I,17,6
Aber dergleichen Lästerungen, ja wahnsinnige Hirngespinste wird eine fromme und heilige Betrachtung der Vorsehung zunichte machen, wie sie uns die Richt schnur der Frömmigkeit gebietet: so wird uns daraus die beste und lieblichste Frucht erwachsen! Da der Christ in seinem Herzen die unumstößlich gewisse Überzeugung hat, daß alles aus Gottes Führung, nichts aber aus Zufall geschieht, so wird er auf ihn als die höchste Ursache der Dinge stets die Augen richten, die untergeordneten Gründe (causas inferiores) aber an der ihnen zukommenden Stelle nicht außer acht lassen. Außerdem wird er nicht zweifeln, daß Gottes besondere Vorsehung auf der wacht ist, ihn zu erhalten; sie wird ja nichts geschehen lassen, was ihm nicht zum Guten und zum Heil gereicht! Da er es aber zunächst mit Menschen, dann auch mit den übrigen Geschöpfen zu tun hat, so wird er gewiss sein: beide regiert Gottes Vorsehung! Was die Menschen, seien sie gut oder böse, betrifft, so wird er aner kennen: ihr Beschließen und Wollen, Versuchen und Vermögen ist in Gottes Hand, und es liegt bei seinem Wohlgefallen, das alles zu wenden, wohin er will, und auch zu hemmen, wenn immer er will!
Dass Gottes besondere Vorsehung über dem Heil der Gläubigen wacht, bezeugen sehr viele ganz klare Verheißungen: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen“ (Ps. 55,23). „Denn er sorgt für uns!“ (1. Petr. 5,7). „Wer unter dem Schirm des Höchsten
sitzet, der bleibt unter dem Schutz Gottes, der im Himmel ist“ (Ps. 91,1; nicht Luthertext), „Wer euch antastet, der tastet seinen (Gottes) Augapfel an!“ (Sach. 2,12). „Ich will dein Schild sein (Gen. 15,1), deine eherne Mauer“ (Jes. 26,1; Jer. 1,18). „Ich will feind sein denen, die dir feind sind“ (Jes. 49,25). „Und ob auch eine Mutter ihres Kindleins vergäße, so will ich dich doch nicht vergessen“ (Jes. 49,15). Ist es doch der wichtigste Gesichtspunkt in den Erzählungen der Bibel, zu lehren: der Herr behütet die Wege der Heiligen mit solchem Fleiß, „daß sie ihren Fuß nicht an einen Stein stoßen“ (vgl. Ps. 91,12). Wir haben nun oben (XVI,4) mit Recht die Meinung derer abgelehnt, die bloß an eine „allgemeine“ Vorsehung Gottes den ken, die sich nicht in besonderer Weise zur Fürsorge für jede einzelne Kreatur herab lasse. Deshalb ist es erst recht der Mühe wert, diese „besondere“ Fürsorge an uns zu erkennen. So behauptet ja Christus, nicht einmal der geringste Sperling falle zur Erde ohne den Willen des Vaters (Matth. 10,29), und er wendet das sofort so. da wir ja mehr sind als Sperlinge, so sollen wir uns auch um so mehr der beson deren Fürsorge Gottes versichert halten; er dehnt diese Fürsorge soweit aus, daß wir zuversichtlich glauben sollen, auch die Haare auf unserem Haupte seien alle gezählt (Matth. 10,30). Was sollen wir uns denn noch anders wünschen, wenn doch nicht einmal ein Haar von unserem Haupte fallen kann ohne seinen Willen? Ich rede hier nicht nur (allgemein) vom Menschengeschlecht, sondern weil sich Gott die Kirche zur Wohnung erlesen hat, so erweist er unzweifelhaft in ihrer Leitung seine väterliche Fürsorge durch besondere Zeugnisse.
