen, so müßten wir entweder völlig verzweifeln oder uns aber zu unserem Verderben von den eitlen Trostgründen der Welt beschwichtigen lassen! Auch der Prophet bekennt ja, daß er beinahe gestrauchelt wäre mit seinen Füßen, als er sich bei der Betrachtung des gegenwärtigen Wohlergehens der Gottlosen zu lange aufgehalten hatte; er bekennt, daß er sich nur dadurch wieder hat aufrichten können, daß er in das Heiligtum des Herrn hineinging und seine Augen auf das letzte Ende richtete, das Frommen und Gottlosen bevorsteht (Ps. 73,2. 17). Um zu einem kurzen Schluß zu kommen: Erst dann triumphiert im Herzen der Gläubigen das Kreuz Christi über Teufel und Fleisch, über die Sünde und die Gottlosen, wenn ihre Augen sich auf die Kraft der Auferstehung richten!

 

Zehntes Kapitel: Wie wir das gegenwärtige Leben und seine Mittel gebrauchen sollen

 

 

 

III,10,1

 

Mit solchen Grundlinien gibt uns die Schrift zugleich die rechte Unterweisung darüber, welches der rechte Gebrauch der irdischen Güter sei. Es handelt sich dabei um eine Frage, die wir bei der Gestaltung unseres Lebens durchaus nicht beiseitelassen dürfen. Denn wenn wir leben sollen, so müssen wir auch die zum Leben erforderlichen Mittel benutzen. Wir können auch dem nicht aus dem Wege gehen, was mehr dem Genuß als der Notdurft zu dienen scheint. Wir müssen also Maß halten, um jene Mittel mit reinem Gewissen zur Notdurft oder auch zum Genuß zu verwenden. Dieses Maß schreibt uns der Herr in seinem Wort vor: er lehrt uns, daß dieses gegenwärtige Leben für die Seinen gewissermaßen eine Wanderschaft ist, auf der sie zum Himmelreich streben. Wenn wir die Erde also bloß durchwandern sollen, so müssen wir ihre Güter ohne Zweifel dazu verwenden, daß sie unseren Lauf fördern, statt ihn zu hemmen. So gibt Paulus den keineswegs unsachgemäßen Rat, diese Welt zu gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht, und den Besitz in der gleichen Gesinnung zu kaufen, wie man ihn verkauft (1. Kor. 7,30f.).

 

Wir befinden uns aber hier auf schlüpfrigem Boden, und man kann nach beiden Seiten sehr leicht abstürzen, deshalb wollen wir uns befleißigen, festen Fußes dahin zu treten, wo man sicher stehen kann. Es hat nämlich einige sonst gute und heilige Männer gegeben, die sahen, daß Maßlosigkeit und Ausschweifung immerzu in zügelloser Gier über jedes Maß hinausgehen, wenn man sie nicht streng in Zucht hält – und deshalb suchten sie einem derart verderblichen Übel abzuhelfen; dabei aber kam ihnen nur ein einziges Mittel in den Sinn: sie verstatteten dem Menschen den Gebrauch der leiblichen Güter nur insoweit, als dies zur Notdurft erforderlich war. Das ist nun gewiß ein frommer Rat; aber seine Urheber waren doch bei weitem zu streng. Denn sie taten etwas höchst Gefährliches: sie legten dem Gewissen schärfere Fesseln an, als die, mit denen sie des Herrn Wort bindet. Unter „Notdurft“ verstehen sie nun weiter, der Mensch solle sich alles dessen enthalten, was er entbehren kann; nach ihrer Meinung kann man also außer Brot und Wasser kaum etwas genießen. Andere waren noch strenger: so berichtet man von einem Thebaner namens Krates, der alle seine Reichtümer ins Meer warf, weil er meinte, wenn sein Besitz nicht zugrundeginge, so würde er von ihm zugrundegerichtet.

 

Heutzutage gibt es aber viele Leute, die einen Vorwand suchen, um die Schwelgerei des Fleisches im Gebrauch der äußeren Dinge zu entschuldigen, und die dabei seiner Ausgelassenheit einen Weg bahnen wollen; diese nehmen nun – was ich ihnen in keiner Weise zugebe! – als ausgemacht an, diese Freiheit dürfe durch keinerlei gesetztes Maß begrenzt werden, sondern man müsse es dem Gewissen des Einzelnen überlassen, daß er an sich nehme, soviel er für erlaubt halte. Ich gestehe zwar, daß man hier die Gewissen nicht mit feststehenden, genauen Gesetzesformeln binden soll und kann; aber da die Schrift für den rechten Gebrauch (der irdischen Güter) allgemeine Regeln gibt, so sollen wir ihn doch gewiß nach diesen Regeln bemessen.

