Monthly Archive for Mai 2009

Institutio – Tag 152

III,3,24

 

Manche Leute meinen nun, es sei allzu hart und der Freundlichkeit Gottes völlig fremd, daß Menschen, die ihre Zuflucht dazu nähmen, Gottes Barmherzigkeit anzurufen, gänzlich von aller Vergebung ausgeschlossen werden sollten. Doch dies läßt sich leicht klarstellen. Der Apostel behauptet ja gar nicht, daß diesen Menschen die Vergebung verweigert werden würde, wenn sie sich zu dem Herrn bekehren sollten; er leugnet jedoch durchaus, daß sie sich überhaupt noch zur Buße aufmachen könnten: sie sind ja um ihrer Undankbarkeit willen bereits durch Gottes gerechtes Gericht mit ewiger Blindheit geschlagen.

 

Dem steht nicht im Wege, daß der Apostel in diesem Zusammenhang nachher das Beispiel des Esau heranzieht, der unter Tränen und Wehklagen vergebens versuchte, das verlorene Erstgeburtsrecht wiederzuerlangen. Ebensowenig steht dem das Drohwort des Propheten entgegen: „Ich wollte auch nicht hören, da sie riefen …“ (Sach. 7,13). Denn mit derartigen Ausdrücken wird nicht etwa die wahre Bekehrung oder die wahre Anrufung Gottes beschrieben, sondern vielmehr jene Angst der Gottlosen, in der sie, in die äußerste Not hineinverstrickt, gezwungenermaßen auf das blicken, was sie zuvor so sicher von sich gewiesen haben, nämlich eben dies, daß sie einzig und allein in der Hilfe des Herrn etwas Gutes empfangen können. Eben diese Hilfe des Herrn aber rufen sie nicht eigentlich an, sondern sie seufzen darüber, daß sie ihnen entzogen ist. Wenn der Prophet vom „Rufen“ (Sach. 7,13) und der Apostel von „Tränen“ (Hebr. 12,17) redet, so meinen sie nämlich beide das gleiche: diese namenlose Not, die die Gottlosen aus ihrer Verzweiflung heraus empfinden und die sie brennt und quält.

 

Das letztere sollten wir uns schon sehr genau merken; denn sonst würde Gott ja mit sich selber in Widerspruch geraten: hat er doch durch den Propheten sagen lassen, sobald sich der Gottlose bekehre, werde er ihm gnädig sein (Ez. 18,21ff.). Es ist doch auch, wie ich bereits dargelegt habe, gewiß, daß der Sinn des Menschen nur dadurch zum Besseren gewandelt wird, daß Gottes Gnade ihm zuvorgekommen ist. Auch hinsichtlich der Anrufung wird Gottes Verheißung niemals trügen; aber diese blinde Qual, die die Verworfenen zerreißt, würde doch nur uneigentlich als Bekehrung oder als Anrufung Gottes bezeichnet werden können, diese Qual, die daraus entsteht, daß sie wohl sehen, sie müßten Gott suchen, um Heilung von ihren Nöten zu finden – und doch den Zugang zu ihm fliehen!

 

 

 

III,3,25

 

Wenn nun der Apostel bestreitet, daß Gott durch erheuchelte Buße versöhnt werden könne, so erhebt sich aber die Frage, wieso denn Ahab Vergebung erlangt und die ihm angedrohte Strafe von sich abgewandt habe (1. Kön. 21,28f.). Aus dem weiteren Verlauf seines Lebens geht doch ganz klar hervor, daß er dabei bloß von plötzlicher Angst erschüttert war. Gewiß, er legte einen Sack um, er bestreute sich mit Asche, er setzte sich auf die Erde (1. Kön. 21,27) und, wie es von ihm bezeugt wird, er demütigte sich vor Gott – aber es war ja doch ein Geringes, die Kleider zu zerreißen, wenn das Herz unterdessen verhärtet und von Bosheit geschwellt blieb! Trotzdem gewahren wir, daß sich Gott zur Güte bewegen läßt.

 

Ich beantworte diese Frage so: zuweilen erfahren die Heuchler tatsächlich eine Zeitlang solche Schonung, aber doch so, daß Gottes Zorn immerfort auf ihnen ruht; und dies geschieht nicht um ihrer selbst willen, sondern als öffentliches Beispiel. Was hat auch Ahab selbst für einen Nutzen davon gehabt, daß ihm die Strafe gemildert wurde? Doch einzig den, daß er sie nicht verspürte, solange er auf Erden lebte! So hat Gottes Fluch, wenn auch verborgen, seine feste Wohnstatt in seinem Hause gehabt, er selbst aber ist in das ewige Verderben gefahren.

 

Das gleiche ist auch an Esau zu bemerken: er mußte sich zwar eine Abweisung gefallen lassen, aber auf seine Tränen hin wurde ihm doch ein zeitlicher Segen gewährt (Gen. 27,40; Calvin nennt Gen. 27,18f.). Aber nach Gottes Offenbarungswort konnte das geistliche Erbe nur bei einem der Brüder ruhen; wurde also Esau übergangen und Jakob erwählt, so schloß diese Verwerfung das Erbarmen Gottes aus; nur dieser eine Trost blieb ihm als einem fleischlich gesinnten Menschen noch übrig, daß er sich an der „Fettigkeit der Erde“ und am „Tau des Himmels“ weiden sollte (Verwechslung mit dem an Jakob erteilten Segen Gen. 27,28).

 

Hier können wir auch verstehen, was es bedeutet, wenn ich oben sagte, dies müsse als Beispiel für andere Menschen dienen: wir sollen lernen, um so eifriger unser Sinnen und Trachten darauf zu richten, rechtschaffene Buße zu tun; denn es steht außer jedem Zweifel, daß Gott gern bereit ist, denen zu vergeben, die sich wahr-

haftig und von Herzen zu ihm bekehren: seine Güte wird auch ganz Unwürdigen zuteil, wenn sie nur ein wenig erkennen lassen, daß sie sich selbst mißfallen. Das gleiche Beispiel aber lehrt uns auch, welch ein schreckliches Gericht alle Halsstarrigen zu erwarten haben, die es für lauter Spiel halten, Gottes Drohungen mit schamloser Frechheit und ehernem Herzen zu verschmähen und für nichts zu achten. Auf diese Weise hat Gott den Kindern Israels gar oft die Hand gereicht, um ihrer Not ein Ende zu machen, obwohl ihr Schreien erheuchelt und ihr Sinn zerteilt und treulos war, wie er ja auch in einem Psalm klagt, daß sie gar bald zu ihrer vorigen Lebensart sich zurückwandten (Psalm 7S,36ff. 57). Durch solche freundliche Güte wollte er sie also zu ernstlicher Bekehrung leiten – oder aber sie unentschuldbar machen. Denn wenn er auch eine Zeitlang die Strafe nachläßt, so legt er sich damit kein bleibendes Gesetz auf; nein, er wendet sich zu Zeiten nur mit um so größerer Strenge gegen die Heuchler und verdoppelt die Strafen, damit daraus deutlich werde, wie sehr ihm die Heuchelei zuwider ist. Aber, wie gesagt, er zeigt auch gewisse Beispiele seiner freundlichen Geneigtheit zur Vergebung; dadurch sollen die Frommen dazu ermuntert werden, ihr Leben zu bessern, und es soll zugleich der Hochmut derer um so schärfer verdammt werden, die in ihrer Halsstarrigkeit wider den Stachel locken.

 

Viertes Kapitel: Alles, was sich die Klüglinge in ihren Schulen von der Buße zusammenschwatzen, ist sehr weit von der Reinheit des Evangeliums entfernt. Hier ist auch von der Beichte und der Genugtuung zu sprechen

 

 

 

III,4,1

 

Jetzt komme ich dazu, die Lehre der Klüglinge, der Scholastiker, von der Buße einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Ich will mich dabei so kurz fassen, wie es eben angeht; denn ich habe nicht im Sinne, alles durchzugehen, um dies Buch, das ich doch gern als zusammenfassendes Lehrbuch einrichten möchte, nicht ins Ungemessene wachsen zu lassen. Die Scholastiker haben diesen Fragenkreis, obwohl er an sich keineswegs verwickelt ist, in so viele Bände eingewickelt, daß man nicht eben leicht herauskommen kann, wenn man sich auch nur wenig in ihren Dreck hineinbegibt.

 

Zunächst also: bei ihrem Versuch, die Buße zu beschreiben, zeigen sie mit voller Klarheit, daß sie nie und nimmer begriffen haben, was überhaupt darunter zu verstehen ist. Sie ziehen nämlich einige Aussprüche aus den Büchern der alten Kirchenlehrer heran – die die Kraft der Buße überhaupt nicht zum Ausdruck bringen. So zum Beispiel: Buße tun bedeutet, die vergangenen Sünden zu beweinen und dergleichen nicht zu begehen, was man einst beweinen müßte (Diese erste Umschreibung findet sich bei Gregor I. und ist mitgeteilt bei Petrus Lombardus, Sentenzen IV,14,1). Oder man zieht den Satz heran: Buße tun bedeutet: die vergangenen bösen Werke beklagen und wiederum dergleichen nicht begehen, was zu beklagen ist. (Dieser zweite Satz steht bei [Pseudo-]Ambrosius und ist verwertet bei Petrus Lombardus, Sentenzen IV,14,1 und im Decretum Gratiani II, Von der Buße 3,1). Oder man verwendet als dritten Satz: die Buße ist gewissermaßen eine schmerzhafte Rache, bei der der Mensch an sich selber das straft, was er zu seinem eigenen Schmerz begangen hat. (Stammt von [Pseudo-] Augustin, Von der wahren und der falschen Buße, 8,22 und ist aufgenommen im Decretum Gratiani II, von der Buße 3,4). Zum vierten nimmt man auf die Erklärung Bezug: die Buße ist ein Schmerz im Herzen und eine Bitterkeit in der Seele, um der bösen Werke willen, die einer begangen oder denen er zugestimmt hat. (Von [Pseudo-]Ambrosius, verwendet im Decretum Gratiani II, von der Buße,1,39).

 

Wir wollen nun zugeben, daß diese Erklärungen von den Kirchenvätern ganz gut ausgesprochen sind – obwohl ein zänkischer Mensch auch dies unschwer bestreiten könnte! -; aber diese Sätze hatten doch gar nicht den Zweck, die Buße zu definieren, sondern die Kirchenväter wollten damit bloß die Ihrigen ermahnen, nicht von neuem in die Übeltaten zu verfallen, aus denen sie herausgerissen waren! Wollte man alle Aussprüche dieser Art in Begriffsbestimmungen verwandeln, so müßte man mit dem gleichen Recht auch andere noch zufügen. So sagt Chrysostomus (Predigt von der Buße 7,1): „Die Buße ist eine Arznei, welche die Sünde auslöscht, eine Gabe, die uns vom Himmel geschenkt ist, eine wundersame Kraft, sie ist eine Gnade, welche die Kraft der Gesetze überwindet.“

 

Nun müssen wir aber weiterhin bemerken, daß die Lehre, die die Scholastiker an jene Kirchenväterzitate anschließen, wesentlich übler ist, als jene (angeblichen) Begriffsbestimmungen selbst. Sie haben sich nämlich dermaßen in äußerliche Übungen hineinverbissen, daß man aus ihren unermeßlichen Bänden nichts anderes entnehmen kann als dies: die Buße sei Zucht und harte Übung, die teils dazu diene, das Fleisch zu zähmen, teils auch dazu, die Laster mit Züchtigung zu strafen. Über die innere Erneuerung des Sinnes, welche die wahre Besserung des Lebens mit sich bringt herrscht ein merkwürdiges Schweigen!

Von der Zerknirschung (contritio) und der Niedergeschlagenheit (attritio) ist zwar sehr viel bei ihnen die Rede; sie quälen die Seelen mit gar vielen Zweifeln, richten auch viel Mühsal und Angst an; aber wenn sie dann eben den Eindruck erweckt haben, als hätten sie das Herz im Tiefsten verwundet, dann besprengen sie es leicht mit ihren Zeremonien – und die ganze Bitterkeit ist geheilt!

 

Wenn sie nun die Buße dermaßen scharfsinnig definiert haben, dann teilen sie sie ein, und zwar in Zerknirschung des Herzens (contritio cordis), Bekenntnis mit dem Munde (Beichte, confessio oris) und Genugtuung mit Werken (satisfactio operis) (Sentenzen IV,16,1, Decretum Gratiani II, von der Buße 1,40). Aber diese Einteilung ist ebensowenig gedanklich in Ordnung, wie die zuvor gegebene Definition. Und dabei wollen sie doch den Eindruck erwecken, als ob sie ihr ganzes Leben mit der Aufstellung von Schlußfolgerungen zugebracht hätten! Nun könnte aber jemand hergehen und aus ihrer Begriffsbestimmung Schlußfolgerungen ziehen – so muß man es doch nach der bei den Dialektikern anerkannten Methode machen! -; er könnte sagen: es ist doch möglich, daß ein Mensch seine vorher begangenen Sünden beweint und solche Taten, die zu beweinen sind, nicht begeht, daß er seine vergangenen bösen Werke beklagt und solche, die zu beklagen wären, nicht begeht, daß er solche Sünden an sich straft, über die er Schmerz empfindet, weil er sie begangen hat – und zwar das alles, ohne mit dem Munde zu bekennen! Was wollen die Scholastiker dann machen, um ihre Einteilung aufrechtzuerhalten? Wenn dieser betreffende Mensch wirklich Buße tun kann, ohne mit dem Munde zu bekennen, so kann es doch offenbar auch eine Buße ohne dies „Bekenntnis mit dem Munde“ geben! Nun könnten sie darauf antworten, jene Einteilung bezöge sich auf die Buße, sofern sie ein Sakrament sei. Oder sie könnten auch sagen, man müsse sie als Beschreibung der Buße in ihrem vollendeten Zustand verstehen – den sie doch mit ihrer Umschreibung gar nicht umfassen! Aber daraus ergibt sich gegen mich gar keine Anklage: sie müssen es sich schon selber zuschreiben, weil sie eben die Buße nicht reiner und klarer bestimmen! Ich beziehe jedenfalls in meinem groben Verstand bei jeder Sache, über die man redet, alles auf die gegebene Begriffsbestimmung selbst; denn sie ist der Angelpunkt und die Grundlage der ganzen Erörterung.

 

Aber wir wollen den Scholastikern diese magisterliche Freiheit durchgehen lassen und nun dazu übergehen, die einzelnen Stücke der Ordnung nach zu betrachten. Dabei übergehe ich freilich ohne Beachtung mancherlei Dinge als gottloses Geschwätz, die sie mit großem Stolz als Geheimnisse an den Mann bringen wollen. Aber das tue ich nun nicht etwa aus Unwissenheit. Es würde mir wirklich nicht schwer fallen, all das zu widerlegen, von dem sie scharfsinnig und tief zu reden vermeinen. Ich würde mich aber schämen, den Leser fruchtlos mit dergleichen Unsinnigkeiten zu ermüden. Daß sie tatsächlich über unbekannte Dinge schwatzen, das ist aus den Fragen, die sie aufbringen und verhandeln und in die sie sich jämmerlich verwirren, leicht zu erkennen. So fragen sie, ob Gott die Buße über eine einzige Sünde wohlgefällig sei, wenn man in den anderen halsstarrig verharre. Oder: ob die Strafen, die uns Gott schickte, als Genugtuung gelten könnten. Oder: ob man die Buße für die Todsünden wiederholen könnte. Im letzten Punkt stellen sie in ihrer Bosheit und Unfrömmigkeit den Satz auf, die tägliche Buße bezöge sich allein auf die „läßlichen“ Sünden. Mit grobem Irrtum martern sie sich auch betreffs der Äußerung des Hieronymus, die Buße sei die zweite Planke, die uns nach dem Schiffbruch (zur Rettung) gegeben würde; da zeigen sie, daß sie noch nie von ihrem tollen Irrwahn erwacht sind, um auch nur von fern den tausendsten Teil ihrer Sünden zu empfinden.

Institutio – Tag 151

III,3,21

 

Daß ferner die Buße ein einzigartiges Geschenk Gottes ist, das ist nach meiner Meinung aus der bisherigen Darlegung so deutlich geworden, daß eine längere Erörterung nicht erneut vonnöten ist. Deshalb lobt und bewundert die Kirche Gottes Gnadengabe, daß er „auch den Heiden Buße gegeben” hat zum Heil (Apg. 11,18). Und Paulus befiehlt dem Timotheus Geduld und Sanftmut gegenüber den Ungläubigen und sagt: „Ob ihnen Gott dermaleinst Buße gebe … und sie wieder nüchtern würden aus des Teufels Strick …“ (2. Tim. 2,25f.). Gewiß stellt Gott fest, daß er die Bekehrung aller Menschen will, und er läßt seine Ermahnungen unterschiedslos an alle ergehen; daß sie aber zur Wirkung kommen, das hängt von dem Geiste der Wiedergeburt ab. Es wäre uns ja auch leichter, einen Menschen zu erschaffen, als aus eigenen Kräften eine bessere Natur anzunehmen. Deshalb heißen

wir auch mit vollem Recht hinsichtlich des ganzen Geschehens der Wiedergeburt „Gottes Werk, geschaffen … zu guten Werken, zu welchen er uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen“ (Eph. 2,10). Wen Gott aus dem Verderben herausreißen will, den macht er durch den Geist der Wiedergeburt lebendig. Das bedeutet nicht, daß etwa die Buße im eigentlichen Sinne die Ursache unseres Heils wäre; nein, es kommt daher, daß sie, wie wir bereits gesehen haben, vom Glauben und von der Barmherzigkeit Gottes nicht zu trennen ist; so bezeugt es ja auch Jesaja: „… Zion wird ein Erlöser kommen und denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob …“ (Jes. 59,20).