I,17,7
Durch solche Verheißungen und Beispiele gestärkt, wird der Diener Gottes auch der Zeugnisse gedenken, welche lehren, daß unter Gottes Macht alle Menschen stehen, ob nun ihr Herz uns günstig gestimmt werden soll oder ihre Bosheit in Schranken gebracht werden muß, damit sie nicht Schaden tue. Denn es ist der Herr, der uns Gnade gibt, nicht nur bei denen, die uns wohlgesinnt sind, sondern auch „in den Au gen der Ägypter“ (Ex. 3,21); die Frechheit unserer Feinde aber weiß er auf mancher lei Weise zu brechen. Zuweilen nimmt er ihnen den Verstand, damit sie nichts Kluges und Besonnenes unternehmen können. So sendet er den Satan, um zur Täuschung des Ahab den Mund aller Propheten mit Lüge zu erfüllen (1. Kön. 22,22). Oder er führt den Rehabeam durch den Rat der Jungen in die Irre, damit er durch seine Torheit der Herrschaft verlustig ginge (1. Kön. 12,10.15). Manchmal läßt er ihnen den Verstand, versetzt sie aber derart in Schrecken und Betäubung, daß sie nicht mehr wollen oder vollbringen, was sie sich vorgenommen haben. Mitunter auch ge stattet er ihnen zu versuchen, was ihnen Lust und Wut eingegeben haben, und hemmt dann doch zur rechten Zeit ihr Ungestüm, läßt sie nicht zum Ziele führen, was sie ge plant! So machte er den Rat des Ahitophel, der dem David hätte verderblich werden können, vor der Zeit zunichte (2. Sam. 17,7.14). So ist es seine Sorge, alle Ge schöpfe den Seinen zugut und zum Heil zu leiten, und wir sehen, wie selbst der Teu fel ohne seine Erlaubnis (permissio) oder Anordnung nicht wagte, den Hiob zu ver suchen (Hiob 1,12).
Wer das erkennt, bei dem wird sich notwendig herzliche Dankbarkeit bei glück lichem Erfolg, Geduld im Leiden und eine unglaubliche Gewissheit für die Zukunft einstellen. Er wird alles, was glücklich und nach seines Herzens Wunsch ihm gelingt, Gott allein zuschreiben, ob er nun seine Wohltätigkeit durch den Dienst von Men schen erfahren hat oder ob ihm von den leblosen Geschöpfen Hilfe zuteil wurde. Er wird sich in seinem Herzen sagen: Es ist gewiss der Herr, der mir ihre Seele zuge neigt und sie mir zugeführt hat, damit sie an mir zu Werkzeugen seiner Freund lichkeit würden! Er wird bei reicher Ernte denken: der Herr ist es, der den Himmel „erhört“ hat, damit der Himmel die Erde „erhöre“ und diese wieder ihre Spröss linge (vgl. Hos. 2,23ff.). So wird er auch in anderen Dingen nicht zweifeln, daß alles nur durch des Herrn Segen gedeiht – und, durch soviel Ursachen ermuntert, wird er nicht undankbar sein können!
I,17,8
Trifft einen solchen Menschen etwas Widerwärtiges, so wird er auch dann als bald das Herz zu Gott erheben; denn seine Hand vermag am besten, uns Geduld und Lindigkeit des Herzens zu verleihen. Wäre Joseph dabei stehen geblieben, die Treulosigkeit seiner Brüder zu bedenken, so hätte er ihnen gegenüber nie mehr eine brüderliche Gesinnung gewinnen können. Aber er schaute auf den Herrn, und da vergaß er das Unrecht und wurde zu Sanftmut und Barmherzigkeit geneigt, so daß er gar aus freien Stücken die Brüder tröstete und sagte: „Nicht ihr habt mich nach Ägypten verkauft, sondern Gottes Wille hat mich vor euch hergesandt, damit ich euch das Leben erhielte!“ (Gen. 45,7ff.; summarisch). „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen!