Monthly Archive for April 2009

Institutio – Tag 120

II,14,7

 

Aber unsere Gegner versuchen doch mit großem Geschrei, ihren Irrtum zu verteidigen. Sie weisen nämlich zunächst auf den Satz hin, Gott habe „seines eigenen Sohnes nicht verschonet …“ (Röm. 8,32). Auch verweisen sie darauf, daß der Engel die Weisung gegeben habe, den vom Weibe Geborenen „Sohn des Höchsten“ zu nennen. Aber damit sie nun über solch haltlosem Einwurf nicht in Hochmut geraten, wollen wir doch ein wenig miteinander überlegen, was denn nun diese Schlußfolgerung taugt. Besteht der Satz zu Recht, daß der Sohn Gottes erst mit der Empfängnis seinen Anfang genommen habe, weil ja der, der empfangen war, „Sohn“ genannt wurde — so ergibt sich weiter: er ist auch erst Wort ge wesen, seitdem er im Fleische offenbart ist — wie ja auch Johannes von dem „Wort des Lebens“ redet, das seine „Hände betastet“ haben! (1. Joh. 1,1). Ich erinnere nun aber an das Wort des Propheten: „Und du Bethlehem im Lande Juda, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist!“ (Micha 5,1). Was wollen sie nun zur Auslegung dieser Stelle sagen,

wenn sie bei ihrer obigen Beweisführung bleiben wollen? Ich habe bereits deutlich ausgesprochen, daß wir unsererseits nicht daran denken, dem Nestorius zuzustimmen, der sich einen zwiefachen Christus ersonnen hat. Denn wir lehren, daß uns Christus durch brüderliche Vereinigung mit sich zusammen zu Kindern Gottes macht, weil er ja im Fleische, das er von uns Menschen nahm, doch Gottes eingeborener Sohn war. Deshalb nennt es auch Augustin sehr richtig einen herrlichen Erweis der besonderen Gnade Gottes, daß Christus als Mensch eine Ehre empfangen hat, die er sich eben als Mensch nicht verdienen konnte. Denn Christus wurde bereits seit Mutter leibe auch dem Menschen nach mit der herrlichen Würde geziert, der Sohn Gottes zu sein. Aber trotzdem bedeutet diese Einheit der Person nicht etwa eine Vermischung, die der Gottheit Christi ihr Eigensein entrisse! Denn daß das ewige Wort Gottes einerseits und Christus, nachdem in ihm die beiden Na turen zu einer Person geeint sind, anderseits den Titel „Gottes Sohn“ in verschiedener Beziehung tragen — das ist ebensowenig sinnwidrig wie die Tatsache, daß er bald Gottes, bald des Menschen Sohn heißt, je nach der gerade obwaltenden Beziehung!

 

Servet bringt noch eine andere Schmähung vor, die uns aber ebenso wenig aus macht: er sagt, Christus hieße vor seiner Erscheinung im Fleische niemals „Sohn Gottes“, außer in bildlicher Rede. Gewiß, unter dem Gesetz gab es nur dunkle An deutungen von ihm; aber wir haben ja bereits gezeigt: er war nur deshalb ewiger Gott, weil er das vom ewigen Vater gezeugte Wort war, und dieser Name (Sohn Gottes, ewiger Gott) kommt der Person des Mittlers, die er annahm, nur zu, weil er Gott ist, im Fleische geoffenbart; auch würde Gott nicht von Anbeginn her der Vater heißen, wenn da nicht die gegenseitige Beziehung zu dem Sohn wäre, von dem alle Verwandtschaft und Vaterschaft herkommt im Himmel und auf Erden (Eph. 3,15). Daraus ergibt sich nun sofort, daß er auch schon unter dem Gesetz und den Propheten, als der Name „Gottes Sohn“ in der Gemeinde noch nicht allbekannt war, der Sohn Gottes gewesen ist. Geht der Streit aber einzig um den Namen „Gottes Sohn“, so möchte ich doch auch auf Salomo verweisen: er redet von der unermeßlichen Hoheit Gottes und behauptet dann, der Sohn Gottes sei ebenso un begreiflich wie Gott selber: „Nenne mir seinen Namen, wenn du kannst, oder nenne mir den Namen seines Sohnes…“ (Spr. 30,4; nicht Luthertext). Ich weiß wohl, daß streitsüchtige Leute dieses Schriftzeugnis nicht ausreichend finden werden; ich will mich auch selbst nicht besonders darauf stützen; aber eins zeigt es doch zur Genüge: die Leute, welche Christus nur insofern für den Sohn Gottes halten wollen, als er Mensch geworden ist, sind boshafte Lästermäuler! Auch haben ja selbst die ältesten kirchlichen Schriftsteller die von uns vertretene Lehre ein stimmig völlig klar ausgesprochen; und deshalb ist es lächerlich und unverschämt zugleich, wenn man mir den Irenäus oder den Tertullian entgegenzuhalten wagt, die doch beide klar bezeugen, der, welcher hernach sichtbar im Fleische erschien, sei schon zuvor unsichtbar der Sohn Gottes gewesen.

 

 

 

II,14,8

 

Scheußliche Ungeheuerlichkeiten hat also Servet aufeinandergehäuft, und es wer den vielleicht nicht alle seine Gesinnungsgenossen alles unterschreiben, was er sagt. Aber wenn man diese Leute, die den Sohn Gottes nur in dem Fleischgewordenen anerkennen wollen, zu genaueren Äußerungen zwingt, so werden sie auch gleich zuge stehen, Christus sei der Sohn Gottes nur deshalb, weil er im Leibe der Jung­frau Maria von dem Heiligen Geiste empfangen worden ist. In dieser Weise haben in alter Zeit ja auch die Manichäer behauptet, der Mensch empfange seine Seele dadurch, daß Gott sie auf ihn übergehen ließe: weil sie nämlich lasen, Gott habe dem Adam „einen lebendigen Odem in seine Nase“ gegeben (Gen. 2,7). Den Namen „Sohn“ verstehen sie dann dermaßen genau, daß sie keinerlei Unterscheidung zwischen

den „Naturen“ mehr übriglassen, sondern wirr durcheinander kläffen, der Mensch Christus sei Gottes Sohn, weil er eben nach seiner menschlichen Natur aus Gott geboren sei. So wird denn die ewige Zeugung der Weisheit, von der Salomo redet (Jes. Sir. 24,14), abgelehnt, und die Gottheit des Mittlers wird unbeachtet gelassen — oder an die Stelle des Menschen tritt ein Gespenst!

 

Es wäre schon der Mühe wert, noch weitere tolle Wahnideen des Servet hier zu widerlegen, mit denen er sich und andere getäuscht hat — gerade dies Beispiel sollte dem frommen Leser eine Warnung sein, sich nicht von der Nüchternheit und Be scheidenheit in der Lehre abbringen zu lassen! Aber ich glaube, daß es doch hier überflüssig wäre, weil ich darüber ein besonderes Buch geschrieben habe. Die Lehre des Servet hat also zum Kernpunkt den Satz: der Sohn Gottes war im Anfang eine Idee, ein Gedanke; und er war schon damals dazu bestimmt, einst ein Mensch zu werden, der nun dem Wesen nach Gottes Ebenbild wäre. Als „Wort“ Gottes erkennt Servet also nur einen äußeren Schein an. Die Zeugung des Sohnes versteht Servet so: Gott habe seit Anbeginn den Willen gezeugt, den Sohn zu zeugen, und dieser Wille habe sich dann auch tatsächlich an der Kreatur selbst erwiesen. Auf diese Weise vermischt Servet Geist und Wort, weil Gott (nach seiner Meinung) das unsichtbare Wort und den Geist in Fleisch und Seele einge senkt haben soll. So tritt bei ihm denn auch die bildhafte Vorstellung Christi an die Stelle der Zeugung; freilich ist dann nach seiner Meinung dieser Sohn, der dazu mal bloß schattenhaft abgebildet war, endlich durch das Wort — das er als „Samen“ wirksam denkt! — gezeugt worden. Daraus folgt dann eigentlich: Schweine und Hunde sind auch Gottes Kinder, weil ja auch sie aus dem ursprünglichen Samen des Wortes Gottes geschaffen sein sollen! Denn er läßt Christus zwar aus drei ungeschaffenen Grundstoffen gebildet sein — was bei ihm soviel heißen will wie: aus Gottes Wesen gezeugt sein — aber Christus ist nur indem Sinne der Erstgeborene vor allen Kreaturen, daß auch etwa den Steinen eine gewisse wesentliche Gott heit eignet — nur eben nach ihrem eigenen Grad! Er will natürlich den Eindruck vermeiden, als streite er nun Christus seine Gottheit ab; deshalb behauptet er, Christi Fleisch sei mit Gott eines Wesens; oder er sagt auch, das Wort sei dadurch Mensch geworden, daß das Fleisch in Gott verwandelt worden sei! Er kann unter seinen Voraussetzungen Christus nur dann für den Sohn Gottes halten, wenn sein Fleisch aus Gottes Wesen herkommt und in göttliches Wesen ver wandelt wird — auf diese Weise aber macht er eben die ewige Person des Wortes zunichte und entreißt uns den Davidssohn, der uns als Erlöser verheißen war. Das wiederholt er öfters: der Sohn sei zwar von Gott geboren, nämlich in Gottes Wissen und Erwählung — aber dann sei er endlich Mensch geworden aus jenem Stoff, der im Anfang bei Gott in den drei Elementen sichtbar gewesen, dann in jenem ersten, ursprünglichen Licht der Welt wie auch in der Wolken- und Feuer säule in Erscheinung getreten sei!

 

Es würde zu weit führen, wenn ich jetzt auch noch zeigen wollte, wie toll er sich zuweilen selbst widerspricht. Jedenfalls mag der Leser aus dieser zusammenfassenden Darstellung entnommen haben, wie über den zweideutigen Schlichen dieses unsaube ren Menschen jede Heilshoffnung zugrunde geht. Denn wenn das Fleisch selber die Gottheit ist, so ist es nicht mehr deren Tempel. Auch kann doch keiner unser Erlöser sein als der, der aus Abrahams und Davids Samen kommt und wirklich nach dem Fleisch Mensch geworden ist. Verkehrt ist es deshalb auch, wenn Servet mit solchem Eifer auf das Wort bei Johannes verweist: „Das Wort ward Fleisch …“; denn dieses Wort, das dem Irrtum des Nestorius so scharf entgegensteht, leistet auf der anderen Seite auch der gottlosen Phantasterei, wie sie Eutyches aufgebracht hat, keinerlei Vorschub: Der Evangelist wollte ja nur die Einheit der Person in den beiden Naturen betonen!

Institutio – Tag 119

II,14,4

 

Wenn der Leser diese Beobachtungen recht anwendet, so lösen sich damit viele verwickelte Knoten. Es ist wirklich merkwürdig, wie sehr ungelehrte und sogar einigermaßen kundige Leute an solchen Ausdrücken Anstoß nehmen, die sich offenbar auf Christus beziehen, ihnen aber weder auf seine Gottheit noch auf seine Mensch heit recht zu passen scheinen: sie achten eben nicht darauf, daß diese Bezeichnungen sich auf seine (unteilbare) Person, in der er sich als Gott und Mensch offen bart hat, und auf sein Mittleramt beziehen. Dabei kann man immer wieder wahrnehmen, wie gut diese einzelnen Bezeichnungen zusammenklingen, wenn sie nur einen verständigen Ausleger finden, der diese hohen Geheimnisse mit der gebühren den Ehrerbietung durchforscht (vergleiche Augustin, Handbüchlein an Laurentius, 36). Aber es ist ja nichts, was tolle, fanatische Geister nicht durcheinanderwerfen! Sie nehmen die Eigenschaften der menschlichen Natur her — und wollen damit die Gottheit bestreiten, und umgekehrt benutzen sie die Eigenschaften der göttlichen Natur, um Christus die wahre Menschheit abzusprechen! Und was über beide Na turen zugleich gesagt wird und also keiner für sich allein zugesprochen werden kann, das benutzen sie, um beide zu bestreiten! Das heißt aber nun nichts anderes als

dies: man spricht Christus die Menschheit ab, weil er Gott ist, und man nimmt ihm die Gottheit, weil er Mensch ist: er ist also im Endergebnis weder Gott, noch Mensch, weil er Mensch und Gott ist!

 

Wir aber halten Christus, weil er Gott und Mensch ist und die beiden Na turen in ihm geeint, aber nicht vermischt sind, für unseren Herrn und den Sohn Gottes — auch nach seiner menschlichen Natur, freilich nicht um ihretwillen! Deshalb wollen wir nichts mit dem Irrtum des Nestorius zu tun haben: der wollte die beiden Naturen voneinander scheiden, statt sie bloß zu unterscheiden, und dadurch kam er zu der Wahnidee eines sozusagen doppelten Christus. Dagegen erhebt die Heilige Schrift mit klarer Stimme Einspruch; denn da wird der, der von der Jungfrau Maria geboren wurde, Sohn Gottes genannt (Luk. 1,32), und die Mutter heißt „Mutter unseres Herrn“ (Luk. 1,43). Ebensosehr müssen wir uns vor dem Wahn des Eutyches hüten: wir würden uns sonst zwar bemühen, die Einheit der Person möglichst deutlich auszudrücken, aber dabei beide Naturen um ihre Eigenheit bringen. Wir haben ja schon eine große Zahl von Schriftstellen angeführt, in denen Christi Gottheit von seiner Menschheit unterschieden wird, und es gibt überall in der Schrift auch noch weitere, so daß man in dieser Hinsicht selbst den zanksüchtigsten Menschen den Mund stopfen kann. Ich will auch gleich noch einiges anfügen, das dieses Phantasiegebilde besser zerstören kann, vorerst mag uns eine einzige Stelle genügen: Christus nennt seinen Leib einen Tempel (Joh. 2,19) — das hätte er gar nicht sagen können, wenn in ihm die Gottheit nicht für sich allein (vom Leibe unterschieden) ihre Wohnstatt gehabt hätte! Es war recht, daß Nestorius in der Synode zu Ephesus und dann später auch Eutyches in den Synoden zu Konstantinopel und Chalcedon verdammt wurde; denn man darf die beiden Naturen in Christus weder vermischen, noch vonein ander trennen.