 

 

 

III,10,2

 

Der Hauptgrundsatz soll dabei folgender sein: der Gebrauch der Gaben Gottes geht nicht vom rechten Wege ab, wenn er sich auf den Zweck ausrichtet, zu dem uns der Geber selbst diese Gaben erschaffen und bestimmt hat. Er hat sie nämlich zu unserem Besten erschaffen und nicht zu unserem Verderben. Deshalb wird keiner den rechten Weg besser innehalten als der, welcher diesen Zweck fleißig im Auge behält. Wenn wir nun also bedenken, zu welchem Zweck er die Nahrungsmittel geschaffen hat, so werden wir finden, daß er damit nicht bloß für unsere Notdurft sorgen wollte, sondern auch für unser Ergötzen und unsere Freude! So hatte er bei unseren Kleidern außer der Notdurft auch anmutiges Aussehen und Anständigkeit

als Zweck im Auge. Kräuter, Bäume und Früchte sollen uns nicht nur mancherlei Nutzen bringen, sondern sie sollen auch freundlich anzusehen sein und seinen Wohlgeruch haben. Wäre das nicht wahr, so könnte es der Prophet nicht zu den Wohltaten Gottes rechnen, daß „der Wein des Menschen Herz erfreut“ und daß „seine Gestalt schön werde vom Öl“ (Ps. 104,15). Dann könnte uns die Schrift auch nicht immer wieder zum Lobpreis seiner Güte daran erinnern, daß er selbst solches alles den Menschen gegeben hat! Auch die natürlichen Gaben der Dinge selbst zeigen uns ausreichend, wozu und wieweit man sie genießen darf. Hat doch der Herr die Blumen mit solcher Lieblichkeit geziert, daß sie sich unseren Augen ganz von selber aufdrängt, hat er ihnen doch so süßen Duft verliehen, daß unser Geruchssinn davon erfaßt wird – wie sollte es dann ein Verbrechen sein, wenn solche Schönheit unser Auge, solcher liebliche Duft unsere Nase berührte? Wie, hat er denn nicht die Farben so unterschieden, daß die eine anmutiger ist als die andere? Wie, hat er nicht Gold und Silber, Elfenbein und Marmorstein solche Schönheit geschenkt, daß sie dadurch vor anderen Metallen und Steinen kostbar werden? Hat er nicht überhaupt viele Dinge über den notwendigen Gebrauch hinaus kostbar für uns gemacht?

 

 

 

III,10,3

 

Deshalb fort mit jener unmenschlichen Philosophie, die uns die Kreaturen nur zur Notdurft will brauchen lassen und uns damit einer erlaubten Frucht der göttlichen Wohltätigkeit beraubt, auch nur da zur Geltung kommen kann, wo sie einem Menschen alle Sinne weggenommen und ihn zum Klotz gemacht hat!

 

Aber nicht weniger fleißig müssen wir auf der anderen Seite der Begierde des Fleisches begegnen; wenn man die nicht in die Ordnung zwingt, dann geht sie ohne Maß über die Ufer, und sie hat, wie gesagt, ihre Fürsprecher, die ihr unter dem Vorwande der uns zugestandenen Freiheit alles und jedes erlauben. Ihr legt man nun zunächst dadurch einen Zügel an, daß man festhält: es ist alles dazu für uns erschaffen, daß wir den Geber erkennen und ihm für seine Güte gegen uns Dank sagen. Wo bleibt aber solche Danksagung, wenn man sich an Speisen und Wein derart maßlos übernimmt, daß man stumpf oder zur Erfüllung der Pflichten der Frömmigkeit oder seines Berufs untüchtig wird? Wo bleibt die Erkenntnis Gottes, wenn das Fleisch vor lauter Überfluß zu schändlicher Gier ausschweift, wenn es mit seiner Unreinigkeit das Herz ansteckt, so daß man nicht mehr sehen kann, was gut und ehrbar ist? Was die Kleider angeht – wo bleibt da die Dankbarkeit gegen Gott, wenn wir sie überreich zieren und uns dann selbst in ihnen bewundern und andere geringschätzen, oder wenn wir uns durch ihren Glanz, ihre Pracht zur Unkeuschheit verleiten lassen? Wo bleibt die Erkenntnis Gottes, wenn unser Herz an die Großartigkeit unserer Kleider gefesselt ist? Viele Leute geben ja alle ihre Sinne dem Genuß dermaßen hin, daß ihr Herz davon erdrückt zu Boden liegt. Viele haben an Marmor oder Gold oder Gemälden solches Vergnügen, daß sie gleichsam selber zu Marmor werden, sich gewissermaßen in Metall verwandeln oder den gemalten Bildern ähnlich werden! Andere werden vom Duft der Küche und von der Süße der Wohlgerüche dermaßen abgestumpft, daß sie nichts Geistliches mehr zu riechen vermögen! Das Gleiche kann man auch in bezug auf andere irdische Güter beobachten. Deshalb wird offenbar schon durch die hier gegebene Erwägung die Freiheit, Gottes Gaben zu mißbrauchen, einigermaßen im Zaum gehalten, und es bestätigt sich hier die Regel des Paulus, wir sollten für unser Fleisch nicht etwa so sorgen, daß es dabei seinen Lüsten leben könnte (Röm. 13,14); denn wenn man den Lüsten zuviel nachgibt, dann treiben sie ihre Ausschweifung ohne Maß und Beherrschung!