“ (Gen. 50,20). Hätte Hiob die Chaldäer angesehen, die ihn quälten, so wäre er sofort zur Rache entflammt wor den. Aber er erkennt doch (in dem Geschehen) des Herrn Werk, und da kann er sich mit dem herrlichen Satz trösten: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genom men, der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1,21). Hätte David, als ihn Simei mit Schmähungen und Steinwürfen angriff, seine Augen auf den Menschen ge richtet, so hätte er die Seinen aufgefordert, für das (ihm geschehene) Unrecht Rache zu nehmen; aber weil er einsah, daß dieser nicht ohne des Herrn bewegende Kraft handelte, darum besänftigte er sie vielmehr und sagte: „Laßt ihn, denn der Herr hat’s ihn geheißen: fluche David!“ (2. Sam. 16,10). Mit dem gleichen Zügel bän digt er auch an anderer Stelle seinen unmäßigen Schmerz: „Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du hast’s getan“ (Ps. 39,10). Es gibt keine kräfti gere Arznei gegen Zorn und Ungeduld als diese; so hat der gewiss schon viel erreicht, der in diesem Stück Gottes Vorsehung zu betrachten gelernt hat, so daß er sich immer wieder sagen kann: Der Herr hat es gewollt, deshalb muß ich es tragen, nicht nur, weil ich nicht widerstreben soll, sondern auch weil er ja nichts will, als was recht und heilsam ist! Kurz, wenn wir von Menschen unbillig verletzt worden sind, so sollen wir ihre Bosheit nicht weiter beachten, – sie würde nur unseren Schmerz verschärfen und unser Herz zur Rache anreizen! – sondern uns zu Gott erheben und lernen, aufs gewisseste daran festzuhalten: was der Feind uns in seiner Bosheit zu gefügt hat. das hat Gott in gerechter Fügung zugelassen, ja geschickt! Paulus er innert uns, um uns von der Wiedervergeltung des Bösen abzuschrecken, mit Recht daran, daß wir „nicht mit Fleisch und Blut“ zu kämpfen haben, sondern mit dem geistlichen Feinde, dem Teufel; gegen den sollen wir uns zum Kampfe rüsten! (Eph. 6,12). Das aber ist die beste Ermahnung zum Dämpfen aller aufwallenden Rachsucht: daß Gott selbst den Teufel wie auch alle Gottlosen zum Kampfe rüstet und wie ein Kampfrichter thront, um uns in der Geduld zu üben!
Treffen uns ohne Zutun von Menschen Unglück und Elend, die uns drücken, so sollen wir an die Lehre des Gesetzes gedenken: alles Heilsame fließt aus der Quelle des Segens Gottes, alles Widerwärtige ist sein Fluch (Dtn. 28,20ff.), und es soll uns jene furchtbare Ankündigung schrecken: „Werdet ihr von ungefähr mir ‘zuwider wandeln’, so werde auch ich von ungefähr euch zuwider wandeln’!“ (Lev. 26,15ff., besonders V. 24). Mit diesen Worten wird unsere Trägheit gestraft, wenn wir nach gemeiner Fleischesart alles für zufällig halten, was uns Gutes oder Böses begegnet, und uns weder von Gottes Wohltaten zu seiner Verehrung ermuntern, noch durch seine Schläge zur Buße leiten lassen. Aus diesem Grunde schalten ja auch Jeremia und Amos so bitterlich mit den Juden, weil diese meinten, Gutes wie Böses geschehe ohne Anordnung Gottes (Klgl. 3,38; Amos 3,6). Darauf bezieht sich auch das Wort des Jesaja: „Ich bin der Gott, der das Licht macht und die Finsternis schafft, ich gebe Frieden und schaffe das Übel, ich bin der Herr, der solches alles tut“ (Jes. 45,7).