 

 

 

II,14,5

 

Aber zu unseren Zeiten ist nun ein ebenso gefährliches Ungeheuer aufgetreten, nämlich Michael Servet. Der ersetzt den Sohn Gottes durch ein Gebild, das aus Gottes Wesen, dem Geiste, dem Fleisch und drei ungeschaffenen Elementen zusam mengesetzt sein soll! Zunächst stellt er die Behauptung auf, Christus sei nur darum und nur insofern der Sohn Gottes, als er durch den Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria geboren sei. Der Zweck dieses arglistigen Satzes ist der: er will die Unterscheidung der beiden Naturen beiseite schieben, und dann soll Christus irgend etwas sein, das aus Gott und Mensch zusammengemischt, aber weder Gott noch Mensch wäre! Vor allem will er mit seinem ganzen Verfahren auf den Satz hinaus, Gott hätte vor der Offenbarung Christi im Fleische bloß Schattenbilder in sich ge tragen, und diese Schattenbilder seien erst dann zu Wahrheit und Wirkung ge langt, als jenes „Wort“, das Gott für diese Ehre ausersehen hatte, Gottes Sohn zu sein — anfing!

 

Nun behaupten wir aber, daß der Mittler, der von der Jungfrau Maria geboren ist, wahrhaftig Gottes Sohn sei. Auch hätte ja der Mensch Christus nicht der Spie gel der unausdenkbaren Gnade Gottes sein können, wenn ihm nicht die Würde eigen gewesen wäre, vermöge deren er der eingeborene Sohn Gottes war und hieß! Aber dabei muß denn doch die in der Kirche übliche Ausdrucksweise un bedingt festgehalten werden: Christus heißt der Sohn Gottes, weil er als das Wort, das vom Vater vor aller Zeit gezeugt ward, in personhafter Einung menschliche Natur angenommen hat. Der Ausdruck „personhafte Einung“ (unio hypostatica) ist von den Alten verwendet worden, weil es sich hier um die Vereini gung der zwei Naturen zu einer Person handelt. Der Begriff ist zur Abwehr der Wahnidee des Nestorius in Gebrauch gekommen: der bildete sich nämlich ein, der Sohn Gottes wohne dergestalt im Fleische, daß er doch nicht selbst Mensch würde. Nun wirft Servet uns vor, wir erdächten uns einen zwiefachen

Sohn Gottes, weil wir sagen, das ewige Wort sei schon der Sohn Gottes gewesen, bevor die Fleischwerdung eintrat — und dabei sagen wir damit doch nur: er ist im Fleische geoffenbart worden! Wenn er bereits Gott war, ehe er Mensch wurde, so wurde er doch mit der Menschwerdung kein neuer Gott! Ebensowenig ist es wider sinnig, wenn wir sagen: der Sohn Gottes, der gewiß durch ewige Zeugung bereits der Sohn war, der ist nun im Fleische erschienen! Das zeigen ja auch die Worte des Engels an Maria: „Das Heilige, das von dir geboren wird, wird der Sohn Gottes genannt werden“ (Luk. 1,35). Das bedeutet doch: der Name des Sohnes, der unter dem Gesetz einigermaßen verborgen war, der soll nun hochbe rühmt und allbekannt werden! Dazu stimmt auch das Wort des Paulus: „Weil wir denn durch Christus Kinder Gottes sind, so rufen wir frei und zuversichtlich: ‚Abba, lieber Vater’“ (Röm. 8,15; dem Sinne nach zitiert). Sind aber nicht auch in alter Zeit die heiligen Väter zu den Kindern Gottes gezählt worden? Ganz gewiß: auf ihr Kindesrecht haben sie sich gestützt, wenn sie Gott als ihren Vater anriefen! Aber seitdem Gottes eingeborener Sohn in die Welt gekommen ist, da ist diese Vatereigenschaft Gottes deutlicher bekannt geworden, und Paulus rechnet das zu den besonderen Vorrechten, die uns Christi Reich bringt! Aber dabei ist freilich fest zuhalten: Gott hat sich niemals — Engeln oder Menschen gegenüber! — als Va ter erzeigt, als allein im Blick auf seinen eingeborenen Sohn! Insbesondere sind die Menschen, die ja durch ihre eigene Ungerechtigkeit Gott verhaßt sind, nur durch gnädige Annahme Kinder Gottes; denn Christus ist von Natur Gottes Sohn! Hier wendet nun Servet ohne Grund ein, diese gnädige Annahme sei davon abhängig, daß Gott bei sich beschlossen hatte, einen Sohn zu haben; aber es handelt sich hier nicht um die Vorbilder — also etwa um die äußere Darstellung der Ver söhnung im Tieropfer! —, sondern um die Sache selber: und da gilt der Satz, daß die Väter nicht tatsächlich Gotteskinder hätten werden können, wenn ihre An nahme in die Kindschaft nicht in ihrem Haupte begründet gewesen wäre; wollte man also dem Haupte absprechen, was doch die Glieder alle besitzen (nämlich wirkliche Kindschaft), so wäre das einfach sinnlos! Ja, ich gehe noch weiter: Die Schrift nennt auch die Engel Gottes Söhne (Ps. 82,6); diese ihre hohe Würde war von der künftigen Erlösung nicht abhängig; und trotzdem mußte ihnen Chri stus in der Ordnung vorgesetzt sein, um sie in die Gemeinschaft mit dem Vater zu bringen. Ich will das in Kürze wiederholen und auf die Menschen anwenden. Engel und Menschen waren schon in der ursprünglichen Schöpfung dazu geschaffen, daß Gott ihr gemeinsamer Vater sei — denn Paulus hat doch wohl recht, wenn er sagt, Christus sei je und je das Haupt, der „Erstgeborene vor allen Kreaturen“, der Inhaber der Herrschaft über alles gewesen (Kol. 1,15)! Ist das aber wahr, so glaube ich auch mit vollem Recht folgern zu müssen, daß Christus schon vor Er schaffung der Welt Gottes Sohn gewesen ist!

 

 

 

II,14,6

 

Hätte — wenn ich mich so ausdrücken soll — die Sohneseigenschaft Christi ihren Anfang erst mit seiner Offenbarung im Fleische gehabt, so müßte sich daraus er geben, daß er auch hinsichtlich seiner menschlichen Natur (Gottes) Sohn ge wesen sei. Servet und andere Schwarmgeister haben nun die Meinung, Christus sei als der im Fleisch Erschienene der Sohn Gottes, weil er ohne das Fleisch diesen Namen gar nicht tragen könnte. Sie sollen mir nun aber sagen, ob er nun nach bei den Naturen und in beider Hinsicht der Sohn sei. Das schwatzen sie tatsächlich — aber Paulus lehrt doch ganz anders! Ich gebe freilich auch meinerseits zu, daß Christus in seiner menschlichen Gestalt Sohn genannt wird; aber das geschieht nicht in dem Sinne, wie die Gläubigen diesen Titel tragen, eben durch Adoption und aus Gnaden, sondern er ist wahrhaft und von Natur der Sohn und darum von einzigartiger Stellung, er ist der einige Sohn, und das hebt ihn über alle anderen hinaus! Gewiß läßt Gott auch uns, die wir zu neuem Leben wiedergeboren sind, den

Namen „Gotteskinder“ zuteil werden, aber wahrer und eingeborener Sohn heißt Christus allein. Er ist aber nur darum in so großer Schar von Brüdern von ein zigartiger Würde, weil er von Natur innehat, was wir als Geschenk empfangen!

 

Diese Ehre aber bezieht sich auf die ganze Person des Mittlers: der, der von der Jungfrau Maria geboren ist, der sich am Kreuze dem Vater zum Opfer hingab, der ist in Wahrheit und im eigentlichen Sinne Gottes Sohn. Er ist es freilich vermöge seiner Gottheit, wie es Paulus deutlich lehrt: „Paulus … ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, welches er zuvor verheißen hat … von sei nem Sohn, der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch, und kräftig erwiesen ein Sohn Gottes …“ (Röm. 1,1-4; in Auswahl). Er nennt ihn also ausdrücklich „Sohn Davids nach dem Fleisch“ — und erklärt dann noch beson ders, er sei „als Sohn Gottes … erwiesen“. Damit will er doch nur andeuten, daß diese Würde von etwas anderem abhängt als vom Fleische selber! Denn in demselben Sinne, in dem er sagt, Christus habe gelitten „in der Schwachheit“, sei aber auf erstanden „aus der Kraft Gottes“ (2. Kor. 13,4; Calvin sagt: „des Geistes“), so macht er auch hier zwischen beiden Naturen einen Unterschied. Wie also Christus — das müssen uns die Gegner gestehen! — von seiner Mutter das bekommt, was ihm das Recht gibt, Davids Sohn zu heißen, so hat er vom Vater jene Würde emp fangen, nach der er Gottes Sohn heißt, und diese Würde ist von seiner mensch lichen Natur durchaus verschieden.

 

So gibt ihm die Heilige Schrift einen doppelten Namen: sie nennt ihn bald Gottes, bald des Menschen Sohn. Über die Bezeichnung „Menschensohn“ kann es keinen Streit geben: er heißt nach dem hebräischen Sprachgebrauch „Menschen“sohn, weil er von Adam abstammt. Auf der anderen Seite behaupte ich: er trägt den Titel „Gottes Sohn“ um seiner Gottheit, seines ewigen Wesens willen; denn man muß ja den Ausdruck „Gottes Sohn“ in derselben Weise auf seine Gottheit beziehen, wie wir die Bezeichnung „Menschensohn“ auf seine Menschheit bezogen! Auch müssen wir uns hier noch einmal an die angeführte Stelle aus dem Römerbrief erinnern: da hören wir, daß der, welcher nach dem Fleisch aus dem Samen Davids geboren ward, als Sohn Gottes erwiesen sei nach der Kraft Gottes; das ist aber genau so gemeint, wie wir es sonstwo lesen: „… aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, welcher ist Gott, hochgelobet in Ewigkeit!“ (Röm. 9,5). An beiden Stellen (Röm. 1 und Röm. 9) wird also zwi schen beiden Naturen ein deutlicher Unterschied gemacht. Wie will man aber dann leugnen, daß Christus nach seiner Gottheit Gottes Sohn, nach seiner Menschheit Menschensohn ist?

Institutio – Tag 118

Vierzehntes Kapitel: Wie die beiden Naturen die Person des Mittlers bilden.

 

 

 

II,14,1

 

Wenn es nun heißt: „das Wort ward Fleisch“ — so ist das nicht so zu verstehen, als ob das Wort in Fleisch verwandelt oder mit dem Fleisch vermischt worden sei. Es geschah vielmehr, weil es sich aus dem Schoße der Jung frau heraus einen Tempel ersehen, in dem es Wohnung nehmen sollte, weil er, der Sohn Gottes, zum Menschensohn geworden ist, und zwar nicht durch Ver mischung des Grundwesens, sondern durch die Einheit der Person. Diese Ver bindung und Einigung der Gottheit mit der menschlichen Natur aber ist — wie wir behaupten — von solcher Art, daß jede Natur vollkommen behält, was ihr zu­gehört, und daß doch aus diesen zweien der eine Christus geworden ist.

 

Sollen wir etwas nennen, das vielleicht diesem erhabenen Geheimnis vergleich bar wäre, so könnte man am ehesten den Menschen selber betrachten: er besteht auch aus zwei Grundwesen; und doch ist dabei keines mit dem anderen derart ver mischt, daß es etwa seine Eigenart verlöre! Denn die Seele ist nicht der Leib, und der Leib ist nicht die Seele. Deshalb kann man von der Seele manches sagen, was vom Leibe in keiner Weise gelten kann, und wiederum auch manches vom Leibe, was unter keinen Umständen auf die Seele zutrifft; auch vom ganzen Men schen läßt sich vieles aussagen, was man weder auf die Seele für sich allein, noch auf den Leib ohne Verschiebung des Inhalts anwenden kann! Endlich kann man Eigenschaften der Seele auf den Leib und Eigenschaften des Leibes auf die Seele übertragen — und doch ist der Mensch, der aus Leib und Seele besteht, einer und nicht mehrere. Redet man so vom Menschen, so ergibt sich einerseits, daß er eine Person ist, die sich aus zwei verbundenen Teilen zusammensetzt, daß aber andererseits zwei verschiedene Naturen da sind, die jene Person bilden. Auf diese Weise redet die Schrift auch von Christus. Sie schreibt ihm einmal das zu, was man seinem Wesen nach notwendig auf die menschliche Natur beziehen muß, zum anderen aber auch, was deutlich in besonderer Weise der Gottheit eigen ist, oft aber auch, was beiden Naturen gemeinsam ist, aber keiner an und für sich in besonderer Weise zukommt! Von dieser Vereinigung der Naturen, die in Christus stattfindet, spricht die Schrift mit Geflissentlichkeit so, daß sie die Eigenart der einen auch der anderen zuteilt; diese Art, von den Dingen zu lehren, nennen die alten Kirchenlehrer „wechselseitiges Teilhaben an den Eigenschaften“ (idiomaton koinonia, communicatio idiomatum).