 

Es steht freilich fest: Überall, wo die Furcht Gottes im Schwange geht, da ist der Heilige Geist zum Heil des Menschen wirksam gewesen. Deshalb fassen es bei Jesaja auch die Gläubigen, die darüber klagen und jammern, daß Gott sie verlassen habe, als Zeichen ihrer Verwerfung auf, daß Gott ihr Herz habe verstocken lassen (Jes. 63,17). Und auch der Apostel, der die Abtrünnigen von der Hoffnung auf das Heil ausschließen will, fügt als Grund noch hinzu: „Es ist unmöglich“, sie „wiederum zu erneuern zur Buße“ (Hebr. 6,4.6). Wenn nämlich Gott die Menschen erneuert, die er nicht verlorengehen lassen will, so gibt er damit ein Zeichen seiner väterlichen Gunst und zieht sie gewissermaßen mit den Strahlen seines hellen und freundlichen Angesichts zu sich; auf der anderen Seite aber trifft er die Verworfenen, deren gottloses Wesen unvergebbar ist, mit dem Wetterstrahl der Verstockung.

 

Diese Art der Vergeltung kündigt der Apostel denen an, die mutwillig abfallen, die vom Glauben an das Evangelium weichen und auf diese Weise mit Gott ihr Spiel treiben, seine Gnade verächtlich von sich stoßen und Christi Blut für unrein achten und mit Füßen treten, (Hebr. 10,26-31) ja, soviel an ihnen ist, „den Sohn Gottes wiederum kreuzigen“ (Hebr. 6,6). Damit schneidet er nicht allen mutwilligen Sünden die Hoffnung auf Vergebung ab, wie einige Leute das meinen, die in verkehrter Weise hart sind. Nein, er lehrt, daß der Abfall keinerlei Entschuldigung verdient und daß es deshalb nicht verwunderlich ist, daß Gott mit unerbittlicher Strenge solche lästerliche Verachtung seiner Majestät rächt. Er sagt: „Es ist unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, – wo sie abfallen, wiederum zu erneuern zur Buße, als die … den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und für Spott halten“ (Hebr. 6,4-6). Ebenso sagt er an anderer Stelle: „Denn so wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schreckliches Warten des Gerichts …“ (Hebr. 10,26ff.).

 

Dies sind auch die Stellen, aus deren falschem Verständnis heraus vorzeiten die Novatianer zu ihrem Unsinn gekommen sind. Auf der anderen Seite gab es fromme Männer, die sich an der Härte dieser Aussagen stießen und die von da aus zu der Ansicht gelangt sind, der Hebräerbrief sei unecht – obwohl er doch in jeder Hinsicht den apostolischen Geist wirklich verspüren läßt. Wir haben aber hier nur mit solchen Leuten zu streiten, die diesen Brief anerkennen; da ist es nun aber leicht zu zeigen, wie rein gar nichts die angegebenen Sprüche zur Unterstützung ihres Irrtums beitragen. Zunächst muß doch der Apostel notwendig mit seinem Meister einig gehen; und dieser versichert, daß jede Sünde und Lästerung vergeben werden wird, außer der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser Welt, noch in der zukünftigen vergeben wird (Matth. 12,31f.; Mark. 3,28f.; Luk. 12,10). Mit dieser einzigen Ausnahme hat sich auch der Apostel ganz sicher begnügt – es sei denn, daß wir ihn zum Widersacher der Gnade Christi machen wollten! Daraus aber ergibt sich, daß keiner einzelnen Sünde die Vergebung versagt wird, mit Ausnahme der einzigen, die aus hoffnungsloser Raserei herkommt und nicht der Schwachheit zugeschrieben

werden kann und die es ganz deutlich offenbart, daß der betreffende Mensch vom Teufel besessen ist.

 

 

 

III,3,22

 

Um dies aber näher zu entfalten, müssen wir fragen, was denn jener furchtbare Frevel sei, der keine Vergebung finden soll.

 

Augustin versteht darunter gelegentlich den verbohrten Starrsinn, den ein Mensch bis zu seinem Tode beibehält, und zugleich den gänzlichen Mangel des Vertrauens auf die Vergebung. Aber diese Ansicht paßt nicht genug zu den Worten Christi. Christus sagt, es würde diese Sünde „in dieser Welt“ nicht vergeben werden. Wenn das nicht ohne Sinn sein soll, so muß diese Sünde in diesem Leben begangen werden können. Stimmt dagegen die Ansicht des Augustin, so kann diese Sünde nur ganz getan werden, wenn der Mensch in ihr bis zu seinem Tode verharrt. Andere sagen, die Sünde wider den Heiligen Geist bestehe darin, daß man einen Bruder um die ihm widerfahrene Gnade beneide; aber ich vermag nicht einzusehen, woher man diese Anschauung haben will.

 

Ich will aber eine rechte Deutung hierhersetzen; habe ich diese mit zuverlässigen Schriftzeugnissen begründet, so erledigen sich die anderen alle von selbst. Ich verstehe es also folgendermaßen: Wider den Heiligen Geist sündigt der, der von dem Glanz der göttlichen Wahrheit dermaßen getroffen ist, daß er sich nicht mehr mit Unwissenheit entschuldigen kann – und der dann doch dieser Wahrheit in absichtlicher Bosheit sich widersetzt, und zwar einzig und allein, um ihr Widerstand zu leisten. Christus will ja selbst erläutern, was er gesagt hat, und setzt deshalb gleich hinzu: „Wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird’s nicht vergeben …“ (Matth. 12,32; Mark. 3,29; Luk. 12,10). Matthäus setzt hier (nach einer freilich nicht zuverlässigen Lesart) für Lästerung des Geistes „Geist der Lästerung“.

 

Wie kann nun aber jemand den Sohn schmähen, ohne damit zugleich den Heiligen Geist zu treffen? Das ist zweifellos dann der Fall, wenn jemand Gottes Wahrheit noch nicht kennt und sich unwissend an ihr stößt, wenn jemand Christus unwissend lästert, aber zugleich doch so gesinnt ist, daß er Gottes Wahrheit nicht auslöschen wollte, wenn sie ihm offenbar wäre, und daß er den, den er als den Christus des Herrn erkennte, auch nicht mit einem einzigen Worte verletzen wollte; um wen es so steht, der sündigt wider den Vater und wider den Sohn. Solcher Art Leute gibt es heute viel: sie verfluchen die Lehre des Evangeliums auf das allerschändlichste – und doch wären sie bereit, sie von ganzem Herzen hochzuhalten, wenn sie erkennten, daß es die Lehre des Evangeliums wäre.

 

Wer nun aber in seinem Gewissen davon überführt ist, daß es Gottes Wort ist, was er von sich weist und bekämpft, und wer dabei trotzdem nicht aufhört, es zu bestreiten, von dem heißt es: er lästert gegen den Heiligen Geist; denn er streitet gegen die Erleuchtung, die doch das Werk des Heiligen Geistes ist. Solcher Menschen gab es unter den Juden einige: sie vermochten dem Geist, der durch Stephanus redete, nicht zu widerstehen – und doch widerstanden sie mit Absicht! (Apg. 6,10). Nun ist es freilich außer Zweifel, daß viele von ihnen vom Eifer um das Gesetz dazu hingerissen wurden; aber augenscheinlich gab es auch solche unter ihnen, die in böser Gottlosigkeit gegen Gott selber wüteten, das heißt: gegen die Lehre, von der sie sehr wohl wußten, daß sie von Gott war. Von derselben Art waren auch die Pharisäer selbst, gegen die der Herr sich so scharf wendet: um die Kraft des Heiligen Geistes zunichte zu machen, belegten sie sie verleumderisch mit dem Namen des Beelzebub (Matth. 9,34; 12,24). Da ist also der „Geist der Lästerung“ am Werk, wo die Vermessenheit des Menschen mit voller Absicht zur Schmähung des Namens Gottes sich hinreißen läßt. Das deutet auch Paulus an: er sagt, ihm sei „Barmherzigkeit widerfahren“, weil er das, was ihn sonst der Gnade des Herrn unwürdig gemacht hätte, „unwissend” und „im Unglauben“ getan hätte (1. Tim.

1,13). Stand also neben dem Unglauben die Unwissenheit, so bewirkte das, daß Paulus Vergebung erlangte; daraus folgt aber: tritt zum Unglauben das Wissen hinzu, so ist für Vergebung kein Raum mehr.

 

 

 

III,3,23

 

Wenn man nun genau zusieht, so wird man merken, daß der Apostel (im Hebräerbrief) nicht von einem einzelnen Fall oder zweien redet, sondern von dem allgemeinen Abfall, in welchem die Verworfenen das Heil von sich stoßen. Es handelt sich um Leute, von denen Johannes in seinem ersten Briefe erklärt, sie seien von den Auserwählten ausgegangen, ohne indessen von ihnen zu sein (1. Joh. 2,19). Daß sie nun Gott unversöhnlich finden, nimmt nicht wunder. Denn der Apostel wendet sich gegen solche, die sich einbildeten, ihren Weg zur christlichen Religion zurückfinden zu können, wenn sie auch einmal von ihr abgefallen wären. Diese Leute ruft er von ihrer falschen, gefährlichen Meinung zurück und sagt ihnen, was auch in höchstem Maße Wahrheit ist: Wer Christi Gemeinschaft mit Wissen und Willen von sich geworfen hat, dem steht kein Rückweg zu ihr offen. Das gilt aber nun nicht einfach von solchen Menschen, die in zuchtlosem Mutwillen ihres Lebens das Wort Gottes übertreten, sondern von solchen, die des Wortes ganze Lehre mit voller Absicht verwerfen. Die Worte „Abfallen“ und „Sündigen“ (Hebr. 6,6; 10,26) hat man also falsch aufgefaßt; die Novatianer verstehen unter „Abfallen“ folgendes: es hat jemand aus dem Gesetz des Herrn die Lehre empfangen, daß er nicht stehlen und nicht ehebrechen soll – und er läßt doch nicht vom Diebstahl und vom Ehebruch. Ich behaupte dagegen: in dem Wort „Abfallen“ (in Hebr. 6,6) ist ein stillschweigender Gegensatz mitbeschlossen; darin wird alles noch einmal aufgenommen, was zu dem vorher Gesagten (Hebr. 6,4f.) im Gegensatz steht (d. h. also: Abfall ist das Nein zu all den Gaben, die der Gläubige nach Hebr. 6,4f. empfangen hat!). So ist also hier nicht von irgendeiner besonderen Freveltat die Rede, sondern von der allgemeinen Abwendung von Gott und sozusagen der Abtrünnigkeit des ganzen Menschen, wenn der Apostel also vom Abfall solcher Menschen spricht, „so einmal erleuchtet sind und haben geschmeckt die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt“ (Hebr. 6,4f.), so haben wir darunter Leute zu verstehen, die das Licht des Geistes in bewußter Gottlosigkeit ausgelöscht, das Schmecken der himmlischen Gabe verachtet, sich von der Heiligung des Geistes entfremdet und das Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt mit Füßen getreten haben. Um diese klare Bewußtheit solchen gottlosen Wesens noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen, fügt er nachher an der anderen Stelle ausdrücklich das Wörtchen „mutwillig“ (Hebr. 10,26) hinzu. Er sagt da: „So wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für die Sünden“ (Hebr. 10,26). Damit leugnet er nicht etwa, daß Christus ein beständiges Opfer ist, um die Sünden der Heiligen zu sühnen – er setzt ja im ganzen Briefe auseinander, wie es um Christi Priestertum beschaffen sei, und da gibt er jener Tatsache sehr ausführlich Ausdruck! -; hier aber sagt er, daß, wenn man von diesem Opfer abgewichen ist, sonst keines mehr bleibt. Solches Abweichen vom Opfer Christi aber geschieht, wenn man in voller Absicht die Wahrheit des Evangeliums ableugnet.

Institutio – Tag 150

III,3,18

 

Dies aber will ich hier doch noch einfügen: wenn man den Begriff „Buße“ auf das äußerliche Bekenntnis (der Sünde) überträgt, so gibt man ihm einen uneigentlichen Sinn und biegt ihn von der ursprünglichen Bedeutung, die ich oben dargelegt habe, ab. Denn es handelt sich dann ja nicht eben um die Bekehrung zu Gott, sondern vielmehr um ein Bekenntnis der Schuld und die Bitte um Erlassung der Strafe und der Schuld. Tun wir Buße im Sack und in der Asche, so bedeutet das nichts anderes, als daß wir bezeugen, daß wir uns selbst mißfallen, wenn uns Gott um unserer schweren Missetaten willen zürnt (Matth. 11,21; Luk. 10,13). Es handelt sich hier um ein öffentliches Bekenntnis, in welchem wir uns selbst vor den Engeln und vor der Welt verurteilen und so Gottes Gericht zuvorkommen. So spricht es Paulus aus, indem er die Trägheit solcher Leute straft, die sich in ihren Sünden gefallen: „Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet“ (1. Kor. 11,31). Aber es ist nicht immer erforderlich, daß wir Menschen öffentlich zu Mitwissern und Zeugen unserer Reue machen; dagegen ist es ein Stück der wahren Buße, das unter keinen Umständen fehlen darf, daß wir Gott insonderheit (unsere Sünde) bekennen. Denn es wäre vollkommen widersinnig, daß uns Gott Sünden verziehe, in denen wir uns selbst schmeicheln und die wir heuchlerisch verhehlen, damit er sie nicht an den Tag bringe. Wir sollen auch nicht bloß unsere täglich begangenen Sünden bekennen, sondern ein schwererer Fall soll uns weiterführen und uns Dinge ins Gedächtnis rufen, die schon lange begraben schienen. So schreibt es uns David an seinem Beispiel vor. Er ist innerlich betroffen durch die Beschämung über seine letztgeschehene Freveltat, und da treibt er seine Selbstprüfung zurück bis zum Mutterleibe, und er erkennt an, daß er schon damals verderbt und von der Unreinigkeit des Fleisches befleckt war (Ps. 51,7). Das tut er nicht, um seine Schuld abzuschwächen – wie es ja viele machen, die sich im Haufen der Sünder verbergen, andere mit sich in die gleiche Schuld verstricken und so Straflosigkeit zu erlangen trachten. Ganz anders David: er macht in seiner Aufrichtigkeit seine Schuld noch größer, weil er ja, seit seiner frühesten Kindheit verderbt, nicht aufgehört hat, Böses auf Böses zu häufen. Auch noch an einer anderen Stelle übt er solche Prüfung seines vergangenen Lebens, indem er Gottes Barmherzigkeit für die Sünden seiner Jugend erfleht (Ps. 25,7). Es ist ja auch gewiß: erst dann beweisen wir, daß uns alle Gleichgültigkeit ausgetrieben ist, wenn wir unsere bösen Werke beweinen und Gott um Befreiung von der Last bitten, unter der wir seufzen.

 

Es ist noch zu bemerken, daß die Buße, die wir nach Gottes Weisung allezeit üben sollen, etwas anderes ist, als jene, die Menschen, welche ganz besonders schändlich gesündigt, in zügellosem Mutwillen der Sünde sich hingegeben oder in irgendwelcher Abtrünnigkeit Gottes Joch abgeworfen haben, gewissermaßen vom Tode erweckt. Wenn die Schrift nämlich zur Buße mahnt, so spricht sie von ihr oftmals gleichsam als dem Übergang oder der Auferweckung vom Tode zum Leben; und wenn sie berichtet, daß das Volk Buße getan habe, so versteht sie darunter, daß es vom

Götzendienst und anderem grobem Frevel bekehrt worden sei. Aus diesem Grunde kündigt Paulus auch den Sündern Traurigkeit an, „die nicht Buße getan haben für Unreinigkeit und Hurerei und Unzucht …“ (2. Kor. 12,21). Diesen Unterschied (zwischen der allgemeinen Verpflichtung zur Buße und dem Bußruf an einzelne Sünder) müssen wir genau beachten, damit wir nicht etwa, wenn wir hören, daß einzelne zur Buße gerufen werden, in lässige Sicherheit versinken – als ob uns die Abtötung des Fleisches nichts mehr anginge. Nein, die Sorge um diese Abtötung des Fleisches können wir gar nicht beiseitelassen: daran hindern uns die bösen Begierden, die uns immerfort kitzeln, und die Laster, die immer wieder ausschlagen. Die besondere Buße (specialis poenitentia), die nur von einzelnen erfordert wird, die der Teufel von der Furcht Gottes weggerissen und in verderbliche Fesseln geschlagen hat, hebt also die gewöhnliche (ordinaria poenitentia) nicht auf, in der wir uns um der Verderbnis unserer Natur willen unser ganzes Leben lang mühen müssen.

