II,4,8
Hier möge nun der Leser bedenken, daß die Kraft unseres menschlichen Willens nicht etwa nach dem sichtbaren Ergebnis beurteilt werden darf, wie das einige unkundige Leute in ihrer Torheit tun. Sie meinen die Abhängigkeit des mensch lichen Willens dadurch fein und kunstvoll beweisen zu können, daß ja nicht einmal den höchsten Herrschern alles nach ihren Wünschen gerät. Die Fähigkeit aber, von der wir zu reden hatten, ist im Menschen selbst zu sehen, nicht aber am äußeren Erfolg zu messen. Der Streit um den freien Willen dreht sich nicht um die Frage, ob der Mensch, was er innerlich bei sich beschlossen hat, nun auch durch alle äußeren Hemmnisse hindurch ausführen und durchsetzen könne. Es geht vielmehr darum, ob der Mensch überhaupt in irgendeiner Sache freie Entscheidung in sei nem Urteil und freie Triebkraft seines Willens habe. Muß diese Frage bejaht wer den, so hat Attilius Regulus in seinem engen, genagelten Fasse ebensoviel Freiheit wie Julius Cäsar, dessen Wink ein gut Teil des Erdkreises regierte!
Fünftes Kapitel: Abwehr der Einwürfe, die man zur Verteidigung des freien Willens vorzubringen pflegt.
II,5,1
Über die Unfreiheit des menschlichen Willens wäre nun anscheinend genug ge sagt, wenn da nicht Leute wären, die den Menschen durch den Aberglauben an seine Freiheit ins Unheil zu stürzen sich bemühen und zu diesem Zweck einige Gegengründe vorbringen, um unserer Meinung zu widerstehen. Da sammeln sie nun zunächst einige (angebliche) Widersinnigkelten auf, die diese Lehre in Verruf bringen sollen, als sei sie dem gesunden Menschenverstand zuwider. Alsdann aber führen sie auch Schriftzeugnisse ins Treffen. Wir werden beide Versuche der Reihe nach widerlegen. Also zunächst: Sie sagen: Ist die Sünde etwas Notwendiges, so hört sie da mit auf, Sünde zu sein, ist sie aber etwas Willentliches, so läßt sie sich eben auch vermeiden. Nun waren das auch die Waffen, mit denen einst Pelagius gegen Augustin anging. Aber wir wollen unsere Gegner nicht von vornherein mit seiner Autorität belasten, ehe wir nicht selbst unsre Behauptung gerechtfertigt haben. Ich bestreite also, daß die Sünde deshalb weniger zuzurechnen sei, weil sie notwendig ist. Und ich bestreite ebenfalls ihre Folgerung, die Sünde sei vermeidbar, weil sie willentlich sei. Will nämlich jemand mit Gott rechten und sich hinter dem Vor wand verstecken, er habe ja nicht anders gekonnt, so erhält er die Antwort, die wir bereits beigebracht haben: Daß die Menschen unter die Sünde versklavt sind und nur noch das Böse wollen können, ist nicht Schuld der Schöpfung, sondern der Verderbnis der Schöpfung! Woher kommt denn jenes Unvermögen, das die Gottlosen so gerne vorschützen, anders als daher, daß sich Adam aus freien Stücken der Tyrannei des Teufels unterwarf! Die Sündhaftigkeit, deren Ketten wir an uns tragen, rührt doch daher, daß der erste Mensch von seinem Schöpfer abfiel. Alle Menschen werden also mit vollem Recht dieses Abfalls für schuldig erklärt — und deshalb soll man sich doch nicht mit der Notwendigkeit entschuldigen zu können wähnen, die doch gerade der deutliche Grund unserer Verdammnis ist. Das habe ich ja auch oben deutlich auseinandergesetzt; ich habe sogar den Teufel selbst als Beispiel genommen und gezeigt, daß der, welcher notwendig sündigt, deshalb nicht weniger willentlich sündigt. So ist ja auch bei den erwählten Engeln zwar ein unentwegt dem Guten zugewandter Wille da, aber der hört doch deshalb nicht auf, Wille zu sein! So lehrt auch Bernhard, wie wir bereits anführten, recht gut, wir seien um so jämmerlicher daran, weil ja diese Notwendigkeit willentlich sei — und uns doch so fest bezwungen halte, daß wir Knechte der Sünde seien (Predigten zum Hohen Liede, 81). — Der zweite Teil der gegnerischen Schlußfolgerung ist verkehrt, weil sie vom „Willen“ gleich auf die „Freiheit“ schließen, was doch nicht angeht. Wir haben demgegenüber bereits dargelegt, daß etwas willentlich geschehen kann, ohne doch freier Entscheidung zu unterliegen.
II,5,2
Dann machen sie den Einwand: Wenn Tugend und Laster nicht aus der Entschei dung des freien Willens hervorgehen, so ist es nicht richtig, daß man Strafen ver hängt oder Belohnungen austeilt. Das ist ein Beweisstück des Aristoteles; aber es ist, das gebe ich zu, auch von Chrysostomus und Hieronymus da und dort ge braucht worden. Trotzdem war es auch den Pelagianern völlig geläufig; das leugnet auch Hieronymus nicht, und er berichtet sogar ihre Ausdrücke: „Wenn Gottes Gnade in uns handelt, so wird eben sie gekrönt werden, nicht aber wir, die wir gar nichts schaffen“ (Brief an Ktesiphon, 135 und Dialog 1).