 

 

 

II,14,2

 

Diese Erwägungen hätten indessen wenig Bestand, wenn nicht klare Stellen der Heiligen Schrift vorkämen, die beweisen, daß diese Sätze nicht vom Menschen er sonnen sind. Da sagt Christus von sich selber: „Ehe denn Abraham ward, bin ich“ (Joh. 8,58) — das paßt offenkundig in keiner Weise auf die menschliche Natur. Ich weiß freilich sehr wohl, was hier die Irrgeister für Unsinn aufbringen, um diese Stelle zu mißdeuten: sie sagen: Christus sei in dem Sinne eher da als alle Zeiten, weil er ja im Ratschluß des Vaters und dann auch im Sinne der From men schon je und je als der Erlöser bekannt war. Aber er macht selbst einen deut lichen Unterschied zwischen dem Tage seiner Offenbarung und seinem ewigen Sein und Wesen und schreibt sich ausdrücklich die seit Anbeginn bestehende Herrschaft zu, die ihn weit über den Abraham erhebt; damit aber nimmt er unzweifelhaft göttliche Eigenart für sich in Anspruch. Paulus nennt ihn „den Erstgeborenen vor allen Kreaturen“, der vor allem war und „durch den alles geschaffen ist“ (Kol. 1,15f.). Er selbst redet von der „Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war . .“ (Joh. 17,5). Er erklärt: „Mein Vater wirket bisher, und ich wirke auch“ (Joh. 5,17). Auch diese Aussagen können sich ebensowenig auf den Menschen be-

ziehen wie die zuerst genannte; wir müssen sie also ganz sicher in besonderer Weise der Gottheit zuschreiben.

 

Aber andererseits heißt er der „Knecht“ des Vaters (Jes. 42,1 und öfters); wir lesen: „Und er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Men schen“ (Luk. 2,52). Er selbst sagt: „Ich suche nicht meine Ehre …“ (Joh. 8,50). Er weiß nach seiner eigenen Aussage den jüngsten Tag nicht (Mark. 13,32). Er er klärt: „Die Worte, die ich rede, die rede ich nicht von mir selbst …“ (Joh. 14,10). Er tut auch nicht seinen eigenen Willen (Joh. 6,38). Man hat ihn gesehen und betastet (Luk. 24,39). Dies alles gehört allein der menschlichen Na tur zu! Denn als Gott kann er nicht wachsen, als Gott handelt er in allem aus sich selbst, als Gott ist ihm nichts verborgen, als Gott tut er stets seinen eigenen Willen, als Gott ist er nicht sichtbar, nicht betastbar! Und doch macht er diese Aussagen nicht von seiner menschlichen Natur allein (abgetrennt von sei ner „Person“), sondern er bezieht sie auf sich (als „Person“), da sie zu seiner Mittlerperson gehören!

 

Das „wechselseitige Teilhaben an den Eigenschaften“ finden wir zum Beispiel in dem Wort des Paulus: „(Die Gemeinde), welche er (Gott!) durch sein eigen Blut erworben hat!“ (Apg. 20,28), oder auch in seinem Satz: „Sonst hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt!“ (1. Kor. 2,8). Dahin gehört es auch, wenn Johannes von dem „Worte des Lebens“ spricht, „das … unsere Hände betastet haben …“ (1. Joh. 1,1). Denn Gott hat gewiß kein Blut, er ist gewiß nicht leidensfähig, er wird nicht mit Händen betastet. Aber Christus, der ja wahrer Gott und wahrer Mensch war, hat am Kreuze für uns sein Blut vergossen, und deshalb wird das, was er nach seiner menschlichen Natur voll bracht hat, zugleich auch von der göttlichen Natur ausgesagt, gewiß uneigent lich, aber wahrhaftig nicht ohne Grund! Ähnlich ist es auch mit der Stelle 1. Johannes 3,16, wo wir hören, Gott habe „sein Leben für uns gelassen“. Auch hier wird eine Eigentümlichkeit der menschlichen Natur zugleich der anderen zu teil gegeben. Auf der anderen Seite sagt Christus während seines Erdenwandels: „Und niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, welcher im Himmel ist!“ (Joh. 3,13). Er war doch ganz gewiß damals nach dem Menschen und in seinem Fleisch, das er an genommen hatte, nicht im Himmel. Aber er war ja Gott und Mensch zu gleich — und wegen der Einung und wechselseitigen Gemeinsamkeit der Naturen konnte er der einen zuschreiben, was eigentlich der anderen gehörte!

 

 

 

II,14,3

 

Aber am klarsten wird das Wesen Christi an den Stellen beschrieben, die von beiden Naturen zugleich sprechen. Solche finden sich in großer Zahl, be sonders im Johannesevangelium. Man kann es z.B. weder ausschließlich der Gott heit, noch in besonderer Weise der Menschheit, sondern muß es beiden zugleich zu schreiben, wenn es dort heißt, Christus habe vom Vater die Vollmacht zur Sün denvergebung empfangen (Joh. 1,29; Matth. 9,6), oder die Vollmacht, aufzuerwecken, wen er will (Joh. 5,21), oder auch, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Se ligkeit auszuteilen, oder auch: er sei zum Richter gesetzt über Lebendige und Tote, er solle geehrt werden wie der Vater (Joh. 5,21ff.). In gleicher Richtung geht es, wenn er „das Licht der Welt“ (Joh. 8,12; 9,5), der „gute Hirte“, die „einzige Tür“ (Joh. 10,9.12) oder auch der „rechte Weinstock“ (Joh. 15,1) heißt. Denn das waren die besonderen Vorrechte, mit denen Gottes Sohn, als er im Fleische ge offenbart wurde, ausgerüstet war; er hatte sie schon vor Anbeginn der Welt mit dem Vater zusammen ausgeübt, wenn auch auf andere Weise und in anderer Hin sicht, und diese Vorrechte hätten einem Menschen, der nichts gewesen wäre als ein Mensch, nie zuteil werden können! In gleichem Sinne wird man es auch zu ver stehen haben, wenn Paulus schreibt, Christus werde nach dem Gericht „das Reich

Gott und dem Vater“ überantworten (1. Kor. 15,24). Das Reich des Sohnes Gottes ist ganz gewiß ohne Anfang und kann auch kein Ende nehmen. Aber er hat sich unter der Niedrigkeit des Fleisches verborgen, hat sich selbst entäußert und Knechtsgestalt angenommen, hat alle Herrlichkeit seiner göttlichen Majestät niedergelegt und ist dem Vater bis zum Letzten gehorsam gewesen (Phil. 2,8) — aber dann ist er nach Voll endung dieser Gehorsamstat mit Ruhm und Ehre gekrönt (Hebr. 2,9) und zu höchster Herrschaft erhoben worden (Phil. 2,10), so daß sich nun vor ihm alle Knie beugen sollen; und so wird er dereinst seinen herrlichen Namen und die Ehren krone, alles, was ihm der Vater gegeben hat, auch dem Vater zu Füßen legen, „auf daß Gott sei alles in allen“ (1. Kor. 15,28). Denn wozu hat ihm der Vater Macht und Herrschaft gegeben, als daß er uns durch ihn regiere? Ähnlich muß man es auch verstehen, wenn uns die Schrift sagt, daß er zur Rechten des Vaters sitzt (Röm. 8,34 u.a.). Das währt aber nur eine Zeitlang, nämlich bis wir Gott gegen wärtig schauen dürfen. Hier haben einige von den Alten einen unentschuldbaren Irr tum begangen: sie haben Christi Stellung als Mittler nicht richtig beachtet und darum den ursprünglichen Sinn fast der ganzen Lehre von Christus, wie sie uns im Johannesevangelium entgegentritt, verdunkelt, sich selber aber in mancherlei Fall stricke verwickelt. Wir wollen es also als Schlüssel zum rechten Verständnis dieser Dinge festhalten: Aussagen, die das Amt des Mittlers betreffen, dürfen nie auf die göttliche oder auch auf die menschliche Natur für sich allein bezogen wer den. Christus wird also herrschen, bis er als Weltenrichter hervortreten wird; d.h. er vereinigt uns nach dem Maß unserer Schwachheit mit dem Vater. Sind wir aber der himmlischen Herrlichkeit teilhaftig geworden, schauen wir Gott, wie er ist — dann hat Christus sein Mittleramt endgültig vollendet, dann hört er auf, der Ab gesandte des Vaters zu sein, dann wird er wieder in den Besitz der Herrlichkeit treten, die er bei dem Vater hatte, ehe der Welt Grund gelegt war!

 

Allein in diesem Sinne paßt auch der Name „Herr“ auf die Person Christi, nämlich nur insofern, als er ja eine Mittlerstellung zwischen Gott und uns einnimmt. Hierhin gehört das Wort des Paulus: „Es ist ein Gott, von welchem alle Dinge, und ein Herr, durch welchen alle Dinge!“ (1. Kor. 8,6); denn dem Herrn ist vom Vater die zeitliche Herrschaft aufgetragen, bis wir seine göttliche Majestät von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen: dann gibt er sein Herrschaftsamt dem Vater zurück; aber das bedeutet dann keine Schmälerung seiner Herrlichkeit, nein, sie leuchtet dann noch strahlender hervor! Dann ist Gott auch nicht mehr das Haupt Christi; denn die Gottheit Christi, die uns jetzt noch wie unter einem Vor hang verhüllt wird, leuchtet dann in ihrem eigenen Glanz!

Institutio – Tag 117

II,13,3

 

Aber es gibt doch Stellen, in denen Christus als „Same des Abraham“ oder als Frucht der Lenden Davids bezeichnet wird! Mit diesen aber werden die Irrlehrer dadurch fertig, daß sie sie dumm und frech mit sinnbildlichen Deutungen verhüllen. Hätte nun aber das Wort „Same“ eine sinnbildliche Bedeutung, so hatte das Paulus sicher nicht verschwiegen, wo er doch deutlich ohne Bild erklärt, es handle sich nicht um viele Samen Abrahams, also um viele Erlöser, sondern nur um den einen, Christus (Gal. 3,16). Ähnlich possenhaft ist die Behauptung, Jesus trage den Titel „Sohn Davids“ nur deshalb, weil er als solcher verheißen war und dann auch zu seiner Zeit enthüllt wurde (Röm. 1,3). Das ist verkehrt; denn Paulus fügt dem Titel „Sohn Davids“ ja gleich hinzu: „nach dem Fleisch“; er bezieht ihn also deutlich auf die Natur. So nennt er ihn auch im neunten Kapitel des Römer briefs einerseits „Gott, hochgelobet in Ewigkeit“ (9,5), und dann bemerkt er doch andererseits, daß er nachdem Fleisch von den Juden abstamme (9,5). Wäre er nicht wirklich aus dem Samen Davids geboren, was sollte dann auch das Wort, er sei die Frucht seines Leibes? (2. Sam. 7,12, Apg. 2,30). Was sollten wir dann mit der Verheißung anfangen: „Siehe, aus deinen Lenden soll her vorgehen, der auf deinem Throne bleiben wird ewiglich“? (Ps. 132,11).

 

Ein tolles, sophistisches Spiel erlauben sich die Irrlehrer auch mit dem Geschlechtsregister Christi, wie es uns bei Matthäus geboten wird. Matthäus zählt nun nicht Marias, sondern Josephs Vorfahren auf; aber er ist doch überzeugt, von einer überall wohlbekannten Tatsache zu sprechen, und deshalb begnügt er sich eben damit, die Herkunft des Joseph aus dem Samen Davids nach zuweisen, da es allgemein ausreichend bekannt war, daß Maria aus demselben Ge schlecht stammte. Stärkeren Nachdruck legt Lukas auf diese Dinge: er will zeigen, daß das Heil, wie es Christus uns bringt, der ganzen Menschheit gemeinsam zukomme, weil ja Christus, sein Bringer, von Adam, unserem gemeinsamen Vor vater, herstammt! Ich gebe zwar zu: man kann aus dem Geschlechtsregister den Be weis für die Davidssohnschaft Christi nur insofern führen, als er von der Jung frau Maria geboren ist. Aber unsere neuen Marcioniten möchten ja allzugern ihrem Irrwahn einen guten Anstrich geben und wollen beweisen, daß Christus seinen Leib aus dem Nichts genommen habe: dazu behaupten sie in ihrem tollen Hochmut, die Frauen hätten keinen Samen — und kehren also auf diese Weise den Lauf der Natur um! Aber dieser Streit ist nicht theologischer Art, und die Gründe, die sie vor bringen, sind dermaßen nichtig, daß sie eigentlich gar keine Widerlegung verdienen; ich will also die philosophischen und medizinischen Fragen übergehen und nur die Einwände behandeln, die sie mit der Schrift meinen begründen zu können. Also sie sagen: Aaron und Jojada haben doch Weiber aus dem Stamme Juda genommen; hätten also die Frauen zeugungsfähigen Samen, so wären damit die Stämme Israels ja vermischt worden! Aber es ist doch wahrhaftig bekannt genug, daß für die bürger liche Ordnung der Mannessame die Geschlechterfolge bestimmt; indessen hebt dieser politische Vorzug des männlichen Geschlechts doch keineswegs die Vermischung des weiblichen Samens mit dem männlichen in der Zeugung auf! Diese Erklärung trifft für alle Geschlechtsregister zu. Oft nennt gar die Schrift bei den Geschlechtsregistern bloß die Männer — soll man aber deshalb sagen, die Frauen wären nichts? Es wissen doch selbst Kinder, daß sie stillschweigend mit den Männern genannt sind. Deshalb sagt man ja auch, die Frau gebäre „ihrem Manne“; denn der Name des Geschlechts bleibt stets beim Manne. Wie sich nun aber die Vorzugsstellung des männlichen Geschlechts darin ausprägt, daß die Kinder je nach dem Stande ihres Vaters edlen oder nichtedlen Standes sind, so gilt andererseits bei den Rechtsgelehrten auch der Satz, daß in der Leibeigenschaft die Kinder der Mutter folgen. Daraus läßt sich ersehen, daß die Leibesfrucht zum Teil auch von der Mutter herkommt; deshalb nennt man ja auch in allen Völkern und zu allen Zeiten die Mütter „Erzeugerinnen“. Dazu stimmt auch das Gesetz Gottes; es verbietet bekanntlich die Ehe eines Onkels