 

 

 

III,3,19

 

Wenn es wahr ist – und das steht doch ganz deutlich fest! -, daß das ganze Evangelium wesentlich zwei Stücke umfaßt, nämlich Buße und Vergebung der Sünden, dann müssen wir auch ganz klar sehen, daß der Herr die Seinen eben dazu aus Gnaden rechtfertigt, daß er sie zugleich durch die Heiligung seines Geistes zu wahrer Gerechtigkeit neugestalte. Johannes, der Bote, der vor dem Angesicht Christi her gesandt wurde, um seine Wege zu bereiten (Matth. 11,10), der hat gepredigt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen:“ (Matth. 3,2). Wenn er zur Buße rief, so ermahnte er damit die Menschen, zu erkennen, daß sie Sünder waren und daß all ihr Wesen und Tun vor dem Herrn verdammt war, damit sie die Abtötung ihres Fleisches und die neue Wiedergeburt im Geiste von ganzem Herzen begehrten. Wenn er aber zugleich das Reich Gottes ankündigte, so rief er die Menschen damit zum Glauben; denn unter dem Reiche Gottes, das nach seiner Lehre „nahe herbeigekommen“ war, verstand er die Vergebung der Sünden, das Heil, das Leben und überhaupt alles, was wir in Christus gewinnen; deshalb lesen wir auch bei den anderen Evangelisten: „Johannes kam und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mark. 1,4; Luk. 3,3). Was heißt das aber anders, als daß die Menschen, unter der Last ihrer Sünden bedrückt und ermattet, zum Herrn sich bekehren und die Hoffnung auf die Vergebung und das Heil gewinnen sollten? So hat auch Christus seine Reden damit angefangen: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubet an das Evangelium:“ (Mark. 1,15). Damit erklärt er zunächst, daß in ihm die Schatzkammern der Barmherzigkeit Gottes erschlossen sind, dann fordert er Buße und dann endlich das zuversichtliche Vertrauen auf Gottes Verheißungen. Wenn er also den ganzen Inhalt des Evangeliums kurz zusammenfassen wollte, so sagte er: „Also mußte Christus leiden und auferstehen von den Toten … und predigen lassen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden …“ (Luk. 24,46. 47). Das haben auch die Apostel nach Christi Auferstehung verkündigt: Christus ist von Gott „erhöht … zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden“ (Apg. 5,31). Die Verkündigung der Buße im Namen Christi geschieht, wenn die Menschen durch die Lehre des Evangeliums vernehmen, daß all ihre Gedanken, ihre Regungen, ihre Vorsätze verderbt und sündig sind und daß sie deshalb notwendig neu geboren werden müssen, wenn sie in Gottes Reich eingehen wollen. Die Verkündigung der Sündenvergebung geschieht, wenn der Mensch gelehrt wird, daß Christus uns „gemacht ist“ zur Erlösung, zur Gerechtigkeit, zum Heil und zum Leben (1. Kor. 1,30, aber nicht genaues Zitat), daß wir in seinem Namen aus Gnaden vor Gottes Auge gerecht und unschuldig dastehen. Diese zwiefache Gnade wird im Glauben ergriffen, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe; da nun aber der Glaube im eigentlichen Sinne an Gottes Güte hängt, aus der heraus wir die Vergebung der Sünden empfangen, so war es erforderlich, ihn von der Buße sorglich zu unterscheiden.

 

III,3,20

 

Nun öffnet uns der Haß gegen die Sünde, der ja der Anfang der Buße ist, den ersten Zugang zur Erkenntnis Christi; Christus offenbart sich allein elenden, geängstigten Sündern, die da seufzen, die sich abmühen, die beladen sind, die hungern und dürsten, die unter Schmerz und Jammer daniederliegen (Jes. 61,1; Matth. 11,5; Luk. 4,18). Ist es aber so, dann müssen wir uns eben nach dieser Buße ausstrecken, in ihr unser Leben lang uns üben, in ihr bis ans Ende beharren, wenn wir in Christus bleiben wollen. Denn er ist gekommen, die Sünder zu rufen – aber zur Buße! (Matth. 9,13). Er ist gekommen, um die Unwürdigen zu segnen – aber dazu, „daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit“! (Apg. 3,26; 5,31). Die Schrift ist voll von Sprüchen dieser Art. Wo also Gott die Vergebung der Sünden anbietet, da pflegt er durchweg zugleich die Umkehr zu fordern. Er gibt damit zu verstehen, daß seine Barmherzigkeit für den Menschen Ursache zur Umkehr sein soll. So spricht er: „Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe …“ (Jes. 56,1). Oder: „Zion wird ein Erlöser kommen und denen, die sich bekehren von den Sünden in Jakob …“ (Jes. 59,20). Oder auch: „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist, rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter seine Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich sein erbarmen …“ (Jes. 55,6. 7). Oder endlich: „So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden vertilgt werden!“ (Apg. 3,19). Dabei ist jedoch zu bemerken, daß die Hinzusetzung dieser Bedingung nicht etwa soviel bedeutet, als ob unsere Reue die Grundlage wäre, auf der wir uns die Vergebung verdienen könnten. Nein, der Herr hat eben dazu beschlossen, sich der Menschen zu erbarmen, daß sie ihre Sünde bereuen, und er zeigt ihnen in jener Bedingung die Richtung, die sie einnehmen müssen, wenn sie Gnade erlangen wollen. Solange wir nun also in dem Gefängnis unseres Leibes unsere Wohnstatt haben, sollen wir beständig mit den Lastern unserer verderbten Natur im Streite liegen, ja mit unserem ganzen natürlichen Sinn. Platon sagt gelegentlich – unter anderem vor allem an vielen Stellen im „Phaidon“ -, das ganze Leben eines Philosophen bestehe im Bedenken des Todes. Noch viel richtiger können wir sagen: das Leben eines Christenmenschen ist eine beständige, eifrige Übung darin, das Fleisch zu töten, bis es ganz gestorben ist und der Geist Gottes in uns die Herrschaft gewonnen hat. Nach meiner Überzeugung ist deshalb der am weitesten fortgeschritten, der es am besten gelernt hat, sich selbst zu mißfallen – freilich nicht etwa, um in diesem Sumpfe stecken zu bleiben und nicht weiter vorwärtszukommen, sondern vielmehr, um zu Gott hinzueilen, zu ihm zu seufzen, damit er als ein Mensch, der in Christi Tod und Leben eingeleibt ist, all sein Trachten auf beständige Buße richte. Bei einem Menschen, der wirklich von echtem Haß gegen die Sünde ergriffen ist, kann es ja gar nicht anders sein. Denn es hat nie ein Mensch die Sünde gehaßt, ohne daß ihn zuvor die Liebe zur Gerechtigkeit erfaßt hätte. Diese Ansicht war die allerschlichteste und sie schien mir dementsprechend auch mit der Wahrheit der Heiligen Schrift am besten übereinzustimmen.

Institutio – Tag 149

III,3,15

 

Der Apostel zählt nun bei der Beschreibung der Buße mit gutem Grunde sieben Regungen auf, die als deren Ursachen, Wirkungen oder auch Bestandteile zu gelten haben, nämlich „Fleiß“ oder Besorgnis, „Verantwortung, Zorn, Furcht, Verlangen, Eifer, Rache“ (2. Kor. 7,11). Es darf dabei nicht widersinnig erscheinen, daß ich nicht genau zu entscheiden wage, ob (und wieweit) hier Ursachen oder Wirkungen der Buße erscheinen; es läßt sich nämlich beides zur Erörterung stellen. Man kann auch sagen, daß es sich hier um Regungen handelt, die mit der Buße verbunden sind. Aber man kann auch unter Übergehung dieser Fragen die Absicht des Apostels feststellen, und deshalb wollen wir uns mit einer schlichten Erläuterung zufrieden geben.

 

Er sagt also zuerst, daß die göttliche Betrübnis den „Fleiß“ wirkt. Denn wer ein ernstliches Mißfallen an sich selber empfindet, weil er gegen seinen Gott gesündigt hat, der wird zugleich zu Fleiß und Achtsamkeit angetrieben, um sich gänzlich aus des Teufels Stricken herauszuwinden und sich vor seinen Nachstellungen besser in acht zu nehmen, damit er nur ja nicht hernach der Leitung durch den Heiligen Geist verlustig gehe und sich von der fleischlichen Sicherheit übermannen lasse.

 

Dann folgt bei Paulus die „Verantwortung“. „Verantwortung“ bedeutet an dieser Stelle nicht etwa soviel wie „Verteidigung“, als ob also der Sünder seine Verfehlung leugnete oder seine Schuld zu verkleinern suchte, um Gottes Gericht zu entgehen; es besagt hier vielmehr soviel wie „Reinigung“, die sich auf Abbitte und nicht auf das Vertrauen zur eigenen Sache gründet. Es geht jetzt wie bei Kindern, die nicht abtrünnig sind: wenn sie ihre Abirrungen erkennen und gestehen, so bitten sie doch um Vergebung; damit das nun recht geschehe, bezeugen sie auf alle mögliche Weise, daß sie die Ehrfurcht, die ihren Eltern zukommt, keineswegs von sich getan haben; kurz, sie entschuldigen sich nicht etwa, um gerecht und unschuldig dazustehen, sondern allein, um Vergebung zu erlangen!

 

Dann redet Paulus vom „Zorn“: der Sünder ist innerlich grimmig gegen sich selbst, rechtet mit sich selbst, zürnt sich selbst, wenn er seine Verkehrtheit und seine Undankbarkeit gegen Gott bedenkt.

 

Unter „Furcht“ versteht der Apostel jenes Erzittern, das jedesmal in unser Herz dringt, wenn wir erkennen, was wir verschuldet haben und wie schrecklich Gottes strenger Zorn gegen den Sünder ist. Denn dann kommt notwendig eine furchtbare Unruhe qualvoll über uns: sie erzieht uns zur Demut und macht uns zugleich für die Folgezeit vorsichtiger. So entsteht also aus der Furcht wiederum der „Fleiß“, die Besorgnis, von der wir oben sprachen; da merken wir, wie eng alle diese Regungen miteinander zusammenhängen.

 

Unter „Verlangen“ scheint mir der Apostel die eifrige Erfüllung der auf uns liegenden Pflichten und die freudige Bereitwilligkeit zum Gehorsam zu verstehen, zu der uns ja am meisten die Erkenntnis unserer Verfehlungen anreizen muß.

 

Hierher gehört auch der „Eifer“, den Paulus gleich anschließend nennt. Er bedeutet einen feurigen Ernst, der uns entzündet, wenn in uns gleich Stacheln die Frage aufkommt: Was habe ich getan? Wohin wäre ich versunken, wenn mir Gottes Erbarmen nicht zu Hilfe gekommen wäre?

 

Am Schluß erscheint dann die „Rache“. Je strenger wir nämlich gegen uns selbst sind und je schärfer wir unsere Sünde an uns strafen, desto eher dürfen wir hoffen, einen gnädigen und barmherzigen Gott zu haben. Ist unsere Seele wirklich vom Schrecken vor Gottes Gericht geängstet, so kann sie gar nicht anders, als auch ihrerseits „Rache“ zu nehmen, indem sie an sich selbst Strafe übt. Die Frommen wissen es wahrlich selber, was für Strafen Beschämung, innere Erschütterung, Seufzen, Selbstverurteilung und all die übrigen Regungen sind, die aus ernster Erwägung der Sünde hervorgehen. Wir wollen indessen bedenken, daß es Maß zu halten gilt, damit uns die Traurigkeit nicht gar verschlinge; denn nichts liegt dem erschrockenen Gewissen näher, als in Verzweiflung zu versinken. Das ist denn auch eine der Künste, die der Satan anwendet, wenn er einen Menschen um der Furcht Gottes willen am Boden liegen sieht: er läßt ihn tiefer und tiefer in den Schlund der Traurigkeit versinken, damit er sich nie wieder erhebe. Gewiß kann die Furcht, die uns zur Demut führt und die von der Hoffnung auf Vergebung nicht weicht, niemals zu groß sein. Aber wir sollen uns doch nach der Weisung des Apostels vorsehen, daß der Sünder, der sich quält und sich darüber selber mißfällt, nicht von allzugroßer Furcht niedergedrückt werde und dabei „matt werde und ablasse“ (Hebr. 12,3). Denn auf diese Weise würden wir ja vor Gott, der uns durch die Buße zu sich ruft, fliehen! Sehr fruchtbringend ist in dieser Hinsicht die Ermahnung, die uns Bernhard von Clairvaux gibt: „Der Schmerz um die Sünde ist notwendig, sofern er nicht ohne Unterlaß währt. Deshalb rate ich: laßt zuweilen auch einmal die qualvolle und schmerzliche Erinnerung an eure Wege beiseiteliegen und lenkt eure Schritte in die weite Ebene der fröhlichen Besinnung auf Gottes Wohltaten! Laßt uns Honig unter den Wermut mischen, damit seine heilsame Bitterkeit, wenn wir sie mit Süßigkeit vermischt und so gemildert trinken, uns das Heil wirklich zu geben vermag! Und wenn ihr über euch selber in Demut nachdenkt, so denkt zugleich auch über den Herrn nach seiner Güte!“

 

 

 

III,3,16

 

Jetzt können wir auch begreifen, welche Früchte die Buße hervorbringt: es sind die uns aufgetragenen Werke der Frömmigkeit gegen Gott, der Liebe zu den Menschen, und es ist außerdem die Heiligkeit und Reinheit in unserem ganzen Leben. Je mehr Eifer überhaupt ein Mensch daran wendet, sein Leben nach der Regel des Gesetzes Gottes zu prüfen, desto gewissere Zeichen seiner Buße legt er an den Tag. Wenn uns daher der Heilige Geist zur Buße mahnt, so weist er uns bald auf die einzelnen Gebote des Gesetzes, bald auch auf die Pflichten der zweiten Tafel hin. An anderen Stellen macht er es freilich auch so, daß er zunächst die Unreinigkeit im Grunde des Herzens selbst verdammt, uns dann aber auch äußere Zeichen angibt, durch die die Lauterkeit unserer Buße deutlich werden soll. Ein Bild hiervon will ich dem Leser bald vor Augen führen, wenn ich zur Beschreibung des christlichen Lebens komme. Ich will hier nicht die Zeugnisse aus den Propheten alle aufführen, in denen sie teils die Torheit verspotten, in der man Gott mit Zeremonien zu versöhnen trachtet, und zeigen, daß das doch lauter Possenspiel ist, teils auch deutlich machen, daß die äußere Reinheit des Lebens nicht das Hauptstück der Buße ist, weil ja Gott das Herz ansieht. Wer auch nur einigermaßen in der Schrift bewandert ist, der wird ja auch ohne fremde Unterweisung ganz aus sich heraus erkennen: wo wir es mit Gott zu tun haben, da wird nur dann etwas ausgerichtet, wenn wir mit der innersten Regung des Herzens beginnen. Es gibt eine Stelle bei Joel, die nicht wenig dazu dienen kann, auch andere Stellen recht zu verstehen: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!“ (Joel 2,13). Beides ist auch kurz in den Worten

des Jakobus ausgedrückt: „Reiniget die Hände, ihr Sünder, und machet eure Herzen keusch, ihr Wankelmütigen!“ (Jak. 4,8). Was uns hier im ersten Gliede gezeigt wird, ist wesentlich eine sich ergebende Folge; die Quelle und der Ursprung tritt uns dann aber im zweiten Gliede entgegen: die verborgene Unreinigkeit soll abgetan werden, damit Gott im Herzen selbst ein Altar errichtet werde.

 

Aber es gibt doch auch bestimmte äußere Übungen, die uns, jedem für sich allein, als Mittel dienen sollen, uns zu demütigen oder unser Fleisch zu zähmen, und die andererseits öffentlich den Zweck haben, die Buße zu bezeugen (2. Kor. 7,11). Diese äußeren Übungen aber fließen aus jener „Rache“, von der Paulus (2. Kor. 7,11) redet; denn es ist einem geängsteten Geiste eigen, in Trauer zu gehen, unter Seufzen und Tränen zu leben, allen Glanz, allen Prunk zu meiden und allen Vergnügungen abzusagen. Ja, wer da weiß, ein wie großes Übel die Widerspenstigkeit unseres Fleisches ist, der sucht alle Mittel, um sie in Schranken zu halten. Und wer es recht bedenkt, wie schlimm es ist, Gottes Gerechtigkeit verletzt zu haben, der kann nicht ruhen, bis er in Demut Gott die Ehre gegeben hat.

 

Dergleichen Übungen erwähnen die alten Kirchenschriftsteller oft, wenn sie von den Früchten der Buße sprechen. Sie begründen freilich die Kraft der Buße durchaus nicht auf diese Übungen; aber der Leser muß es mir nicht übelnehmen, wenn ich ausspreche, was ich denke: jene Alten scheinen mir doch ganz gewiß auf diese Dinge mehr Gewicht zu legen, als es recht ist. Wenn man es richtig überlegt, so wird man mir, das hoffe ich, darin beistimmen, daß sie in doppelter Hinsicht über das rechte Maß hinausgegangen sind. Dadurch, daß sie erstens jene leibliche Übung so stark betonten und sie so gewaltig rühmten, erreichten sie zwar, daß das Volk sie wirklich mit großem Eifer annahm, aber sie verdunkeln damit gewissermaßen das, was doch von weit größerer Bedeutung sein muß. Zweitens gingen sie bei ihrer Forderung nach äußerlichen Kasteiungen immerhin schärfer vor, als es die Sanftmut der Kirche zuläßt. Das muß an anderer Stelle noch behandelt werden.