I,17,9
Unterdessen wird aber der Fromme die untergeordneten Ursachen (causas inferiores) nicht außer acht lassen. Er wird nicht etwa aus der Einsicht, daß die, welche ihm wohl tun, ja Diener der Güte Gottes sind, den Schluss ziehen, er könne sie (mit Undank) übergehen, als ob sie für ihre Freundlichkeit (humanitas) keinen Dank verdient hätten, sondern er wird sich ihnen von Herzen verpflichtet fühlen, sich gerne als den Beschenkten bekennen und ihnen nach Fähigkeit den Dank auch durch die Tat abzustatten sich bemühen. Kurz, er wird gewiss Gott als den vornehmsten Urheber beim Empfang guter Gaben loben und preisen, aber er wird die Menschen eben als seine Diener ehren und wird, wie es doch tatsächlich der Fall ist, einsehen, daß er durch Gottes Willen denen zu Dank verpflichtet ist, durch deren Hand Gott sich hat wohltätig erweisen wollen! Hat er aus Nachlässigkeit oder Unvorsichtigkeit ei nen Schaden erlitten, so wird er zwar feststellen, daß dies aus Gottes Willen ihm zugestoßen sei, aber er wird es doch auch sich selbst zuschreiben! Ist einer an einer Krankheit gestorben, welchen er zu pflegen verpflichtet war, aber nachlässig behan delt hat, so wird er zwar durchaus wissen, daß der Betreffende zu dem Ende gekom men sei, dem er nicht entgehen konnte, aber er wird doch darüber seine Sünde nicht gering achten; im Gegenteil: er hat gegen jenen Menschen sein Amt nicht treu er füllt und wird deshalb die Sache so ansehen, als ob er durch Schuld seiner Nach lässigkeit gestorben wäre. Noch viel weniger wird er bei einem Mord oder Dieb stahl die dabei wirksame Verruchtheit und Bosheit seines Herzens mit dem Vorwand göttlicher Vorsehung entschuldigen; er wird vielmehr in der gleichen Tat Gottes Gerechtigkeit und des Menschen Bosheit, wie sie sich beide offenba ren, in ihrer Verschiedenheit betrachten. Und ganz besonders wird er hin sichtlich der Zukunft auf dergleichen untergeordnete Ursachen Acht haben. Denn er soll es zu den Segnungen des Herrn rechnen, wenn es ihm nicht an menschlicher Hilfe fehlt, die er zu seinem Wohlergehen in Anspruch nehmen kann. Aus dem Grunde wird er nicht ablassen, Rat zu suchen, wird auch nicht träge werden, die Hilfe solcher Menschen anzurufen, die ihn wohl unterstützen können; nein, er wird bedenken, daß ihm alle Geschöpfe, die ihm hilfreich sein können, von dem Herrn an die Hand ge geben werden, und deshalb wird er diese als rechte Werkzeuge der göttlichen Vor sehung zu seinem Besten gebrauchen. Und obwohl er unsicher ist, welchen Erfolg seine Unternehmungen haben werden – abgesehen davon, daß er weiß: der Herr wird in allem sein Bestes im Auge haben! -, wird er doch mit Eifer das erstreben, was ihm nützlich erscheint, soweit er es durch Verstand und Nachdenken schaffen kann. Und doch wird er bei seinen Entschlüssen nicht dem eigenen Sinn verfallen sein, sondern sich der Weisheit Gottes anbefehlen und sich durch seine Führung zum rech ten Ziel leiten lassen. Auch wird er sein Vertrauen nicht dermaßen an die äußeren Hilfen hängen, daß er in ihnen sicher ruht, wenn sie vorhanden sind, aber alsbald wie ein Verlorener erzittert, wenn sie fehlen. Er wird eben sein Herz stets auf Gottes Vorsehung allein richten und sich vom festen Blick auf sie nicht durch die Betrachtung der jeweiligen Lage abbringen lassen. So wusste auch Joab sehr wohl, daß der Ausgang der Schlacht in Gottes Hand und Willen stehe; aber er ergab sich darüber doch nicht der Untätigkeit, sondern führte mit Fleiß aus, was seines Amtes war, überließ indessen dem Herrn den Ausgang: „Lasset uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes; der Herr aber tue, was in seinen Augen gut ist“ (2. Sam. 10,12). Wenn wir so denken, werden wir uns von allem Vorwitz, allem falschen Vertrauen auf uns selbst und jede andere Kreatur fernhalten und uns immerfort zur Anrufung Gottes getrieben sehen. In dieser Denkweise wird aber auch unser Herz in guter Zuversicht gestärkt werden, so daß wir ohne Zaudern auf alle Gefahren, die uns auch umgeben mögen, mutig und tapfer herunterblicken.

ist diese Web site hat English Unterstützung?
I’m not aware of an english aquivalent to this website.
You can, however, find the english text of the institutio
here: http://www.ccel.org/ccel/calvin/institutes.toc.html
By using this text you can either follow along my reading plan
or use another plan prepared by someone at Princeton:
http://www.ptsem.edu/news/Egreetings/test/institutes.pdf.