mit seiner Nichte — und das wäre verkehrt, wenn nicht hier Blutsverwandtschaft (consanguinitas) vorläge! Dann müßte es auch erlaubt sein, daß ein Mann seine leibliche Schwester zum Weibe nähme, sofern sie beide eine und dieselbe Mutter, aber nicht den gleichen Vater haben! Ich gebe gewiß zu, daß die Frauen in der Zeu gung bloß passive Kraft besitzen; aber ich behaupte andererseits auch, daß von ihnen durchgehend dasselbe gesagt wird wie von den Männern. Es heißt ja auch nicht, Christus sei durch ein Weib geboren, sondern: „geboren von einem Weibe …“ (Gal. 4,4). Nun gibt es aber in der Rotte der Irrlehrer Leute, die ihre Frechheit so weit treiben, daß sie uns fragen, ob wir denn meinten, Christus sei aus dem mo natlich ausgeschiedenen Samen der Jungfrau geboren. Solchen Leuten stelle ich die Gegenfrage, ob er denn nicht wirklich mit dem Blute der Mutter zusammengewach sen sei — und das müssen sie dann freilich zugeben! Es ergibt sich aus Matthäus also deutlich: weil Christus aus Maria der Jungfrau geboren ist, so ist er auch aus ihrem Samen geboren; genau so, wie es ja auch heißt, Boas sei von der Rahab ge boren (Matth. 1,5), wo auf den gleichen Vorgang hingewiesen wird. Auch stellt Matthäus die Sache hier nicht so dar, als ob die Jungfrau Maria wie ein Kanal sei, durch den Christus zu uns gekommen wäre; sondern er unterscheidet diese wunder same Zeugung dadurch von der gewöhnlichen, daß Jesus Christus von einer Jung frau und aus Davids Geschlecht geboren wurde! Denn wie es heißt, daß Isaak von Abraham, Salomo von David und Joseph von Jakob geboren ist, so heißt es von ihm, er sei — von seiner Mutter geboren! Nach diesem Gesichtspunkt hat der Evangelist seine Geschlechterreihe zusammengefügt; da er beweisen will, daß Christus von David herstammt, so ist es ihm genug, daß er aus Maria geboren ist. Er hat es also als bekannt vorausgesetzt, daß Maria und Joseph Blutsver wandte waren!

 

 

 

II,13,4

 

Die Sinnwidrigkeiten, mit denen man uns belasten will, sind voller kindischer Schmähungen. So heißt es: Für Christus sei es doch eine Schande, ein Makel, wenn er von Menschen seine Abkunft herleitete; denn dann könnte er doch auch von dem allgemeinen Gesetz nicht ausgenommen werden, das jeden Nachkommen des Adam ausnahmslos unter der Sünde festhält. Diesen Knoten kann nun aber leicht die Gegenüberstellung lösen, die wir bei Paulus hören. „Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde … also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen“ (Röm. 5,12.18). Dazu kommt auch die andere Gegenüber stellung: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der andere Mensch ist der Herr vom Himmel!“ (1. Kor. 15,47). Deshalb lehrt der Apostel an anderer Stelle zwar auch, Gott habe „seinen Sohn gesandt in der Gestalt des sündlichen Fleisches“, damit er dem Gesetze Genugtuung leistete (Röm. 8,3); aber er nimmt ihn doch ausdrücklich von dem allgemeinen menschlichen Los aus und zeigt, wie er ein wahrer Mensch war, doch ohne Sünde und Verderbtheit! Dagegen macht man nun den kindischen Einwand: Wenn also Christus von allem Makel un berührt ist, wenn er durch das geheimnisvolle Wirken des Heiligen Geistes aus dem Samen der Maria geboren ist — dann ist also der weibliche Same nicht unrein, sondern nur der des Mannes! Aber wir erklären Jesus Christus ja nicht deshalb für rein von aller Befleckung, weil er nur von seiner Mutter geboren ist, ohne Um gang mit einem Manne, sondern vielmehr deshalb, weil der Heilige Geist ihn geheiligt hat, so daß es eine reine und unbefleckte Erzeugung war, wie sie vor dem Falle des Adam gewesen sein würde! Wir wollen aber unter allen Umständen dies festhalten: Wo die Heilige Schrift zu uns von der Sündlosigkeit Christi redet, da denkt sie an die wahre menschliche Natur; denn es wäre ja überflüssig, zu sagen, Gott sei sündlos! Auch die „Heiligung“, von der wir Johannes 17 hören, würde auf die göttliche Natur nicht passen. Wir nehmen übrigens keineswegs zwei-

erlei Samen Adams an, wenn doch Christus, der auch von ihm abstammt, keinerlei Befleckung überkommen hat. Denn die menschliche Zeugung ist an und für sich keineswegs unrein oder verderbt, sondern sie ist es durch den Fall geworden! Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Christus, der doch die ur sprüngliche Reinheit wiederherstellen sollte, von der allgemeinen Verderbnis aus genommen war. Gewiß: auch hier noch wirft man uns vor, es sei widersinnig, daß Gottes ewiges Wort Fleisch angenommen hätte und also in das enge, irdische Knechthaus des Leibes eingeschlossen gewesen wäre; aber das ist wirklich reine Un verfrorenheit: denn das Wort ist zwar freilich in der Unermeßlichkeit seines We sens mit der Natur des Menschen zu einer Person zusammengewachsen, aber doch nicht darin eingeschlossen! Das ist das große Wunder: der Sohn Gottes ist vom Himmel herniedergestiegen — und hat ihn doch nicht verlassen; er ist aus der Jung frau geboren worden, ist auf der Erde gewandelt, ja er hat mit seinem Willen am Kreuze gehangen — und doch hat er immerfort die ganze Welt erfüllt, wie im Anfange!

Institutio – Tag 116

Dreizehntes Kapitel: Christus hat wahrhaft unser menschliches Fleisch angenommen.

 

 

 

II,13,1

 

Christi Gottheit habe ich schon an anderer Stelle mit klaren und sicheren Beweismitteln erwiesen; wenn ich recht sehe, so brauche ich das hier nicht noch ein mal zu tun. Wir müssen also noch zusehen, wie er denn, mit unserem Fleisch angetan, das Amt des Mittlers ausgerichtet hat. Daß er nun wirklich und wahrhaftig Mensch gewesen sei, das haben schon in alter Zeit die Manichäer und Marcioniten bestritten. Die Marcioniten erklärten seinen Leib bloß für scheinbar, für ein Ge spenst, die Manichäer träumten, er sei mit himmlischem Fleisch ausgestattet gewesen. Aber diesen beiden Irrmeinungen stehen viele und kräftige Zeugnisse der Schrift entgegen. Die Verheißung des Segens bezieht sich ja nicht auf einen himmlischen Samen oder auf einen Scheinmenschen, sondern auf den Samen Ab rahams und Jakobs! (Gen. 17,2; 22,18; 26,4). Auch wird der ewige Thron Davids nicht einem ätherischen Menschen zugesprochen, sondern dem Sohne Davids, der Frucht seiner Lenden! (Ps. 45,7). Deshalb heißt auch der im Fleische Geoffen barte der Sohn Davids und Abrahams (Matth. 1,1), und zwar nicht, weil er zwar im Schoße der Jungfrau geboren, aber etwa im Äther geschaffen wäre, sondern weil er nach Paulus „nach dem Fleische geboren ist von dem Samen Davids“ (Röm. 1,3); wie ja derselbe Paulus an anderer Stelle auch Christi Abkunft von den Juden herleitet (Röm. 9,5). Deshalb begnügt sich auch der Herr selbst nicht mit der Bezeichnung „Mensch“, sondern er nennt sich häufig auch den „Menschensohn“, um damit zu zeigen, daß er ein Mensch sei, wirklich aus dem Samen von Menschen hervorgegangen! Es hat also der Heilige Geist so oft und durch so viel Werkzeuge, mit solchem Eifer und solcher Schlichtheit diese Sache, die an sich schon keineswegs undurchsichtig ist, vor uns hingestellt, daß man nicht hätte erwarten sollen, die Schamlosigkeit der Menschen hätte je so groß sein können, daß einer auch bis hier hin mit seinem Wahn zu dringen versuchte! Aber es stehen ja noch andere Zeugnisse zur Verfügung, wenn man immer noch mehr zusammenstellen will. So zum Bei spiel das Wort des Paulus: „… da sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe …“ (Gal. 4,4). Dazu kommen auch die zahllosen Stellen, in denen wir hören, daß der Herr Hunger, Durst, Frost und andere unserer Natur entsprechende Schwach heiten erlitten hat! Ich will aber besonders die Stellen auswählen, die besonders geeignet sind, uns innerlich zu rechtem Zutrauen zu ihm zu ermuntern. So, wenn wir hören, daß er nicht den Engeln die Ehre angetan hat, ihre Natur anzu nehmen, sondern eben unsere Natur angenommen hat, um in Fleisch und Blut „durch den Tod die Macht zu nehmen dem, der des Todes Gewalt hatte …“ (Hebr. 2,16.14). Oder auch: weil er mit den Menschen einerlei Natur angenommen hat, „schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu heißen!“ (Hebr. 2,11). Oder: „Er mußte in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden, auf daß er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester“ (Hebr. 2,17). Und dann auch das Wort: „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unseren Schwachheiten …“ (Hebr. 4,15). Diese Reihe könnte man leicht fortsetzen. Hierher gehört auch eine be reits oben berührte Stelle, wonach er „in der Gestalt des sündlichen Fleisches“, „im Fleisch“ unsere Sünden sühnen mußte, wie es Paulus ausdrücklich betont (Röm. 8,3). Eben deswegen ist nun auch gewißlich unser, was ihm der Vater geschenkt hat: denn er ist das Haupt, „von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke … und macht, daß der ganze Leib wächst …“ (Eph. 4,16). Nur so gilt auch, daß er, wie die Schrift sagt, den Heiligen Geist ohne Maß empfangen hat, so daß wir alle „aus seiner Fülle ge nommen haben Gnade um Gnade!“ (Joh. 1,16). Denn es wäre ganz widersinnig, wenn man meinen wollte, Gott könne in seinem Wesen durch eine fremde Gabe

bereichert werden! Aus diesem Grunde sagt Christus auch selber: „Ich heilige mich selbst für sie“ (Joh. 17,19).

 

 

 

II,13,2

 

Nun bringen zwar auch die Irrlehrer Bibelstellen vor, um ihre Sache zu be weisen; aber die verdrehen sie greulich, und mit ihrer leeren Spitzfindigkeit können sie auch nichts ausrichten, wenn sie den Versuch machen, meinen Gegenbeweis umzu stoßen. Marcion bildet sich ein, Christus habe als Leib nur einen Scheinleib angenommen — und zwar, weil es hieße: „Und ward gleichwie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden“ (Phil. 2,7). Aber dabei überlegt er nun absolut nicht, was eigentlich Paulus hier sagt! Denn er spricht hier ja gar nicht davon, was für einen Leib Christus angenommen hat; er will etwas ganz anderes zeigen: Christus hätte mit vollem Recht seine Gottheit zur Geltung bringen können; aber er hat doch nichts an sich sehen lassen als das Wesen eines niedrigen und ver achteten Menschen! Er will uns ja ermuntern, dem Beispiel Jesu zu folgen und zu gleichem Gehorsam uns aufrufen, und erklärt deshalb: er war Gott, und er ver mochte es gewiß, der Welt seine Herrlichkeit jederzeit leuchtend vor Augen zu stellen, aber er hat auf sein Recht Verzicht geleistet und sich freiwillig selbst erniedrigt, hat er doch Knechtsgestalt angenommen und sich mit so niedriger Stellung zufrieden ge geben, hat er doch zugelassen, daß seine Gottheit hinter dem Vorhang des Fleisches verborgen blieb! So lehrt Paulus hier gewiß nicht, welcher Art Christus ge wesen ist, sondern wie er sich erwiesen hat! Auch geht doch aus dem ganzen Zu sammenhang völlig klar hervor, daß Christus in seiner Erniedrigung wirklich menschliche Natur angenommen hat. Was soll es denn anders bedeuten, wenn wir hören: „Er ward an Gebärden als ein Mensch erfunden“? Kann es etwas an deres heißen als: seine göttliche Herrlichkeit ist eine Zeitlang nicht sichtbar ge worden, sondern er erschien bloß in niedrigem, verachtetem Stande, in Menschen gestalt? Auch das Wort des Petrus: „Er ist getötet worden nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist“ (1. Petr. 3,18) hätte ja gar keinen Sinn, wenn der Sohn Gottes nicht wirklich in menschlicher Natur Schwachheit getragen hätte! Noch deutlicher macht es Paulus, wenn er davon spricht, Christus sei „gekreu zigt in der Schwachheit …“ (2. Kor. 13,4; Calvin fügt hinzu: „des Flei sches“). Auch die Erhöhung Christi gehört hierher: Es wird ausdrücklich ge sagt, daß Christus nach seiner Erniedrigung neue Herrlichkeit erlangt hat. Das kann aber nur von einem Menschen mit Leib und Seele gelten.