 

 

 

III,3,17

 

Es gibt nun aber wirklich Leute, die von der Tatsache, daß sie an mehreren Stellen der Schrift, insbesondere bei Joel (2,12) Weinen und Fasten und (Sitzen in der) Asche nennen hören, gleich dazu übergehen, in Fasten und Weinen das wesentlichste Stück der Buße zu erblicken. Das ist ein Irrwahn, den ich hier beheben muß. Wenn uns gesagt wird, daß wir uns von ganzem Herzen zum Herrn bekehren sollen, wenn wir hören, daß wir nicht unsere Kleider, sondern unsere Herzen zerreißen sollen, so macht dies das eigentliche Wesen der Buße aus. Weinen aber und Fasten werden nicht etwa als beständige und notwendige Auswirkungen der Buße hinzugefügt, sondern sie ergeben sich unter besonderen Umständen. Joel hatte geweissagt, daß den Juden die furchtbarste Zerstörung drohte, und er riet ihnen nun, dem Zorn Gottes zuvorzukommen, und zwar nicht allein durch Umkehr, sondern auch durch offenbare Bezeugungen ihrer Bekümmernis. Wie sich nämlich ein Angeklagter mit ungeschorenem Barte, mit ungekämmtem Haar, in dunklem Trauergewand zu demütigen pflegt, um bei seinem Richter Barmherzigkeit zu erlangen, so sollten auch die Juden, die ja als Angeklagte vor Gottes Gericht geführt wurden, Gott in solch jämmerlicher Gewandung bitten, von seiner Strenge zu lassen. Nun waren wohl freilich Sack und Asche mehr jener Zeit angemessen; Weinen und Fasten dagegen würde auch bei uns sicherlich ein sehr angemessener Brauch sein, sooft uns der Herr mit Unglück oder Not zu drohen scheint. Denn wenn er eine Gefahr sich zeigen läßt, so läßt er uns damit kundwerden, daß er sich zur Strafe bereitet und gleichsam wappnet. Der Prophet hat nun den Seinen kurz zuvor angekündigt, daß über ihre Freveltaten eine strenge Untersuchung eintreten würde; wenn er sie nun zu Weinen und Fasten, das heißt also zur Traurigkeit von Angeklagten, ermahnt, so tut er durchaus recht daran. Auch heutzutage würden die Hirten der Kirche, wenn sie sähen, daß über den Häuptern der Ihrigen ein Unheil drohte, keineswegs übel

daran tun, wenn sie sie dazu aufriefen, zu Fasten und Weinen zu eilen; nur müßten sie immerzu mit noch größerem Eifer und noch ernstlicherer Mühe auf die Hauptsache dringen, nämlich, daß es die Herzen zu zerreißen gilt und nicht die Kleider. Es steht außer Zweifel, daß zur Buße nicht immer das Fasten gehört, sondern daß dies für besondere Notzeiten bestimmt ist. Christus gibt ihm deshalb seinen Platz neben der Traurigkeit: er spricht die Apostel von der Verpflichtung zum Fasten los, bis sie seine Gegenwart verloren haben und damit verwaist sind und in Traurigkeit leben müssen (Matth. 9,15). Dabei rede ich indessen vom öffentlichen Fasten. Denn das Leben der Frommen soll dermaßen mit Nüchternheit und Mäßigkeit untermischt sein, daß in seinem ganzen Lauf fortwährend ein gewisses Fasten an den Tag tritt. Da nun aber diese ganze Angelegenheit bei der Behandlung der kirchlichen Zucht aufs neue zur Sprache kommen wird, so will ich sie hier nur knapp berühren.

Institutio – Tag 148

III,3,11

 

Daß aber Gott nach dem Zeugnis der Schrift seine Kirche von aller Sünde reinigt (Eph. 5,26f.), daß er diese Gnade der Befreiung durch die Taufe verheißt und diese Zusage in seinen Auserwählten auch erfüllt, das möchte ich eher auf die Befreiung von der Schuld als auf die vom Ansatz der Sünde selbst beziehen. Indem Gott die Seinigen zur Wiedergeburt kommen läßt, bewirkt er freilich, daß die Herrschaft der Sünde in ihnen abgetan wird – denn er schenkt ihnen ja die Kraft seines Geistes, in der sie den Kampf gewinnen und Sieger werden sollen! -; aber die Sünde hört bloß auf, in ihnen zu herrschen, nicht aber auch, in ihnen zu wohnen! Gewiß ist, so sagen wir, der alte Mensch gekreuzigt, gewiß ist in den Kindern Gottes das Gesetz der Sünde abgetan (Röm. 6,6); aber es bleiben doch noch Reste, freilich nicht, um in ihnen zu herrschen, wohl aber, um sie durch das Bewußtsein ihrer Schwachheit zu demütigen. Wir gestehen zwar, daß sie nicht angerechnet werden, als ob sie also gar nicht da wären; aber wir behaupten: allein aus Gottes Erbarmen werden die Heiligen, die sonst mit Recht als Sünder und Schuldige vor Gott stünden, von dieser Schuld freigesprochen. Es ist mir auch nicht schwer, diesen Satz zu beweisen; denn es gibt hierzu klare Zeugnisse der Schrift. Am deutlichsten ist das, was Paulus in Römer 7 ausruft. Zunächst: daß er da als wiedergeborener Mensch redet, habe ich schon an anderer Stelle (II,3,27) gezeigt, auch hat es Augustin mit zuverlässigen Gründen bewiesen. Ich will davon schweigen, daß er da die Ausdrücke „Böses“ und „Sünde“ (als Wiedergeborener und mit Bezug auf diesen!) gebraucht. Aber wie sehr nun auch die Widersacher unserer Lehre hinter diesen beiden Worten eine Ausflucht suchen wollen, so frage ich doch: wer will denn leugnen, daß der Widerstreit gegen Gottes Gesetz (den Paulus nach seiner Aussage in sich trägt!) böse ist? Wer will leugnen, daß die Behinderung der Gerechtigkeit Sünde ist? Wer will endlich bestreiten, daß da, wo geistliches Elend herrscht, auch Schuld ist? Alles dies aber sagt Paulus von der Krankheit aus, von der hier die Rede ist!

 

Wir haben aber auch aus dem Gesetz einen sicheren Beweis, mit dessen Hilfe wir die vorliegende Frage kurz zu lösen vermögen. Da wird uns nämlich befohlen, Gott zu lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und aus allen unseren Kräften (Deut. 6,5; Matth. 22,37). Es sollen also alle Bereiche unserer Seele von der Liebe zu Gott mit Beschlag belegt sein, und deshalb leistet diesem Gebot ganz sicher kein Mensch Genüge, der nur den geringsten Reiz in sein Herz dringen läßt oder auch überhaupt einen Gedanken in seinem Inneren zulassen kann, der ihn von der Liebe zu Gott wegführte und der Eitelkeit preisgäbe! Wie? Sind es etwa keine Kräfte der Seele, wenn wir von plötzlichen Regungen berührt werden, sie mit unseren Sinnen ergreifen und im Gemüt einen Vorsatz fassen? Eröffnen diese unsere Fähigkeiten aber eitlen und bösen Gedanken den Zugang zu sich, so zeigen sie damit doch, daß sie in solchem Maße noch ohne die Liebe zu Gott sind! Wenn also jemand nicht zugeben will, daß alle Begierden des Fleisches Sünden sind, und daß diese Krankheit des Begehrens, die man „Zunder“ nennt, geradezu der Brunnquell der Sünde ist, – so muß er notwendig leugnen, daß die Übertretung des Gesetzes Sünde ist.

 

 

 

III,3,12

 

Es könnte aber vielleicht jemandem ungereimt erscheinen, daß auf diese Weise allgemein sämtliche Begierden, die sich natürlicherweise im Menschen regen, verdammt würden; er könnte sagen, sie seien uns doch von Gott, dem Urheber der Natur, eingepflanzt. Ich antworte darauf: ich verdamme keineswegs die Begehrungen, die Gott in das Wesen des Menschen mit der ersten Schöpfung eingeprägt hat und die deshalb auch nur mit dem Menschsein des Menschen zusammen entwurzelt werden können; ich wende mich ausschließlich gegen die maßlosen und ungezähmten Regun-

gen, die mit Gottes Ordnung im Streit liegen. Aber aus der Bosheit unserer Natur heraus sind alle unsere Anlagen mit Lastern durchsetzt und verderbt, so daß in allem unserem Tun immer wieder Unordnung und Unmäßigkeit an den Tag tritt; da nun unsere Begehrungen von dieser Zuchtlosigkeit nicht getrennt werden können, so behaupte ich, daß sie verderbt sind. Ich kann auch das Wichtigste kurz zusammenfassen: Ich lehre, daß alle Begierden des Menschen böse sind und erkläre sie für der Sünde schuldig, und zwar nicht, sofern sie natürlich sind, sondern sofern sie ordnungswidrig sind; das sind sie aber, weil aus der verderbten, befleckten Natur nichts Reines und Lauteres hervorgehen kann.

 

Von dieser Lehre ist Augustin nicht so weit entfernt, wie es den Anschein hat. Er hatte zwar eine mehr als billige Scheu vor der üblen Nachrede, mit der ihn die Pelagianer zu belästigen trachteten, und darum vermeidet er zuweilen auch das Wort „Sünde“ (An Bonifacius, I,13,27; III,3,5). Aber er schreibt doch auch, in den Heiligen bleibe das Gesetz der Sünde, aufgehoben werde in ihnen allein die Schuld; damit zeigt er ganz deutlich, daß er von meiner Anschauung nicht weit ab ist.

 

 

 

III,3,13

 

Ich will aber noch einige weitere Äußerungen beibringen, aus denen seine Anschauung noch klarer werden wird. So schreibt er in seinem zweiten Buche gegen Julian: „Dies Gesetz der Sünde ist durch die geistliche Wiedergeburt vergeben, aber es bleibt im sterblichen Fleische bestehen. Vergeben ist es, weil in dem Sakrament, durch welches die Gläubigen wiedergeboren werden (nämlich der Taufe!), die Schuld gelöst ist; es bleibt aber zugleich, weil es ja die Lüste bewirkt, gegen welche auch die Gläubigen zu streiten haben“ (Gegen Julian, II,3,5). Oder: „Das Gesetz der Sünde also, das auch ein so großer Apostel in seinen Gliedern trug, wird in der Taufe vergeben, aber nicht etwa beendet“ (Ebenda II,4,8). Oder auch: „Dieses Gesetz der Sünde, das zwar in uns bleibt, dessen Schuld aber in der Taufe gelöst ist, hat Ambrosius ‘Ungerechtigkeit’ genannt; denn es ist in der Tat ‘ungerecht’, wenn ‘das Fleisch gelüstet wider den Geist’” (Ebenda II,5,12). Ähnlich auch: „Die Sünde ist tot, was die Schuld anlangt, in der sie uns gefangen hielt; aber bis sie durch vollkommenes Begrabensein gänzlich geheilt ist, leistet sie selbst in ihrem Tode noch Widerstand“ (Ebenda II,9,32). Noch klarer drückt er sich im fünften Buche (gegen Julian) aus: „Die Blindheit des Herzens ist Sünde, kraft deren man nicht an Gott glaubt; sie ist zugleich Strafe für die Sünde, mit der das hoffärtige Herz in gerechter Züchtigung bestraft wird, und sie ist zugleich Ursache der Sünde, da der Irrtum des blinden Herzens sich in Taten auswirkt. Genau dementsprechend ist auch die Begierde des Fleisches, gegen die der gute Geist „gelüstet“, einerseits Sünde, weil ihr der Ungehorsam gegen die Herrschaft des Geistes innewohnt, sie ist anderseits auch Strafe für die Sünde, weil sie die Vergeltung für die Schuld und den Ungehorsam des Menschen darstellt, und sie ist zugleich Ursache der Sünde, weil wir ihr innerlich zustimmen und so abfallen, und weil wir ja schon von Geburt an mit ihr besudelt sind“ (Gegen Julian V,3, 8). Hier nennt also Augustin die böse Begierde unzweideutig „Sünde“; denn hier hat er den Irrtum der Pelagianer bereits niedergeworfen und die Wahrheit zum Siege geführt, deshalb hat er hier weniger Scheu vor der bösen Nachrede seiner Gegner! Ganz ähnlich ist es auch in der 41. Johannespredigt, in der Augustin ohne den Blick auf einen Gegner seines Herzens Meinung frei ausspricht: „Wenn du im Fleische dem Gesetz der Sünde dienst, so mache es nach dem Wort des Apostels: ‘So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten’ (Röm. 6,12). Er sagt: Lasset sie nicht herrschen, nicht aber: lasset sie nicht sein. Denn solange du lebst, ist die Sünde notwendig in deinen Gliedern, nur soll ihr die Herrschaft genommen werden: es soll nicht mehr geschehen, was sie befiehlt!“ (Predigt 41 zum Johannesevangelium).

 

Wer nun behauptet, die böse Lust sei keine Sünde, der beruft sich gern auf das Wort des Jakobus: „Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde“ (Jak. 1,15). Aber das läßt sich ohne Mühe zurückweisen; denn wenn wir nicht begreifen, daß er hier allein von den bösen Werken oder den sogenannten Tatsünden redet, dann wird auch der böse Wille für uns nicht als Sünde gelten. Tatsächlich bezeichnet er die Freveltaten und bösen Werke als Ausgeburten der Begierde und belegt sie mit dem Wort „Sünde“, aber daraus folgt doch keineswegs, daß das Begehren etwa keine böse Sache oder daß es vor Gott nicht verdammlich wäre.

 

 

 

III,3,14

 

Heutzutage haben sich nun gewisse Wiedertäufer an Stelle der geistlichen Wiedergeburt irgendeine tolle Schwärmerei erdacht: nach ihrer Einbildung sollen die Gotteskinder bereits in den Stand der Unschuld zurückversetzt sein; sie brauchen sich also keinerlei Mühe mehr darum zu machen, wie sie die Lüste des Fleisches zähmen, nein, sie brauchen sich nur der Führung des Geistes hinzugeben, unter dessen Antrieb es kein Abirren mehr gibt! Man sollte nicht glauben, daß ein menschlicher Verstand auf einen derartigen Wahnsinn verfallen könnte, wenn sie ihre Lehre nicht offen und stolz ausplauderten. Es ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit; aber die Wiedertäufer erleiden damit die gerechte Strafe für ihre gotteslästerliche Vermessenheit, daß sie es unternommen haben, Gottes Wahrheit in Lüge zu verkehren. Soll denn wirklich aller Unterschied zwischen Schändlich und Ehrenhaft, Gerecht und Ungerecht, Gut und Böse, Tugend und Laster ein Ende haben? Die Wiedertäufer sagen: „Das ist ein Unterschied, der aus dem Fluch über Adam stammt, von dem uns Christus freigemacht hat!“ Das heißt also: zwischen Hurerei und Zucht, Lauterkeit und Verschlagenheit, Wahrheit und Lüge, Billigkeit und räuberischer Habgier soll kein Unterschied mehr sein! Da sagen sie nun aber: „Laß doch diese unnütze Furcht fahren; der Geist wird dir schon nichts Böses befehlen, du mußt dich nur sicher und unerschrocken seinem Antrieb hingeben!“ Wer wollte sich bei solchen Ungeheuerlichkeiten nicht entsetzen! Und doch ist es unter denen, die, durch den wahnsinnigen Drang der Lust verblendet, den gesunden Menschenverstand verloren haben (sensum communem exuerunt), eine ganz alltägliche Weltweisheit!

 

Ich frage nur: Was ist das für ein Christus, den sie uns vormachen, was ist das für ein Geist, den sie ausspeien? Wir kennen nämlich nur den einen Christus und seinen einen Geist, den die Propheten einst gerühmt haben, den uns das Evangelium als den Erschienenen predigt – aber von dem hören wir nichts dergleichen! Denn dieser Geist ist nicht der Schirmherr von Mord und Hurerei, Trunkenheit, hoffärtigem Wesen, Streit, Habgier und Betrug; er wirkt vielmehr Liebe, Keuschheit, Einfachheit, Bescheidenheit, Frieden, Mäßigung und Wahrheit! Er ist nicht ein Taumelgeist, der unbesonnen Hals über Kopf durch Recht und Unrecht hindurch vorstürmt, sondern er ist voll Weisheit und Verstand und unterscheidet damit Recht und Unrecht nach Gebühr voneinander! Er stachelt keinen Menschen zu ruchlosem, unbändigem Mutwillen auf, sondern macht einen scharfen Unterschied zwischen Erlaubt und Unerlaubt und lehrt uns so, Maß und Mäßigung zu halten. Aber wozu soll ich mir weiter Mühe machen, diesen ungeheuerlichen Wahnwitz zu widerlegen? Für den Christen ist der Geist des Herrn kein tobendes Gespenst, das er im Traum empfinge oder aus anderer Leute Träumerei herbekäme, sondern er sucht fromm in der Schrift, um diesen Geist kennenzulernen. Da aber finden wir zweierlei von ihm gesagt.