 

 

 

III,10,4

 

Den sichersten und gebahntesten Weg aber finden wir, wenn wir das gegenwärtige Leben verachten und nach der himmlischen Unsterblichkeit unser Trachten richten. Daraus ergeben sich nämlich zwei Regeln. Die erste finden wir in der Anweisung des Paulus: „Die diese Welt gebrauchen, sollen gesinnt sein, als ob sie sie nicht gebrauchten … die da Weiber haben, als hätten sie keine, die da kaufen, als kauften sie nicht …“ (1. Kor. 7,29-31; nicht Luthertext und nicht in der gegebenen

Reihenfolge). Die zweite Regel heißt: sie sollen den Mangel mit Friedsamkeit und Geduld und gleicherweise den Überfluß mit Mäßigung zu tragen wissen. Wenn Paulus uns die Weisung erteilt, diese Welt zu gebrauchen, als gebrauchten wir sie nicht, dann tilgt er damit nicht nur alle unmäßige Schlemmerei in Essen und Trinken, nicht nur alle gar zu große Weichlichkeit, alle Ehrsucht, alle Hoffart und Aufgeblasenheit und allen Eigensinn in unserer Nahrung, in Häusern und Kleidern – nein, überhaupt jede Sorge und Sucht, die uns vom Denken an das himmlische Leben und vom Eifer um die Durchbildung unserer Seele abführt oder uns darin hemmt! Es ist aber recht, was einst Cato gesagt hat: wer sich groß um seine äußere Zier mühe, der mühe sich eben sehr wenig um die Tugend. Und ein altes Sprichwort sagt ähnlich: Wer sich viel mit der Sorgfalt um seinen Leib befaßt, der kümmert sich gewöhnlich um seine Seele nicht!

 

So darf man also gewiß die Freiheit der Gläubigen in solchen äußerlichen Dingen nicht an bestimmte Formeln binden; aber einem Gesetz ist sie doch unterworfen, und das heißt: sie sollen sich möglichst wenig selber zugeben, dagegen in beständiger Anspannung ihres Herzens darauf bedacht sein, allen Aufwand an überflüssigem Reichtum zu meiden und vollends die Ausschweifung zu dämpfen. Sie sollen sich fleißig hüten, sich nicht aus Hilfen Hemmnisse zu bereiten!

Institutio – Tag 174

III,9,3

 

So sollen sich die Gläubigen an die Verachtung des gegenwärtigen Lebens gewöhnen, aber doch so, daß daran weder ein Haß gegen dies Leben entsteht, noch auch Undankbarkeit gegen Gott. Denn mag auch dies Leben mit unendlichem Jammer erfüllt sein, so zählen wir es doch mit Recht zu den Segnungen Gottes, die man nicht verachten darf. Wenn wir in ihm also keinerlei göttliche Wohltat anerkennen, so machen wir uns einer nicht geringen Undankbarkeit gegen Gott selbst schuldig. Besonders für die Gläubigen muß es ein Zeugnis des göttlichen Wohlwollens sein, denn es ist doch ganz dazu bestimmt, der Förderung ihres Heils zu dienen. Gott will sich nämlich, bevor er uns das Erbe der ewigen Herrlichkeit offen enthüllt, durch geringere Beweisstücke als unser Vater erzeigen: solche Beweise sind all die Güter, die er uns tagtäglich zuteil werden läßt. Wenn uns also dieses Leben dazu dient, Gottes Güte kennenzulernen, wie können wir es dann verschmähen, als ob es auch nicht einen Funken Gutes in sich trüge? Diese Empfindung und Gesinnung müssen wir annehmen, um dies Leben zu den Gaben der göttlichen Freundlichkeit zu rechnen, die wir nie und nimmer von uns weisen dürfen. Die Schrift gibt uns dafür sehr viele und völlig klare Zeugnisse. Aber selbst wenn die nicht da wären, so mahnte uns auch

die Natur selber, dem Herrn unseren Dank dafür zu sagen, daß er uns an das Licht dieses Lebens gebracht hat, daß er uns dies Leben zum Gebrauch überlassen hat und uns alle erforderlichen Mittel darreicht, um es zu erhalten.

 

Wir haben noch viel mehr Ursache zum Danken, wenn wir erwägen, daß wir in diesem Leben gewissermaßen auf die Herrlichkeit des Himmelreichs vorbereitet werden. Denn der Herr hat es so geordnet, daß die, welche einst im Himmel gekrönt werden sollen, zuvor auf Erden Kämpfe bestehen, damit sie nicht triumphieren, ohne die Schwierigkeiten des Krieges überstanden und den Sieg erfochten zu haben.

 

Dazu kommt noch eine weitere Ursache (zum Danken): wir fangen schon in diesem Leben unter gar vielerlei Wohltaten an, die Süßigkeit der Güte Gottes zu schmecken, und dadurch soll unsere Hoffnung und unser Verlangen geschärft werden, ihre völlige Offenbarung zu erwarten. Es steht also fest, daß unser irdisches Dasein, wie wir es leben, eine Gabe der göttlichen Freundlichkeit ist, um derentwillen wir Gott verpflichtet sind und demgemäß auch an ihn gedenken und ihm dankbar sein müssen. Ist das aber deutlich, dann werden wir auch recht darangehen, den jämmerlichen Zustand dieses Lebens zu betrachten; dadurch werden wir eben auch von der allzugroßen Gier nach ihm frei gemacht, zu der wir, wie gesagt, von Natur ganz von selbst geneigt sind.