 

Die Manichäer träumen von einem himmlischen Fleische Christi, weil Chri stus der „zweite Adam“ hieße, und zwar „der Herr vom Himmel“ (1. Kor. 15,47). Aber der Apostel redet an dieser Stelle gar nicht davon, daß Christi Leib seinem Wesen nach himmlisch sei; er sagt das doch von der geistlichen Kraft, die von Christus ausgeht und uns lebendig macht! Diese Kraft aber unterscheiden Paulus und Petrus, wie wir sahen, von seinem Fleische! So bedeutet diese angebliche Be weisstelle der Manichäer geradezu eine hervorragende Bestätigung der bei allen Rechtgläubigen vertretenen Lehre von Christi Fleischesdasein. Denn wenn Christus nicht dieselbe leibliche Natur angenommen hätte, wie wir sie haben, so stieße auch der Satz ins Leere, den Paulus mit solchem Eifer ausruft: „Ist aber Christus auf­erstanden, so werden wir auch auferstehen; gibt es für uns keine Auferstehung, so ist auch Christus nicht auferstanden!“ (1. Kor. 15,16; tatsächlich Inhaltsangabe zu 1. Kor. 15,12-20). Nun mögen die Manichäer oder ihre heutigen Nachbeter sich noch so sehr anstrengen, um diesen Beweis zu Fall zu bringen — sie werden sich nicht herauswinden können!

 

Eine ganz jämmerliche Ausflucht ist es, wenn sie nun schwatzen, Christus heiße „der Menschensohn“ nur, sofern er den Menschen verheißen gewesen wäre. Und dabei ist es doch klar, daß im Hebräischen „Menschensohn“ einfach soviel bedeutet wie „Mensch“! Christus hat dabei offensichtlich die in seiner Muttersprache übliche Wendung beibehalten. Daß auch der Ausdruck „Kinder Adams“ die gleiche Bedeutung

hat, ist unstreitig so. Aber ich will mich nicht länger vom Wege abbringen lassen: zum Beweis genügt ja voll und ganz das Wort aus dem achten Psalm, den die Apostel auf Christus beziehen: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und des Menschen Sohn, daß du dich seiner annimmst?“ (Ps. 8,5; Hebr. 2,6). In diesem Bild kommt Christi wahre Menschheit zum Ausdruck: er war zwar nicht unmittelbar von einem sterblichen Vater gezeugt, aber er nahm doch seinen Ur sprung von Adam her! Nur unter dieser Voraussetzung konnte auch der Apostel sagen, wie wir bereits anführten: „Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er dessen gleichermaßen teilhaftig geworden …“, nämlich um sich Kinder zum Gehorsam gegen Gott zu versammeln! (Hebr. 2,14). Da wird ganz klar fest gestellt: Christus hat an derselben Natur Anteil gehabt, ist derselben Natur unter worfen gewesen wie auch wir! In demselben Sinne muß auch der Satz verstanden werden: „Sintemal sie alle von einem kommen, beide, der da heiligt und die da geheiligt werden“ (Hebr. 2,11). Denn das muß nach dem Zusammenhang auf das Teilhaben an der gleichen Natur bezogen werden: der Apostel setzt auch gleich hinzu: „Darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu heißen!“ (Hebr. 2,11). Hätte er vorher sagen wollen, auch die Gläubigen seien aus Gott, so wäre ja beim Vor handensein solcher hohen Würde wahrhaftig gar kein Grund zur Scham ge geben! Aber weil Christus in seiner unermeßlichen Gnade sich mit schmutzigen, un edlen Leuten verbunden hat, deshalb ist Grund vorhanden zu sagen: Er schämte sich nicht! Es hilft auch gar nichts, wenn man dagegen einwendet, unter diesen Umständen würden auch die Gottlosen Christi Brüder sein; denn wir wissen, daß die Kinder Gottes nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus dem Heiligen Geiste, durch den Glauben, geboren werden! Deshalb führt nicht das Fleisch für sich al lein zu dieser brüderlichen Verbundenheit! Obwohl also der Apostel bloß den Gläubigen die Ehre zukommen läßt, daß sie eins seien mit Christus, läßt sich doch nun gewiß nicht folgern, daß auch die Ungläubigen aus der gleichen Quelle ihren Ursprung nähmen. Ebenso ist es auch mit dem Satze, Christus sei Mensch geworden, um uns zu Gottes Kindern zu machen: auch dieser bezieht sich nicht einfach auf jeden beliebigen Menschen, weil da der Glaube mitten dazwischen steht, der uns geistlich in Christi Leib einfügt.

 

Auch mit dem Ausdruck „der Erstgeborene“ erheben sie allerlei spitzfindigen Streit. Sie folgern nämlich so: Christus hätte schon gleich zu Anfang von Adam geboren werden müssen, wenn er „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ sein sollte! (Röm. 8,29). Der Ausdruck „Erstgeborener“ bezieht sich aber gar nicht auf das leibliche Alter, sondern auf den Rang und die hervorragende Ehre und Kraft!

 

Ebenso gehaltlos ist ihr Geschwätz, der Satz, daß Christus die Natur des Men schen und nicht die der Engel angenommen habe (Hebr. 2,16), bedeute nur dies, daß er die Menschheit in Gnaden angenommen hätte. Der Apostel will doch nur die Ehre, deren uns Christus gewürdigt hat, ins rechte Licht rücken und vergleicht uns zu diesem Zweck mit den Engeln, die uns in dieser Hinsicht nachstehen! Der ganze Streit kann aber entschieden werden, wenn wir nur recht den Sinn jenes Zeugnisses des Mose betrachten, wo er davon spricht, der Same des Weibes werde der Schlange den Kopf zertreten (Gen. 3,15). Denn da ist nicht von Christus allein die Rede, sondern von dem ganzen Menschengeschlechte. Der Sieg Christi sollte ja uns zuteil werden, und deshalb läßt Gott ganz allgemein verkündigen, daß die Nachkommen des Weibes den Teufel überwinden würden! Daraus ergibt sich aber: Christus ist aus dem Menschengeschlechte geboren; denn Gott hat doch die Absicht, mit seiner Anrede die Eva zu fröhlicher Hoffnung zu ermuntern, damit sie ihrem Schmerze nicht gar erliege!

Institutio – Tag 115

II,12,7

 

Osiander braucht wahrhaftig keine Angst zu haben, man mache Gott notwendig zum Lügner, wenn er nicht schon vorher die feste und unbewegliche Absicht in sich getragen hätte, Christus müsse Fleisch werden. Denn wenn Adams Gerechtigkeit nicht zusammengebrochen wäre, so wäre Adam Gott ähnlich geblieben wie ja auch die Engel, und es wäre doch deshalb keineswegs nötig gewesen, daß Gottes Sohn Mensch oder Engel geworden wäre. Ganz unsinnig ist auch die Befürchtung Osianders, Christus müßte seiner hervorragenden Würde verlustig gehen, wenn nicht schon vor der Schöpfung des Menschen Gott den festen Plan gehabt hätte, daß er einst geboren werden sollte — und zwar nicht als Erlöser, sondern als der „erste Mensch“. Denn — so folgert Osiander weiter — wenn die Fleischwerdung Christi von bestimmten Umständen abhängig gewesen wäre, nämlich von der Notwendig keit, die verlorene Menschheit wieder zurechtzubringen — so wäre ja Christus nach dem Bilde Adams geschaffen! Weshalb geht Osiander denn so ängstlich an der klaren und offenen Erklärung der Schrift vorbei, Christus sei uns in allem gleich geworden, nur ohne Sünde? (Hebr. 4,15). Trägt doch auch Lukas kein Be­denken, den Herrn nach der Geschlechterfolge als Sohn Adams zu bezeichnen! (Luk. 3,38). Ich möchte doch gern wissen, warum in aller Welt denn Paulus Christus als den „zweiten“ Adam bezeichnet! (1. Kor. 15,47). Das kann doch gar keinen anderen Grund gehabt haben, als daß er eben für das wirkliche menschliche Da sein bestimmt war, um die Nachkommen des Adam aus ihrem Elende herauszu reißen! Hätte der Plan der Menschwerdung der Ordnung nach eher bestanden als die Schöpfung, so müßte ja Christus der erste Adam heißen! Da behauptet nun Osiander frisch und frech, Christus als Mensch sei ja doch im Denken Gottes schon zuvor bekannt gewesen — und Gott habe die Menschen nun nach diesem Urbild geschaffen! Aber Paulus nennt Christus doch den „zweiten“ Adam; er stellt also zwischen die ursprüngliche Erschaffung des Menschen und die Wiederherstel lung, wie wir sie in Christus erlangen, den Fall mitten hinein: aus ihm erst kommt es zu der Notwendigkeit, die Natur in den früheren Stand zu­rückzubringen, und er ist also auch der Grund, daß der Sohn Gottes geboren wer den sollte, daß er also ein Mensch wurde! Osiander schließt aber aus dieser Er wägung unsinnigerweise, dann wäre ja Adam vor seinem Fall sein eigenes Bild und nicht Christi Bild gewesen! Ich antworte darauf genau umgekehrt: selbst wenn der Sohn Gottes nie Fleisch angenommen hätte, so hätte dennoch aus dem Adam nach Leib und Seele stets Gottes Ebenbild hervorgeleuchtet — und ge rade der Glanz dieses Ebenbildes würde je und je gezeigt haben, daß Christus in Wahrheit das Haupt ist und in allem den Vorrang hat!

 

So löst sich auch die leere Spitzfindigkeit des Osiander von selber auf, wonach die Engel Christus nicht hätten zum Haupte haben können, wenn nicht Gott die Absicht gehabt hätte, ihn Fleisch werden zu lassen, und zwar ohne Verschulden des Adam. Denn dabei stellt er in seiner Unbedachtsamkeit einen Satz auf, den kein vernünftiger Mensch ihm zugeben wird: nämlich Christus komme die Herrschaft über die Engel nur insofern zu, und darum könnten die Engel den Genuß seiner Herr schaft nur infofern haben, als er Mensch ist! Und dabei ergibt sich das Richtige doch ganz klar aus den Worten des Paulus im Kolosserbrief: danach ist Christus der „Erstgeborene vor allen Kreaturen“ als das ewige Wort Gottes (Kol. 1,15), nicht etwa, weil er erschaffen wäre oder zu den Kreaturen zählte, sondern weil der unverdorbene Zustand der Welt in seiner ursprünglichen, wundersamen Herrlich keit keinen anderen Ursprung hatte als ihn; sofern er dagegen Mensch geworden ist, nennt ihn Paulus den „Erstgeborenen von den Toten“ (Kol. 1,18). So gibt uns der Apostel in diesem einen kurzen Zusammenhang beides zu bedenken. Ein mal: es ist alles durch den Sohn geschaffen, so daß er auch über die Engel Herr ist (so besonders 1,16) — und zum zweiten: er ist Mensch geworden, um der Er löser zu werden.

 

Dieselbe Unwissenheit verrät Osiander mit der Behauptung, auch den Men schen ginge Christus als König verloren, wenn er nicht Mensch geworden wäre! Als ob Gottes Reich nicht hätte bestehen können, wenn der ewige Sohn Gottes, auch ohne Annahme des menschlichen Fleisches, Engel und Menschen zum Teilhaben an seiner Herrlichkeit und seinem Leben versammelt und so selber die Herrschaft innegehabt hätte! Aber Osiander phantasiert und gaukelt stets mit dem unsinnigen Grundsatz herum, als ob die Kirche ohne Haupt geblieben sein müßte, wenn Christus nicht im Fleische erschienen wäre. Als ob er nicht, wie die Engel an ihm ihr Haupt hatten, auch den Menschen hätte Führer und Haupt sein und sie mit der ver borgenen Kraft seines Geistes hätte erhalten und schützen können als seinen Leib, bis sie, in den Himmel aufgenommen, das gleiche Leben genießen könnten wie die Engel!

 

Das Geschwätz, das ich nun zurückgewiesen habe, hält nun aber Osiander für ge wisseste göttliche Offenbarung und stimmt dann auch gewöhnlich, von seinen herr lichen Phantastereien berauscht, gewaltige Kampfgesänge über nichts dazu an! Aber einen noch weit zuverlässigeren Beweis meint er in den angeblich prophetischen Wor ten des Adam zu finden, die dieser beim Anblick seines Weibes ausrief: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!“ (Gen. 2,23). Woher aber will Osiander beweisen, daß diese Worte wirklich eine Weissagung sind? Viel leicht daher, daß sie Christus im Matthäusevangelium Gott in den Mund legt! Als ob nun alles, was Gott je durch Menschen geredet hat, eine Weissagung ent halten müßte! Osiander soll doch einmal in den einzelnen Geboten des Gesetzes Weissagungen aufsuchen — und dabei stammt das Gesetz doch sicher aus Gottes Mund! Christus wäre dann ja auch ein grober und irdisch gesinnter Ausleger ge wesen, der „bloß“ am wörtlichen Sinne klebengeblieben wäre! Er redet ja nicht von der verborgenen Einung, deren er die Kirche gewürdigt hat, sondern von der ehe lichen Treue; und er erklärt, Gott habe gesagt, daß Mann und Weib ein Fleisch seien, damit keiner es wage, dieses unlösliche Band durch Scheidung zu verletzen. Wenn diese schlichte Erklärung dem Osiander nicht gefallen will, so mag er sich über Christus beschweren, weil er seine Jünger nicht in das rechte Geheimnis ein geführt und des Vaters Wort nicht tiefsinniger ausgedeutet habe! Aber auch Paulus kann nicht als Eideshelfer für solchen Unsinn in Anspruch genommen werden: er sagt zwar, wir seien Fleisch vom Fleische Christi — aber er fügt gleich hinzu: „Das Geheimnis ist groß“ (Eph. 5,30ff.). Er hat auch gar nicht die Absicht, zu er läutern, in welchem Sinn Adam jenes Wort gesprochen hat, sondern er will unter dem Bilde, dem Gleichnis der Ehe jene heilige Verbundenheit zeigen, die uns mit

Christus eint. Das beweisen auch die Worte: „Ich rede von Christus und der Gemeinde“ (5,32); er will also die geistliche Vereinigung Christi mit seiner Gemeinde, zu besserer Erklärung von der Ordnung des Ehestandes unterscheiden. Deshalb verschwindet auch dies unnütze Geschwätz des Osiander von selbst. Ich glaube auch: es ist nicht nötig, hier noch weitere Albernheiten mitzuteilen; denn diese kurze Widerlegung der einen macht die Torheit der anderen auch schon offenbar. Den Kinder Gottes, die feste Nahrung suchen, wird dies schlichte, klare Wort voll und ganz genügen: „Als aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz getan, auf daß er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste …“ (Gal. 4,4).