 

Wir hören erstens, daß er uns zur Heiligung gegeben ist: er soll uns von aller Unreinigkeit und Befleckung reinigen und zum Gehorsam gegenüber der Gerechtigkeit Gottes führen. Dieser Gehorsam aber kann nur bestehen, wenn wir unsere Begierden zähmen und unterwerfen; die Schwärmer wollen dagegen diesen Begierden die Zügel schießen lassen! Zweitens hören wir, daß diese Reinigung

durch die Heiligung des Geistes doch so vor sich geht, daß wir noch von viel Lastern und großer Schwachheit beherrscht werden, solange wir von der Last unseres Leibes eingeschlossen sind. So sind wir noch weit von der Vollkommenheit entfernt und müssen deshalb Tag für Tag etwas weiterschreiten; wir sind in allerlei Laster verstrickt und müssen deshalb alle Tage gegen sie kämpfen. Daraus folgt, daß wir alle Faulheit, alle fleischliche Sicherheit von uns werfen und mit innerster Anspannung auf der Wacht liegen müssen, damit wir nicht in Unvorsichtigkeit von der Tücke unseres Fleisches hintergangen werden. Wir sollen gewiß nicht glauben, wir könnten weiter vorwärtskommen, als der Apostel Paulus: der aber wurde doch von einem Engel des Satans gequält (2. Kor. 12,7), damit „die Kraft in der Schwachheit sich vollende“ (2. Kor. 12,9; nicht Luthertext), und er macht uns nichts vor, wenn er uns den Widerstreit zwischen Fleisch und Geist in seinem eigenen Fleische vor die Augen stellt! (Röm. 7,6ff.).

Institutio – Tag 147

III,3,6

 

Bevor wir aber weitergehen, wird es von Nutzen sein, die oben gegebene Beschreibung der Buße noch näher zu erläutern. Es sind in ihr hauptsächlich drei Stücke zu beachten. Wir sprachen zunächst von der Buße als Hinkehr unseres Lebens zu Gott; darunter verlangen wir eine Umgestaltung, nicht nur in äußeren Werken, sondern in der Seele selbst; denn diese kann erst dann mit dem Werk solche Früchte bringen, die ihrer Erneuerung entsprechen, wenn sie ihr altes Wesen abgelegt hat. Das will der Prophet Ezechiel zum Ausdruck bringen; deshalb ruft er den Menschen, die er zur Buße mahnt, die Weisung zu: „Machet euch ein neues Herz!“ (Ez. 18,31). Wenn daher Mose, wie er es öfters tut, zeigen will, wie die Israeliten sich, von der Buße geleitet, zum Herrn bekehren sollten, dann verlangt er, das solle „von ganzem Herzen“, „von ganzer Seele“ geschehen (Deut. 6,5; 10,12; 30,6), und die Propheten sehen wir diese Redeweise mitunter wiederholen (Jes. 24,7); Mose nennt das auch „Beschneidung des Herzens“, und damit dringt er auch in unsere tiefsten Regungen ein (Deut. 10,16; 30,6). Am deutlichsten aber geht der wahre Sinn der Buße aus dem vierten Kapitel des Propheten Jeremia hervor: „Willst du dich, Israel, bekehren, so bekehre dich zu mir … Pflüget ein Neues und sät nicht unter die Hecken. Beschneidet euch dem Herrn und tut weg die Vorhaut eures Herzens!“ (Jer. 4,1. 3. 4). Sie werden also, das bezeugt ihnen der Prophet, mit all ihrem Eifer um die Erlangung der Gerechtigkeit nichts ausrichten, wenn nicht zu allererst

aus dem tiefsten Herzen die Unfrömmigkeit hinausgeworfen wird! Um sie im Tiefsten zu packen, weist er darauf hin, daß sie es mit dem Gott zu tun haben, vor dem keinerlei Ausflüchte etwas nützen; denn er haßt ja ein zwiespältiges Herz! Deshalb verspottet auch Jesaja das verkehrte Treiben der Heuchler, die sich zwar äußerlich, in allerlei Zeremonien, die größte Mühe mit der Bekehrung machten, aber sich unterdessen gar nicht darum sorgten, die Last der Ungerechtigkeiten, mit der sie die Armen gebunden hielten, wegzunehmen! (Jes. 58,6). Da zeigt er sehr schön, in was für Leistungen eine ungeheuchelte Buße sich eigentlich erweist.

 

 

 

III,3,7

 

Ich habe dann in meiner Beschreibung des Begriffs „Buße“ als zweites wesentliches Stück gelehrt, daß die Buße aus der ernsten Furcht Gottes hervorwächst. Ehe sich nämlich das Herz des Sünders zur Bekehrung neigt, muß es zuvor durch den Gedanken an das göttliche Gericht dazu erweckt werden. Ist uns einmal der Gedanke tief ins Herz gedrungen, daß Gott dereinst seinen Richtstuhl besteigen wird, um Rechenschaft zu fordern für alle unsere Worte und Taten, so läßt er den armen Menschen nicht ruhen, auch nicht einen Augenblick aufatmen, nein, er drängt ihn immer wieder, ein ganz anderes Leben zu begehren, um vor jenem Gericht sicher bestehen zu können. Deshalb erwähnt die Schrift bei ihren Aufrufen zur Buße zwischendurch öfters das Gericht, so bei Jeremia: „… auf daß nicht mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, daß niemand löschen kann, um eurer Bosheit willen!“ (Jer. 4,4). Ähnlich heißt es in der Rede des Paulus an die Athener: „Und zwar hat Gott die Zeit der Unwissenheit übersehen; nun aber gebietet er allen Menschen an allen Enden, Buße zu tun, darum daß er einen Tag gesetzt hat, an welchem er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit …“ (Apg. 17,30f.). So finden wir es auch an vielen anderen Stellen. Zuweilen zeigt uns die Schrift auch durch den Hinweis auf bereits ergangene Strafen, daß Gott der Richter ist: da sollen die Sünder bei sich bedenken, daß ihnen noch schlimmere Strafgerichte drohen, wenn sie sich nicht beizeiten bekehren. Ein Beispiel dafür haben wir im 29. Kapitel des Deuteronomiums (Deut. 29,19ff.).

 

Da nun die Umkehr damit beginnt, daß wir der Sünde gegenüber Abscheu und Haß empfinden, so nennt Paulus die „göttliche Traurigkeit“ (2. Kor. 7,10) den rechten Grund der Buße. Diese „göttliche Traurigkeit“ bedeutet, daß wir nicht etwa bloß vor der Strafe erschrecken, sondern vor der Sünde selbst Haß und Abscheu empfinden, da wir wissen, daß sie Gott ein Greuel ist. Das ist auch nicht verwunderlich: denn wenn wir nicht hart gestochen würden, so wäre unseres Fleisches Trägheit nicht zu beheben; ja, selbst Stiche würden bei seiner Stumpfheit und Faulheit nicht genügen, wenn Gott uns nicht die Rute zu fühlen gäbe und so tiefer auf uns eindränge! Es ist ja auch noch die Halsstarrigkeit da, die wie mit einem Hammer zertrümmert werden muß. Die Strenge, mit der Gott uns droht, zwingt ihm also die Bosheit unseres Herzens ab; denn freundliche Lockung wäre bei uns Schlafenden vergebens. Die einzelnen Schriftzeugnisse, die uns immer wieder begegnen, will ich hierzu nicht aufzählen.

 

Die Furcht Gottes ist aber auch noch in einem anderen Sinne der Anfang der Buße. Hätte ein Mensch in seinem Leben alle Tugenden erlangt, ohne indessen auf den Dienst Gottes ausgerichtet zu sein, so würde er wohl von der Welt gelobt werden, aber im Himmel wäre sein Leben doch ein Greuel; denn das wichtigste Stück der Gerechtigkeit ist ja gerade, daß man Gott sein Recht und die ihm zukommende Ehre zuteil werden läßt: eben dies Recht, diese Ehre rauben wir Gott aber, wenn wir nicht den festen Vorsatz haben, uns seiner Regierungsgewalt zu unterwerfen.

 

 

 

III,3,8

 

Jetzt müssen wir zum Dritten noch erläutern, was es denn bedeuten soll, wenn ich oben davon sprach, die Buße umfasse zwei Stücke, nämlich die Abtötung des Fleisches und die Lebendigmachung des Geistes. Die Propheten drücken das klar aus, obwohl sie sich dem Verständnis des Volkes anpassen und deshalb recht schlicht

und grob davon reden. So heißt es im 34. Psalm: „Laß ab vom Bösen und tue Gutes“ (Ps. 34,15), oder bei Jesaja: „waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen; laßt ab vom Bösen; lernet Gutes zu tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten …“ (Jes. 1,16f.). Denn wenn sie das Volk vor der Bosheit warnen, so fordern sie damit den Untergang des ganzen Fleisches, das ja voller Bosheit und Verderbnis steckt. Es ist freilich sehr schwer und hart, uns selbst auszuziehen und die angeborene Art fahren zu lassen, denn wir dürfen nicht glauben, das Fleisch sei wirklich gestorben, solange nicht alles abgetan ist, was wir von uns selber haben. Weil aber die ganze Sinnesrichtung des Fleisches „Feindschaft wider Gott“ ist (Röm. 8,7), so ist der erste Schritt zum Gehorsam gegen sein Gesetz die Verleugnung unserer eigenen Natur!

 

Danach aber weist der Prophet (an der erwähnten Stelle, Jes. 1,16f.) auch auf die Erneuerung hin, und zwar auf Grund der Früchte, die aus ihr hervorgehen: Gerechtigkeit, Gericht und Barmherzigkeit. Denn es wäre nicht genug, wenn wir uns der Verpflichtung zu solchen Werken ordnungsmäßig entledigten, sofern nicht unser Gemüt und Herz selber die entsprechende Gesinnung angenommen hätte; dies geschieht aber dann, wenn der Geist Gottes unsere Seele in seine Heiligkeit eintaucht, sie mit neuen Gedanken und Regungen erfüllt, so daß sie wirklich als neu gelten darf. Wir werden uns eben, da wir von Natur von Gott abgewandt sind, sicherlich niemals nach dem ausstrecken, was recht ist, wenn wir uns nicht zuvor selber verleugnet haben. Deshalb wird uns so oft befohlen, den alten Menschen auszuziehen, der Welt und dem Fleische abzusagen, unseren Begierden den Abschied zu geben und uns zu „erneuern im Geist unseres Gemüts“ (vgl. Eph. 4,23). Der Ausdruck „Abtötung“ erinnert uns ja auch selbst daran, wie schwer es ist, die frühere Natur zu vergessen: wir merken an diesem Wort, daß wir erst dann zur Furcht Gottes geschickt sind und die Anfangsgründe der Frömmigkeit zu lernen vermögen, wenn uns das Schwert des Geistes mit Gewalt ertötet und zunichte gemacht hat; Gott will uns sozusagen wissen lassen, daß wir allein durch das völlige Vergehen unserer gewöhnlichen Natur dazu gelangen können, zu seinen Kindern gezählt zu werden.

 

 

 

III,3,9

 

Beides, Ersterben und Lebendigwerden kommt uns durch das Teilhaben an Christus zu. Denn wenn wir wahrhaftig an Christi Tod Anteil haben, dann wird durch seine Kraft unser alter Mensch gekreuzigt, dann erstirbt der sündliche Leib, so daß die Verderbnis der ersten Natur ihre Kraft verliert! (Röm. 6,6). Wenn wir seiner Auferstehung teilhaftig werden, dann erstehen wir durch sie zu neuem Leben, das Gottes Gerechtigkeit entspricht. Ich beschreibe also die Buße mit einem Wort als Wiedergeburt; und der Zielpunkt dieser Wiedergeburt ist allein darin zu suchen, daß das Ebenbild Gottes in uns wiederhergestellt wird, welches durch Adams Übertretung besudelt und so gut wie ausgelöscht war. So lehrt es der Apostel, wenn er sagt: „Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der anderen, als vom Herrn, der der Geist ist“ (2. Kor. 3,18). Ähnlich: „Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist zu rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph. 4,23f.). Oder auch: „Ziehet den neuen Menschen an, der da erneuert wird zu der Erkenntnis nach dem Ebenbilde des, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3,10). So werden wir also durch Christi Wohltat in dieser Wiedergeburt zu der Gerechtigkeit Gottes wieder erneuert, aus der wir in Adam herausgefallen waren; das ist die Art, in der es dem Herrn gefallen hat, all die Menschen vollkommen wieder zurechtzubringen, die er zum Erbe des ewigen Lebens angenommen hat.

 

Diese Erneuerung aber kommt nun nicht in einem Augenblick, auch nicht an einem Tag oder in einem einzigen Jahr zur Vollendung; nein, Gott tilgt bei seinen Auserwählten in dauerndem, ja auch langsamem Weiterschreiten die Verderbnisse des Fleisches, er reinigt sie von ihren Befleckungen und weiht sie zu einem Tempel, der ihm heilig sei, erneuert alle ihre Sinne zu wahrer Reinheit, damit sie sich in ihrem ganzen Leben in der Buße üben: sie sollen wissen, daß dieser Kriegsdienst erst mit dem Tode sein Ende findet. Um so größer ist die Bosheit jenes unsauberen Schwätzers, des abtrünnigen Staphylus: er behauptet in seinem Geschwätz, ich vermengte den Zustand des gegenwärtigen Lebens mit der himmlischen Herrlichkeit, weil ich nach Paulus vom Ebenbilde Gottes (2. Kor. 4,4) behaupte, es bestehe in „wahrhaftiger Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (vgl. Eph. 4,24). Als ob man, wenn man ein Ding beschreibt, nicht dessen vollendetes, vollkommenes Wesen suchen müßte! Es wird damit ja auch dem Wachstum nicht der Raum streitig gemacht; ich behaupte nur: so weit jemand der Ähnlichkeit mit Gott nähergekommen ist, muß man von ihm urteilen, in ihm leuchte Gottes Ebenbild hervor. Damit die Gläubigen dahin gelangen, weist ihnen Gott die Kampfbahn der Buße zu, auf der sie ihr Leben lang zu laufen haben.

 

 

 

III,3,10

 

Durch die Wiedergeburt werden also die Kinder Gottes von der Knechtschaft der Sünde frei; aber nicht etwa derart, daß sie gleichsam den vollen Besitz dieser Freiheit bereits erlangt hätten und nun von seiten ihres Fleisches keinerlei Beschwernis mehr empfänden; nein, vielmehr so, daß ihnen immer Anlaß genug zum Streite bleibt, der ihnen Übung verleihen, ja nicht nur dies, sondern der ihnen auch ihre Schwachheit besser zum Bewußtsein bringen soll. Alle kirchlichen Schriftsteller mit einigermaßen gesundem Urteil sind darin einig, daß auch im wiedergeborenen Menschen ein Zündstoff für das Böse bleibt, aus dem in einem fort die Begierden hervorbrechen, die ihn zur Sünde verleiten und aufstacheln. Sie gestehen auch, daß die Heiligen von dieser Krankheit der Begierde dermaßen umstrickt sind, daß sie zuweilen unvermeidlich zur bösen Lust, zur Habgier, zur Ehrsucht oder zu anderen Lastern gereizt und angetrieben werden. Es ist nicht erforderlich, hier viel Mühe auf das Aufsuchen von Aussprüchen der Alten zu verwenden; es genügt dazu der Hinweis auf Augustin, der mit Treue und großem Fleiß die Aussagen aller Kirchenväter dazu gesammelt hat (in der Schrift gegen den Pelagianer Julian, II,1,3). Aus ihm mögen sich die Leser ihre Kenntnis holen, wenn sie eine begründete Anschauung von der Meinung der Alten haben wollen.

 

Man könnte freilich zwischen Augustins Überzeugung und der meinigen einen scheinbaren Unterschied feststellen. Augustin gibt zwar zu, daß die Gläubigen, solange sie in ihrem sterblichen Leibe wohnen, dermaßen von den Begierden gefesselt gehalten werden, daß sie nicht anders können, als zu begehren; er wagt aber nicht, dieses Gebrechen als Sünde zu bezeichnen; vielmehr gibt er sich zur Andeutung dieses Gebrechens mit der Bezeichnung „Schwachheit“ zufrieden und lehrt, erst dann werde daraus die Sünde, wenn zu dem Vorsatz und dem bösen Gedanken das Werk selbst oder die bewußte innere Zustimmung käme, wenn also der Wille diesem ersten Antrieb nachgebe. Ich dagegen halte auch das für Sünde, daß der Mensch überhaupt von irgendeiner Begierde gegen Gottes Gesetz aufgestachelt wird; ja ich behaupte, daß die Bosheit selbst, die all diese vielen Begierden in uns erzeugt, für Sünde zu halten ist. Ich lehre also, daß in den Heiligen, solange sie diesen sterblichen Leib an sich tragen, immer noch Sünde wohnt; denn in ihrem Fleische hat jene Bosheit, die die Begierde hervorbringt, jene Bosheit, die mit der Rechtschaffenheit im Widerspruch steht, ihre Wohnstatt.

