Institutio – Tag 93

Sechstes Gebot.

 

Du sollst nicht töten.

 

 

 

II,8,39

 

Zunächst der Zweck dieses Gebotes: Der Herr hat das Menschengeschlecht ge wissermaßen zu einer Einheit verbunden, und deshalb muß jedem einzelnen die Erhaltung und das Wohlergehen aller angelegen sein. Daher denn auch der Hauptinhalt: es wird uns jede Gewalttat, jeder Frevel, überhaupt alles Scha dentun untersagt, wodurch der Leib unseres Nächsten verletzt würde. Dementspre chend erhalten wir das Gebot, getreulich alles zu tun, was in unserer Macht steht, um das Leben unseres Nächsten zu schützen, alles daranzusetzen, um ihm zum Wohl ergehen zu verhelfen und Schaden von ihm abzuwenden, und ihm in aller Not und Gefahr beizustehen. Bedenkt man aber, daß hier Gott als Gesetzgeber zu uns spricht, so wird man auch beachten: er will unsere Seele mit diesem Gebot re gieren! Denn es wäre ja lächerlich, wenn er, der die tiefsten Gedanken des Herzens vor Augen hat und dem es auf das Herz in besonderer Weise ankommt, nun doch nur den Leib zur wahren Gerechtigkeit erziehen wollte. So wird auch der Mord hier verboten, der im Herzen geschieht, und es wird anderseits der innerliche Trieb verlangt, dem Bruder das Leben zu erhalten. Gewiß wird der Mord durch die Tat der Hand zur Welt gebracht; aber sein Keim liegt im Herzen, wenn es Zorn und Haß in sich trägt! Man soll doch zusehen, ob man denn wirklich gegen den Bru der zürnen kann, ohne in schadenbringender Gier zu entbrennen! Ist solch Zürnen verboten, so erst recht der Haß; denn der Haß ist ja nur ein eingewurzelter Zorn! Man mag das leugnen und sich mit allerlei Ausflüchten frei zu machen suchen — aber wo Zorn und Haß ist, da wohnt auch die Gesinnung, die zur bösen Tat führen kann! Will man eine Ausflucht suchen, so ist doch zu bedenken, daß der Mund des Heiligen Geistes es ausgesprochen hat: „Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Tot-

schläger“ (1. Joh. 3,15), und daß der Herr Christus gesagt hat: „Wer seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig, und wer zu seinem Bruder sagt ‚Racha!’, der ist des Rats schuldig, wer aber sagt ‚du Narr’, der ist des höllischen Feuers schul dig!“ (Matth. 5,22).

 

 

 

II,8,40

 

Nach der Schrift ist nun dieses Gebot auf zwei Rechtssachen begründet. Der Mensch ist einerseits Gottes Ebenbild, anderseits unser Fleisch und Blut. Soll also Gottes Bild unverletzt bleiben, so muß uns der andere Mensch hei lig und unverletzlich sein; soll nicht alle Menschlichkeit in uns zugrunde gehen, so müssen wir doch unser eigen Fleisch und Blut schützen und erhalten! Was aus der Erlösung und aus Christi Gnade für eine Mahnung in dieser Richtung zu ziehen ist, wird an anderer Stelle behandelt werden. Jene beiden Grundtatsachen aber will der Herr von Natur aus im Menschen beachtet wissen, damit wir dadurch zur Er haltung des Menschen kommen, also das ihm eingeprägte Ebenbild Gottes ehren und unser eigenes Fleisch lieben! Deshalb braucht der, der kein Blut vergossen hat, durchaus nicht von Blutschuld frei zu sein. Wer etwas mit der Tat vollbringt oder auch nur versuchsweise ins Werk setzt oder gar nur wünscht oder plant, was dem Heil seines Nächsten zuwidergeht, der ist des Mordes schuldig! Trachtet man an dererseits nicht danach, den Nächsten nach allen Kräften und bei jeder Gelegenheit zu schützen, so ist bereits diese Härte eine Übertretung des Gebots! Sollen wir uns aber schon das leibliche Wohlergehen unseres Nächsten so angelegen sein lassen — wieviel Eifer und Mühe ist dann erst an das Heil der Seele zu wenden, die doch bei dem Herrn unendlich viel mehr gilt!

1 Kommentare zu “Institutio – Tag 93”


  • “Wer etwas mit der Tat vollbringt oder auch nur versuchsweise ins Werk setzt oder gar nur wünscht oder plant, was dem Heil seines Nächsten zuwidergeht, der ist des Mordes schuldig!”

    Calvin steht hier in der Tradition der Bibelausleger, die eine “MAXIMALANWENDUNG” der Gebote praktizierten – ganz im Sinne unseres Herrn in der Bergpredigt. Und unglaublich überführend! Mich zumindest! Aber incht nur das, denn das wäre ja der zweite Gebrauch des Gesetzes, sondern auch unglaublich hilfreich für ein Leben in der Heiligung!

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