 

Institutio – Tag 114

II,12,5

 

Nun könnte jemand einwenden, Christus sei nun zwar tatsächlich der Erlöser für uns Verdammte; aber wenn wir gesund und unbefleckt geblieben wären, so hätte er uns doch auch dann seine Liebe erweisen können, indem er unser Fleisch angenommen hätte … Darauf kann ich kurz antworten: Wenn uns der Heilige Geist kundmacht, daß in Gottes ewigem Rat dies beides zusammen bestanden hat, Christus solle uns erlösen und zwar unter Teilhaben an unserer Na tur, dann ist es uns nicht erlaubt, weiter zu fragen! Denn wer sich von seiner Be gierde aufstacheln läßt, noch mehr wissen zu wollen, der beweist damit, daß er mit Gottes unabänderlichem Ratschluß nicht zufrieden ist und sich eben deshalb nicht mit dem Christus zufrieden geben will, der uns zum Erlöser gesetzt ist! Paulus zeigt ja auch nicht nur, wozu Christus gesandt sei, sondern er dringt bis in das tiefste Geheimnis der Prädestination hinein und macht damit aller menschlichen Keckheit und allem Vorwitz ein Ende. „Wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war … und er hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesum Christum nach dem Wohlgefallen seines Willens … und hat uns angenehm gemacht in dem Geliebten, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut …“ (Eph. 1,4-7). Hier wird offenbar der Fall Adams nicht als ein be reits zuvor geschehenes Ereignis vorausgesetzt, sondern es wird uns vor Augen ge stellt, was Gott von Ewigkeit her verordnet hat, da er beschloß, der Mensch heit in ihrem Jammer zu Hilfe zu kommen! Wenn dann aber einer der Wider sacher einwendet, dieser Ratschluß Gottes sei eben in dem Sinne vom Falle des Menschen abhängig gewesen, daß Gott ihn doch selber vorhersah, so will ich nur darauf hinweisen: wer über Christus mehr zu fragen sich erlaubt oder mehr wissen will, als Gott in seinem geheimen Ratschluß festgesetzt hat, der macht sich in gottloser Vermessenheit einen neuen Christus! Es ist voll und ganz berechtigt, daß Paulus, wo er in diesem Sinne von dem eigentlichen Amte Christi redet, den Ephesern den Geist der Einsicht wünscht, „auf daß ihr begreifen möget … welches da sei die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe, auch erkennen die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft“ (Eph. 3,16.18f.). Es ist, als wollte Paulus unserem Geiste einen Zaun setzen, damit wir beim Nachdenken über Christus nicht das geringste Stück von der Versöhnungsgnade abweichen! Denn es ist ja nach

Paulus „gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen …“ (1. Tim. 1,15). Dabei will ich gern bleiben. An anderer Stelle lehrt der gleiche Apostel, daß die Gnade, die uns jetzt durch das Evangelium kundgetan ist, uns in Christus bereits „vor der Zeit der Welt“ gegeben ist (2. Tim. 1,9); dabei, denke ich, müssen wir bis ans Ende verharren!

 

Gegen diese bescheidene Zurückhaltung begehrt nun Osiander heftig auf; er hat diese Frage, die vor ihm auch von anderen schon leichtsinnig aufgebracht worden war, zu unserer Zeit wieder übel ins Rollen gebracht. Er wirft allen Leuten Ver messenheit vor, die nicht zugeben wollen, daß Christus auch dann im Fleische er schienen wäre, wenn Adam nicht gefallen wäre — und zwar, weil diese letztere Phan­tasterei durch keine Stelle der Schrift widerlegt würde! Als ob nun Paulus solchem verdrehten Vorwitz keinen Zügel anlegte, wenn er zunächst von der in Christus geschehenen Erlösung redet — und dann gleich darauf warnt. „Der törichten Fragen aber … entschlage dich!“ (Tit. 3,9). Der tolle Wahn ist bei einigen derart wild hervorgebrochen, daß sie nun — in der verkehrten Absicht, möglichst scharf sinnig zu erscheinen! — die Frage aufgeworfen haben, ob denn der Sohn Gottes auch die Natur eines Esels hätte annehmen können! Diese Ungeheuerlichkeit, die jeder fromme Mensch greulich und furchtbar finden wird, entschuldigt Osiander mit dem Vorwand, das würde doch in der Schrift nie ausdrücklich verworfen! Als ob Paulus, wenn er uns sagt, er wisse nichts Köstlicheres und Wissenswerteres als „Christum, den Gekreuzigten“ (1. Kor. 2,2), auch einen Esel als Urheber unseres Heils zuließe! Er, der von Christus sagt: „Gott hat alle Dinge unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt zum Haupte … über alles“ (Eph. 1,22) — er wird doch keinen anderen als den Christus anerkennen als den, der das Amt der Erlösung er füllen sollte und konnte!

 

 

 

II,12,6

 

Der Grund aber, auf den Osiander pocht, ist ganz nichtswürdig. Er behauptet: der Mensch ist zum Bilde Gottes geschaffen, und das heißt, er wurde dem Bilde des künftigen Christus nachgebildet: er sollte also bereits dem ähnlich sein, der nach dem Ratschluß des Vaters einst Fleischesgestalt annehmen sollte! Daraus zieht er nun den Schluß: selbst wenn also Adam nie aus seinem ursprünglichen, unbefleckten Schöp fungsstande herausgefallen wäre, so wäre Christus doch Mensch geworden! Wie lächerlich und ungereimt diese Behauptung ist, wird jedermann erkennen, der vernünftig denken kann. Trotzdem behauptet Osiander, er hätte als erster richtig her ausbekommen, was eigentlich das „Ebenbild Gottes“ (imago Dei) sei: es wäre näm lich keineswegs bloß darin zu suchen, daß Gottes Herrlichkeit in den großartigen Gaben, die dem Menschen zuteil geworden waren, hervorleuchtete, sondern Gott hätte eben seinem Wesen nach in ihm gewohnt!

 

Ich gebe nun zu: Adam hat das Bild Gottes nur insoweit an sich getragen, als er mit Gott verbunden war — denn das ist die wahre und höchste Würde. Aber ich behaupte anderseits, daß die Ähnlichkeit mit Gott nur in jenen herrlichen Merkmalen zu suchen ist, mit denen Gott den Adam vor allen anderen Kreaturen ausgezeichnet hatte! Daß ferner Christus auch damals schon Gottes Ebenbild ge wesen sei, ist einhellige Überzeugung aller; und deshalb kommt alles, was dem Adam selber an Hoheit geschenkt war, einzig daher, daß er durch den eingeborenen Sohn der Herrlichkeit seines Schöpfers teilhaftig wurde. Der Mensch ist also wirklich nach Gottes Ebenbild geschaffen: der Schöpfer selber wollte in ihm wie in einem Spiegel seine Herrlichkeit sichtbar werden lassen. Daß er zu einer so hohen Würde gelangte, geschah um des eingeborenen Sohnes willen. Aber ich setze doch hinzu: die ser Sohn war doch selbst auch das Haupt der Engel wie das der Menschen, so daß also die Würde, die dem Menschen zuteil wurde, auch auf die Engel sich erstreckte. Denn diese sind, wie wir hören, „Söhne Gottes“ (Ps. 82,6) — und dann ist es wider-

sinnig, nicht anzunehmen, daß auch ihnen etwas innewohnte, in dem sie dem Vater glichen! Gott wollte also seine Herrlichkeit in den Engeln wie in den Men schen zur Darstellung bringen, wollte sie in beider Natur sichtbar machen — und deshalb ist es ein dummes Geschwätz, wenn Osiander behauptet, die Engel seien da mals von geringerer Würde gewesen als der Mensch, weil sie ja nicht Christi Bild getragen hätten. Aber (so muß man darauf antworten) sie würden sich doch nicht immerfort des gegenwärtigen Anblicks Gottes erfreuen, wenn sie ihm nicht ähnlich wären; und Paulus kennt ja selbst keinen anderen Weg zur Erneuerung des Eben bildes Gottes in den Menschen (Kol. 3,10), als daß sie in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen und zugleich untereinander unter einem Haupte verbunden werden. Ja, wenn wir den Worten Christi glauben wollen, so wird unsere höchste Seligkeit, wenn wir in den Himmel aufgenommen sind, darin bestehen, daß wir den Engeln gleichartig sind (Matth. 22,30). Wollte man also dem Osiander zugestehen, Gottes ursprüngliches Ebenbild sei der Mensch Christus gewesen, so könnte ein an derer mit dem gleichen Recht behaupten, Christus hätte auch die Natur der Engel annehmen müssen, weil ja auch sie des Ebenbildes Gottes teilhaftig gewesen sind!

Institutio – Tag 113

II,12,2

 

Das wird uns noch deutlicher werden, wenn wir über die ungewöhnliche Auf gabe des Mittlers nachdenken. Sollte er uns doch dergestalt bei Gott in Gnade bringen, daß wir aus Menschenkindern zu Gottes Kindern würden, aus Erben der Hölle zu Erben des Himmelreichs. Wer sollte aber dies fertigbringen — sofern nicht der Sohn Gottes auch zum Sohn des Menschen wurde, dabei annahm, was unsere Art ist, und uns zuteil werden ließ, was ihm gehörte, wenn er uns nicht, was ihm von Natur zukam, in Gnaden übermachte? Auf dies Unterpfand ver-

lassen wir uns und vertrauen zuversichtlich, daß wir nun Gottes Kinder sind, da ja Gottes natürlicher Sohn einen Leib von unserem Leib, Fleisch von unserem Fleisch, Gebein von unserem Gebein angenommen hat, um uns in allen Stücken gleich zu sein! Er hat sich nicht gescheut, anzunehmen, was uns eigen war, damit wiederum auch uns eigen würde, was ihm zugehört — so daß er jetzt mit uns ganz zusammengehört als Gottes Sohn und Menschensohn. Daher denn diese heilige Bruderschaft, die er selbst mit eigenem Wort so hoch erhebt: „Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh. 20,17). Auf diese Weise sind wir des Himmelreichs als unseres Erbes gewiß, weil ja Gottes ei niger Sohn, dem dieses Erbe als sicherer Besitz zukommt, uns zu Brüdern ange nommen hat; sind wir aber seine Brüder, so sind wir auch Mitgenossen seines Er bes (Röm. 8,17).

 

Aber noch aus einem anderen Grunde mußte der, der uns erlösen sollte, wahrer Gott und wahrer Mensch sein. Denn er sollte ja den Tod überwinden — und wer sollte das vermögen als das Leben? Er sollte die Sünde niederwerfen — und wer sollte das ausrichten als die Gerechtigkeit selber? Die Mächte der Welt, die in der Luft herrschen, sollte er stürzen — und wer sollte das können als eine Kraft, die stärker war als die Welt und alle Gewalten? Bei wem aber ist nun das Leben, bei wem die Gerechtigkeit, bei wem die Herrschaft und Gewalt über alle Himmel — als bei Gott allein? So hat sich Gott in seiner großen Barmherzigkeit selber in der Gestalt seines eingeborenen Sohnes zu unserem Erlöser gemacht, um uns von der Sünde frei zu machen.

 

 

 

II,12,3

 

Das zweite wesentliche Erfordernis für unsere Versöhnung mit Gott bestand darin, daß der Mensch, der durch seinen eigenen Ungehorsam verlorengegangen war, dafür vollkommenen Gehorsam leistete, dem Urteil Gottes Genüge tat und die Strafe für seine Sünde voll und ganz trug. Da trat unser Herr selber als wahrer Mensch ins Mittel, nahm die Gestalt Adams an, legte sich seinen Namen bei, um an seiner Statt dem Vater den schuldigen Gehorsam darzubringen, um unser Fleisch als Versöhnung vor Gottes gerechtes Gericht hinzustellen und in diesem Fleische die Strafe zu leiden, die wir verdient hatten! Aber er konnte den Tod ja allein als Gott nicht wirklich schmecken, konnte ihn anderseits als Mensch nicht überwinden — und deshalb vereinigte er in sich die menschliche Natur mit der göttlichen; so unterlag er nach der Schwachheit der menschlichen Natur dem Tode, um unsere Sünden zu sühnen — und so konnte er nach der Kraft der göttlichen Natur den Kampf gegen den Tod führen, um für uns den Sieg zu erringen! Wer also Christus seiner Gottheit oder auch seiner Menschheit berauben will, der mindert entweder seine Majestät und seine Ehre, oder er verdunkelt seine Güte gegen uns. Aber ebenso groß ist dann auch anderseits das Unrecht, das man dem Menschen zufügt: man erschüttert und verkehrt seinen Glauben, der nur auf diesem Grunde sicher stehen kann.