 

 

 

III,9,4

 

Nun muß das, was wir der verkehrten Liebe zu dem gegenwärtigen Leben abziehen, zur Stärkung des Verlangens nach einem besseren dienen. Ich gebe zu, daß die Menschen, welche gemeint haben, am allerbesten sei es, überhaupt nicht geboren zu sein, am zweitbesten, möglichst schnell wieder dahingerafft zu werden – wirklich ganz recht empfunden haben; denn es fehlte ihnen ja Gottes Licht und die wahre Gottesfurcht, und was sollten sie da am Leben anders sehen als Unglück und Häßlichkeit? Andere begingen den Geburtstag der Ihrigen mit Trauern und Wehklagen, Begräbnisse dagegen mit offen zur Schau getragener Fröhlichkeit; auch sie haben nicht ohne Ursache gehandelt, und doch ist ihr Tun ohne Frucht geblieben. Denn sie waren ja der rechten Lehre des Glaubens beraubt und sahen darum nicht, wie das, was an und für sich weder glücklich noch begehrenswert ist, doch den Frommen zum Besten dient; deshalb kamen sie bei ihrem Urteil nicht über die Verzweiflung hinaus.

 

Wenn also die Gläubigen das sterbliche Leben erwägen, dann soll dabei als Hauptgesichtspunkt folgendes dienen: wenn sie erkennen, daß dies Leben an und für sich nichts anderes als ein Elend ist, so sollen sie mit desto größerer Freudigkeit und Bereitschaft sich ganz dem Trachten nach jenem kommenden, ewigen Leben widmen. Ist es einmal zu diesem Vergleich gekommen, dann kann man das irdische Leben nicht nur ruhig geringschätzen, sondern soll es auch im Vergleich mit dem zukünftigen gänzlich verachten und verschmähen. Denn wenn der Himmel unsere Heimat ist, was ist dann die Erde anders als Verbannung? Wenn das Auswandern aus dieser Welt der Eingang ins Leben ist, was ist die Welt dann anders als ein Grab? Was bedeutet dann das Verweilen in der Welt anders, als daß wir in den Tod versunken sind? Führt uns die Befreiung vom Leibe zu wahrer Freiheit – was ist dann dieser Leib anders als ein Kerker? Wenn die höchste Seligkeit darin besteht, daß wir Gottes Gegenwart genießen, ist es dann nicht ein Elend, sie noch entbehren zu müssen? Wir „wallen“ aber wirklich „ferne vom Herrn“, bis wir von dieser Welt den Abschied genommen haben. Vergleicht man also das irdische Leben mit dem himmlischen, so wird man es ohne Zweifel leichtlich verachten und unter die Füße treten. Jedoch sollen wir es nie und nimmer hassen, es sei denn, sofern es uns der Sünde unterworfen sein läßt; aber auch dieser Haß soll nicht eigentlich auf das Leben selber gerichtet werden. Wie dem aber auch sei, wir sollen jedenfalls diesem Leben gegenüber in der Weise Widerwillen und Haß empfinden, daß wir nach seinem Ende verlangen, zugleich aber auch bereit sind, nach dem Willen des Herrn in ihm zu verbleiben; unser Widerwille soll also fern von jeglichem Murren und aller Ungeduld

sein. Das Leben ist eben wie ein Wachtposten, auf den uns der Herr gestellt hat und den wir nicht verlassen dürfen, bis er uns abberuft. So beweint auch Paulus sein Los, weil er länger, als er es wünschen könnte, von den Fesseln des Leibes gebunden gehalten wird, und er seufzt in heißem Verlangen nach Erlösung (Röm. 7,24), und doch will er Gottes Befehl gehorchen und bekennt, daß er zu Leben und Sterben bereit ist (Phil. 1,23f.). Er weiß, daß er es Gott schuldig ist, seinen Namen durch Tod oder Leben zu verherrlichen (Röm. 14, 8), und da ist es Gottes Sache, festzustellen, was am meisten zu seiner Verherrlichung dient. Wenn wir also dem Herrn leben und sterben sollen (Röm. 14, 8), so wollen wir auch seinem Ermessen die Grenze von Tod und Leben überlassen. Aber doch so, daß wir im Sehnen nach dem Tode brennen und fleißig nach ihm trachten, das Leben aber gegenüber der kommenden Unsterblichkeit verachten und wünschen, es um der Sündenknechtschaft willen hinzugeben, wenn es dem Herrn gefällt.