 

Indessen meidet Augustin den Ausdruck „Sünde“ in diesem Sinne nicht immer; so sagt er: „Unter ‘Sünde’ versteht Paulus das, woraus alle Sünden hervorgehen, nämlich die fleischliche Begierde. Im Bezug auf die Heiligen nun verliert diese auf

Erden ihr Herrschaftsrecht, und im Himmel vergeht sie“ (Predigt 155). Mit diesen Worten gibt er zu, daß die Gläubigen, sofern sie den Begierden des Fleisches unterworfen sind, der Sünde schuldig sind.

Institutio – Tag 146

III,3,2

 

Die Vertreter der letztgenannten Ansicht behaupten nun, Christus und Johannes der Täufer hätten in ihren Reden zuerst das Volk zur Buße aufgefordert, und erst dann hätten sie auch zugefügt: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Matth. 3,2; 4,17). Der gleiche Auftrag ist nach ihrem Hinweis auch den Aposteln für ihre Predigt mitgegeben worden; auch Paulus ist dieser Regel gefolgt, wie Lukas berichtet (Apg. 20,21). Aber sie klammern sich dabei abergläubisch an die äußerliche Reihenfolge der Silben und achten nicht darauf, in welchem Sinn diese untereinander zusammenhängen. Wenn nämlich der Herr Christus und Johannes bei ihrer Predigt ausrufen: „Tut Buße; denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, so sehen sie doch gerade in der Gnade und der Heilsverheißung den Grund für die Buße! Was sie sagen, ist genau dasselbe, als wenn sie sich ausdrückten: Da das Himmelreich nahe herbeigekommen ist, so tut Buße! Das macht uns auch Matthäus deutlich: er berichtet, wie Johannes in dieser Welt gepredigt hat, und dann erklärt er, in ihm sei die Weissagung des Jesaja in Erfüllung gegangen: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste. Bereitet dem Herrn den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott“ (Jes. 40,3). Bei dem Propheten aber bekommt diese „Stimme“ den Auftrag, mit dem Trost und der fröhlichen Botschaft zu beginnen!

 

Wenn ich nun aber den Ursprung der Buße im Glauben suche, so bedeutet das doch nicht, daß ich mir etwa einen Zeitabstand zwischen beiden erträumte, in welchem der Glaube die Buße hervorbrachte; ich will nur darlegen, daß der Mensch nicht ernstlich nach der Buße trachten kann, wenn er nicht weiß, daß er Gottes Eigentum ist. Die Gewißheit, Gottes Eigentum zu sein, kann aber nur der erlangen, der zuvor seine Gnade ergriffen hat. Doch dies wird im Laufe der Erörterung noch deutlicher werden.

 

Was jene Täuschung (hinsichtlich der Aufeinanderfolge von Glauben und Buße) hervorgerufen hat, mag auch die Beobachtung gewesen sein, daß viele Menschen von den Schrecken des Gewissens bezwungen und zum Gehorsam gebracht werden, bevor sie eine Erkenntnis der Gnade erlangt, ja auch nur von ihr gekostet haben. Das ist nun eine solche Furcht, wie sie Anfänger haben; einige wollen sie gar zu den Tugenden rechnen, weil sie sehen, daß sie dem wahren, rechten Gehorsam immerhin nahekommt. Aber hier handelt es sich ja nicht darum, auf wie verschiedene Weise uns Christus zu sich zieht oder auf das Trachten nach Frömmigkeit vorbereitet; ich sage nur das Eine: es ist keine Aufrichtigkeit zu finden, bei der nicht der Heilige Geist das Regiment führt, den Christus empfangen hat, um ihn seinen Gliedern mitzuteilen. Auch wird ja nach dem Psalmwort: „Bei dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte“ (Ps. 130,4), nur der wirklich Gott fürchten, der darauf vertraut, daß er ihm gnädig ist; nur der wird sich willig aufmachen, um das Gesetz zu beobachten, der die Gewißheit hat, daß sein Dienst Gott wohlgefällt. Und dabei ist die Nachsicht, mit der Gott unsere Laster vergibt und trägt, ein Zeichen seiner väterlichen Gunst. Das zeigt uns auch ein Mahnwort des Hosea: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns zerschlagen, er wird uns auch verbinden“ (Hos. 6,1). Da wird die Hoffnung auf die Vergebung als ein Antrieb hinzugesetzt, damit das Volk nicht in seinen Sünden verstumpfe.

 

Jeden Schein einer Begründung entbehrt aber der Wahnwitz solcher Leute, die, um ja mit der Buße einen Anfang zu machen, ihren Neulingen im Glauben bestimmte Tage vorschreiben, an denen sie sich in der Buße üben sollen, und sie erst dann in die Gemeinschaft an der Gnade des Evangeliums aufnehmen wollen, wenn diese Tage vorbei sind. Ich spreche hier von den meisten der Wiedertäufer, besonders von denen, die sich wunderbar darin gefallen, für „geistlich“ gehalten zu werden, ferner auch von ihren Genossen, den Jesuiten, und ähnlichem Auswurf. Solche Früchte bringt nämlich jener Schwindelgeist, daß man die Buße, die ein Christenmensch sein Leben lang zu üben hat, auf wenige Lage beschränkt.

 

 

 

III,3,3

 

Einige gelehrte Männer haben nun lange vor dieser Zeit in der Absicht, von der Buße nach der Regel der Schrift schlicht und klar zu reden, den Satz ausgesprochen, sie bestehe aus zwei Stücken: Abtötung und Lebendigmachung.

 

Unter „Abtötung“ (mortificatio) verstehen sie den Schmerz der Seele und das Erschrecken, das aus der Erkenntnis der Sünde und aus dem Empfinden des Zorns Gottes entsteht. Sobald nämlich jemand zur wahren Erkenntnis der Sünde gebracht ist, fängt er auch an, die Sünde wirklich zu hassen und zu verabscheuen, dann mißfällt er sich selbst von Herzen, gesteht, daß er elend und verloren ist, und begehrt, ein anderer Mensch zu werden. Sobald ihn dann ein Empfinden des Gerichtes Gottes erfaßt – denn dies Zweite folgt von selbst aus dem Ersten! – dann liegt er erschüttert und zerschmettert am Boden, erzittert in Demut und Beugung, verzagt und verzweifelt. Das ist der erste Teil der Buße, den man auch gewöhnlich Zerknirschung (contritio) nennt.

 

Unter „Lebendigmachung“ (vivificatio) versteht man den Trost, der aus dem Glauben zu uns kommt: da darf nämlich der Mensch, den das Bewußtsein der Sünde zu Boden geworfen, die Furcht Gottes erschüttert hat, hernach auf Gottes Güte, Barmherzigkeit und Gnade schauen, auf das Heil, das durch Christus geschieht;

da richtet er sich auf, schöpft Atem, faßt wieder Mut und kommt sozusagen vom Tode ins Leben!

 

Diese beiden Ausdrücke (Abtötung und Lebendigmachung) bringen, sofern nur ihre richtige Auslegung festgehalten wird, die Kraft der Buße in geeigneter Weise zum Ausdruck. Dagegen kann ich dem nicht zustimmen, daß man die Lebendigmachung als die Freude versteht, die das Herz empfängt, wenn es aus der Erschütterung und Furcht heraus wieder zur Ruhe gekommen ist. Lebendigmachung bedeutet vielmehr das eifrige Trachten nach einem heiligen und frommen Leben, wie es aus der Wiedergeburt erwächst, es besagt also soviel, als wenn es hieße: der Mensch stirbt sich selber, um Gott zu leben.

 

 

 

III,3,4

 

Andere Theologen gingen von der Beobachtung aus, daß der Begriff „Buße“ in der Schrift verschieden verstanden ist, und deshalb haben sie zweierlei Gestalt der Buße unterschieden. Dazu bedurfte es bestimmter Kennzeichen, und so nannte man die erste Gestalt „gesetzliche Buße“: der Sünder wird durch das Brandmal der Sünde verwundet, vom Schrecken vor Gottes Zorn zerschmettert, und in dieser Verwirrung bleibt er hängen und kann sich nicht herauswinden. Die andere Gestalt der Buße nannte man „evangelisch“: auch hier ist der Sünder in sich selbst schwer getroffen, aber er vermag doch höher zu dringen und ergreift Christus als Arznei für seine Wunde, als Trost in seinem Schrecken, als Hafen für sein Elend.

 

Als Beispiel für die „gesetzliche“ Buße nennt man Kain, Saul und Judas Ischariot (Gen. 4,13; 1. Sam. 15,30; Matth. 27,4); von deren Buße berichtet uns die Schrift, und sie versteht darunter, daß sie die Schwere ihrer Sünde erkannt und Gottes Zorn gefürchtet haben; aber sie verstanden Gott bloß als Rächer und Richter, und über dieser Empfindung sind sie zugrunde gegangen. Ihre Buße war also nichts anderes als gewissermaßen der Vorhof der Hölle: in ihn sind sie schon bei Lebzeiten eingegangen und haben da angesichts des Zornes der Majestät Gottes angefangen, ihre Strafe zu erleiden.

 

Die „evangelische“ Buße können wir an all den Menschen beobachten, die zwar in sich selber vom Stachel der Sünde verletzt waren, aber durch die Zuversicht auf Gottes Erbarmen wieder aufgerichtet und erquickt und zu dem Herrn bekehrt wurden. So wurde Hiskia durch die Todesbotschaft, die er erhielt, in Schrecken gejagt, aber er betete unter Tränen, richtete den Blick auf Gottes Güte und gewann so wieder Zuversicht (2. Kön. 20,2; Jes. 38,2). Auch die Niniviten wurden durch die Schreckensbotschaft von dem Untergang der Stadt erschüttert, aber sie beteten im Sack und in der Asche und hofften, der Herr könnte anderen Sinnes werden und von dem Grimm seines Zorns sich abkehren (Jon. 3,5). David mußte bekennen, daß er mit seiner Volkszählung schrecklich gesündigt hatte, aber er fügte doch die Bitte hinzu: „Herr, nimm weg die Missetat deines Knechts!“ (2. Sam. 24,10). Er erkannte auf die harten Tadelworte des Nathan hin seinen Ehebruch als Schuld an und warf sich vor dem Herrn nieder; aber er hoffte doch zugleich auf Vergebung! (2. Sam. 12,13. 16). Von dieser Art war auch die Buße der Menschen, denen die Predigt des Petrus „durchs Herz ging“, die aber dann doch im Vertrauen auf Gottes Güte weiterhin fragten: „Ihr Männer, lieben Brüder, was sollen wir tun?“ (Apg. 2,37). Von dieser Art war auch die Buße des Petrus selber, der zwar „bitterlich weinte“, aber doch nicht aufhörte zu hoffen (Matth. 26,75; Luk. 22,62).

 

 

 

III,3,5

 

All dies ist wahr; und doch besagt der Ausdruck „Buße“ selbst, sofern ich ihn aus der Schrift verstehen kann, etwas anderes. Daß man dabei nämlich den Glauben mit unter der Buße begreift (im Sinne der „evangelischen“ Buße), das steht im Widerspruch zu den Worten des Paulus in der Apostelgeschichte: „Und habe bezeugt, beiden, den Juden und Griechen, die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus (Apg. 20,21). Da nennt er Buße und Glauben nebeneinander als zwei verschiedene Dinge. Ja, fragt man, kann denn die wahre Buße ohne den Glauben

bestehen? – Gewiß nicht. Man kann sie nicht voneinander trennen, aber man muß sie deshalb doch voneinander unterscheiden! Der Glaube ist ja auch nie ohne die Hoffnung da, und doch sind Glaube und Hoffnung etwas Verschiedenes; so muß man auch Buße und Glauben, obwohl sie durch ein beständiges Band zusammenhängen, doch miteinander verbunden denken, statt sie zu vermischen.

 

Es ist mir zwar nicht verborgen, daß unter dem Ausdruck „Buße“ die ganze Bekehrung zu Gott begriffen wird, zu der ja nicht zuletzt auch der Glaube gehört; in welchem Sinne das aber geschieht, das wird sich leicht zeigen, wenn wir Kraft und Wesen der Buße näher beleuchtet haben. Das Wort „Buße“ ist bei den Hebräern von „Umkehr“ oder „Rückkehr“, bei den Griechen von „Änderung des Sinnes“ oder „Änderung eines Ratschlusses“ hergenommen; beiden sprachlichen Ableitungen entspricht die beschriebene Sache durchaus: Buße ist ja im wesentlichen darin beschlossen, daß wir von uns selbst auswandern und uns zu Gott „kehren“, daß wir den vorigen Sinn ablegen und einen neuen annehmen! Es ist deshalb, nach meinem Urteil wenigstens, keine üble Beschreibung des Begriffs „Buße“, wenn man sagt: Buße ist die wahre Hinkehr unseres Lebens zu Gott, wie sie aus echter und ernster Gottesfurcht entsteht; sie umfaßt einerseits das Absterben unseres Fleisches und des alten Menschen, anderseits die Lebendigmachung im Geiste.

 

In diesem Sinne muß man auch all die Reden verstehen, mit denen einst die Propheten und dann später die Apostel die Menschen ihrer Zeit zur Buße mahnten. Denn sie haben alle auf das Eine gedrungen, daß die Menschen, erschüttert von ihren Sünden, durchbohrt von der Furcht vor Gottes Gericht, sich vor Gott, den sie abtrünnig verlassen hatten, niederwarfen, sich vor ihm demütigten und in wahrer Bekehrung auf seinen rechten Weg zurückkehrten. Die Worte, die sie brauchten, hatten also unterschiedslos alle den gleichen Sinn, ob es nun heißt „sich zu Gott kehren“ oder „zu Gott umkehren“ oder „anderen Sinnes werden“ oder „Buße tun“ (Matth. 3,2). Deshalb heißt es in der Heiligen Geschichte auch, das Bußetun bedeute eine Wendung „zu Gott“: das geschieht, wenn Menschen, die sich von ihm abgewandt und sich in ihren Lüsten haben gehen lassen, nun anfangen, seinem Worte zu gehorchen (1. Sam. 7,3), sich seiner Führung zu unterstellen und zu gehen, wohin er sie ruft! Johannes und Paulus sprechen auch von „würdigen Früchten der Buße“, die einer bringt (Luk. 3, 8; Röm. 6,4; Apg. 26,20), und verstehen darunter, daß einer ein Leben führt, das in allen seinen Taten ein Erweis, ein Zeugnis dieser Umkehr ist.

Institutio – Tag 145

III,2,42

 

Wo aber nun auch immer dieser Glaube lebendig ist, da hat er notwendig die Hoffnung auf das ewige Heil zum unzertrennlichen Begleiter, ja vielmehr er erzeugt sie, bringt sie hervor. Fehlt diese Hoffnung, so mögen wir noch so geistreich und geziert vom Glauben zu reden wissen – wir können uns doch darauf verlassen, daß wir keinen haben! Denn wenn der Glaube, wie wir gehört haben, eine gewisse Überzeugung von Gottes Wahrheit ist, eine Überzeugung, daß uns diese Wahrheit nicht belügen und betrügen, daß sie nicht ungültig werden kann – so muß doch der, der diese Gewißheit gefaßt hat, zugleich auch erwarten, daß Gott seine Verheißungen halten wird, die doch nach seiner festen Überzeugung notwendig wahr sein müssen! Die Hoffnung ist eben alles in allem nichts anderes als die Erwartung der Dinge, die nach der Überzeugung des Glaubens von Gott wahrhaft verheißen sind. So ist der Glaube gewiß, daß Gott wahrhaftig ist, und die Hoffnung erwartet, daß er zu gelegener Zeit seine Wahrheit offenbart; der Glaube ist gewiß, daß er unser Vater ist, die Hoffnung erwartet, daß er sich an uns stets als solcher erweisen wird; der Glaube ist gewiß, daß uns das ewige Leben gegeben ist, die Hoffnung erwartet, daß es einst enthüllt werden wird; der Glaube ist das Fundament, auf dem die Hoffnung ruht, die Hoffnung nährt und stützt den Glauben. Niemand

kann von Gott irgend etwas erwarten, wenn er nicht zuvor seinen Verheißungen glaubt, aber ebenso muß unser schwacher Glaube, um nicht ermattet niederzusinken, dadurch unterstützt und erhalten werden, daß wir geduldig hoffen und warten. Es ist deshalb richtig, wenn Paulus unser Heil als Sache der Hoffnung darstellt (Röm. 8,24). Indem sie stille des Herrn wartet, hält sie den Glauben in Schranken, damit er sich nicht in allzu großer Eile überstürze, stärkt ihn, damit er hinsichtlich der Verheißungen Gottes nicht schwanke oder an ihrer Wahrheit zu zweifeln anfange, erfrischt ihn, damit er sich nicht ermüde, und läßt ihn bis zu jenem äußersten Ziele währen, damit er nicht mitten im Laufe oder auch in dessen Anfang ermatte. Kurzum, die Hoffnung erneuert und belebt den Glauben je und je und sorgt dafür, daß er immer wieder kräftiger sich erhebt, um bis ans Ende zu beharren.