 

Zudem sollte auch als Erlöser jener Sohn Abrahams und Davids erwartet wer den, den Gott im Gesetz und in den Propheten verheißen hatte; die Frommen können daraus, daß schon sein Herkommen augenscheinlich bis auf David und Abraham zurückgeht, als weitere Frucht die Gewißheit nehmen: dies ist der Christus, der uns in so vielen Weissagungen gepriesen wird! Vor allem aber müssen wir festhalten, was ich bereits auseinandergesetzt habe: Christi Wesen, das Gott und Mensch ge meinsam umfaßt, ist die Bürgschaft für unsere Gemeinschaft mit ihm als dem Sohne Gottes, in unserem Fleisch hat er Tod und Sünde niedergeworfen, so daß wir den Sieg haben, wir den Triumph führen dürfen; unser Fleisch hat er angenommen und es zum Opfer dargebracht, um unsere Schuld durch sein Sühnopfer zunichte zu machen und Gottes gerechten Zorn gegen uns zu versöhnen!

 

 

 

II,12,4

 

Wer diese Stücke mit der gebührenden Aufmerksamkeit ins Auge faßt, der wird leicht mit den grundlosen Spekulationen fertig werden, wie sie von leichtfertigen und neuerungssüchtigen Leuten aufgebracht werden. Dazu gehört vor allem die Be hauptung, Christus wäre auch dann Mensch geworden, wenn es eines Mittels zur Erlösung der Menschheit nicht bedurft hätte. Ich gebe zwar zu: schon bei der Ord nung der ersten Schöpfung, also im unverdorbenen Zustande, wurde er den Engeln und Menschen zum Haupt gesetzt: er heißt deshalb ja auch bei Paulus „der Erst geborene vor allen Kreaturen“ (Kol. 1,15). Aber die ganze Schrift sagt doch deut lich genug aus, daß er unser Fleisch angenommen hat, um unser Erlöser zu wer den, und deshalb wäre es höchste Vermessenheit, sich einen anderen Grund und einen anderen Zweck dazu zu ersinnen. Es ist doch bekannt, wohin all die Ver heißungen zielten, die seit dem Anbeginn von Christus zeugten: er sollte die zer fallene Welt wiederherstellen und den Menschen in ihrer Verlorenheit zu Hilfe kom men. Deshalb wurde sein Bild unter dem Gesetz in den Opfern angedeutet, da mit die Gläubigen hofften, Gott werde ihnen gnädig sein, nachdem die Sünde ge sühnt und er mit ihnen versöhnt wäre! Zu allen Zeiten, schon vor der Verkündung des Gesetzes, geschieht nie eine Verheißung des Mittlers ohne Blut; und daraus müssen wir schließen, daß der Mittler nach Gottes ewigem Ratschluß dazu verordnet gewesen ist, unsere Sünden abzuwaschen; denn das Blutvergießen ist ja ein Zei chen der Sühne. Die Propheten haben ebenfalls so von ihm gepredigt, daß er in ihrer Verheißung als Versöhner zwischen Gott und den Menschen erschien. Zum Beweise mag hier vor allem das berühmte Zeugnis des Jesaja genügen: er verheißt, der Mittler solle „um unserer Missetat willen“ durch Gottes Hand „zerschlagen“ wer den, die „Strafe liege auf ihm“, „auf daß wir Frieden hätten“, er werde der Priester sein, der sich selbst zum Opfer darbringe, „und durch seine Wunden“ sollten andere „heil werden“; weil wir alle „in der Irre gingen wie Schafe“, so habe es Gott wohl gefallen, ihn zu schlagen, daß er unser aller Strafe trüge … (Jes. 53,4-6). Da hören wir es ja, daß ihn Gott eben dazu berufen hat, armen Sündern in ihrem Jammer Hilfe zu bringen; wer über diese Grenze hinausgeht, der läßt seinem Vor witz zu sehr die Zügel schießen!

 

Als er dann selber hervortrat, da hat er selbst als Grund für sein Kommen be tont, er wolle Gott mit uns versöhnen und uns dadurch vom Tode zum Leben führen. Das gleiche haben auch die Apostel von ihm bezeugt. So redet Johannes zunächst von der Sünde des Menschen und dann erst von der Fleischwerdung des Wortes! (Joh. 1,9-11; Joh. 1,14). Aber vor allem müssen wir ihn ja selber hören, wie er von sei­nem Amte sagt: „Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Le ben haben“ (Joh. 3,16). „Es kommt die Stunde, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören, die werden leben“ (Joh 5,25). „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, und ob er gleich stürbe …“ (Joh. 11,25). „Des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu ma chen, was verloren ist …“ (Matth. 18,11). „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht …“ (Matth. 9,12). Es wäre kein Ende, wenn ich alles aufzählen wollte!

 

In voller Einstimmigkeit führen uns auch die Apostel zu der gleichen Quelle. Und es ist auch so: wäre er nicht gekommen, um uns mit Gott zu versöhnen, so käme ihm nicht die Ehre des Priesteramtes zu, denn der Priester stand zur Fürbitte zwi schen Gott und den Menschen (Hebr. 5,1); er wäre dann auch nicht unsere Gerechtig keit; denn dies gilt von ihm nur, weil er ja ein Opfer für uns wurde, damit uns Gott unsere Sünde nicht zurechnete (2. Kor. 5,19). Kurz, er ginge dann aller hohen Würden, die ihm die Schrift beilegt, verlustig. Auch fiele das Pauluswort dahin: „Was dem Gesetz unmöglich war, das tat Gott, und sandte seinen Sohn in der Ge stalt des sündlichen Fleisches … und verdammte die Sünde im Fleisch“ (Röm. 8,3;

Calvin übersetzt etwas anders). Auch das andere Wort müßte dann fortfallen, wonach in diesem Spiegel, nämlich darin, daß Gott uns Christus als Erlöser gegeben hat, „erschienen sei die heilsame Gnade Gottes“ und seine unendliche Liebe ,,allen Menschen“! (Tit. 2,11). Kurz, die Schrift nennt nirgendwo einen anderen Zweck der Fleischwerdung des Sohnes und des Auftrags, den er vom Vater empfangen hat, als den, daß er das Opfer werde, um den Vater mit uns zu versöhnen. „Also ist’s geschrieben, und also mußte Christus leiden … und predigen lassen in seinem Na men Buße …“ (Luk. 24,46f.). „Deshalb liebt mich mein Vater, weil ich mein Le ben lasse“ „für die Schafe“; „solch Gebot habe ich empfangen von meinem Vater“ (Joh. 10,17f., Anklang von 10,12). „Wie Mose in der Wüste eine Schlange er höhet hat, also muß des Menschen Sohn auch erhöhet werden“ (Joh. 3,14). Und dann wieder: „Vater, hilf mir aus dieser Stunde. Doch dazu bin ich in diese Stunde gekommen: Vater, verkläre deinen Namen …“ (Joh. 12,27f.). An diesen Stellen bezeichnet er es selbst deutlich als Zweck der Fleischwerdung: er soll das Opfer und Sühnemittel sein, um unsere Sünde abzutun. Aus diesem Grunde verkündigt auch Zacharias, er sei nach der Verheißung gekommen, die einst den Vätern gegeben wurde, „auf daß er erscheine denen, die da sitzen in (Finsternis und) Schatten des Todes …“ (Luk. 1,79). Und dies alles wird — das dürfen wir nicht vergessen! — von dem Sohne Gottes gesagt, in welchem nach einem anderen Pauluswort „verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ (Kol. 2,3), und von dem sich Paulus rühmt, er kenne niemand denn ihn allein (1. Kor. 2,2)!

Institutio – Tag 112

II,11,14

 

Aber man fragt weiter: Woher denn diese Verschiedenartigkeit? Gott muß sie doch so gewollt haben! Und konnte er nicht seit Anbeginn der Welt wie auch nach dem Kommen Christi das ewige Leben in klaren Worten ohne alle bildlichen Dar stellungen offenbaren, die Seinen mit wenigen und klaren Sakramenten erziehen, den Heiligen Geist den Menschen zuteil werden und seine Gnade über alle Welt kom­men lassen? Das ist aber genau so, als wenn man mit Gott rechten wollte, warum er die Welt so spät geschaffen habe, obwohl er es doch gleich zu Anfang hätte tun können, und warum er einen regelmäßigen Wechsel zwischen Winter und Sommer, Tag und Nacht festgesetzt hat. Wir aber — das müssen alle Frommen so empfin den — dürfen nicht daran zweifeln, daß alles, was Gott getan hat, weise und gerecht geschehen ist, auch wenn wir oft nicht den Grund wissen, weshalb es so geschehen mußte. Denn es hieße doch wohl, uns allzuviel anzumaßen, wenn wir Gott das Recht abstreiten wollten, bei seinem Ratschluß seine besonderen Gründe zu haben, die uns verborgen sind.

 

Man fragt aber noch weiter: Es ist doch verwunderlich, daß er heutzutage Tier opfer und den ganzen Apparat des levitischen Priestertums verwirft und mit Ab scheu von sich weist, an denen er sich doch einst erfreut hat! Als ob diese hinfälligen und kraftlosen Äußerlichkeiten Gott hätten erfreuen oder ihn überhaupt nur be rühren können! Es wurde uns ja schon deutlich, daß er das alles nicht um seiner selbst willen gemacht, sondern zum Heil der Menschen angeordnet hat. Hat der Arzt einen Menschen als Jüngling tadellos geheilt und verwendet er dann bei dem selben Menschen, wenn er alt geworden ist, andere Mittel und Wege zur Heilung, so werden wir doch nicht sagen, er hätte die Heilweise verworfen, die er einst ver wendet! Nein, gerade weil er beständig bei der gleichen Heilweise bleibt, so berück sichtigt er das Lebensalter des Kranken! So mußte Christus, als er noch nicht da war, mit besonderen Zeichen vorgebildet und als der Kommende angekündigt werden — und diese Zeichen waren andere als die, die ihn heute, da er offenbar geworden ist, darstellen müssen. Freilich, heute, nach dem Kommen Christi, geht Gottes Ruf wei ter, als es zuvor geschah, er ergeht ja über alle Völker hin; die Gnade seines Hei ligen Geistes ist nun reicher ausgegossen als einst; aber ich frage doch: will man

denn leugnen, daß es billigerweise in Gottes Hand und Ermessen steht, wie er seine Gnade austeilen und zu welchen Völkern er sie dringen lassen will? Soll nicht er die Entscheidung darüber haben, an welchen Orten er die Predigt seines Wortes geschehen lassen und wie viel Fortschreiten und Erfolg er ihr gewähren will? Hat er nicht das Recht, der Welt in ihrer Undankbarkeit zu jeder Zeit, da er will, die Kenntnis seines Namens zu entziehen, sie aber auch, wann er will, nach seiner Barmherzigkeit wieder zu gewähren? Wir sehen: es sind also unwürdige Schmähungen, mit denen die Gottlosen in diesem Stück das Gewissen schlichter Leute beunruhigen um Gottes Gerechtigkeit und auch die Vertrauenswürdigkeit der Schrift in Zweifel zu ziehen.

 

Zwölftes Kapitel: Um das Mittleramt ausrichten zu können, mußte Christus Mensch werden.

 

 

 

II,12,1

 

Es war von größter Wichtigkeit für uns, daß der, welcher unser Mittler sein sollte, wirklich wahrer Gott und wahrer Mensch wäre. Das beruht nun freilich nicht, wie man sagt, auf einer „einfachen“ oder „absoluten“ Notwendigkeit, sondern es er gibt sich aus dem himmlischen Ratschluß, von dem das Heil der Menschen abhing. Der Vater hat eben in seiner Freundlichkeit beschlossen, was nach seiner Fest­setzung für uns das Beste war! Denn unsere Ungerechtigkeit stand ja wie eine Wolke zwischen uns und ihm, sie entfremdete uns gänzlich vom Himmelreich, und deshalb konnte uns keiner wieder Frieden schaffen als der, der vollen Zutritt zu ihm hatte. Von wem aber sollte das gelten? Wer vermochte das unter den Kindern Adams? Sie zitterten doch alle mit ihrem Urvater zusammen vor Gottes Blick! Vielleicht einer von den Engeln? Aber sie hatten selber ein Haupt nötig, um fest und unzertrennlich mit ihrem Gott in Gemeinschaft zu stehen! Wie sollte es nun werden? Es wäre wahrhaft jämmerlich um uns bestellt gewesen, wenn nicht Gottes Majestät selber zu uns herniedergekommen wäre — denn hinaufsteigen konnten wir ja eben nicht! So mußte der Sohn Gottes für uns zum Immanuel werden, das heißt „Gott mit uns!“, und zwar so, daß seine Gottheit und die menschliche Natur sich aufs innigste miteinander vereinten. Auf keine andere Weise konnte Gott uns ganz nahe kommen, auf keine andere Art eine feste innere Verbundenheit und damit die zuver sichtliche Hoffnung entstehen, daß er wahrhaft unter uns wohne! So unausgleichbar war der Abstand zwischen uns in unserer Befleckung und Gott in seiner herrlichen Reinheit! Freilich: hätte auch der Mensch sich von allem Sündenunflat frei gehalten, wäre er rein geblieben, so wäre er dennoch zu niedrig gewesen, um mit Gott ohne den Mittler in Gemeinschaft zu kommen! Was sollte aber dann erst aus ihm werden, als er durch fürchterlichen Zusammenbruch in Tod und Hölle versunken, mit soviel Schande befleckt, in seiner Verderbnis bereits stinkend und gänzlich dem Fluch ver fallen war? Es ist deshalb nicht unrichtig, wenn Paulus, um Christus als den Mittler zu bezeichnen, ihn ausdrücklich einen Menschen nennt. „Es ist … ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus!“ (1. Tim. 2,5). Er konnte auch sagen „der Gott …“, konnte auch beide Bezeich nungen, Gott und Mensch, weglassen; aber der Heilige Geist, der durch seinen Mund redet, kennt unsere Schwachheit, wollte uns schnell Hilfe bringen und wandte dazu das beste Mittel an: er stellte Gottes Sohn vertraut in unsere Mitte wie einen unseresgleichen! Nun soll sich keiner mehr quälen und fragen, wo man denn diesen Mittler finden könnte oder auf was für einem Wege zu ihm zu gelangen sei: der Geist nennt ihn einen Menschen und zeigt uns damit, daß er uns nahe, ja, daß er unseresgleichen ist, denn er ist ja unser Fleisch und Blut! Das gleiche fin den wir an anderer Stelle noch deutlicher entfaltet: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unseren Schwachheiten, sondern der versucht ist allenthalben, doch ohne Sünde“ (Hebr. 4,15).