 

 

 

III,9,5

 

Es ist indessen geradezu ungeheuerlich, daß viele Menschen, die sich für Christen ausgeben, jene Sehnsucht nach dem Tode gar nicht kennen und sich stattdessen dermaßen vor ihm ängstigen, daß sie schon erzittern, wenn sie ihn irgendwie nennen hören, als ob er etwas ganz Verderbenbringendes, Unglückseliges wäre! Es ist gewiß nicht verwunderlich, daß das natürliche Empfinden in uns erschrickt, wenn es davon hört, daß wir aufgelöst werden sollen. Auf keine Weise zu ertragen ist es aber, daß auch in einem Christenherzen nicht das Licht der Frömmigkeit leuchten sollte, das solcherlei Ängste mit überlegenem Troste überwindet und unterdrückt! Denn wenn wir bedenken, daß diese unbeständige, gebrechliche, vergängliche, baufällige, welke, faule Hütte unseres Leibes abgerissen werden soll, um alsbald in beständige, vollkommene, unvergängliche, himmlische Herrlichkeit verwandelt zu werden – muß dann unser Glaube das nicht heiß ersehnen, wovor unsere Natur zurückschreckt? Wenn wir beachten, daß wir durch den Tod aus der Verbannung heimgerufen werden, um in unserer Heimat, und zwar unserer himmlischen Heimat unsere Wohnstatt zu finden – sollte uns daraus gar kein Trost erwachsen?

 

Aber man wendet ein: es gibt kein Ding, das nicht danach strebt, sich zu erhalten! Das gebe ich durchaus zu, und ich behaupte, daß wir eben deshalb auf die zukünftige Unsterblichkeit schauen müssen; denn da wird uns ein bleibender Zustand zuteil, wie er auf Erden nirgendwo sichtbar ist! Großartig ist es, wenn Paulus uns lehrt, daß die Gläubigen fröhlich in den Tod gehen, nicht weil sie „entkleidet“, sondern weil sie „überkleidet“ zu werden begehren (2. Kor. 5,2). Selbst die unvernünftigen Lebewesen, ja, gar die seelenlosen Geschöpfe bis herunter zu Holz und Steinen wissen ja um ihre gegenwärtige Eitelkeit und schauen nach dem jüngsten Tag, dem Auferstehungstag aus, damit sie mit den Kindern Gottes von der Eitelkeit frei werden! (Röm. 8,19). Sollten da nicht wir, die wir mit dem Lichte der Vernunft begabt, ja, über alle Vernunft hinaus vom Geiste Gottes erleuchtet worden sind, sollten wir nicht, wenn es um unser Sein und Wesen geht, unsere Herzen über diesen Erdenstaub erheben?

 

Aber es ist hier nicht unsere Aufgabe und auch nicht der Ort dazu, gegen eine so furchtbare Verdrehung anzugehen. Ich habe ja schon im Anfang klar ausgesprochen, daß ich mich hier keineswegs auf eine ausführlichere Behandlung der einzelnen Hauptlehrstücke einlassen kann. Jenen furchtsamen Gemütern möchte ich raten, das Büchlein des Cyprian „Von der Sterblichkeit“ zu lesen – sofern sie nicht gar wert wären, an die Philosophen verwiesen zu werden! Bei denen könnten sie wahrnehmen, was sie für eine Verachtung des Todes an den Tag legen – und darüber sollten sie dann doch zu erröten anfangen!

 

Als feststehend wollen wir aber die Tatsache ansehen, daß keiner in Christi Schule rechte Fortschritte gemacht hat, der nicht mit Freuden auf den Tag seines Todes und der letzten Auferstehung wartet! Mit diesem Kennzeichen beschreibt nämlich Paulus

alle Gläubigen (Tit. 2,13), und die Schrift hat allgemein die Gepflogenheit, uns dahin zu verweisen, wenn sie uns die Ursache zu vollkommener Freude vor Augen halten will. Der Herr sagt: „Frohlocket und hebet eure Häupter auf, darum daß sich eure Erlösung naht!“ (Luk. 21,28; die ersten beiden Worte sind zugefügt). Ich frage nur: ist es denn zu begreifen, daß in uns bloß Trauer und Entsetzen hervorruft, was doch nach dem Willen des Herrn nur dazu dienen sollte, Frohlocken und Jubel in uns zu erwecken? Wenn es so bei uns steht – weshalb rühmen wir uns dann noch des Herrn als unseres Meisters? Nein, wir wollen einen besseren Sinn in uns aufkommen lassen und gegen allen Widerstand der blinden, stumpfen Fleischesbegierde ohne Zögern das Kommen des Herrn nicht nur herbeiwünschen, sondern es mit Seufzen und Sehnsucht als das glückseligste von allen Ereignissen erwarten! Denn er wird uns als Erlöser kommen, der uns aus diesem unergründlichen Schlund von Übel und Elend herauszieht und uns in das selige Erbe seines Lebens und seiner Herrlichkeit einführt!