 

In wievielerlei Weise nun überhaupt der Glaube der Hilfe der Hoffnung bedarf, um Festigkeit zu erlangen, das wird uns noch deutlicher, wenn wir in Betracht ziehen, in wievielerlei Weise die Menschen, die Gottes Wort angenommen haben, von der Anfechtung berannt und in Bedrängnis gebracht werden. Zunächst schiebt der Herr öfters die (Erfüllung seiner) Verheißungen hinaus und hält so unser Herz länger in der Schwebe, als wir es uns wünschen möchten; da ist es denn das Amt der Hoffnung, die Weisung des Propheten zu erfüllen: „Ob sie aber verzieht, so harre ihrer!“ (Hab. 2,3). Zuweilen läßt er uns nicht nur in unserer Mattigkeit schmachten, sondern legt offenkundigen Zorn an den Tag: da ist es eben um so mehr erforderlich, daß uns die Hoffnung zu Hilfe kommt, damit wir es nach dem Worte eines anderen Propheten halten können: „Ich hoffe auf den Herrn, der sein Angesicht verborgen hat vor dem Hause Jakob; ich aber harre sein!“ (Jes. 8,17). Auch erheben sich manchmal, wie sich Petrus ausdrückt, „Spötter“ (2. Petr. 3,3), und fragen: „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie von Anfang der Kreatur gewesen ist!“ (2. Petr. 3,4). Ja, solche Gedanken blasen uns unser Fleisch und die Welt gleichermaßen ein! Da muß der Glaube auf die Dulderkraft der Hoffnung gestützt sein und an der Betrachtung der Ewigkeit festgehalten werden, er muß wissen, daß da „tausend Jahre sind wie ein Tag“ (Ps. 90,4; 2. Petr. 3, 8).

 

 

 

III,2,43

 

Weil Glaube und Hoffnung so fest miteinander verbunden, ja verwandt sind, so gebraucht die Schrift zuweilen die Wörter „Glaube“ und „Hoffnung“ durcheinander. Wenn z.B. Petrus lehrt, wir würden „aus Gottes Macht durch den Glauben bewahret“ bis zur Offenbarung der Seligkeit (1. Petr. 1,5), so schreibt er damit dem Glauben etwas zu, das eigentlich mehr zum Wesen der Hoffnung passen würde; und zwar nicht zu Unrecht, denn die Hoffnung ist ja, wie wir bemerkten, nichts als die Nahrung und Kraft des Glaubens.

 

Manchmal werden „Glaube“ und „Hoffnung“ auch miteinander verbunden; so heißt es in dem gleichen Briefe: „Auf daß ihr Glauben und Hoffnung zu Gott haben möchtet“ (1. Petr. 1,21). Paulus aber leitet im Philipperbrief aus der Hoffnung die Erwartung ab: denn indem wir geduldig hoffen, lassen wir unsere Wünsche in der Schwebe, bis Gottes gelegene Zeit sich offenbart hat (Phil. 1,20). Dies alles kann man noch deutlicher aus dem bereits angeführten elften Kapitel des Hebräerbriefes entnehmen. Das Gleiche meint auch Paulus an einer Stelle, an der er allerdings uneigentlich redet: „Wir aber warten im Geist durch den Glauben der Gerechtigkeit, auf die man hoffen muß“ (Gal. 5,5). Nachdem wir nämlich das Zeugnis des Evangeliums von Gottes freignädiger Liebe angenommen haben, warten wir, bis Gott offenbarlich zeigt, was jetzt noch unter der Hoffnung verborgen ist!

 

Ganz klar ist es nun, wie unsinnig es ist, wenn Petrus Lombardus ein zwiefaches Fundament der Hoffnung gelegt denkt, nämlich Gottes Gnade und das

Verdienst unserer Werke. Nein, für die Hoffnung kann es keinen anderen Richtpunkt geben als den Glauben; der Glaube aber hat, wie wir bereits ganz klar auseinandersetzten, nur einen einzigen Richtpunkt, nämlich Gottes Barmherzigkeit; und darum müssen wir auf sie sozusagen mit beiden Augen schauen! Aber es ist doch der Mühe wert, zu hören, was für einen kräftigen Grund der Lombarde anführt; er sagt: „Wenn du etwas ohne dein Verdienst zu hoffen wagst, so ist das nicht Hoffnung, sondern Vermessenheit zu nennen!“ Lieber Freund und Leser, sollte man nicht verdientermaßen solche Bestien verabscheuen, die es hoffärtig und vermessen nennen, wenn jemand darauf vertraut, daß Gott wahrhaftig ist? Der Herr will doch, daß wir von seiner Güte alles erwarten sollen; solche Leute erklären es aber für vermessen, wenn man sich auf diese Güte stützt und verläßt! Dieser Meister ist der Schüler wohl wert, wie er sie in den unsinnigen scholastischen Zungendrescherschulen gefunden hat! Wir aber wollen, da wir ja sehen, wie Gott in klaren Weisungen dem Sünder befiehlt, Hoffnung auf das Heil zu fassen, gern so „vermessen“ auf seine Wahrheit trauen, daß wir allein auf sein Erbarmen bauen, alle Zuversicht auf die Werke von uns werfen und fröhlich zu hoffen wagen! Denn er hat gesagt: „Euch geschehe nach eurem Glauben“ (Matth. 9,29) – und er wird nicht trügen!

 

Drittes Kapitel: Durch den Glauben werden wir wiedergeboren. Hier ist von der Buße zu sprechen

 

 

 

III,3,1

 

Im Bisherigen habe ich zwar bereits zum Teil auseinandergesetzt, wie der Glaube Christus besitzt und wie wir durch ihn seine Güter genießen; aber das würde alles noch undeutlich bleiben, sofern nicht auch eine Darlegung der Wirkungen hinzukäme, die wir erfahren. Es ist nicht verkehrt, wenn man sagt, der Hauptinhalt des Evangeliums bestehe in der Buße und der Vergebung der Sünden. Wollte man also diese beiden Hauptstücke auslassen, so wäre jede Erörterung über den Glauben inhaltslos und verstümmelt, ja schier unnütz! Christus schenkt uns doch beides, und beides erlangen wir auch im Glauben: die Erneuerung des Lebens und die Versöhnung aus Gnaden; der sachliche Zusammenhang und die geordnete Reihenfolge in der Unterweisung erfordert es also, daß ich hier von diesen beiden Lehrstücken zu sprechen beginne.

 

Zunächst müssen wir aber vom Glauben zur Buße übergehen; haben wir dies Lehrstück recht verstanden, so wird es uns besser klar werden, wieso der Mensch allein durch den Glauben und durch reine Vergebung gerechtfertigt wird und wieso doch von dieser gnadenweisen Anrechnung der Gerechtigkeit die wirkliche Heiligkeit des Lebens – wenn ich mich so ausdrücken darf! – nicht getrennt ist.

 

Daß aber die Buße alsbald auf den Glauben folgt, ja aus ihm entsteht, das muß außer Zweifel stehen. Vergebung und Lossprechung (von den Sünden) wird ja durch die Verkündigung des Evangeliums so dargeboten, daß der Sünder von der Tyrannei des Satans, vom Joch der Sünde, von der elenden Knechtung unter seine Laster frei wird und in Gottes Reich übergeht; deshalb kann nun niemand die Gnade des Evangeliums annehmen, ohne aus den Irrtümern seines bisherigen Lebens heraus auf den rechten Weg zurückzulenken und all seinen Eifer auf ein ernstes Trachten nach der Buße zu richten.

 

Einige meinen, die Buße gehe dem Glauben voran, statt aus ihm hervorzugehen oder wie eine Frucht aus dem Baume zu erwachsen; aber diese Leute haben die Kraft der Buße nie und nimmer verstanden und stützen ihre Ansicht auf unzureichende Beweise.

 

 

Institutio – Tag 144

III,2,39

 

Aber sie schützen vor, es fei freventliche Vermessenheit, wenn sich ein Mensch die unbezweifelte Erkenntnis des Willens Gottes anmaßen wollte. Das würde ich ihnen gern zugestehen, wenn wir uns herausnähmen, Gottes unbegreiflichen Ratschluß unserem schwachen Verstande unterwerfen zu wollen. Wir sagen aber doch einfach mit Paulus: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist“ (1. Kor. 2,12). Wie wollen sie dagegen etwas schreien, ohne zugleich dem Heiligen Geiste Verachtung anzutun? Wenn es nun eine schreckliche Gotteslästerung ist, die von ihm

uns zukommende Offenbarung für Lüge, für ungewiß oder für zweifelhaft zu erklären – was soll dann Verwerfliches darin liegen, wenn wir ihre Gewißheit behaupten?

 

Aber sie schreien, auch das sei nicht frei von großer Vermessenheit, daß wir uns des Geistes Christi so hoch zu rühmen wagten! Es ist doch kaum glaublich, daß Leute, die gern für die Lehrmeister aller Welt gehalten werden möchten, dermaßen stumpfsinnig sein sollten, daß sie gleich bei den ersten Anfangsgründen der Religion so schändlich anstoßen! Ich würde es selber ganz sicher nicht annehmen, wenn es nicht ihre Schriften tatsächlich bezeugten! – Paulus erklärt, nur die seien Gottes Kinder, „welche der Geist Gottes treibt“ (Röm. 8,14). Die Scholastiker dagegen behaupten, die Kinder Gottes würden von ihrem eigenen Geist getrieben und seien gänzlich ohne Gottes Geist! Paulus lehrt uns, Gott als unseren Vater anzurufen, und zwar weil uns dieses Wort vom Heiligen Geist in den Mund gelegt wird, der allein unserem Geist Zeugnis geben kann, „daß wir Gottes Kinder sind“ (Röm. 8,16). Die Scholastiker wollen zwar auch niemand von der Anrufung Gottes zurückhalten, aber sie reißen den Heiligen Geist heraus, unter dessen Führung wir Gott erst richtig anrufen können! Paulus bestreitet, daß Menschen, die nicht vom Geiste Christi getrieben werden, Christi Knechte wären (Röm. 8,9). Sie aber erdichten sich ein Christentum, das des Geistes Christi nicht bedarf! Paulus macht uns nur dann Hoffnung auf die selige Auferstehung, wenn wir empfinden, daß Christi Geist in uns wohnt (Röm. 8,11), – sie aber machen sich eine Hoffnung ohne dieses Empfinden zurecht!

 

Sie werden aber vielleicht entgegnen, sie leugneten gar nicht, daß man mit dem Geist begabt sein müßte, nur sei es ein Zeichen von Bescheidenheit und Demut, wenn man das (für sich selbst) nicht behaupte! Was mag aber dann Paulus gemeint haben, wenn er die Korinther auffordert, sie sollten sich selbst „versuchen“, ob sie im Glauben stünden, sollten sich selbst prüfen, ob sie Christus hätten – weil doch eben der, der nicht erkennt, daß Christus in ihm wohnt, verworfen sei? (2. Kor. 13,5). Johannes sagt doch auch: „Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat“ (1. Joh. 3,24). Was tun wir denn anders, als Christi Verheißungen in Zweifel zu ziehen, wenn wir ohne seinen Geist für seine Knechte gehalten werden wollen, wo er uns doch zugesagt hat, er werde ihn über uns alle ausgießen? (Jes. 44,3; Joel 3,1). Was ist es anders als Beleidigung des Heiligen Geistes, wenn wir den Glauben, sein eigentliches Werk, von ihm abtrennen? Das sind doch die ersten Anfängerübungen im Glauben, und deshalb ist es jämmerlichste Verblendung, wenn man Christen der Vermessenheit bezichtigt, weil sie sich der Gegenwart des Heiligen Geistes zu rühmen wagen; denn ohne dieses Rühmen hat das Christentum keinen Bestand. Die Scholastiker aber beweisen doch mit ihrem eigenen Beispiel, wie sehr Christus recht hatte, wenn er sagte, die Welt könne seinen Geist nicht erkennen, denn er werde nur von denen erkannt, bei denen er „bleibe“ (Joh. 14,17).

 

 

 

III,2,40

 

Aber um nicht nur durch das Vortreiben dieses einen unterirdischen Stollens danach zu trachten, die Gewißheit des Glaubens zu zerstören, führen sie ihren Angriff auch noch von einer anderen Seite. Gesteht man allenfalls zu, daß sich nach dem gegenwärtigen Stande unserer Gerechtigkeit ein Urteil über Gottes Gnade gewinnen läßt, so behauptet man doch, daß wir über die Beharrung bis ans Ende nichts Endgültiges zu wissen vermögen! Da bliebe uns nun aber eine herrliche Zuversicht auf das Heil, wenn wir zwar für den gegenwärtigen Augenblick auf Grund einer „moralischen Vermutung“ zu der Ansicht kämen, wir seien vor Gott in Gnaden, wenn wir aber keine Ahnung hätten, was morgen geschehen kann! Da redet doch der Apostel ganz anders: „Ich bin gewiß, daß weder Engel, noch Fürstentümer, noch Gewalten, weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn“ (Röm. 8,38f.; ungenau). Da versuchen sich nun die Scholastiker

durch eine leichtfertige Lösung herauszuwinden, indem sie schwatzen, das habe Paulus aus einer besonderen (nur ihm allein geltenden) Offenbarung empfangen; aber sie werden doch zu gründlich festgehalten, als daß sie entgehen könnten. Denn Paulus redet an dieser Stelle von den Gütern, die allen Gläubigen gleichermaßen aus dem Glauben zukommen, nicht aber von dem, was er allein für sich selbst erfährt. „Aber“ – so entgegnet man – „er schreckt uns doch oft mit dem Hinweis auf unsere Schwachheit und Unbeständigkeit! Er sagt doch: ‘wer sich läßt dünken, daß er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle’ (1. Kor. 10,12).“ Das ist richtig; aber das ist doch kein Schrecken, der uns zu Boden werfen, sondern der uns lehren soll, uns unter Gottes Hand zu demütigen, wie es Petrus auseinandersetzt! (1. Petr. 5,6).

 

Wie töricht ist es ferner, die Gewißheit des Glaubens, die ja ihrem Wesen nach die Schranken dieses Lebens überspringt und sich nach der künftigen Unsterblichkeit ausstreckt, auf einen einzigen Zeitpunkt einzuschränken! Die Gläubigen danken der Gnade Gottes ja gerade dafür, daß sie nun durch Gottes Geist erleuchtet sind und durch den Glauben die Betrachtung des himmlischen Lebens genießen dürfen, und deshalb hat jenes Rühmen rein gar nichts mit Vermessenheit zu tun, im Gegenteil: wenn sich einer scheut, das zu bekennen, so beweist er damit eher die äußerste Undankbarkeit – denn er unterdrückt ja in Bosheit Gottes Güte! -, als etwa Bescheidenheit und Demut!

 

 

 

III,2,41

 

Wir haben gesehen, daß das Wesen des Glaubens nicht besser und deutlicher beschrieben werden kann, als aus dem Grundwesen der Verheißung heraus, auf der er ja als auf seinem eigenen Fundament ruht und ohne die er gänzlich zerrüttet, ja vielmehr zu nichts gemacht würde. Deshalb habe ich auch meine Begriffsbestimmung von dort her genommen. Diese ist freilich von der Bestimmung oder vielmehr Beschreibung, die der Apostel in Anpassung an seine Erörterung gibt, in keiner Weise verschieden. Er lehrt da, der Glaube sei ein beständiger Grund (subsistentia) von Dingen, die man hofft, und ein Selbsterweis dessen, was man nicht sieht (Hebr. 11,1; nicht Luthertext). Denn der Ausdruck „hypostasis“, den er hier (an erster Stelle) anwendet, bedeutet wohl soviel wie „Stütze“ (fulcrum), also das, worauf ein frommes Gemüt sich stützen und worauf es fest stehen kann. Als ob er sagen wollte: der Glaube ist ein sicherer und gewisser Besitz dessen, was Gott uns verheißen hat; man könnte vielleicht auch „hypostasis“ geradezu mit „gewisse Zuversicht“ übersetzen; das mißfällt mir nicht, ich halte mich aber meinerseits an die gebräuchlichere Übersetzung. Der Apostel will aber andererseits noch weiter zeigen, daß das Verheißene bis zum jüngsten Tage, da die Bücher aufgetan werden (Dan. 7,10), zu erhaben ist, als daß wir es mit unseren Sinnen wahrzunehmen oder mit unseren Augen zu schauen oder mit unseren Händen zu greifen vermöchten; er will uns darauf hinweisen, daß wir es auch nur besitzen können, wenn wir über das Fassungsvermögen unseres Verstandes hinausgehen, unseren Blick über alles das hinausstrecken, was in dieser Welt ist, uns kurzum über uns selber hinaus erheben; deshalb fügt er in seiner Wesensbestimmung des Glaubens noch hinzu, daß diese Gewißheit des Besitzes sich auf Dinge bezieht, die der Hoffnung angehören und die wir deshalb nicht sehen. So schreibt auch Paulus: „Die Hoffnung …, die man sieht, ist nicht Hoffnung, denn wie kann man des hoffen, das man sieht?“ (Röm. 8,24). Der Verfasser des Hebräerbriefs nennt den Glauben (an zweiter Stelle) ein Anzeichen (index), einen Erweis (probatio) oder auch, wie es Augustin öfters wiedergibt, eine Überzeugung (convictio) von dem, was nicht gegenwärtig ist – im Griechischen heißt es nämlich „elenchos“. Es ist, als wenn er sagen wollte: der Glaube ist ein Augenscheinlichwerden der Dinge, die nicht augenscheinlich sind, ein Schauen dessen, was man nicht sieht, eine Durchsichtigkeit dessen, was

dunkel ist, ein Gegenwärtigsein des nicht Gegenwärtigen, ein Aufweis des Verborgenen! Denn die Geheimnisse Gottes – und darum handelt es sich doch bei dem, was unser Heil betrifft! – sind an und für sich und, wie man sich ausdrückt, ihrer „Natur“ nach nicht zu sehen; wir erschauen sie vielmehr einzig und allein in seinem Worte, und dessen Wahrheit muß uns so gewiß sein, daß uns alles, was da gesagt wird, bereits als geschehen und erfüllt zu gelten hat!