Institutio – Tag 111

II,11,10

 

Die drei zuletzt genannten Vergleichungen betrafen Gesetz und Evange lium; in ihnen wird also das Gesetz als Altes, das Evangelium als Neues Testament bezeichnet. Nur die allererste Unterscheidung ist umfassender: sie umfaßt auch die vor dem Gesetz gegebenen Verheißungen! Diese Verheißungen selbst will nun Augustin unter keinen Umständen zum Alten Testament gerechnet wissen; und er hat darin völlig recht. Denn er hat damit nur zeigen wollen, was auch wir lehren: hat er doch ebenfalls jene Aussprüche des Jeremia und des Paulus vor Au gen, in denen das Alte Testament von dem Wort der Gnade und Barmherzigkeit unterschieden wird! Sehr durchdacht ist es auch, wenn er an derselben Stelle noch hinzusetzt: seit Anbeginn der Welt gehörten alle Kinder der Verheißung, alle, die Gott wiedergeboren hat, alle, die im Glauben, der in der Liebe tätig ist, den Geboten gehorcht haben, zum neuen Bunde! Dabei hofften sie nicht auf fleischliche, irdische, zeitliche Dinge, sondern auf geistliche, himmlische, ewige Güter. Vor allem aber glaubten sie an den Mittler; und sie wußten gewiß, daß er ihnen den Geist darreichte, um Gutes zu tun, und daß er ihnen Vergebung gewährte,

wenn sie sündigten! (An Bonifacius III,4). Eben dies hatte auch ich zu beweisen die Absicht: Alle Heiligen, die Gott seit Anbeginn der Welt erwählt hat, wie die Schrift uns berichtet, sind auch des gleichen Segens zu ihrem ewigen Heil teil haftig geworden wie wir. Nun sagt aber Christus: „Das Gesetz und die Propheten haben geweissagt bis auf Johannes“ (Matth. 11,13), und seitdem wird das Reich Gottes gepredigt. So besteht nun zwischen meiner Darstellung dieser Verschieden heit und der des Augustin ein Unterschied: ich unterscheide zwischen der Klarheit des Evangeliums und der dunkleren Verlautbarung des Wortes in der ver gangenen Zeit; Augustin dagegen unterscheidet einfach das Gesetz in seiner Kraftlosigkeit vom Evangelium mit seiner Kraft und Sicher heit.

 

Freilich muß hier doch auch gesagt werden: die heiligen Väter haben ihr Leben unter dem Alten Testament so geführt, daß sie nicht daran hängenblieben, sondern sich stets nach dem Neuen ausgestreckt und daran sogar wirklich Anteil gehabt ha ben! Denn der Apostel spricht ja das Verdammungsurteil über die, welche sich mit den gegenwärtigen Schatten zufrieden gaben und sich nicht innerlich auf Christus hin ausrichteten. Und das ist ja auch so: lassen wir selbst alles andere beiseite, so gibt es doch nichts Törichteres, als von der Schlachtung eines Stücks Vieh Sühne für die Sünde zu erhoffen, von der äußeren Besprengung mit Wasser eine Reinigung der Seele zu erwarten oder mit törichten Zeremonien Gottes Wohlgefallen zu su chen, als ob er daran gerade seine Freude hätte! Zu lauter solchem Unfug kommt man, wenn man ohne den Blick auf Christus an der äußerlichen Beobach tung des Gesetzes hängenbleibt!

 

 

 

II,11,11

 

Man kann noch eine fünfte Unterscheidungsart zufügen; sie beruht darauf, daß der Herr bis zum Kommen Christi nur ein einziges Volk abgesondert und er wählt hat, um seinen Gnadenbund gleichsam darin einzuschließen. „Da der Aller höchste die Völker verteilte, als er zerstreute der Menschen Kinder“, so hören wir bei Mose, „… da nahm er Israel zu seinem Teil, und Jakob ist sein Erbe“ (Deut. 32,8f.; nicht Luthertext). An anderer Stelle redet er das Volk an: „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel, die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des Herrn, deines Gottes. Dennoch hat er allein zu deinen Vätern Lust gehabt, daß er sie liebte, und hat ihren Samen erwählt nach ihnen, euch, aus allen Völkern …“ (Deut. 10,14f.). Diesem Volk allein also hat er die Kenntnis seines Namens zu teil werden lassen, als ob es allein unter allen Menschen ihm gehörte, seinen Bund hat er ihm gewissermaßen in den Schoß gelegt, seine göttliche Majestät hat er ihm gegenwärtig offenbart, mit allerlei Vorrechten hat er es geschmückt. Ich will aller anderen Wohltaten schweigen und nur das erwähnen, was hier am wichtigsten ist: er hat diesem Volke sein Wort gegeben und es so in seine Gemeinschaft gezogen, so daß er also sein Gott hieß, als sein Gott galt! Unterdessen ließ er alle anderen Völker in Eitelkeit ihre eigenen Wege gehen (Apg. 14,16) — als ob sie nichts mit ihm zu tun hätten! Ihnen bot er auch nicht das einzige Mittel zur Rettung aus solchem Elende: nämlich die Predigt seines Wortes! So war dazumal Israel sein geliebter Sohn, die anderen waren Fremde; es war ihm bekannt und unter sei nen Schutz und Schirm genommen, die anderen blieben in ihrer Finsternis; es war von Gott geheiligt, die anderen waren gottfern (profani); es war der Gegenwart Gottes gewürdigt, den anderen war jede Annäherung verschlossen! Aber als „die Zeit erfüllet war“, daß alle zurechtgebracht werden sollten, und er, der Versöhner zwischen Gott und den Menschen, offenbar wurde, da wurde die Scheidewand nie dergerissen, die Gottes Barmherzigkeit so lange auf Israel begrenzt hatte, da wurde Friede verkündigt denen, die fern waren, wie auch denen, die nahe waren, so daß sie nun, beide mit Gott versöhnt, auch untereinander zu einem geistlichen Volke zusammenwüchsen! (Eph. 2,14-17). So gilt denn hier weder Jude noch Grieche

(Gal. 3,28), weder Beschneidung noch Nichtbeschnittensein (Gal. 6,15), sondern „alles und in allen Christus!“ (Kol. 3,11). Denn ihm sind alle Völker zum Erbe gegeben, die Enden der Erde zum Eigentum (Ps. 2,8), daß er ohne Unterschied herrsche von Meer zu Meer, von den Wassern bis zum äußersten Ende der Welt! (Ps. 72,8 u.a. — z.B. Sach. 9,10).

 

 

 

II,11,12

 

Die Berufung der Heiden ist also ein herrliches Zeichen, das die Über legenheit des Neuen Testaments über das Alte deutlich macht. Sie war gewiß schon von den Propheten in vielen und herrlichen Offenbarungssprüchen bezeugt; aber die Erfüllung fiel dabei stets in das Messiasreich! Sogar Christus selber ist nicht gleich zu Anfang seiner Verkündigung dazu geschritten; sondern er hat das aufgeschoben bis dahin, wo er unsere Erlösung vollkommen vollbracht hatte, nämlich wo die Zeit seiner Erniedrigung zu Ende war und er vom Vater jenen „Namen“ empfangen hatte, der „über alle Namen ist, vor dem sich beugen sollen aller … Knie …“ (Phil. 2,9). Als diese Gnadenzeit noch nicht da war, gab er dem kanaanäischen Weibe die Auskunft: „Ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ (Matth. 15,24). Auch die Apostel erhalten bei ihrer ersten Aussen dung den ausdrücklichen Befehl, nicht über Israels Grenzen hinauszugehen! (Matth. 10,5f.). „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel!“

 

Mochten aber auch noch so viele Stellen in der Schrift von der Berufung der Heiden reden, so kam sie doch den Aposteln, als sie durch ihre Arbeit den Anfang nehmen sollte, ganz neu und ungewohnt vor, ja sie entsetzten sich davor wie vor et was Schrecklichem! Schließlich haben sie ihren Auftrag in Angriff genommen, doch nur furchtsam und widerstrebend. Das kann uns nicht wundernehmen: es schien wirk­lich recht widersinnig, daß der Herr, der Israel so lange Jahrhunderte hindurch von den anderen Völkern abgesondert hatte, nun plötzlich seinen Plan gewandelt haben und die von ihm selbst getroffene Wahl ändern sollte! Es war das gewiß in Weissagungen vorhergesagt — aber so sehr konnten sie nicht auf diese blicken, daß ihnen die Sache selbst in ihrer Neuheit, wie sie sich ihnen vor Augen stellte, nichts mehr ausgemacht hätte. Auch die Beispiele, die Gott für die künftige Berufung der Heiden bereits gegeben hatte, waren doch nicht ausreichend, um sie mit der Sache zu befreunden. Denn einmal waren es ja nur ganz wenige, die Gott bereits berufen hatte — und dann hatte er sie ja auch gewissermaßen in Abrahams Geschlecht ein gefügt, so daß sie zu seinem Volke hinzukamen! Diese neue Berufung aber ge­schah frei öffentlich, und sie stellte die Heiden den Juden gleich, ja es schien, als wären die Juden alle miteinander verstorben und die Heiden an ihre Stelle getre ten! Nun muß man bedenken, daß auch jene wenigen Fremden, die Gott ehedem in seine Kirche aufgenommen hatte, ja keineswegs den Juden gleichgestellt waren. Es ist gewiß nicht unrichtig, wenn Paulus dies ein Geheimnis nennt und als solches so eifrig verkündigt, ein Geheimnis, das Jahrhunderten und Generationen verbor gen war und das, wie er sagt, selbst den Engeln ein Wunder ist! (Kol. 1,26; vgl. 1. Petr. 1,12).

 

 

 

II,11,13

 

Mit diesen vier oder fünf Stücken hoffe ich den ganzen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament entfaltet zu haben, soweit es die Schlichtheit der Lehre erfordert. Aber es gibt Leute, die es für einen großen Widersinn erklären, daß Gott seine Kirche auf so verschiedene Weise gelenkt, so mehrfältig gelehrt und ihr eine so große Unterschiedlichkeit der äußeren Gebräuche gegeben habe. Bevor wir weitergehen, müssen diese Leute eine Antwort haben. Das kann recht kurz vor sich gehen; denn ihre Einwendungen sind nicht so wesentlich, daß eine gründliche Widerlegung nötig wäre. Man sagt also: Es ist nicht einzusehen, warum denn Gott, der sich doch stets gleichbleibt, eine derartige Veränderung erfahren haben könnte, daß er, was er einmal befohlen und angeordnet hatte, nun später verworfen hätte.

Ich antworte: Wenn Gott zu verschiedenen Zeiten verschiedene Einrichtungen getroffen hat, je nachdem er es für heilsam hielt, so kann man ihn deshalb keineswegs für veränderlich erklären. Wenn ein Bauer seinem Gesinde im Winter andere Aufgaben erteilt als im Sommer, so können wir ihn deswegen doch nicht für wankel mütig erklären; auch dürfen wir ihm keine Abweichung von den Grundsätzen des Ackerbaus vorwerfen, der doch gerade mit dem regelmäßigen Ablauf der Natur (cum perpetuo naturae ordine) zusammenhängt. Und ähnlich: wenn ein Vater seine Kinder in der Kindheit, im Jugendalter und in der reiferen Jugendzeit je anders erzieht, regiert und behandelt, so kann man ihn doch deshalb nicht für leichtsinnig oder wankelmütig halten! Wie sollen wir aber dann Gott Unbeständigkeit vorwer fen, weil er die Verschiedenheit der Zeiten auch in entsprechender Weise äußerlich hat zur Geltung kommen lassen? Ich will zum Schluß noch ein letztes Gleichnis nen nen — das muß uns dann genug sein! Paulus vergleicht nämlich die Juden mit unmündigen Kindern, die Christen mit reiferen Jünglingen (Gal. 4,1ff.). Was soll dann aber Unordentliches daran sein, wenn Gott in seiner Regierung die Juden mit den Anfangsgründen befaßte, die dem Maß ihres Alters entsprachen, und wenn er anderseits uns schon in kräftigerer, sozusagen männlicherer Lehre unterwies? Gottes Beständigkeit kommt also darin zum Vorschein, daß er Menschen aller Zeiten die gleiche Lehre hat verkündigen lassen: die Verehrung seiner göttlichen Majestät, die er einst im Anfang vorgeschrieben hat, verlangt er fort und fort! Daß er dabei jedoch verschiedene äußere Gestalt und Art anwendet, ist keineswegs ein Beweis da für, daß er der Veränderlichkeit unterworfen wäre; nein, er hat sich in etwa nach dem Verständnis des Menschen, das ja verschieden und veränderlich ist, gerichtet!