Institutio – Tag 173

III,8,10

 

Was ich eben gesagt habe, das war dazu bestimmt, um fromme Herzen vor der Verzweiflung zurückzuhalten, damit sie nicht jedes Trachten nach der Geduld gänzlich fahren lassen, weil sie doch das natürliche Schmerzempfinden nicht ablegen können. Denn wenn einer aus der Geduld Empfindungslosigkeit, aus einem tapferen und standhaften Menschen einen Klotz macht, dann muß ihm solche Verzweiflung notwendig zustoßen! Die Schrift nämlich erteilt den Heiligen das Lob der Geduld dann, wenn sie von der Härte der Not angefochten werden und doch darüber nicht zerbrechen und zu Boden fallen, wenn die Bitterkeit sie quält und sie dennoch von geistlicher Freude erfüllt sind, wenn die Angst sie bedrückt und sie dennoch aufatmen, weil Gottes Trost sie fröhlich macht. Unterdessen ist in ihrem Herzen ein harter Widerstreit lebendig: ihr natürliches Empfinden flieht und scheut sich vor dem, von dem es fühlt, daß es ihm zuwider geht, die fromme Gesinnung dagegen dringt auch durch diese Schwierigkeiten hindurch zum Gehorsam gegen Gottes Willen. Diesen Widerstreit hat der Herr zum Ausdruck gebracht, als er zu Petrus sprach: „Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du wolltest. Wenn du aber alt wirst, … wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst“ (Joh. 21,18). Es ist nicht anzunehmen, daß sich Petrus, wenn es nötig war, Gott durch den Tod zu verherrlichen, widerwillig und widerstrebend hätte zum Sterben schleppen lassen; sonst verdiente sein Martyrium wenig Lob. Aber obwohl er auch mit der größten Freudigkeit seines Herzens der göttlichen Weisung gehorchte, so hatte er doch seine menschliche Art nicht abgelegt, und deshalb wurde er von einem zwiespältigen Willen auseinandergezerrt. Betrachtete er jenen blutigen Tod, den er erleiden sollte, an und für sich, so überwältigte ihn das Grausen vor ihm, und er wäre ihm gern entflohen. Bedachte er aber auf der anderen Seite, daß ihn Gottes Befehl in jenes Sterben hineinrief, so war die Furcht besiegt und zu Boden getreten, und er nahm den Tod gern und fröhlich auf sich. Wollen wir also Christi Jünger sein, so müssen wir danach trachten, in unserem Herzen von solcher Ehrerbietung, solchem Gehorsam gegen Gott erfüllt zu werden, daß alle widerstrebenden Regungen dadurch gezähmt und ihrer Herrschaft unterworfen werden können. So wird es dazu kommen, daß wir auch in den größten Ängsten des Herzens standhaft an der Geduld festhalten – was für Kreuz uns auch quälen mag! Denn das Unglück selber wird immer seine Härte haben, die uns peinigt. Ficht uns Krankheit an, so

werden wir seufzen und unruhig werden und nach Heilung begehren, drückt uns Armut, so wird uns der Stachel der Sorge und der Traurigkeit peinigen, ebenso werden wir bei Schmach, Verachtung und Unrecht Schmerz empfinden, wir werden beim Tode unserer Lieben, wie es die Natur erfordert, bittere Tränen weinen – aber der Schluß wird immer sein: Der Herr hat es so gewollt, deshalb wollen wir seinem Willen folgen. Ja, mitten unter der Pein des Schmerzes, unter Seufzen und Tränen muß doch immer wieder dieser Gedanke in uns aufkommen, der unser Herz dazu geneigt macht, eben das freudig zu tragen, um des willen es sich so ängstigen läßt!

 

 

 

III,8,11

 

Den besten Weg aber, das Kreuz geduldig zu ertragen, finden wir dann, wenn wir Gottes Willen betrachten. Deshalb muß ich noch mit kurzen Worten klarstellen, was für ein Unterschied zwischen der philosophischen und der christlichen Geduld besteht. Denn es sind wahrlich unter den Philosophen nur ganz wenige zu solcher Einsicht gelangt, daß sie erkannten: in der Trübsal werden wir durch Gottes Hand geübt, und daß sie zu dem Urteil kamen, man müsse in diesem Stück Gott Gehorsam leisten. Aber selbst diese führen als Ursache nur die Auskunft an, es sei nun einmal so notwendig. Das heißt aber nun nichts anderes, als daß man behauptet: wir müssen Gott nachgeben, weil es nun einmal vergebens wäre, gegen ihn anzukämpfen. Denn wenn wir Gott bloß gehorchen, weil es notwendig ist, so hat unser Gehorsam ein Ende, wenn wir einmal entrinnen können. Die Schrift dagegen heißt uns, etwas ganz anderes am Willen Gottes ins Auge zu fassen, nämlich zunächst seine Gerechtigkeit und Billigkeit und dann auch seine Sorge um unser Heil. In diesem Sinne sind also die christlichen Ermahnungen zur Geduld zu verstehen. Ob uns nun Armut plagt oder Verbannung oder Gefangenschaft oder Schmach oder Krankheit oder der Verlust unserer Lieben oder sonst etwas dergleichen: immer sollen wir bedenken, daß uns nichts von alledem begegnen kann ohne den Willen und die Vorsehung Gottes. Weiter müssen wir aber im Auge behalten, daß er stets nur nach völlig gerechter Ordnung handelt. Wieso nun – verdienen nicht unsere unzähligen und tagtäglichen Missetaten strenger und mit härteren Ruten gestraft zu werden, als er sie uns in seiner Güte zu fühlen gibt? Ist es nicht durchaus billig, daß unser Fleisch gebändigt und ins Joch gespannt wird, damit es nicht nach seiner Art in wilder Gier seinen Übermut treibe? Ist Gottes Gerechtigkeit und Wahrheit etwa nicht wert, daß wir um ihretwillen Not leiden? In unseren Trübsalen wird doch Gottes unbezweifelbare Gerechtigkeit kund, und deshalb können wir nicht murren oder uns widersetzen, ohne damit ungerecht zu werden. Jetzt hören wir schon nicht mehr jenes frostige Gerede: Man muß Gott weichen, weil es nun einmal notwendig ist. Nein, wir vernehmen eine lebendige und wirksame Weisung: Wir sollen gehorchen, weil es vor Gott unrecht ist, zu widerstreben; wir müssen es geduldig tragen, weil Ungeduld Widerspenstigkeit gegen Gottes Gerechtigkeit ist.