 

Wie soll sich aber unser Herz dazu erheben, in dieser Weise einen Geschmack von Gottes Güte zu bekommen, ohne zugleich ganz und gar zur Gegenliebe zu Gott entflammt zu werden? Denn diese Fülle des Köstlichen, die Gott denen verborgen hat, die ihn fürchten, können wir gar nicht erkennen, ohne dadurch innerlich heftig ergriffen zu werden. Hat sie aber einmal einen Menschen erfaßt, so zieht sie ihn gleich ganz an sich und reißt ihn mit sich fort. Deshalb erfaßt diese Regung – und das ist nicht verwunderlich! – niemals ein verkehrtes und verdrehtes Herz; diese Regung, die uns in den Himmel selbst hineinführt, zu den verborgensten Schätzen Gottes und den heiligsten Geheimnissen seines Reiches Zutritt verschafft, die ja nicht dadurch entweiht werden dürfen, daß ein unreines Herz zu ihnen dringt.

 

Wenn nämlich die Scholastiker lehren, die Liebe habe den Vorrang vor Glauben und Hoffnung (Sentenzen III,25), so ist das reiner Wahn; denn der Glaube allein bringt in uns ja erst die Liebe hervor. Viel richtiger lehrt da Bernhard von Clairvaux: „Das Zeugnis des Gewissens, das Paulus den Ruhm der Frommen nennt (2. Kor. 1,12), umfaßt, glaube ich, dreierlei. Zuallererst mußt du glauben, daß du die Vergebung der Sünden einzig und allein durch Gottes Nachsicht empfangen kannst; zweitens, daß du keinerlei gutes Werk haben kannst, das nicht wieder er selbst dir gegeben hätte; und endlich, daß du dir mit keinerlei Werken das ewige Leben verdienen kannst, sofern dir nicht auch dies umsonst gegeben wird!“ (Predigt 1 zum Feste Mariae Verkündigung). Er setzt dann aber gleich noch hinzu, das sei noch nicht genug, sondern es sei erst ein gewisser Anfang im Glauben; denn wenn wir glaubten, daß uns keiner die Sünden vergeben kann als Gott allein, so müßten wir auch festhalten, daß sie uns vergeben sind, – bis wir durch das Zeugnis des Heiligen Geistes zu der Gewißheit kämen, daß uns das Heil wohlbereitet ist; denn weil Gott uns die Sünden schenke, weil er uns die Verdienste schenke, weil eben er uns auch den (darauf stehenden) Lohn schenke, – so könnten wir bei jenen ersten Schritten nicht stehenbleiben! (In der gleichen Predigt.) Aber ich muß dies und anderes mehr an der entsprechenden Stelle behandeln; jetzt müssen wir uns damit begnügen, festzustellen, was der Glaube selber ist.

Institutio – Tag 143

III,2,34

 

Wenn nun nach den Worten des Paulus nur „der Geist, der im Menschen wohnt“, Zeuge für den Willen des Menschen ist – wie sollte dann ein Mensch des Willens Gottes gewiß sein können? Und wenn bei uns Gottes Wahrheit schon bei solchen Dingen schwankt, die wir mit eigenen Augen gegenwärtig vor uns sehen, wie sollte sie dann gewiß und fest sein, wenn der Herr Dinge verheißt, die kein Auge sieht und kein Verstand erfaßt; (vgl. 1. Kor. 2,9). Da versagt und ermattet der Scharfsinn des Menschen, ja, es muß sogar als erster Schritt zum Fortschreiten in des Herrn Schule gelten, ihn fahren zu lassen. Denn er hindert uns wie ein zudeckender Vorhang, Gottes Geheimnisse zu erfassen, die nur den „Kleinen“ geoffenbart werden!

(Matth. 11,25; Luk. 10,21). Denn die Offenbarung liegt nicht bei Fleisch und Blut (Matth. 16,17), und „der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; ja, Gottes Unterweisung ist ihm vielmehr eine Torheit; denn sie muß geistlich beurteilt werden“ (1. Kor. 2,14; nicht Luthertext). Also ist die Hilfeleistung des Heiligen Geistes erforderlich, nein, es ist hier seine Kraft allein mächtig! Denn kein Mensch „hat des Herrn Sinn erkannt“, keiner „ist sein Ratgeber gewesen“ (Röm. 11,34), sondern „der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“ (1. Kor. 2,10). Durch den Geist allein kommen wir dazu, Christi Sinn zu erfassen. „Es kann niemand zu mir kommen“, spricht der Herr selbst, „es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat“ (Joh. 6,44). „Wer es nun hört vom Vater und lernt es, der kommt zu mir; nicht daß jemand den Vater habe gesehen, außer dem, der vom Vater (gesandt) ist!“ (Joh. 6,45f.). Wir können also auf keine Weise zu Christus kommen, ohne daß uns der Geist Gottes zieht; werden wir von ihm gezogen, so werden wir aber auch nach Verstand und Herz weit über das erhoben, was wir aus uns selber erfassen können. Denn die Seele empfängt, wenn er sie erleuchtet hat, gleichsam eine neue Sehschärfe, mit der sie die himmlischen Geheimnisse zu betrachten vermag, deren Glanz sie zuvor in sich selbst blendete. Ist einmal der Verstand des Menschen so durch das Licht des Heiligen Geistes hell gemacht, dann fängt er auch erst an, die Dinge des Reiches Gottes zu schmecken; zuvor war er gänzlich einfältig und töricht und vermochte sie deshalb nicht recht zu erwägen. So redete Christus mit zweien seiner Jünger klar und deutlich von den Geheimnissen seines Reiches, aber er kam bei ihnen erst zum Ziel, als er ihnen „das Verständnis öffnete, daß sie die Schrift verstanden“ (Luk. 24,27.45). So mußte auch den Aposteln, die der Herr doch mit eigenem, göttlichem Munde unterwiesen hatte, doch der „Geist der Wahrheit“ gesandt werden, der ihnen jene Wahrheit, welche sie mit den Ohren erfaßt hatten, auch in den Sinn eindringen ließ! (Joh. 16,13). Zwar ist das Wort Gottes wie die Sonne: es scheint allen, denen es gepredigt wird, aber bei Blinden ohne Frucht! Wir aber sind in diesem Stück allesamt von Natur blind, und deshalb kann der Strahl des Wortes nicht in unseren Sinn eindringen, wenn ihm nicht der Heilige Geist als inwendiger Lehrmeister durch seine Erleuchtung Zugang verschafft!

 

 

 

III,2,35

 

Ich habe nun schon an anderer Stelle, nämlich als es galt, die Verderbtheit der Natur zu behandeln, deutlicher dargelegt, wie ungeschickt wir Menschen zum Glauben sind (II,2,18ff.). Deshalb will ich den Leser nicht damit ermüden, das Gleiche noch einmal zu wiederholen. Es soll mir genug sein, daß Paulus, wenn er vom „Geist des Glaubens“ redet, darunter eben den Glauben versteht, der uns als Geschenk des Heiligen Geistes zuteil wird (2. Kor. 4,13), den wir aber von Natur nicht besitzen. Deshalb betet er auch für die Thessalonicher, „daß unser Gott … erfülle alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in der Kraft“ (2. Thess. 1,11). Da nennt er den Glauben ein Werk Gottes und zeichnet ihn noch mit einem besonderen Beinamen aus, indem er hinzusetzt, er sei „Gottes Wohlgefallen“; damit bestreitet er, daß der Glaube aus der eigenen Regung des Menschen kommt, ja er ist auch damit noch nicht zufrieden, sondern fügt noch an, er sei ein Erweis göttlicher Kraft. Die Korinther weist er darauf hin, daß der Glaube nicht von der Weisheit der Menschen abhängt, sondern auf die Kraft des Geistes gegründet ist (1. Kor. 2,4). Er redet zwar an dieser Stelle von äußeren Wunderzeichen; aber die Gottlosen stehen ihnen ja blind gegenüber, und deshalb denkt er doch auch zugleich an jenes innerliche Siegel, das er an anderer Stelle erwähnt (z.B. Eph. 1,13; 4,30). Um in dieser herrlichen Gabe seine Güte noch deutlicher hervorleuchten zu lassen, läßt sie Gott nicht unterschiedslos allen zuteil werden, sondern vergibt sie als besondere Gnadenschenkung an wen er will. Zeugnisse dafür habe ich schon angeführt; Augustin ruft als deren getreuer Ausleger aus: „Unser Seligmacher will uns lehren, daß auch das Glauben selber Geschenk und nicht Verdienst ist. Deshalb

sagt er: ‘Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat’ oder: ‘es sei ihm denn von meinem Vater gegeben’ (Joh. 6,44-65). Es ist wundersam: zweie hören; der eine verachtet’s, der andere steigt empor! Der es nun verachtet, der mag es sich selber zuschreiben; aber der emporsteigt, der soll es nicht selbst für sich in Anspruch nehmen!“ (Predigt 131). Oder er sagt an anderer Stelle: „Wie kommt es denn, daß es dem einen gegeben ist und dem anderen nicht? Ich schäme mich nicht zu sagen: das ist das tiefe Geheimnis des Kreuzes! Aus irgendeiner Tiefe der Ratschlüsse Gottes, die wir nicht zu durchforschen vermögen, geht alles hervor, was wir können. Was ich kann, das sehe ich wohl, aber woher es kommt, daß ich es kann, das sehe ich nicht; nur soviel sehe ich, daß es von Gott kommt! Warum aber zieht er den einen, und den anderen zieht er nicht; Das ist mir zuviel, es ist ein unergründlicher Abgrund, das tiefe Geheimnis des Kreuzes! Ich vermag es bewundernd auszurufen, aber ich kann es nicht disputierend beweisen“ (Predigt 165). Die Hauptsache ist: wenn uns Christus durch die Kraft seines Geistes erleuchtet, so daß wir glauben, so fügt er uns zugleich in seinen Leib ein, so daß wir an all seinen Gütern Anteil gewinnen.

 

 

 

III,2,36

 

Dann muß aber das, was der Verstand aufgenommen hat, auch in das Herz selbst überfließen. Denn Gottes Wort ist nicht schon dann im Glauben erfaßt, wenn man es ganz oben im Hirn sich bewegen läßt, sondern erst dann, wenn es im innersten Herzen Wurzel geschlagen hat, um ein unbesiegliches Bollwerk zu werden, das alle Sturmwerkzeuge der Anfechtung aushalten und zurückwerfen kann! Wenn es wahr ist, daß das wirkliche Begreifen unseres Verstandes die Erleuchtung durch Gottes Geist ist, so tritt seine Kraft noch viel deutlicher in dieser Stärkung des Herzens in die Erscheinung; die Vertrauenslosigkeit des Herzens ist ja auch soviel größer als die Blindheit des Verstandes, und es ist viel schwieriger, dem Herzen Gewißheit zu verleihen, als den Verstand mit Erkenntnis zu erfüllen. Deshalb ist der Heilige Geist wie ein Siegel: er soll in unserem Herzen die gleichen Verheißungen versiegeln, deren Gewißheit er zuvor unserem Verstande eingeprägt hat. Er ist wie ein Unterpfand zur Bestätigung und Bekräftigung der Verheißungen. „Durch welchen ihr auch“, sagt der Apostel, „da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unseres Erbes …“ (Eph. 1,13. 14). Da sieht man, wie Paulus lehrt, daß die Herzen der Gläubigen durch den Heiligen Geist wie von einem Siegel ihre Prägung empfangen. Und er nennt ihn deshalb – so sieht man weiter – den „Geist der Verheißung“, weil er das Evangelium bei uns in Geltung setzt. Ähnlich schreibt er auch an die Korinther: „Gott ist’s aber, … der uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen das Pfand, den Geist gegeben hat“ (2. Kor. 1,21.22). An einer anderen Stelle, wo er von der Zuversicht und Freudigkeit in der Hoffnung redet, erklärt er auch für deren Fundament „das Pfand, den Geist“ (2. Kor. 5,5).

 

 

 

III,2,37

 

Dabei habe ich nun aber nicht vergessen, was ich oben gesagt habe und was uns die Erfahrung immer wieder ins Bewußtsein zurückruft, nämlich daß der Glaube von den verschiedensten Zweifeln bedrängt wird, daß das Gemüt des Frommen selten zur Ruhe kommt, daß es wenigstens nicht immer einen Zustand der Ruhe zu genießen vermag. Aber bei allen Angriffen, die es erschüttern mögen, taucht es doch immer wieder aus dem Schlund der Anfechtungen empor und bleibt auf seinem Posten stehen. Den Glauben vermag nun allein jene Sicherheit zu erhalten und zu bewahren, bei der wir mit dem Psalmisten festhalten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer fielen“ (Ps. 46,2.3). Diese Zuversicht wird in einem anderen Psalm auch als köstlichste Ruhe gepriesen: „Ich liege und schlafe und erwache; denn der Herr hält mich“ (Ps. 3,6). Nicht als ob David immer fröhlich und guter Dinge gewesen wäre; nein, weil er

Gottes Gnade nach dem Maße des Glaubens hatte verspüren dürfen, darum rühmte er sich, unerschrocken alles zu verachten, was den Frieden seines Gemüts beunruhigen konnte. Deshalb fordert uns auch die Schrift zum „Stillesein” auf, wenn sie uns zum Glauben ermuntern will; so bei Jesaja: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ (Jes. 30,15); oder in einem Psalm: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn!“ (Ps. 37,7). Dem entspricht die Mahnung des Apostels an die Hebräer: „Geduld aber ist euch not …“ (Hebr. 10,36).

 

 

 

III,2,38

 

Von hieraus läßt sich beurteilen, wie gefährlich die scholastische Lehre ist, wir könnten der Gnade Gottes gegen uns nur in dem Sinne einer „moralischen Vermutung“ (Vermutung auf Grund unserer sittlichen Taten!) gewiß werden, wir müßten also danach gehen, wie weit jedermann die Überzeugung habe, dieser Gnade nicht unwürdig zu sein. Sollten wir nun freilich aus unseren Werken entnehmen, wie der Herr gegen uns gesinnt sei, so würden wir es allerdings nicht einmal mit der leisesten Vermutung feststellen können! Aber der Glaube soll doch nichts anderes als die Antwort auf eine schlichte und aus Gnade uns zukommende Verheißung sein, und deshalb bleibt hier gar kein Hin und Her! Was sollte das für eine Gewißheit sein, mit der wir uns wappnen könnten, wenn wir sagten: Gott ist uns gnädig – aber nur insofern, als wir es mit der Reinheit unseres Lebens verdienen! Ich will aber diese Fragen an anderer Stelle genauer behandeln und ihnen hier deshalb nicht weiter nachgehen. Es ist ja vor allem auch völlig klar, daß zum Glauben nichts so sehr im Widerspruch steht als eine „Vermutung“ oder irgend etwas anderes, das mit dem Zweifel in Verwandtschaft ist!

 

Ganz übel verdrehen die Scholastiker dabei eine Stelle aus dem Prediger, die sie immerzu im Munde führen: „Niemand weiß, ob er des Hasses oder der Liebe würdig ist!“ (Pred. 9,1; nicht Luthertext). Ich will noch übergehen, daß dieser Text in der üblichen (lateinischen) Übersetzung unrichtig wiedergegeben wird. Aber es kann doch jedes Kind merken, was Salomo mit diesen Worten sagen will, nämlich: wenn jemand aus dem gegenwärtigen Stand der Dinge feststellen will, wen Gott mit Haß verfolgt und wen er mit seiner Liebe umfängt, der müht sich unnütz ab und quält sich umsonst; denn „es begegnet dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen …, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert …“ (Pred. 9,2). Daraus ergibt sich: wenn Gott einem Menschen alles nach Wunsch gelingen läßt, so ist das nicht immer ein Beweis seiner Liebe, und wenn er jemand ängstigt, so ist das nicht immer ein Zeugnis seines Hasses. Das sagt Salomo, um die Eitelkeit unseres menschlichen Verstandes zu strafen; haben wir doch auch in dieser Frage, die so notwendig klar sein müßte, gar stumpfe Sinne! Er schreibt dementsprechend auch etwas vorher, der Unterschied zwischen der Seele des Menschen und des Viehs sei nicht zu erkennen, weil beide dem Augenschein nach gleicherweise umkommen müßten (Pred. 3,19). Wenn nun daraus jemand folgern wollte, auch die Lehre von der Unsterblichkeit stütze sich bloß auf eine „Vermutung“, so müßte man den doch verdientermaßen für unsinnig halten! Kann man aber dann solche Leute für vernünftig erklären, die aus der Tatsache, daß wir aus dem fleischlichen Anschauen gegenwärtiger Verhältnisse die Gnade Gottes nicht erfassen können, den Schluß ziehen wollen, es gäbe überhaupt keine Gewißheit dieser Gnade?