Betreffs der Strafen gebe ich die Antwort: sie werden uns mit Recht auf erlegt, weil ja auch die Sündenverschuldung von uns ausgeht. Denn was macht es auch, ob da mit freiem oder geknechtetem Urteil gesündigt wird — es geschieht doch
mit willentlicher Begierde! Zumal der Mensch ja gerade dadurch als Sünder erwiesen ist, daß er eben unter der Knechtschaft der Sünde steht! — Was nun die Belohnung der Gerechtigkeit angeht, so soll es nun (nach ihrer Meinung) widersinnig sein, wenn wir bekennen, daß sie von Gottes Güte und nicht von un serem eigenen Verdienst abhängt. Wie oft kehrt aber doch bei Augustin die Wendung wieder, Gott kröne nicht unser Verdienst, sondern seine eigenen Gaben; Lohn hieße das, nicht weil es unserem Verdienst zukomme, sondern weil er den von ihm selbst uns geschenkten Gnadengaben Vergeltung zuteil werden ließe! Sie bemerken nun scharfsinnig, es bliebe ja für Verdienste gar kein Raum mehr, wenn sie nicht aus der Quelle des freien Willens hervorsprudelten. Aber sie sind tief im Irrtum, wenn sie hier einen so großen Widerspruch sehen. Denn Augustin lehrt ja selbst an so vielen Stellen ohne Bedenken, was er nach ihrer Anschauung für freventlich erklären müßte; so z. B. sagt er: „Was sind denn die Verdienste der Menschen? Jesus ist doch nicht mit verdientem Lohn, sondern mit freier Gnade zu uns gekommen, und so hat er, der allein von der Sünde frei war und frei machte, alle Menschen als Sünder vorgefunden“ (Brief 155). Oder: „Wenn du nach Verdienst erhältst, dann mußt du Strafe leiden. Was geschieht also? Gott legt dir nicht die verdiente Strafe auf, sondern schenkt dir unverdiente Gnade. Willst du aber ohne Gnade sein, so berufe dich auf dein Verdienst!“ (Zu Psalm 31). Oder end lich: „Von dir aus bist du nichts. Dir gehören deine Sünden. Die Verdienste sind Gottes Sache. Was dir mit Recht zukäme, wäre die Strafe. Kommt dir aber Lohn zu, so krönt Gott seine eigenen Gaben, nicht aber deine Verdienste“ (Zu Psalm 70). In diesem Sinne lehrt er auch, die Gnade komme nicht aus dem Ver dienst, sondern das Verdienst aus der Gnade! Und gleich darauf kommt er zu dem Schluß, Gott gehe mit seinen Gaben allem Verdienst voran, um dann aus jenen ein Verdienst abzuleiten; da er nichts Verdienstliches finde, so schenke er sein Heil ganz aus Gnaden (Predigt 169).
Aber was sollen wir da eine lange Liste zusammenstellen, wo doch in Augustins Schriften immer wieder solche Sätze uns begegnen? Viel besser wird aber der Apostel unsere Gegner von ihrem Irrtum befreien, wenn sie hören, aus welchem Ursprung er die Ehre der Heiligen herleitet. „Welche er erwählt hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerecht fertigt hat, die hat er auch herrlich gemacht“ (Röm. 8,29f.). Weshalb werden also nach dem Zeugnis des Apostels die Gläubigen gekrönt? (2. Tim. 4,8). Weil sie durch Gottes Barmherzigkeit ohne all ihr Bemühen erwählt, berufen und ver herrlicht sind! Hinweg also mit jener unbegründeten Furcht, es gäbe keine Verdienste mehr, wenn der freie Wille abgetan würde. Denn es ist die größte Torheit, vor dem voll Schrecken zu fliehen, zu dem uns die Schrift hinruft! „So du es aber emp fangen hast, was rühmst du dich denn, als ob du es nicht empfangen hättest?“, sagt der Apostel (1. Kor. 4,7). Offensichtlich wird unserem freien Willen alles abge sprochen, damit für Verdienst kein Raum mehr bleibt. Aber doch ist Gottes Wohltätigkeit und Freigebigkeit so unerschöpflich und vielfältig, daß er die Gnadengaben, die er uns zuteil werden läßt, eben weil er sie zu unserem Eigentum macht, ge radezu als unsere Tugenden belohnt!

Was ist mit dem Tag 67 passiert?
Danke für Ihre Intervention. Ich benutze für die Veröffentlichung der einzelnen Abschnitte die Automatisierung von WordPress. Leider hatte diese Funktion einen kleinen Aussetzer, sodass dieser Beitrag unveröffentlicht in meiner Artikelliste liegen blieb. Habe ihn jetzt aber nachträglich manuell veröffentlicht. Ich hoffe Sie kommen trotzdem nicht durcheinander.
Freundliche Grüße,
Matthias