 

Nun ist uns aber nur das lieblich, wovon wir wissen, daß es zu unserem Heil und zu unserem Besten dient. Deshalb reicht uns unser lieber Vater auch an diesem Stück seinen Trost dar, indem er uns sagt, daß er eben durch das Kreuz, welches er uns zu tragen gibt, für unser Heil sorgt. Wenn es nun aber feststeht, daß unsere Bedrängnisse uns heilsam sind, weshalb sollten wir sie dann nicht mit dankbarem und friedsamem Herzen auf uns nehmen? Wenn wir sie also geduldig erleiden, so unterliegen wir nicht einer Notwendigkeit, sondern beruhigen uns bei dem, was uns gut ist. Solche Gedanken, meine ich, machen trotz allem das Herz in geistlicher Freude weit, so sehr es sich auch unter dem Kreuz aus dem natürlichen Empfinden der Bitterkeit heraus zusammengepreßt hat! Daraus ergibt sich denn auch die Danksagung, die nicht ohne Freude sein kann. Das Lob des Herrn und die Dankbarkeit gegen ihn kann nur aus einem freudigen, fröhlichen Herzen kommen; und es gibt nun gar nichts, was diesem Lobpreis Eintrag tun dürfte. Daraus wird ersichtlich, wie notwendig es ist, daß die Bitterkeit des Kreuzes durch geistliche Freude gemildert werde.

 

Neuntes Kapitel

 

 

 

Vom Trachten nach dem zukünftigen Leben

 

 

 

III,9,1

 

Welcherlei Trübsal uns aber auch drücken mag, so müssen wir immer ihren Zweck ins Auge fassen: wir sollen uns daran zu gewöhnen lernen, das gegenwärtige Leben zu verachten, und so zum Trachten nach dem zukünftigen gereizt werden. Gott weiß aber nun sehr wohl, wie sehr wir von Natur zu einer unsinnigen Liebe zu dieser Welt geneigt sind, und deshalb wendet er das beste Mittel an, um uns da herauszuziehen und uns die Schläfrigkeit auszutreiben, damit wir nicht allzu beharrlich in solcher Liebe festhängen bleiben! Wir möchten zwar alle gern den Anschein erwecken, als ob wir uns unser ganzes Leben hindurch nach der himmlischen Unsterblichkeit sehnten und ausstreckten. Denn wir schämen uns, die unvernünftigen Tiere in keiner Hinsicht zu übertreffen, und deren Zustand wäre tatsächlich keineswegs geringer als der unsere, – wenn wir nach dem Tode keine Hoffnung auf das ewige Leben mehr hätten! Prüft man nun aber die Überlegungen, das Sinnen und Trachten und das Handeln der Menschen, so wird man da nichts anderes finden als die Erde! Daher aber kommt jene Stumpfheit, daß unser Verstand sich von dem leeren Glanz des Reichtums, der Macht und der Ehre derart überwältigen und blenden läßt, daß er nicht mehr weiterblicken kann. Auch unser Herz wird von der Habgier, dem Ehrgeiz und der Lust dermaßen mit Beschlag belegt und beschwert, daß es sich nicht mehr höher zu erheben vermag. Kurz, unsere ganze Seele ist in die Lockungen des Fleisches verstrickt und sucht deshalb ihr Glück auf der Erde. Diesem Übel will der Herr entgegenwirken und belehrt die Seinen durch fortgesetzte Beweise des Elendes über die Eitelkeit des gegenwärtigen Lebens. Damit sie sich also von diesem Leben keinen ungestörten, sicheren Frieden versprechen, läßt er es zu, daß sie oft von Krieg oder Aufruhr oder Räuberei oder anderem Frevel beunruhigt und angefochten werden. Damit sie nicht allzu gierig nach dem vergänglichen, zerbrechlichen Reichtum jagen oder sich über den Reichtum, den sie besitzen, beruhigen, bringt er bald durch Verbannung, bald durch Unfruchtbarkeit des Bodens, bald durch eine Feuersbrunst oder auf andere Weise Mangel über sie oder hält sie wenigstens auf einem mittelmäßigen Stand. Damit sie es sich in den Freuden der Ehe nicht allzu wohl sein lassen, läßt er sie durch Bosheit der Ehegattin plagen oder demütigt sie durch üble Nachkommenschaft oder betrübt sie durch den Verlust der Liebsten. Aber selbst wenn er in allen diesen Dingen Nachsicht gegen sie walten läßt, so sorgt er doch dafür, daß sie sich nicht in törichtem Selbstruhm blähen oder aus Selbstvertrauen übermütig werden: er stellt es ihnen durch Krankheiten und Gefahren vor Augen, wie unbeständig und vergänglich alle Güter sind, die der Sterblichkeit unterliegen. Wir kommen erst dann unter der Zucht des Kreuzes recht voran, wenn wir lernen: dies Leben ist, wenn man es an und für sich betrachtet, unruhig, stürmisch und auf gar vielerlei Weise jämmerlich, dagegen in keiner Hinsicht wirklich glücklich, und alles, was man als Güter dieses Lebens ansieht, ist unbeständig, flüchtig, eitel, mit vielen Übeln untermischt und durch sie verdorben. Erst dann sind wir in der Schule des Kreuzes vorangekommen, wenn wir aus solcher Einsicht zugleich den Schluß ziehen, daß wir hier nichts zu suchen und nichts zu erwarten haben als Kampf und daß wir unsere Augen zum Himmel erheben müssen, wenn wir eine Krone gewinnen wollen! Wir haben also festzuhalten: unser Herz wird sich nie und nimmer ernstlich zum Verlangen und zum Trachten nach dem zukünftigen Teben erheben, wenn es nicht zuvor mit der Verachtung des gegenwärtigen erfüllt ist!

 

 

 

III,9,2

 

Wir stehen hier vor einem Entweder-Oder, neben dem es kein Drittes mehr gibt: entweder muß uns die Erde unwert sein – oder aber sie hält uns in maßloser Liebe gefangen! Lebt also in uns irgendwie die Sorge um die Ewigkeit, so müssen wir fleißig darauf dringen, daß wir uns aus diesen üblen Fesseln herauswinden. Nun

hat aber das gegenwärtige Leben gar viel Schmeichelndes, mit dem es uns betören, viel scheinbare Anmut und Lieblichkeit und Süßigkeit, mit der es uns locken will, und deshalb tut es uns sehr not, daß wir immer wieder davon weggerufen werden, um nicht von dergleichen Reizen umstrickt zu werden. Ich möchte doch wissen, lieber Leser, was würde geschehen, wenn wir hier eine dauernde Fülle von Gütern und Glück zu genießen bekämen – wo uns doch noch nicht einmal der beständige Stachel des Übels recht dazu aufrütteln kann, das Elend dieses Lebens zu bedenken!

 

Des Menschen Leben ist wie ein Rauch oder ein Schatten – das ist nicht nur gelehrten Leuten wohlbekannt, sondern es gilt auch den Einfältigen als eine allbekannte sprichwörtliche Wahrheit. Man hat auch erkannt, daß es sich dabei um eine Wahrheit handelt, die zu wissen ganz besonders nützlich ist, und darum hat man sie mit vielen trefflichen Aussprüchen angepriesen. Und doch gibt es schier nichts, was wir nachlässiger erwägen und weniger bedenken! Denn bei allem, was wir ins Werk setzen, tun wir so, als wollten wir hier auf Erden unsterblich werden! Wenn ein Leichenzug uns begegnet oder wenn wir zwischen Gräbern einhergehen, so tritt uns da das Bild des Todes vor die Augen, und angesichts dessen – das gebe ich zu – philosophieren wir wohl gewaltig über die Eitelkeit dieses Lebens! Indessen tun wir auch das nicht immer, und meistens macht alles das gar keinen Eindruck auf uns. Aber wo wir ans Philosophieren geraten, da ist das eine Augenblicksweisheit – sobald wir den Rücken wenden, ist sie bereits verflogen, und sie hinterläßt nicht die mindeste Erinnerungsspur. Kurz, sie verweht wie ein Theaterbeifall bei irgendeinem ergötzlichen Spiel! Aber wir schlagen uns nicht nur den Tod aus dem Sinn, sondern auch die Sterblichkeit selber, als ob nie ein Gerücht davon zu uns gedrungen wäre, und wenden uns wieder zu oberflächlicher Sicherheit zurück, als ob wir auf Erden unsterblich wären. Wenn uns einer einmal das Sprichwort hersagt, der Mensch sei ein Eintagstierlein, so geben wir das zwar zu; aber wir achten es doch so wenig, daß der Gedanke, wir hätten hier dauernden Bestand, trotzdem tief im Herzen festsitzt. Wer will da noch leugnen, daß wir es alle aufs höchste nötig haben – ich meine, nicht bloß mit Worten daran gemahnt, sondern – mit möglichst vielen Erfahrungen davon überführt zu werden, wie jämmerlich es um unser irdisches Leben bestellt ist! Denn selbst wenn wir davon überführt sind, so hören wir doch kaum auf, vor falscher, törichter Bewunderung dieses Lebens zu erstarren, als ob es die höchste Vollendung des Guten in sich trüge! Hat es Gott nötig, uns zu erziehen, so ist es wiederum unsere Pflicht, auf ihn zu hören, wenn er uns ruft und uns in unserer Stumpfheit aufstachelt, damit wir die Welt gering achten und uns von ganzem Herzen daran machen, nach dem zukünftigen Leben zu trachten.